Bodenlos und gnadenlos

Ein sanfter Frühlingsregen, der fast schon keiner ist, fällt auf mein Frühstücksbrot. Die Sonne rund und groß hat sich einen grauen Schleier umgehangen. Ich genieße die Kühle auf meinem Balkon, und dass mein verrücktes Immunsystem mal für einen Moment im Kampf gegen die derzeit unendlich vielen Pollen eine Beinah-Pause macht.

Meine Augen wandern dabei fast zwanghaft ins Gegenüber, in sechs Stockwerke luftige Altbauhöhe. Sie bewundern und studieren, wie es gelingt mit Souveränität sich selbst den Boden unter den Füßen zu entziehen.

Und nicht abzustürzen.

Nach vielen, vielen Monaten entschwindet nun das Gerüst gegenüber. Welche Fähigkeiten braucht ein Mensch, um in dieser schwindelnden Höhe mit riesigen Balken an der äußersten Ecke vor dem Abgrund hantieren zu können? Fehlt mir da mit meiner Höhenangst einfach nur ein Gen? Ist das lernbar? Oder wirklich nur ein Ding für große starke Kerle wie die da drüben…

Kletterer im Gebirge erlebe ich anders. Das sind trainierte Athleten, die viel über den Berg wissen und beides zusammen als immer neu zu erfindende Kunst kreieren. Und dieses Abenteuer lieben.

Letzteres ist auch nicht mein Ding. Aber bei den Gerüstbauern staune ich nur ungläubig mit bildhaft offenen Mund wie ein kleines Kind, das an keiner Baustelle vorbeikommt.

Jetzt bin ich einfach nur gespannt, wie lange die Gerüstakrobaten brauchen, um sich über sechs Etagen den Boden unter den Füßen zu entziehen.

Ob mir das Kunststück auf anderer Ebene gelingt? Auf der geistig-seelischen? Oder bin ich gerade dabei mein Gerüst nach oben zu bauen?

Hündisch

Ich schwanke zwischen lauthals lachen und angewidert sein.

Vor mir in einem niedrig eingegrenzten Karee bewegt sich kopfnickend und schwanzwedelnd eine überschaubare Herde Dackelwesen. Sie haben Menschenköpfe und Gesichter, ziemlich groß.

Ich schaue Elon Musk in die Augen und immer wieder Jeff Bezos. Mark Zuckerberg ist auch dabei. Die allzu Mächtigen unserer Zeit. In einer anderen Ecke wackeln Andy Warhol und Pablo Picasso herum. Robotniks, Größen vergangener Zeiten, die sonst auf andere Weise in der Neuen Nationalgalerie ihren Platz haben.

Beeple hat sie hier und jetzt in unserem blühenden KI-Zeitalter erschaffen. Erstmalig letztes Jahr auf der Art Basel zu sehen.

Auge in Auge mit Musk hätte ich gern mal mit dem Mars-Verrückten bei Sonnenuntergang ein entspanntes Gespräch geführt, um ihn zu begreifen, ein bisschen besser zu verstehen. Doch das Unternehmen könnte im Reich der Macht und der Mächtigen gefährlich werden. Aber Angst hätte ich eigentlich nicht…

Auch vor der Künstlichen Intelligenz habe ich eigentlich keine Angst, obwohl auch sie nicht ungefährlich ist. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen Angewidertsein und Lachen. Die Dackel mit den Menschenköpfen könnten vielleicht bei der Wahrheitssuche helfen. Wo etwa ist das Unvermeidliche und Zukunftsweisende der KI zu verorten?

Wer auch Lachen, Weinen und seine Dackelgefühle testen möchte kann das noch bis 10. Mai in der Neuen Nationalgalerie, Berlin, Untergeschoß. Direkt obendrüber passiert das Gegenteil: Formvollendete fast Nur-Form von Brancusi, ein Labsal für die Augen und sogar noch bis August zu sehen. Auch einer, der an Zeitensprüngen arbeitete.

Von Heute nach gerade schon Gestern: Zweimal „B“ – Beeple und Brancusi

Rituale

Zur U-Bahn geht’s immer geradeaus. Ca. 1500 Meter. Das passt für mich zur Einstimmung für einen Opernabend. Zurück ist es anders. Aus der Oper in die U-Bahn fallen, das geht überhaupt nicht. Also wieder die 1500 Meter, nur ein ganz anderer Weg. Der führt durch eine, mal diskret ausgedrückt, wenig beschauliche Straße zum Bus. Kontrastprogramm zur Oper. Der Rest des Weges zur Oper passende dunkle Beschaulichkeit. Rituale, die sich eingeschlichen haben, ganz unauffällig. Sie betten den Abend ein. Dazu, auch rituell, die letzte Reihe im 2. Rang.

Puccinis Musik war Balsam. Zwei Einakter, der eine zutiefst berührend, der andere urkomisch. Zweimal gelungenes Buehnenszenario zur Musik.

In der Pause im Foyer notiert zu „Suor Angelica“:

Gesellschaftliche Scheinmoral und Unmenschlichkeit, einer jungen Frau wird nach der Geburt ihr uneheliches Kind weggenommen. Sie wird ohne Nachrichten von der Familie ins Kloster gesperrt. Eine unglaublich einfühlsame sanfte, teilweise beschwingte Musik. Gänsehautmusik. Klosteridylle auf der Bühne. Der Wahnsinn einer anderen Zeit. Bedeckt vom religiösen Schleier. Kann so eine Zeit so eine Musik hervorbringen? Was bleibt von unserer Zeit, in der alle Schleier gefallen sind, wo Verklärung absurd geworden ist? Was war das? Bis zum eigenen seelischen Schmerz. Brutalität verschleiert, sichtbar und unsichtbar. Kaum aushaltbar. Kann Menschlichkeit noch siegen? Um unseren Kosmos zu retten. Wenn, dann nur so, anders geht’s nicht.

Im zweiten Einakter „Gianni Schicchi“ gehts an die Lachmuskeln. Genannter führt einen ganzen erbwütigen Familienclan vor und an der Nase herum. Im Stil der Comedia d‘ell Art…auch das kann Oper.

Schöne Hin- und Rückwege zur Oper:

Der April war auch noch wettergnaedig…

Frühstück a la Selbsterkenntnis

Das war wieder mal so ein Aha-Erlebnis, wo ich mir selbst auf die Schliche gekommen bin:

Riesige Frühstücksbuffets, wie jüngst, mit ihrer ganzen Vielfalt haben für mich durchaus etwas Verlockendes. Von allem ein bisschen probieren, lecker, lecker. Aber, erst jetzt habe ich entdeckt, dass ich irgendwie nicht beglückt vom Tisch aufstehe. Sehr gesättigt, zu gesättigt sozusagen. Aber mit einer verbliebenen Sehnsucht nach ich weiß nicht was…

Jetzt weiß ich es: Die Vielfalt mögen meine Geschmacksnerven nicht. Sie sind überfordert.

Mein Geniessen verlangt nach EINEM Highlight. Und das in voller Ruhe und Intensität. Dann breitet sich Zufriedenheit aus. Gern jeden Tag eine neue Variante zum Frühstück. Unbewusst habe ich das – wenn ich allein bin – auch immer getan. Interessant!!!

Ich frage mich gerade, ob das generell mein Lebensthema ist. Immer nur Eins, das aber intensiv und möglichst in aller Ruhe. So ziemlich entgegen jedem Zeitgeist.

Mmmmhhhh…….

Einfach verlieren

Das war wieder so ein Satz mit Haftzettel-Qualitäten. Wieder im Podcast von Lanz&Precht. Ich wieder mal inzwischen ahnungslos, wo er ursprünglich herkommt. Auf jeden Fall ein Gedanke, der bei mir Resonanz findet. So etwa zitiert Precht: Wer gewinnt, der erlebt einen Glücksrausch. Das Eigentliche am Spiel ist das Verlieren.

Kurz und schnell der Glücksrausch, dann ist es auch wieder vorbei. Es kann auch ein Machtrausch sein. Der letzte Gedanke ist möglicherweise von mir.

Aber, was passiert mit dem Verlierer. Ist er traurig, ist er enttäuscht? Versinkt er darin? Oder wächst ein Anreiz, es noch mal zu versuchen? Wächst der Kampfgeist, ein positiver, denn es ist ja ein Spiel? Versuche ich, bemühe ich mich als Verlierer besser zu werden, dazu zu lernen? Mobilisiere ich meine Kräfte und wachse dabei? Erkenne ich im Spiel meine Grenzen, meine Möglichkeiten und meine Unmöglichkeiten?

Ich spiele nach wie vor gern. Ich liebe den Spass des Miteinander. Auch die Herausforderungen, die gute Spiele mit sich bringen. Ich möchte gewinnen. Aber es ist für mich kein Problem zu verlieren. Mit letzterem habe ich Mitspieler schon oft verärgert. Die wollten mehr Kampfgeist, sonst wars langweilig für sie. Die wollten sich mit meinem (nicht vorhandenen) Ärger wohl und besser fühlen, vermute ich.

Dummerweise spiele ich nicht um zu gewinnen.

Beim Verlieren bin ich auf dem Weg. Der Sieger ist angekommen. Braucht mehr davon. An Glück und Macht. Das Leben ein großes Spiel. Kann es sein, dass Verlierer ein Mehr an Menschlichkeit anhäufen?

Für diesen Gewinn wäre ich sehr zu haben.

Kein Reisebericht…

…aber zwei Blitzlichter.

Das erste:

Die Bahn war pünktlich, jeweils eine Minute verfrüht. Unglaublich.

Dafür Inselbus-Chaos. Undefinierbare Fahrpläne, nur Insidern verständlich, Verspätungen, Ausfälle und das alles sowieso nur im Stundentakt. Alternativlos. Die Inselbahn nimmt kein Gepäck mit.

Geschehen an einem Ort, wo von Urlaubern gelebt wird. Ein gnadenloses Plädoyer fürs Auto nebst Taxi. Nur die Bahn hat dieses Mal mitgespielt. Kann sie also. Saubere Toiletten inclusive. Nettes Personal dto.

Nun ja, auch nette Busfahrer gab’s, die Umstiege außer der Reihe organisiert haben. Aber auch die, die uns wirklich richtig böse angebrüllt haben, dass wir doch gefälligst mit Gepäck zum Anschlussbus die hundert Meter rennen sollten. Der Kollege koenne nicht ewig warten.

Aber eigentlich sollte das Gute zuletzt erzählt werden. Also noch ein Anhang: Die Sonne schien und das Meeeer war das Meer, unendlich schön. In den Farben grau, blau, gelbgrün und tatsächlich smaragdgrün. Und dann noch als Krönung das Fischbroetchen, das einzig und allein nur dort wo Meer ist schmeckt…

Blitzlicht Nr. 2:

Ich hatte mich mental gründlichst auf das Thema Pubertät vorbereitet. Inclusive Training in den letzten Monaten.

Eine kurze Aufzählung für alle, die sich gern erinnern und für die, die es noch vor sich haben: Oft nur physisch anwesend. Das sich wandelnde und wachsende junge Wesen braucht in der Umbauphase vieeeel Schlaf, so etwa bis kurz vorm letztmöglichen Termin fürs Frühstück. Dann ist es noch lange nicht ansprechbar. Ergo bleibt dem da Herausgewachsenen reichlich Zeit zum Lesen, zum Sonnenaufgang gucken und fürs Bad. Sehr vorteilhaft. Das mit dem Bad muss unbedingt bedacht werden, da sonst die Chancen schlecht stehen, eine Lücke zu erwischen.

Weiter: Kleine gnadenlose Erpressungen. Am Abend Lesung einer Schriftstellerin oder Schwimmen. Hart bleiben in den Verhandlungen. Traumhafte Sonnenuntergänge müssen mehrfach sehr laut erwähnt werden. Gelangweilte Blicke aushalten. Lieblingssnacks nicht vergessen.

So ungefähr. Hat geklappt.

Strahlende Augen und hörbare Begeisterung gab’s auch mal: Beim Anblick des komfortablen Hotelzimmers. Nicht bedacht hatte ich: die nächtliche Munterkeit, Kissenschlacht und Kissenklau inbegriffen.

Es war schön.

Dispute gehören auf dem Marktplatz

Warum eigentlich verschwinden die Denker heutzutage in den Hörsälen und heiligen Hallen der Wissenschaft? In Büchern, zu denen das Volk (was ist das eigentlich?) gewöhnlich nicht greift.

Sie, die Denker und Gedanken, gehören auf die Marktplätze in alle Öffentlichkeit. Und die Denkenden müssen prinzipiell verpflichtet werden, für ihre Gedanken eine allgemeinverständliche Sprache zu finden.

Vielleicht würden sich dann viel mehr Menschen der Mühe des selber Denkens unterziehen und der des Zuhörens. Es kann doch nicht nur ein Mangel daran beklagt werden, zumindest sollte doch nach Wegen zum Verändern gesucht werden. In der Antike hat man‘s gemacht. Vorbilder gibt es also.

Unsere öffentliche Kultur besteht doch überwiegend daraus, sich festgefügte Ansichten um die Ohren zu hauen. Statt nach Wegen zu suchen, die gemeinsam gedacht und gegangen werden können, um unsere Gesellschaft besser machen. Das Parteiensystem befeuert genau diese Falle.

Ich genieße die Balkonsonne beim Frühstück. An meiner Traubenhyazinthe wird ständig genascht. Es könnten Wildbienen sein.

Vor dem Frühstück gabs einige Seiten Habermas in DER ZEIT aus aktuellem Anlass. Verschiedene Sichten auf den Denker. Ich bin noch nicht fertig, aber schon angeregt. Kann ja sein, dass es in den Talkshows inzwischen vielmehr wirklichen Disput gibt als ich wahrgenommen habe. Aber, ich habe vor langem aufgehört mir diese Wortgefechte anzuhören. Sie waren für mich lähmend statt anregend. Jetzt allerdings bin ich angeregt und die meiste morgendliche Habermas-Lektüre hat mich tatsächlich zum Nachdenken angeregt. Statt nutzlos aufzuregen.

Wie gesagt eine wirklich gute Disputkultur auf den realen Marktplätzen, warum sollte das heute nicht auch gehen. Social Media als Übungsort, um nun anders weiter zu machen. Was muss passieren, um in solche Dimensionen zu kommen?

Bevor die Gesellschaft in Gedanken und Taten weiter verroht und Verschwörungstheorien und alles Mögliche für alles verantwortlich macht… Ich meinem realistischen Idealismus treu.

Was mag dieser Baum alles erlebt haben…

An diesem Sonnabend Morgen

Ausschlafen, Kaffeeduft, Brötchen vom Lieblingsbäcker, die auch noch am zweiten, dritten Tag schmecken. Nach langem mal wieder zwei Lachsscheiben, Orangenmarmelade. Ganz viel Frühling im Zimmer um mich herum. Auf dem Balkon zittert das Bündel leuchtend blauer Traubenhyazinthen im Wind…Im Ohr zwei Knöpfe, für meine geistigen Leckerbissen. Ich höre Lanz&Precht im Podcast.

Irgendwie kann ich das ganz gut: Da genießen und dort die ganze wahnsinnige Welt dazu lassen. Aufgewühlt sein und gleichzeitig das Schöne dieser Welt genießen, bewusst genießen. Und dankbar sein, dass das (noch?) möglich ist.

So die innere Unruhe beherrschen und meinen grundsätzlichen Optimismus nicht verlieren.

Lanz&Precht sind mir schon lange geschätzte Gesprächspartner. Sie führen die Gespräche, die ich auch gern führen würde. Egal mit wem, aber auch gern mit den Beiden. Aber immerhin ist dieses für mich in eingeschränkter Form dank Sozialmedia möglich, immerhin.

Diese Gespräche weiten jedes Mal meinen Horizont, ich diskutiere ungehört mit, kann meine eigenen Gedanken weiterdenken und fühle mich ihnen verbunden. Und widerspreche ihnen immer mal. Ich schätze Markus Lanz und bin meist eher auf der Seite von Richard David Precht. Verrückt, was dieses revolutionierende Welt der neuen Medien vermag.

Diesmal war Jürgen Habermaas der rote Gesprächsfaden. Gerade hat der Philosoph nach 96 Jahren das irdische Plateau verlassen. Doch hinterließ er Gedanken, die leben und beleben. Philosophie muss nicht abgehoben sein. Sie bewegt sich in der Zeit und ist auf der Suche. Für Habermaas steht, wenn ich die beiden Podcaster richtig verstanden habe prägend der Satz, der nicht von ihm ist: „Wahrheit entsteht im Gespräch“.

Betonung auf „ENTSTEHT“. Ja, sie kann entstehen, wenn Gespräche möglich sind. Und nicht nur Schlagabtausch mit Worten. Vielleicht dann auch noch im Whats-App-Format. Gespräche mit einer suchenden Haltung.

Ansonsten bewahre ich mir meinen Idealismus, der nicht an der Wirklichkeit zu Grunde geht. Mein Glaube an die Vernunft ist groß. Inzwischen ist die Erfahrung allerdings stärker, dass mit Gefühlen und starken Worthülsen der Lauf der Dinge regiert wird. Dass sie eingesetzt werden um die Welt zu beherrschen, die nicht beherrschbar ist. Wenn auch immer wieder Menschen auftauchen, die genau das wollen. Leider nicht im Guten.

Es geht mir um eine suchende Haltung und ein grundsätzliches Bejahen von dem, was dieses irdische Dasein an Gutem möglich macht. Und die Freude daran, es zu leben.

Offline

Offline. Geht denn das?

Das Medium hat sich nicht in den Alltag geschlichen. Nein, es war da – Peng!

Mit brachialer Gewalt. Unausrottbar. Forever. Mit gnadenloser Gewalt.

Während ich noch begeistert eine Möglichkeit nach der anderen erobert habe und immer noch erobere, hat es sich gewaltsam einen Stammplatz in meinem Alltag geschaffen. Gnadenlos. Eigentlich bin ich nie so richtig dazu gekommen zu reflektieren, wer da jetzt mit am Tisch sitzt.

Ich hab einst den kleinen Finger gereicht, jetzt hat dieser Gast meine Hand fest im Griff.

Ich mags ja eigentlich gar nicht derart fremd bestimmt zu sein… Doch…ich bin noch nicht am Ende mit diesem Gast. Ich mag ihn ja…

Na ja, ich muss wahrscheinlich seine Hand sicherer zu greifen bekommen. Immer wieder eine freundliche Begrüßung – und dann gehört die Hand wieder mir.

Und heute ist der Platz für andere(s) reserviert.

Ich bin offline, ganz bei mir.