Ein sanfter Frühlingsregen, der fast schon keiner ist, fällt auf mein Frühstücksbrot. Die Sonne rund und groß hat sich einen grauen Schleier umgehangen. Ich genieße die Kühle auf meinem Balkon, und dass mein verrücktes Immunsystem mal für einen Moment im Kampf gegen die derzeit unendlich vielen Pollen eine Beinah-Pause macht.
Meine Augen wandern dabei fast zwanghaft ins Gegenüber, in sechs Stockwerke luftige Altbauhöhe. Sie bewundern und studieren, wie es gelingt mit Souveränität sich selbst den Boden unter den Füßen zu entziehen.
Und nicht abzustürzen.
Nach vielen, vielen Monaten entschwindet nun das Gerüst gegenüber. Welche Fähigkeiten braucht ein Mensch, um in dieser schwindelnden Höhe mit riesigen Balken an der äußersten Ecke vor dem Abgrund hantieren zu können? Fehlt mir da mit meiner Höhenangst einfach nur ein Gen? Ist das lernbar? Oder wirklich nur ein Ding für große starke Kerle wie die da drüben…
Kletterer im Gebirge erlebe ich anders. Das sind trainierte Athleten, die viel über den Berg wissen und beides zusammen als immer neu zu erfindende Kunst kreieren. Und dieses Abenteuer lieben.
Letzteres ist auch nicht mein Ding. Aber bei den Gerüstbauern staune ich nur ungläubig mit bildhaft offenen Mund wie ein kleines Kind, das an keiner Baustelle vorbeikommt.
Jetzt bin ich einfach nur gespannt, wie lange die Gerüstakrobaten brauchen, um sich über sechs Etagen den Boden unter den Füßen zu entziehen.
Ob mir das Kunststück auf anderer Ebene gelingt? Auf der geistig-seelischen? Oder bin ich gerade dabei mein Gerüst nach oben zu bauen?











