Hundeleben 8

Die Bürgersteige in meiner Gegend sind sehr breit. Man läuft daher oft mit reichlich Abstand nebeneinander her. Und so höre ich jüngst eine freundliche, deutliche und angenehme Frauenstimme neben mir: „Warte mal einen Moment. Ich muss meine Jacke zu machen.“ Ich schaue leicht irritiert um mich herum, nur wir beide.

Im nächsten Moment bemerke ich ein zotteliges Etwas drei, vier Meter vor uns, dass sich gerade in eine Sitzposition begibt.

Ich muss lächeln: Was für ein Hundeleben!

Sommertheater…

…brauche ich eigentlich nicht. Open-Air-Konzerte und solcherlei. Ich habe das alles gratis, rund um die Uhr, auch dann, wenn ich eigentlich schlafen will.

Am Wochenende beginnt es schon Frühmorgens. Die Nachtmenschen tragen dann mit gewaltiger Stimme ihr letztes Gefecht aus. Dicht gefolgt werden sie von kultigen Joggern in farbenfroher Montur. Selbstverständlich technisch aufgerüstet. Zu ihnen gesellen sich eher verschlafene Hundebesitzer, die meist schnell wieder nach Hause wollen. Es sei denn der Hund liefert schnell sein Pipi ab. Was nicht immer gelingt. Da erweitert sich der morgendliche Chorus: Zärtlich, energisch, genervt…

Familie Schwan, endlich wieder komplett mit Einzelkind, hat das Schlafzimmer im Schilf schon zu sehr früher Stunde verlassen und den Tunnel zum anderen Ende des Sees durchquert. Angekommen im Wohnzimmer für den Rest des Tages.

Jedoch auf der Hauptbuehne gibt es noch jede Menge zu erleben. Das Vogelorchester spielt sein tausendstimmiges Konzert. Bis zum Auftritt der Nachtigallen gegen Abend.

Nicht, dass es kein Drama gäbe. Dafür sorgen Sirenen-Fahrzeuge direkt vor Ort und auf der nahen Ausfallstrasse. Jedoch auch Hundehalter, die sich von ihren Hausfreunden foppen lassen, sind nicht zu überhören. Eine Knabenstimme, die wochenlang verzweifelte durchdringende „Lucy-Rufe“ ertönen ließ, ist bei mir für immer abgespeichert.

Aber dann, wenn nicht gerade Pfingsten ist oder ein anderer heiliger Tag, geht es erst mal rund. Ein Sammelsurium nur denkbarer Hoellenmaschinen sorgt für den Vormittagsound. Die bearbeiten Graswuchs aller Art, der immer wieder üppig auf dem Bühnenareal erscheint.

Die Babys, die jetzt zunehmend auftreten, die tun mir ein bisschen leid. Den Sound haben sie nicht verdient. Aber, gebündelt vor Mamas oder Papas Bauch, zeigen sie meist Gelassenheit. Schließlich, Krach ist ihr Privileg – was wollen die um mich herum also, mögen sie denken.

Der Nachwuchs, der schon mit eigenen Gefährten unterwegs ist, rumpelt vergnügt über den frisch gemähten Rasen, zelebriert kunstvolle Stürze und erfreut sich der frisch gepflanzten Blumen.

Der Gänseblümchenstrauss ist gepflückt, wenn das Konzert zu Ende ist. Und die Ralley der Kinderwagen endet erst einmal gegen Mittag. Einlagen bieten am Vormittag noch die vielen Kita- und Kila-Krümel aus der Umgebung. Beim Wiesenkullern und Wettrennen haben sie durchaus etwas zu bieten. Da zeigt sich Zukunft in aller Schönheit: verträumt, vergnügt, verschlafen, Energiebündel pur. Auch die künftigen Lehrer sind zu erkennen: „Das darfst du nicht! Wir sollen das nicht“, sorgen sie für Ordnung.

Aber, die meisten Kita-Bataillons ziehen Sandspielsachen bepackt gen angrenzenden Spielplatz. Und sind dann voll beschäftigt. Oma-Einzelkinder werden ausgegrenzt und haben keine Chance, außer allein zu spielen. Nur manchmal erwischen sie noch einen Schaukelplatz, wenn da nicht gleich einer schreit „Der ist für meinen Freund besetzt!“

Aber, wieder zurück zur Hauptbuehne des Sommertheaters. Gegen Mittag wird es hier etwas ruhiger. Jetzt betreten die Sonnenanbeter die große Bühne und präsentieren ihre vorzüglichen Körper. Textilien werden umweltschonend, also sparsam eingesetzt, auch schon mal weggelassen. Und sie haben Zeit. Schließlich ist zu beweisen, dass auch ohne Flugticket köstliche Bräune möglich ist.

Allmählich tauchen die Schulkinder auf. Die toben anders. Nichts ist zu hoch, zu breit, zu beschwerlich – es wird erklommen, übersprungen, als Hochsitz genutzt.

Ich muss jetzt mal kurz auf die Spezial-Events hinweisen. Denn die gibts reichlich. Gratis wie alles andere im Sommertheater auch. Da wären Hochzeiten so international und so üppig wie es nur geht. Manchmal auch mit Sektempfang an weißen Tischen. Die Roben berauschen und noch mehr die Inszenierungen für den Fotografen. Da wären wir dann oft der Komödie schon sehr nah. Auch ansonsten, alles fotografiert. Es ist Selfietime forever. Nicht, dass es nicht auch professionell zuginge mit entsprechenden Equipment. Shootings auf offener Bühne.

Jetzt kommen die Eltern der vormittäglichen Kita-Trupps ins Spiel. Manchmal spielen sie mit. Meist arbeiten sie nach, am Smartphone. Interessant die durchdringenden Anweisungen wenn die Väter im Spiel sind. Jetzt wird es richtig laut bis zu meinem Rang hinauf. Sehr klare Ansagen mit unüberhörbaren Stimmen.

Auch recht sportlich geht es auf meiner Sommerbuehne zu. Hipphopper üben ihre Sprünge und Figuren bei entsprechendem Sound. Die andere Generation, die der Boule-Spieler, macht direkt daneben unbeeindruckt weiter. Es gibt auch neuartige Spiele zu studieren.

Manchmal dann auch Wahlkampf mit Bratwurst-Grill.

Der heutige Abend jedenfalls endet mit einem langen Trompetensolo. Dann erscheint das multikulti Partyvolk und gerät allmählich in Stimmung, atemberaubend und schlafraubend. Und alles beginnt von vorn. Nur Feiertags läuten dann erst mal am Morgen vielstimmig die Kirchenglocken.

Auch ein Auftritt (oben)…..und die große Openair-Bühne mal ausnahmsweise nur vom Vogelchor bespielt (unten)

Einfach Zuhause

Die Mauersegler-Kinder piepsen unter der Dachrinne. In unglaublichem Tempo füttern die Eltern im Sturzflug ihren Nachwuchs. Ein wildes Schwirren und Summen im riesigen Malven-Buschwerk, das mir inzwischen fast den Zugang zum Balkon verwehrt. Ein hungriges Schnaebelchen lugt aus dem Loch im Mauerwerk. Es blüht und duftet schon fast betäubend um mich herum. Die Himbeeren lassen erkennen, dass sie Himbeeren werden wollen. Die Kletterdinger befinden sich noch im Aufbruch, lassen kommende Üppigkeit vorerst ahnen. Die Hortensie zeigt ersten lilaweissen Blütencharme. Es scheint allen gut zu gehen. Auch der Oleander, der nach der ersten prächtigen Blüte im Treppenhaus kränkelte, scheint sich in der Spaetfruehlingssonne zu erholen. Auch der Eichhörnchennachwuchs hat sein Werk getan und beim Tollen einige Blüten und Stengel zerknickt.

Während ich schaue und staune, vergesse ich fast mein Frühstück auf dem Tisch. Die Kraft reicht nicht den Sonnenschirm zu öffnen. Ich fliehe ins Wohnzimmer, kühle weiter die Wunde und danke dem Universum für diese köstlichen Geschenke.

Pfingsten anno 2022.

(Noch nicht) GEGLÜCKT

Je länger ich mir dieses Wort geglückt anschaue, desto ulkiger finde ich es. Ich sehe plötzlich eine Glucke vor mir, dann eine Lücke, dann macht ein Kobold in meinem Kopf ein gebückt daraus…

Ich weiß nicht so recht, warum dieses eigentlich so schöne Wort Schabernack mit mir treibt. Sperrt sich da etwas ? Aber was und warum? Steckt da so ein Unglaube dahinter in der Art „Das kann doch nicht sein“? Wirklich geglückt?

Was eigentlich ist in meinem Leben geglückt? Die drei Kinder, die Enkel, die große Liebe, der richtige Beruf – sozusagen die Grundsaeulen meiner Jahrzehnte. Wenn ich die vielen großen und kleinen Stolpersteine einfach mal weg lasse, das ganze Geholpere… Eigentlich ja.

Bei manchem wüsste ich heute wie ich es besser machen würde, vielleicht. Doch die neue Chance gibt es erst im nächsten Leben. Für anderes nicht so Geglückte bräuchte ich einfach nur mehr innere Souveränität. Ob sie beim nächsten Mal reichlicher da ist????

Aber spannend war’s bisher auf jeden Fall all die Jahrzehnte, so gesehen geglückt.

Ob sich noch diese oder jene Lücke füllen lässt?

Die nächste Generation macht sich auf den Weg

Nostalgie-Kette

Jüngst in der S-Bahn macht es an meinem Hals Klick. Meine Hand kann gerade noch einige Teilchen und den Rest der Kette auffangen. Einiges purzelt nach unten. Während der Grunewald an mir vorbei rauscht, versuche ich aufzusammeln, was ich entdecke. Doch das entscheidende größte Teil – gelb, oval, es könnte Bernstein sein – fehlt. Irgendwann gebe ich, ein wenig traurig, auf. Als ich aussteigen will, fällt es mir aus meiner Kleidung dann doch noch entgegen. Die Kette kann gerettet werden. Sozusagen restauriert.

Es handelt sich um eine von den beiden Ketten, die ich öfter trage. Ich bin kein Schmuckmensch. Aber, ab und zu macht solch ein Stück das Outfit erst rund und stimmig. Diese passt zu einer Lieblingsstrickjacke und manchem anderen.

Dahinter steckt aber auch die Geschichte einer verlorenen, eingeschlafenen Freundschaft. Sehr besonders, selbst gefädelt, war die Kette vor vielen Jahren ein richtig schönes Geschenk. So eins zum Freuen.

Jetzt die Materialermüdung, der endgültige Abschied von Gewesenen?

Die Kette blieb, nun in Einzelteilen im Stoffbeutel sorgsam verwahrt. Und erst mal aus den Augen verloren.

Doch Gestern Abend sehe ich eine beglückende Reportage über die Havel, die Landschaft, in der mir immer das Herz aufgeht. Da und dort an ihrem Weg werden Menschen und ihre Projekte vorgestellt. Der Name Wenndorf taucht auf – und da ist sie wieder die Kette. Der Name hat einen indirekten Bezug zu ihrer Schöpferin.

Ein Zeichen des Himmels? Fäden, nicht nur Kettenfäden, wieder neu zu knüpfen oder es wenigstens zu versuchen. Wer weiß, kann sein, dass Beides gelingt…oder auch nicht. Ich glaube nicht an den Zufall, aber an Fügungen…

Notdürftig wieder zusammen gelegt, die besondere Kette

Ostwestlich (10)

Ich freue mich, dass der RB Leipzig den Pokal gewonnen hat. Ich erfahre Unverständnis und erlebe Häme. Selbst bei denen, die gern mal zu einer Red Bull Dose gegriffen haben und greifen.

Dabei: Ist es nicht ehrlicher, wie Leipzig zu seiner neuen Mannschaft gekommen ist? Ehrlicher in der ganzen Fußball-Szene, wo seit langem in all den Traditionsklubs nur so mit den Millionen um sich geworfen wird. In Leipzig ist mit aller Konsequenz eine neue Mannschaft mit Wirtschaftsmillionen oder auch Milliarden aus dem Boden gestampft und auf Erfolgskurs gebracht worden. Mit viel Geld zum Erfolg wie überall. Ich glaube, die Leipziger spielen guten Fußball, wie die meisten anderen. Leipzig wird auch durch den Fußball sichtbarer und die Feierfreude ob des Sieges ist groß wie überall. Nur, leider, das Echo rundherum ist verhaltener. Da findet der Klassenerhalt von Hertha viel, viel mehr Resonanz. Für mich irgendwie kurios.

Wenn da nicht die Gefühle wären. Ich finde es grauenhaft wie Gefühle auf Traditionsklubs projiziert werden. Auf einmal zählen nur die. Selbst in Situationen, in denen hochemotionale Fangemeinden Randale beginnen. Und schon längst nur noch Riesenpolizeiaufgebote viele Spiele sichern. Wir lassen uns eben Gefühle etwas kosten. Auch meine Steuergelder.

Meine Sympathie, sprich meine Gefühle gelten Spielern, die wirkliche Könner sind, die alles geben, kämpfen und dabei immer fair bleiben. Deren Freude am Spiel ehrlich geblieben ist und nicht vom Eurozeichen geschwängert ist.

Und jetzt wird es wirklich ostwestlich. Das, was diese Fußballmannschaft erleben muss, haben die Menschen im Osten seit mehr als dreißig Jahren erlebt. Die eigene Geschichte wurde ziemlich radikal verdammt und ausgelöscht. Alles zurück auf Neuanfang, bloß nichts Altes übrig lassen.

Nur für einen RB Leipzig gilt das nicht. Was sonst als Ostalgie mit Häme, schon wieder dieses Wort, bedacht wird…Im Fußball läuft es gerade andersherum. Eigentlich geht ja der Klub gar nicht, weil er kein Traditionsklub ist. Verrückt!

Selbst wenn einer der Leipziger Traditionsklubs, FC Leipzig oder Chemie Leipzig mit den gleichen Geldtöpfen gepampert worden wären, dann wären sie nicht mehr das, was sie waren. Nur der Name hätte zumindest im Osten Gefühle gepusht, im Westen wahrscheinlich das Gefühl der Verachtung. Damit dürfte der richtig gute Union Berlin auch vertraut sein, der hat Tradition und seine Ostgeschichte.

Fazit: Leute liebt eure Gefühle nicht allzu kritiklos, sondern helft ihnen mit eurem Verstand vom Kopf auf die Beine.

Ich glaube, Gefühle machen Kriege überhaupt erst möglich, weil sie die Mitmacher euphorisieren und mobilisieren.

Oder?

Ein Abend mit dem Magier

Es dauert keine drei Minuten, die ersten Klänge und ich bin hin und weg. Verzaubert. Wenn ich im Pierre-Boulez-Saal Musik höre, macht mich das glücklich. Mir fehlt nichts. Doch jetzt weiß ich, dass etwas gefehlt hat.

Was Sir Simon Rattle vollbringt, kann für mich kein anderer. Seine Magie verwandelt zusammen mit den Philharmonikern den Saal in ein Universum, mit dem ich verschmelze. Den Engeln ein Stück näher? Schon wieder Kitsch… Nein, mehr geht nicht. Meine Sitznachbarin schaut mich verklärt im Schlussapplaus an. Wie aus einem Mund sagen wir: „Mehr geht nicht.“

Wenig später im Bus eine völlig Fremde: „Das war ein Abend!“ Wir lächeln uns an und versuchen uns gegenseitig zu erklären, was es denn ist.

Eigentlich dachte ich, das geht gar nicht zusammen. Zu Hause schalte ich dann doch den Fernseher an und freue mich weiter: Leipzig gewinnt den DFB-Pokal.

Was für ein Abend.

Bevor es begann

Randbemerkungen*

Ich bin dankbar…

…wenn ich aus der Haustür trete und eine Wolke Frühling mich einhüllt. Alle Sinne reagieren, nicht nur der Geruchssinn.

…wenn mich als nächstes ein Meer weißer Heckenrosen grüßt, ihnen zu Füßen ein ergebener See von Maiglöckchen.

…wenn ich weiß, dass es keine halbe Stunde mehr dauert bis ich einen Abend in der Philharmonie erleben werde.

…wenn ich mich auf den nächsten Morgen mit meinen Enkeln und Kindern freuen kann.

*Fast schon kitschig, dennoch – ES IST SO.

Ostwestlich (9)

Ich nehme ein Büchlein in die Hand und scheitere. Es ist fest eingeschweißt. Ohne Hilfsmittel nicht auf zu bekommen.

Das Buch habe ich vor geraumer Zeit im Treppenhaus eingesammelt. Eine schöne Gepflogenheit auf diese Weise Ausgelesenes weiter zu reichen. Und auch anderes noch Brauchbares. Mache ich auch regelmäßig.

Aber, dieses Büchlein ist noch nagelneu, sozusagen unberührt. Der Titel traf bei mir einen Neugiernerv: „Sind wir ein Volk?“ Ob ich anregende Gedanken drin finde?

Noch mehr beschäftigt mich: Hier, mitten im tiefen Westen, wird so ein Buch einfach ungelesen weggelegt, nicht mal reingeschaut. Es interessiert einfach nicht. Eine Erfahrung, die sich für mich hartnäckig wiederholt. Das macht mich traurig.

Wir sind ein Volk. Sind wir nicht. Spannend wäre es, so denke ich, gemeinsam den Prozess der Annäherung hinterfragend im Austausch zu begleiten. Aus zwei verschiedenen Lebenserfahrungen könnte doch eigentlich etwas spannend Neues werden. Doch, leider, die Annäherung war von Anfang an nur in eine Richtung möglich. Und ist es bis heute. Während die Generation, die zusammen nachdenken könnte, müsste, langsam aber sicher aussterben wird, gehen Schätze für immer verloren.

Manchmal habe ich keine Lust mehr, dort zu leben, wo eigene Werte nicht zählen. Wo meine ersten vier Jahrzehnte von beiden Seiten ignoriert werden. Von den einen, weil sie sowieso wissen wie es war, auch wenn sie nur die Oberfläche ein bisschen kennen. Von den anderen, weil sie sich gar nicht mehr wagen, offen mit ihrer Lebensgeschichte umzugehen und längst resigniert haben. Der „große“ Rest war im Widerstand und oft genug sein Podium. Doch Stopp, Ironie liegt mir nicht und das ist auch kein Wort zum Sonntag.

Ich freue mich an dem wunderschönen sonnigen Frühlingstag und genieße das Leben – so wie es gerade ist.

So viel Zeitgeschichte auf einem Schnappschuss: Der Berliner Dom der Hohenzollern, Zipfel vom Deutschen Historischen Museum und der ostdeutsche Fernsehturm