Hervorgehoben

Mutprobe 2020

IMG_0093.jpegIMG_0594.jpeg

Der letzte unglaubliche Vollmond im Regenbogen 2019, in Berlin fotografiert  und der Mond am Neujahrsabend 2020 in Potsdam nahe der Nikolaikirche. Mein Auge und meine Seele können sich nicht sattsehen. Schönheit… ist das die himmlische Botschaft für uns?! Für mich würde das passen für dieses Jahr mit der Null am Ende, die auch in meiner Biografie erscheinen wird.

Mut zur Schönheit?!? Was könnte das so alles heißen?

Für mich, für die große, weite Welt…

Warum können wir nicht in einer Welt voller Schönheit leben und auch selbst immer schöner werden, innen und außen. Tagträume, die von dem Grauen in der Ferne und durchaus auch in der Nähe gebrochen werden. So gern würde ich mich diesen Träumen hingeben. Doch was soll’s.

Ich frage mich also: Wie könnte ich in diesem runden Jahr der Schönheit auf die Sprünge helfen?

Die einfachste Antwort: Ganz bestimmt weiter mit aller Naivität an das Schöne und Gute glauben.

Und: Reden, mit Euch allen!!! Das wäre meine Idee, mutiger auf das Gespräch zuzugehen, es immer wieder versuchen. Anecken, damit es vorwärts geht.

Und daß ich mich nicht allzu oft in meine Klosterzelle hoch über dem See zurückzuziehe.

Bitte, geht nicht gleich zwei Schritt zurück, wenn ich mal wieder heftig oder zu deutlich werde. Da steckt nichts Böses dahinter.* Das bin ich, freilich noch immer in der Entwicklung begriffen. Sonst würde es doch schrecklich langweilig in den letzten Lebensjahren, ohne Stolpern und all das.

Schönheit will gesehen werden und braucht Zeit, ein paar Momente wenigstens. Ich stand mitten auf dem Fußweg, habe endlos zum Himmel zu diesem Vollmond geschaut, der im Regenbogen badet. Da war nicht einer, der auch nur mal kurz meinen Blicken gefolgt wäre. Lasst uns doch zusammen entdecken, uns entdecken, ich finde das viel spannender als in der Welt herumzureisen.

Doch auch diesbezüglich stehen bei mir Mutproben ins Haus.

Auf geht’s, kommt Ihr mit? Ach bitte, seid doch so mutig Euch zu zeigen: Eure Schönheit, die Schönheiten, die uns täglich umgeben. Und auch die Schatten. Die gehören dazu. Ich versuche es auch. Bis bald!

* Ich werde mich bemühen hier auf diesem Platz, ein paar solche Themen mit Zündstoff anzubieten… Inzwischen habe ich gemerkt, dass der „Kitsch“ vom 31.12. 2019 auch nicht so ohne ist.

 

Berliner Dreierlei

Das eine gibt es nicht mehr, das andere ist neu erstanden und das Dritte hat gerade mal so überdauert. Ich spreche von drei markanten Bauwerken, die mich in letzter Zeit doch recht intensiv beschäftigt haben. Und die, auf eine für mich faszinierende Weise, eine Menge gemeinsam und miteinander zu tun haben. Erstens waren und sind sie nicht zu übersehen in der Hauptstadt. Zweitens tragen alle drei einen gewaltigen Packen Geschichte mit sich herum. Drittens haben sie allesamt so ein Insignium eines Stadtlandschaft-Markers: Sie waren, beziehunsgweise sind nicht zu übersehen und haben das Zeug zum Gemüter erhitzen.

Ich muß vorausschicken, dass ich immer dankbar bin für architektonische Highligths. Deutschland ist nicht gerade gesegnet damit.

Deshalb war ich voller Neugier auf das, was man unter den Linden aus dem alten, gerade wieder auferstandenen Preußenschloß gezaubert wurde. Und ob da etwas Spannendes entstanden ist. Inzwischen war ich dreimal dort. Beim ersten Mal ziemlich verwirrt, deshalb bald ein zweiter Versuch. Danach völlig ratlos. Und deshalb bald ein dritter Versuch. Da kam ich dann langsam dahinter, woran ich scheitere. Es gerinnt für mich leider nicht zum Erlebnis eines genialen Wurfs. Irgendwie sah ich immer wieder die Bilder der Hamburger Elbphilharmonie vor meinem inneren Auge, die mich bis heute glücklich machen. Da ist einfach etwas umwerfend Schönes im traditionellen Umfeld der alten Speicherstadt, für hoffentlich die Ewigkeit, kreiert worden.

Ein Bonus für mich: In Berlin haben die Linden ihren alten Zauber wieder bekommen. Ein geschlossenes wunderschönes Ensemble, jetzt sogar mit U-Bahn. Fast wie in alten Zeiten der Preußenregenten, die beschlossen Berlin aus dem Provinziellen zu befreien. Das ist einst gelungen, eingeschlossen Lustgarten und Museumsinsel.

Nun durchschreite ich (geht nicht anders als schreiten) das prunkvolle Tor zum Schlüterhof, einem der Innenhöfe des Humboldtforums, mit dessen Namen sich das Neuerstandene schmücken darf. Schließlich hatte vor allem Wilhelm Humboldt ziemlichen Einfluss auf seine Herrscher und das, was sie in Berlin so taten. Vieles Gewordene haben wir seiner beeindruckenden Persönlichkeit zu verdanken.

Dann stehe ich mittendrin im ersten Innenhof, im zweiten und – erlebe kalte, mich übermannende Macht. Riesige Hallen, von unglaublicher Höhe, in denen ich mich verloren fühle. Dann suche ich immer wieder Ein- und Zugänge zu den Ausstellungen. Und finde sie irgendwo ganz oben versteckt in einem der Winkel. Das freundliche Schloßpersonal macht einiges wett. Die Ausstellungen versuchen eine moderne Repräsentation, interessant – und die Frage: Was wurde wirklich neu in Szene gesetzt oder gibt es nur Altes im schicken Gewand? Viel Multimedia, das hilft mir weiter. Davon ist bei mir komischerweise das Meiste haften geblieben.

Ansonsten: Schöne Blickachsen, Details. Als ich wieder herausirre, lande ich auf der Spreeseite. Und gerade dort hat das Gebilde eine unglaublich kahle neomoderne Fassade. Sie nimmt der Spreelandschaft ihren ganzen Charme. Ein paar Plastikschalen-Sessel machen dieses totale Nichts nicht wett. Gastronomie ist bisher dort auch eine Fehlanzeige.

Mein persönliches Fazit: Die einen wollten ihr Schloß wieder, die anderen es neuzeitlich nutzen, die dritten waren um Originalität bemüht. Daraus will kein bestechendes Ganzes werden.

Nach dem Abriss der Ruinen des alten Schlosses 1950 stand 26 Jahre später dann genau an dieser Stelle der Palast der Republik. Das DDR-Relikt musste dem Asbest und der Politik weichen. Dieser konnte sich, auch der Spree zugewandt, durchaus sehen lassen. In den 90ern war er noch recht lebendig. Keine typische Sozialismus-Architektur, einfach ein recht modernes Bauwerk, einer Großstadt gemäß. Da ich grundsätzlich Probleme mit Wegwerfen und Abreißen habe, tat es schon weh, als dieser Palast Stück um Stück verschwand. Obwohl ich keine emotionale Bindung daran hatte. Merkwürdigerweise wiederholte sich da der Vorwurf um die abgerissenen Kriegsruinen des Schlosses, in dem nun wieder gnadenlos abgerissen wurde. Mir scheint, das ist eine denkwürdige Verflechtung von DDR-Palast und prunkvoller Preußenresidenz. Der Fernsehturm schaut bis heute dem Ganzen aus unmittelbarer Nähe unverwandt zu.

Ich freue mich an den auferstandenen Linden und bleibe verwirrt. Vielleicht erlöst mich das gerade eröffnete Restaurant in der Kuppel mit seinem Weitblick ein wenig von alledem.

Dem dritten Bauwerk im Bunde bin ich jüngst das erste Mal im Inneren begegnet. Wahrscheinlich wurde es gerade noch im letzten Moment 2019 vorm Abriss gerettet. Ich spreche vom ICC neben dem Funkturm. Dem internationalen Kongreßzentrum. Aber, seit 2014 lebt es nicht mehr und dümpelt leider so vor sich hin. Die Zeiten der Roten Teppiche, bunten Fahnen und großen Spanner überm Eingang sind vorbei. Über Jahre bin ich fast täglich daran vorbei gekommen und habe irgendwie an all den Kongressen (An)teil genommen.

Noch bis Morgen gibt es mal wieder für ein paar wenige Tage einen leuchtenden Schriftsatz über dem Eingang: THE SUN MACHINE IS COMING DOWN. Ein Zeile aus einem David-Bowie-Song. Dank der Berliner Festspiele und deren renovierungsbedürftigen Festspielhaus, wird das ICC für zehn Tage bespielt. Und ich war endlich mal drinnen, und überrascht von den gigantischen Gängen und Sälen. Kein Verlorenheitsgefühl, nur Faszination trotz der langen Wege und vielen Treppen. Diese futuristische architektonische Kreation fühlt sich gelungen an. Möge sie für immer lebendig auferstehen, trotz veralteter Technik und immenser Kosten…und auch hier dem Asbest.

Verquickungen: Ich las in einem Kommentar, dass das Westberliner ICC 1979 so etwas wie die Antwort auf den 1976 eingweihten Ostberliner Palast war. Noch eine Sicht dazu.

Ein Glück, dass die xte Shopping-Mall im ICC vom Tisch ist. Nur, eine neue tragfähige Idee hat sich auch noch nicht gezeigt. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich Elon Musk einladen. Möge er doch hier im Gegenzug zu Grünheide, kreativ zu werden. Das Bauwerk passt irgendwie zu ihm. Ich befürchte nur, dafür ist die Weltstadt Berlin zu verschlafen.

Oder andersherum: Das im Krieg verlorene hochpräsentabele Schloß, der mit mit seiner Sozialismus-Vision gänzlich verlorene Ost-Palast und der hochherrschaftliche Nachfolger Humboldt-Forum und das schön futuristische ICC passen absolut zusammen. Wie sie eigentlich überhaupt nicht zusammen passen. Und doch nahezu eine Achse bilden zwischen Funk- und Fernsehturm. So sind sie eben ein Sinnbild für Berlin in seiner Zerrissenheit und Vielfalt und Verrücktheit und sind eben deshalb ein organisches Ganzes, eben Berlin. Berlin mit seinen noch ungeahnten Möglichkeiten…

Zuletzt: Bowie sang auch das im gleichen Song:

„We scanned the skies with rainbow eyes and saw machines of every shape and size…“

„Ansicht des Schlüterhofs des Berliner Schlosses“, Gemälde von Eduard Gaertner, 1830.
Die Schloßruine vor der Sprengung 1950, der erlebenswerte Neptunbrunnen hat den Krieg überlebt…bis bis heute.
Das ICC in den letzten Tagen, Mitte: Einblicke in das neue Schloß, darüber der einstig Palast der Republik,

Betören

Die Farben des Herbstes sind einfach betörend. BETÖREND. Ist doch eigentlich ein recht seltsames Wort. Irgendwie will da ein „S“ rein: Bestörend. Klingt blöd. Aber, dieses Betörende kann ja durchaus etwas Verstörendes haben. Die Sinne durcheinander bringen, erst mal Unordnung innen drin schaffen. Der Duden meint bezaubernd, faszinierend. Aber auch berauschend, Atem beraubend. Da wäre ich doch schon in der Nähe meiner Idee des Störens. Stören kann ja etwas sehr Positives haben. Vielleicht dann, wenn etwas zu lange Ruhendes, mal richtig auf- und durcheinander gewirbelt wird. Ich finde, genau das sollte öfter passieren. Um am Ende möglicherweise dann sogar wieder betörend zu sein. Das Wort gehört laut Duden zum gehobenen Sprachgebrauch. Ganz schön faszinierend, was da so alles zu Tage tritt, wenn ich einfach mal über ein Wort stolpere im farbenfrohen Herbst.

Ausgehungert

Nach dem endlos langen Corona-Winter und Frühling, war ich ausgehungert. Ausgehungert nach Kultur, Kunst, Begegnungen. Dem Heißhunger habe ich dann ausgiebig nachgegeben und bin bis heute am Verdauen. Im Gegensatz dazu konnte ich den realen Speck dieser Monate bis heute nicht verbannen. Leider.

Das Wort ‚ausgehungert‘ drängte sich mir dann auch in ganz anderem Kontext auf. Die Wahlergebnisse in den Ost-Bundesländern waren so etwas wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht, für mich. Ich hoffe und glaube auch für die meisten unter uns.

Doch warum bekam diese Partei, die ich nicht beim Namen nennen mag, so unglaublich viele Stimmen?

Ich versuche mal meine eigenen Erfahrungen zu bündeln. Ich beginne in der allerjüngsten Vergangenheit. Im neuen Schloß, genauer im Humboldt-Forum, gibt es eine Berlin-Ausstellung. Es ist viel zu erfahren über Berlin und in Filmdokumenten nach zu erleben. Man bekommt eine Ahnung, was diese, ach so schräge, Stadt ausmacht, was sie geformt hat. Doch am Ende erlebe ich eine innere Leere. Der Osten, der so lange geteilten Stadt, bekommt seinen Platz fast ausschließlich mit den 1953er-Aufständen, dem Mauerbau und dem ’89er Aufbruch, der Stasi. Das ist der Moment, wo ich mal wieder wütend werde, weil’s genauso immer wieder mit dem Osten Deutschlands passiert. Was waren die Lebensträume der Ostdeutschen? Woran haben sie geglaubt? Wie war ihr Alltag? Freuden, Erlebnisse aller Art. Hat ihr Leben nur die Sehnsucht nach den unerreichbaren Verwandten im anderen Teil des Landes bestimmt? Nach den Freuden voller Läden, nach den bunten Leuchtreklamen am Ku-Damm?

Da ist gelebt worden, wie im Westen, manchmal genauso, manchmal (ziemlich) anders. Menschen mussten sich selbst finden, bewähren, wachsen, auch über sich hinaus – ihre ureigenste Biografie gestalten.

Der Ost-Versuch eine andere Gesellschaft zu gestalten ist gescheitert. Der Osten ist Verlierer. Die westliche Demokratie der Sieger. Okay. Was macht man mit Verlierern? Auf eine Insel verbannen. Wie man es einst mit Napoleon tat, zum Beispiel. Pardon, ich entferne mich von meinem Thema. Oder nicht? Die Wahlergebnisse sprechen für mich auch eine Insel-Sprache.

Was ich sagen wollte: Auch im Osten wurde mit großem Einsatz gearbeitet, wurde etwas aufgebaut, gab es Ideale und vor allem wohl eine große Sehnsucht nach einer besseren Welt. Wie das gehen soll, war genau genommen unklar, es war ein Versuch. Ein Versuch, der an Machtschäden, an Unmenschlichkeit, und ja, an ganz normaler Dummheit gescheitert ist. Mittendrin zu sein mit den eigenen Hoffnungen und Wünschen und all das zu durchschauen war nicht einfach. Ich hatte viele Fragen und viele Zweifel, doch die waren einst nicht erwünscht. Da war eine Partei, die alles für mich wusste. Trotzdem, meine Frage war nicht, wie schnell wir „Westen“ werden können, sondern wie es vielleicht besser geht.

Am Ende blieb ein profanes „Denkste“.

Inzwischen in einer Demokratie lebend, habe ich wieder Zweifel und Fragen. Und ich frage mich immer häufiger, ob diese Form der Demokratie nicht überlebt ist. Und ob wir nicht etwas gänzlich Neues erfinden müssen, um zu überleben. Etwas wo Weisheit und Klugheit regiert, etwas, wo alle erhört werden, etwas, wo Kompetenz aus all dem etwas für alle gut Lebbares macht. Idealismus pur ? Oder Möglichkeit statt immer wieder nur pragmatisch einer massiven Markt- und Finanzwirtschaft nachzugeben und zu versuchen im Sinne der Menschen, Menschheit ein wenig zu regulieren? Dass das zu gewaltigen Umweltschäden geführt hat und weiter führt, brauchen wir inzwischen nicht mehr grundsätzlich zu diskutieren. Jetzt geht es wirklich ums Weiterleben auf dem Planeten.

Doch im Moment wird wieder mal endlos um Machtpositionen gestritten, ich vermisse gründlich Ansätze, wie da etwas verändert werden kann. Und nicht nur was. Was ich erlebe ist Parteien-Wirrwarr, das ich nicht mit meinem demokratischen Verständnis verbinden kann.

Die Hoffnung Gesellschaft noch einmal neu zu versuchen, die gab es 1989. Da war eine kleine Chance, die aber offensichtlich keiner wollte oder besser nur wenige, zu wenige. Wahrscheinlich war’s eine Illusion. Die Konsum-Gesellschaft siegte mit ihrer diabolischen Kraft. Da wusste erst mal jeder, dass das so ziemlich gut geht. Um welchen Preis, das war in dem Moment uninteressant.

Heute erschrecken so viele, weil eine gewisse Partei im Osten derartig Wähler sammeln konnte. Ich glaube schon, dass es die sind, denen inzwischen seit 30 Jahren vermittelt wird, irgendwie Menschen zweiter Klasse zu sein: Der Dummheit gefolgt zu sein, Albernheiten gelebt zu haben, Rechtsstaatlichkeit nicht erlebt zu haben und jetzt ohne große Rücklagen und Immobilien dazu stehen… Ihr Reichtum an Erfahrungen und dem Mut neu zu beginnen, ist nicht wirklich gefragt. Er könnte, so glaube ich, heute endlich zur Fundgrube werden. Auch so gesehen bin ich ausgehungert, ausgehungert gehört zu werden…

Übrigens: Ich bin alles andere als ein(e) Konsum-Verweigerer/In, im Gegenteil. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass es auch ziemlich gut mit viel weniger geht.

Das war heute mal mein Wort zum Sonntag. Mit einem ganz schönen Schuß Hilflosigkeit.

HERBSTSTIMMUNG – ENDE UND MÖGLICHERWEISE VERHEIßUNGSVOLLER NEUANFANG – IRGENDWANN…

Eine Sommer-Reminiszenz

Für mich war der Sommer lang und schön. Mit nur kurzzeitigen und kurzweiligen Ausnahmen fand er zu Hause statt. Inzwischen reifen auf dem Balkon die letzten süßen Himbeeren im rundherum noch üppigen Grün. Der Herbst hat schon ein paar Mal deutlich „Hallo“ gesagt. Mein „Keine Lust“ hat er zumindest am Sonntag noch mal erhört und gehörig Sonne geschickt. Ansonsten kann er auch nicht anders als heute. Es ist Mittwoch, immer noch September und schon am Vormittag ist es so grau, nass und dunkel wie im tiefsten November. Also üben für das, was da unvermeidbar kommen wird.

Als ich nachdachte, was mir der Sommer so alles beschert hat, hatte ich Mühe, alles zusammen zu bekommen. Also, dachte ich mir, werde ich mich mal an einer Aufzählung der Ereignisse versuchen.

Der Juni (inclusive Noch-Frühlings-Vorzimmer) begann mit der Gemäldegalerie und einer berührenden Ausstellung zur Spätgotik. Es folgten:

Rembrandt und der Orient im Barberini,

das Staatsballett auf der Spree von der Hansa-Brücke erspäht – modern und Schwanensee,

das Beste aus der Macht des Schicksals, grandioser Verdi, in der Deutschen Oper inside,

Lenes erstes Klaviervorspiel – erwärmend,

mein erstes Mal Waldbühne, mit den Philharmonikern,

irgendwann dazwischen im Gropiusbau YAYOI KUSAMA’s Lebenswerk, äußerst vergnüglich (da meine Kondition nach zwei Dritteln versagte, wollte ich noch mal, was scheiterte, weil sich das Vergnügen weltweit herum gesprochen hatte),

auch ein ganzes Mal Kino (Ich bin dein Mensch) – fand ich ziemlich anregend,

und noch einmal Waldbühne mit Barenboim und seinem Orchester, der Himmel spielte vielfarbig wunderbar mit,

ein Besuch in der endlich wieder eröffneten Neuen Nationalgalerie mit einer vielseitigen, inspirierenden Auswahl aus den eigenen Beständen,

dann ein noch sommerliches Highlight auf dem Parkdeck der deutschen Oper „Greek“, das Ödipus-Thema neu, schrill und köstlich neu aufgelegt,

drei Annäherungsversuche an das neue Schloß, sprich Humboldtforum (ohne Kommentar),

einmal mit und einmal ohne Kind im Gründerzeitmuseum der Charlotte von Mahlsdorf… und

einmal Schlössernacht mit der Achtjährigen im Park von Sanssouci, ohne Prinzessinnen-Traum in Tüll und trotzdem bezaubernd, das Kind und der Park (ihre, für diesen Anlass merkwürdigen, Gummistiefel hatten gegen 22 Uhr ihr Gutes als Regen den Abend abrupt beendete)

Dazu meine drei Kurzreisen, alle drei gefühlt lang:

Basel/Dornach mit drei Tagen Faust am Goetheanum und als Sahnehäubchen die Fondation Beyeler in Riehen – ein unvermeidbarer Lieblingsort und natürlich Philipp und Martje,

Leipzig mit der Achtjährigen und dem Opa, neben Schwimmen auch ein bißchen Stadtgeschichte im Kindermuseum plus dem Brocken Völkerschlachtdenkmal,

Ottersberg bei Heike mit ganz viel Kunst in Worpswede und einer schönen Raphael-Ausstellung in Hamburg…

Zu diesem Sommer gehören außerdem ganz viele Schwimm-Genüsse im waldumstandenen Schlachtensee, viele, viele schöne Momente mit den beiden Enkelkindern und

dazu inclusive die Begegnungen und Gespräche mit den großen Kindern, Fremden, Bekannten, per Zoom in Amerika und ein Kind, das 50 geworden ist.

Bestimmt habe ich einiges vergessen. Bei den Ereignissen. Und um einiges zu viel gefühlt wahrscheinlich bei den persönlichen Begegnungen.

Und ja, um durch zu halten habe ich einige Packungen Paracetamol verbraucht und noch mehr laaaaange Pausen gebraucht. Mit dem Gehen wird’s schwieriger , das nun wohl altersbedingt kaum mehr reparabel und die Infekte hören halt auch nicht auf.

Trotzdem ist alles besser geworden.

Außerdem hat es eine ganze Menge Zeit und Kraft gebraucht, um das alles im Corona-Modus zu organisieren.

Ich habe es geschafft und hatte einen wunderschönen Sommer.

Grins, grins, grins…mal im im Ernst, Sommeridylle – auch im Wohnzimmer

Randbemerkungen 14

Der Himmel meint es gut mit uns am Wahlsonntag. Ob er’s auch weiterhin vermag…???

Ich habe es restlos und endgültig satt, Parteien zu wählen. Ich möchte Kompetenz, Herz und Verstand wählen. Und die, die wirklich um die besten Lösungen für dieses Land und weit darüber hinaus ringen. Dazu braucht es Persönlichkeiten, die das in sich vereinen. Führung im allerbesten Sinne. Kann ein Mensch mit 40 in eine solche Kompetenz hineinwachsen? Ist er mit 60+/-eher dazu in der Lage? Oder muss die Frage ganz anders gestellt werden? Und vor allem: Die klassischen Spitzenparteien sind sich beim genauen Hinschauen im wesentlichen einig, nur, das dürfen sie nicht zugeben. Dann liefert man sich Scheingefechte. Und wenn der Alltag einkehrt, wird doch alles anders, weil alle sich in den Zwängen des Regierens wiederfinden.

Was vermag die Demokratie der mehr oder weniger eingeschworenen Gruppen heute noch? Wie oft wird dadurch inzwischen Handlungsfähigkeit ausgebremst, werden dringend notwendige Problemlösungen verhindert? Brauchen wir Ideologien oder was statt dessen? Was stattdessen, um wenigstens ein Land, unser Land ein wenig der Zukunft näher zu bringen? Statt Visionen und damit Zukunft zu verhindern. Wo ist der Raum für neue, originelle Denkansätze?

Gibt es irgendeine Chance, aus diesen eingefahrenen Gleisen hinaus zu manövrieren?

Ich habe es satt, Parteien zum wählen. Ich weiß höchstens, welche ich garantiert niemals wählen würde.

Mildes Wahlversprechen von den himmlischen Mächten…??? So schön kann der Herbst sein.

Randbemerkungen 13*

Freitag, der 13. ist glücklich, sogar fast vollendet, vorbeigegangen. Ein schöner Sonnentag mit Sport und Schwimmen, netten Gesprächen, einem guten Essen im Freien.

Und jetzt auch noch die 13. Randbemerkung. Wieder was Schönes, richtig Schönes.

Ein lauer Sommerabend. Die Sonne hat noch genügend Platz zwischen den vielgesichtigen Wolken. Ein Himmel zum Verlieben. Irgendwo unten im „Tal“ erklingt Beethoven. Die Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus.

Wir dazwischen auf den Rängen der Waldbühne. „Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst“, Eichendorff geht mir durch den Sinn. Dann gegen Ende wird auch die Mondnacht anwesend sein, aus der diese Zeilen stammen. Es ist nicht still als Cesar Franck’s Symphonie in d-moll am Ende der Dämmerung kraftvoll erklingt. Und doch ist es unglaublich ruhig. Als würden für ein paar Minuten Himmel und Erde verschmelzen – und wir mittendrin. Kein Auflösen – ein Verschmelzen, wir gehen ein ins Universum. Für einen Moment vielleicht ALLEINS.

Pathetische Momente. Für mich ist es ein Glück, diese mit dem West-Eastern Divan Orchestra und Daniel Barenboim erleben zu dürfen. Fast schon zu viel des Guten…Wir werden es brauchen für das, was noch kommt.

Ob so der ewige Frieden in die Herzen und Köpfe einziehen kann.

Waldbühnenzauber

*Nachsatz: Vergessen zu veröffentlichen, eben am längst vergangenen Freitag, dem 13.8.2021

Schreibunlust

So ganz genau weiß ich es nicht, nicht woher sie kommt, diese Schreibunlust. Erst blieb keine Zeit und Kraft – weil, na ja der verbliebene Sommer wollte ausgekostet und genossen werden. Dann holten mich die mit Schmerzmitteln ignorierten Alt-Werde-Wehwehchen ein und wurden ein bißchen zu groß. Dann blieb nur wieder eine Wartezimmerendlosschleife und es geschah dann doch, was ich den Sommer über hinterlistig vermieden habe. Ich verließ, den „Salon“ mit zwei Überweisungen in der Hand und das Warten ging weiter. Parallel schwand die Hoffnung, dass es doch noch mal wirklich besser werden könnte. Und ich frage mich was besser ist: Tabletten und ein Fünkchen Hoffnung oder siehe oben…

Gut und nicht so schön, ein bißchen Sarkasmus darf ja mal sein. Und jetzt versuche ich mich mal aus diesen und anderen Schmerzstellen heraus zu winden und frohen Mutes dem Herbst ins Auge zu schauen. Was ich sehe sind gerade leuchtend Rot gewordene Himbeeren auf meinem Balkon, zuckersüß. Zartes rotgelbes Weinlaub auf dem Boden. Und dazu allerlei Blühendes in Rot, in vielen Violett-Schattierungen, in Weiß. Noch geht Balkon-Frühstück. Der Traum vom baumumstandenen See und vom Schwimmen darin, wird endgültig wieder ein Traum. Die Wirklichkeit muß warten auf den nächsten kurzen Sommer. War doch schön, dass es ihn gab. Sogar einen ganzen Ostsee-Sommertag bei strahlendem Sonnenschein als Zugabe im September mit allem was dazu gehört. Das erste Mal seit zwei Jahren wieder, ganz real DAS MEER.

Und nun? Wieder mehr Innen, physisch und seelisch. Es gibt eine Menge zu verarbeiten, was dann womöglich auch noch aufgeschrieben wird…

Der See
Das Meer
Abschied von einem schönen Sommer mit der ersten zuckersüßen Balkon-Himbeere, die trösten will

Vermischte Zeiten

An den Fundamenten des entstehenden Preußens. Neugierig, wie sich ein neuerstandenes Schloß ohne König und Königin in der Mitte Berlins anfühlt, landen wir fürs Erste im Untergrund. Das ist ja nicht die schlechteste Idee, sich von Unten nach Oben hochzuarbeiten. Eine der kartenpflichtigen, derzeit aber noch kostenlosen Ausstellungen, im auferstandenen Gewerk ist der Schloßkeller.

Wir wandeln an Bruchstein- und Ziegelgemäuer in den Kellergewölben vorbei. Kloster, altes Schloß, nächstes Schloß, der sozialistische Palast – Mittelalter bis jüngste Vergangenheit. Die Zeiten vermischen sich im Untergrund. Das hat etwas sehr Anheimelndes, fast Sympathisches. Die Spuren der Dominikaner und der Mächtigen. Die Küchenreste und Verschläge des Gefügels, das dort von Mägden auch gerupft wurde. Oben warteten die Herrscher auf ihre Gaumenlieblinge… Ich glaube, bei den Mägden und Köchen würde man am besten den Charakteren der Mächtigen auf die Spur kommen. Und ihr Wirken, Tun und Nicht-Tun nachvollziehen können. Sie waren eben alle nur Menschen. Aber sie haben ihre Zeit stark geprägt und uns einiges hinterlassen.

Scherbenreste sind zu besichtigen, bemalte und sehr irdene. Das Küchenmesser aus dem untergegangenen Osten.

Macht und Ohnmacht – alles in Trümmern. Berlin wie und was es mal war.

Ich bin ehrlich gesagt glücklich über viele Hinterlassenschaften der einstigen Herrscher. Zum Beispiel über all die Residenzen rechts und links der Havel zwischen Potsdam und Berlin. Da wurde eine Landschaft aus sich heraus gestaltet – so unglaublich schön, wie es selten gelungen ist.

Ich wünschte mir einen neuen Regenten, der sich mit einem heutigen genialen Lenné verbindet, und wieder ein bleibendes Stück Berlin gestaltet…

Mal sehen, was das alte neue Schloß noch bringen wird – außer dass es das Linden-Ensemble wieder vervollkommnet.

Ich persönlich hätte auch gut mit einem – von innen her in jeder Hinsicht erneuerten – Palast der Republik leben können. Weil – weil ich glaube, dass man Zeiten nicht auslöschen und überspringen kann.

Neue Herrlichkeit. Und neuer Geist? Wir werden sehen.

Randbemerkungen 12

Die Taliban rücken vor in Richtung Kabul. Die Welt kapituliert. Einerseits nüchterne Nachrichten. Andererseits werden die Truppen abgezogen, die Frieden stiften sollten. Sind wir dieser in eines Gottes Namen mordenden Bande ausgeliefert? Nur noch Ohnmacht? Und der IS, der längst in Europa sein Unwesen treibt… Eigentlich können wir all das nicht von uns fern halten.

Bleibt uns wirklich nur die Ohnmacht?

Wie könnte dieses endlose Morden und Verjagen und Foltern auf der Welt endlich und ein für alle Mal beendet werden? Es geht nicht um eine Handvoll Verrückte überall in der Welt. Denn sie haben, weil sie Macht wollen, statt friedliches Miteinander, eine unglaubliche Macht über uns.

All das schreit nicht nach Besiegen, was ja auch wieder Morden heißen würde, sondern nach Verwandeln. Doch wie diese Energien verwandeln? Ist der Mensch von Grund auf böse? Dann steht’s schlecht um die Antwort. Oder ist er vielleicht doch gut, oder Beides? Dieser Zipfel „Gut“ müsste doch aktiviert werden können. Aber wie? Was braucht es dazu? Und NICHT die Frage: Was braucht es zum Siegen?

Wer nicht gewinnen will, will etwas anderes. Einfach friedlich leben vielleicht… Da gäbe es schon genug zu tun.

Ich verstehe Präsident Biden, wenn er sagt, dass es die Aufgabe der Afgahnen ist, die Taliban zu verdrängen. Doch ihre Chancen stehen schlecht. So, wie wir alle auf der Hut sein müssen.

Brauchen wir die Natur, als einzige, die noch in der Lage ist, uns Einhalt zu gebieten? Vor ihr sind wir alle gleich. Die allmächtige Natur – und das ist sie – wäre immerhin eine neutrale Macht.

Eine Chance gegen die Ohnmacht.

Das war nun doch mehr als eine Randbemerkung.

Randbemerkungen 11

Während mich die Gedanken an die Völkerschlacht bei Leipzig einholen, feiert meine Tochter heute ihren Geburtstag. Das Wunschkind, das in einer warmen Sommernacht blitzschnell zur Welt kam. Sie erlebt das Glück der Alltagskämpfe.

Ich glaube, dass es wirklich Glück ist, wenn wir uns im gewöhnlichen Alltag abarbeiten dürfen und daran wachsen. Mehr Mensch werden im Sinne der zwölf Tugenden: Starkmut durch Zucht, Reinheit (Wahrhaftigkeit), Milde (Güte), Treue, Das rechte Maß, Sorge, Scham (im Sinne aufbauender Selbstkritik), Bescheidenheit (im Sinne von Mein Schicksal annehmen), Stetigkeit (Ausdauer), Demut, Geduld und Minne (im Sinne der selbstlosen Liebe, die nichts für sich will).

Ich liebe in diesem Kontext immer noch die Kraft der mittelalterlichen Begrifflichkeit.

Herzlichen Glückwunsch liebe Tochter!