Ich werde nicht hysterisch, aber ich muss mir das Szenario von der Seele schreiben.
Eine 24jährige aus Libyen mit mir im Zimmer. Anderes Alter, gleiche Krankheit. Hermes-Kopftuch (oder etwas Ähnliches) bei jeder Temperatur. Unser Englisch ist wenig kompatibel. Ihr Mann kommt täglich. Heute schwarzes Hemd, helle Hose, schwarzer Rucksack.
Sie erzählte irgendwann, dass sie keinen Beruf brauche. Fünf Kinder und der Haushalt – ihre Vision. Beim Erzählen fängt sie an zu strahlen. Der Mann sitzt täglich Stunden an ihrem Bett. Es kommt auch mal zum lautstarken Streit.
Immer: Ich, die Europäerin, verhalten luftig bekleidet, entspannt im Bett liegend im winzigen Zimmer in Gesellschaft dieses Mannes aus einer anderen Welt mit völlig anderen Normen und Werten.
Sie verlässt mit ihm seit vier Tagen das erste Mal das Zimmer. Zum Kopftuch kam der lange schwarze Mantel. Jetzt wird auch noch das Bett aus dem Zimmer entfernt. Irgendetwas ist defekt. Es verbleiben der Rucksack auf dem Stuhl und ich, die aktuellen Nachrichten vom RBB auf dem IPhone schauend. Es geht wieder und immer noch um den Christopherstreetday und den Wahnsinnigen, und ob es zu verhindern gewesen wäre. Und dann wurde heute gerade mal wieder mitten in Berlin auf einen Straßencafé-Besucher geschossen. Er hat überlebt und wird in Krankenhaus versorgt.
Es wird die nächsten Tage wieder heiß.
Nein, ich werde nicht hysterisch. Inzwischen sitze ich auf einer Bank unter einer Kastanie.
Ich muss wieder hoch in die dritte Etage. Was erwartet mich?
Hoffentlich kein schwarzer Rucksack, meine Nerven sind wohl doch etwas angeknackst.
Ich weiß: In Libyen herrscht seit Jahren unüberschaubarer Bürgerkrieg.
Mann und Rucksack haben den Raum verlassen. Gute Nacht!









