Die verlorenen Kinder

N. ist vor drei Tagen 52 geworden. Die Älteste. Sie habe ich auch zuerst verloren. Verloren als Mutter. T. wird demnächst 44. Sie ist mir Stück um Stück abhanden gekommen. Sie lebt sehr nah und ist doch weit weg. Bei P., dem Dritten ist nur die räumliche Distanz groß.

Was hat es mit mir zu tun? Mit der Zeit, in der wir leben? Mit dem Leben überhaupt?

Natürlich hat es auch mit mir zu tun. Ich bin unangepasst, werde nichts sagen, was ich nicht wirklich meine, nur um dem Anderen nicht zu nahe zu treten. Mir mangelt es an Diplomatie. Neuerdings kam mir der Gedanke, dass mir das auch als fehlende Empathie ausgelegt werden kann. Nur, das glaube ich nicht. Ich kann mir meist ganz gut vorstellen, wie es im Anderen aussieht, was ihn treibt, bewegt.

Um auf die Kinder zurück zu kommen: Ich wollte nie erZIEHEN, begleiten schon. Und das sehr gern. Gute Umgangsformen, Freundlichkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme halte ich für den Boden, auf dem alles andere gedeihen kann. In diesem Bereich habe ich sicher etwas „gezogen“. Na ja, manchmal mit ein wenig hartnäckiger Penetranz. Doch letztlich gelingt so etwas sowieso am besten durch Vorleben. Manchmal geht die Saat auch nicht auf – wie es halt so ist.

Insgesamt frage ich mich heute, ob ich nicht manchmal mehr hätte „ziehen“ sollen. Ziehen im Sinne von Richtung vorgeben, Orientierung also. Aber, sie sollten nicht mir nacheifern, sondern sich und ihren Weg finden. Ich habe lediglich freilassende Angebote gemacht. Im Großen und Ganzen stehe ich auch heute noch zu dieser, meiner inneren Haltung. Freilich, mit einigen Jahrzehnten Distanz bin ich auch erfahrener, ein bisschen wissender. Wenn sich das ins nächste Leben mitnehmen ließe…

Soweit erst mal zu dieser Seite der Medaille. Aber, es gibt eben auch noch die andere. Plötzlich kam alles aus dem Fluss. Da ging es nicht mehr um die Felsen, die das Wasser auch mal schäumen lassen, nicht um Flussschnellen, Haarnadelkurven, gelegentliche Unwetter, Geröll, das mitbewegt werden will. Das Flussbett wurde in eine andere Landschaft verlegt, eine grundlegend andere. Von Ost nach West.

Das brachte den Familienalltag mindestens ins Taumeln und Straucheln und uns und die Heranwachsenden mit. Die Richtung neu finden, uns neu finden, die andere Welt kennen und verstehen lernen. Und immer wieder gespiegelt bekommen, dass wir aus der tristesten, verseuchtesten Ödnis kommen. Unser Fluss ist die Schuld an sich. Zeit zum Verarbeiten blieb niemanden. Dieses lange Zeit nur noch an der Überforderungsschwelle leben, das hat unweigerlich zu vieler Art von Versäumnissen geführt.

Irgendwie waren die Kinder in ihrem neuen geschützten Waldorfschulnest fürs erste ganz gut aufgehoben. Kamen in den Genuss von vielem bereichernden Neuem. Diskussionen zu Hause, Zweifel, viele Fragen, Stress und eine gewisse berufsbedingte Unruhe – das war nicht neu. Neu waren die orientierungslosen Erwachsenen im fremden Dschungel, und dass sie plötzlich nicht mehr an einem Strang zogen, sondern dass das Seil aufdröselte und in verschiedene Richtungen gezogen wurde. Das Streits fundamentaler wurden. Was hat das mit unserem damals etwa Neunjährigen, der Zwölfjährigen und der Zwanzigjährigen gemacht? Alle Drei an einer biografischen Entwicklungsschwelle. Was geschah mit Ihnen mehr unbewusst als bewusst? Das bräuchte eine tiefgründige Analyse. Ehe wir Erwachsenen manches in der neuen Welt begriffen hatten – und bis heute haben – war es zu spät für so vieles, das uns entglitten ist.

Ich kann ihnen bis heute kaum erklären, dass es im alten „Flussbett“ nicht üblich war, noch endlose Jahre nach der Volljährigkeit für die Ausbildung des Nachwuchses aufzukommen. Das ging, weil das System anders eingerichtet war. Also hatten wir nicht dafür vorgesorgt, wäre auch nicht gegangen. Überhaupt hatte Geld nicht die dominierende Rolle in unserem Leben inne. Besitztümer und Konto entschieden nicht darüber, welchen Wert ein Mensch hat und welchen gesellschaftlichen Rang er einnimmt. Aber genau dort sind wir alle angekommen.

Und dann kommt noch ein Aspekt dazu: Das alles passiert in einer Zeit, wo Entwicklungen nicht nur rasant voranschreiten, sondern völlig neue Strukturen im Alltag auf allen Ebenen schaffen. Wir digitalisieren uns bis heute und immer fort.

Vor diesem vielschichtigen Hintergrund sind mir, sind uns die eigenen Kinder verloren gegangen. Ein extrem schmerzhafter Prozess. Ob er mal zum Stehen kommt oder gar umkehrbar ist?

Um es auszuhalten, nehme ich das ganze Dilemma inzwischen als Lernprozess.

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