Entschlüsselt 😂

Gestern (kein) Tag wie jeder andere. Geduscht, Koffer gepackt, Vorfreude auf zu Hause mit dem bequemen Bett und den unendlich vielen Möglichkeiten. Zum zweiten Mal: „Nein, heute noch nicht, noch zu gefährlich.“ Ich im Chaos: Das tagelange Hinundher überfordert mich in meinem derzeit begrenzten Potenzial. Erst am Abend habe ich die letzte Schlafhose und Cremedose wieder gefunden. Und beschlossen: Morgen sage ICH „Nein“ und akzeptiere die Montag-Variante. Und habe es dann auch angekündigt. Nun ja, die Mächtigeren sind auf der anderen Seite.

Und dann, anfangs noch mit Mühe, einfach wieder versucht, das Beste dem Chaos zu entreißen.

Mit meinem freundlichsten Lächeln bin ich im Flur zum Dauer-Telefonierer und Biertrinker-Tisch gewandelt und habe die rundlichen Herren gebeten die Ecke mal für eine Viertelstunde frei zu geben. Denn dort steht das Trainingsrad. Ich habe dann auch NOCH freundlicher meine Zimmernummer hinterlassen. Ihren Genuss habe ich ihnen ja von Herzen gegönnt. Nach 20 Minuten klopfte es dann auch energisch an meiner Tür…

…und dann gelang es auch noch das Rad mit diversen Tricks und Hilfe einer nicht gerade beglückten Schwester mit mehr Kraftreserven als die Meinen zum Bewegen zu bringen. Sogar mit Spielchen: einem sehr eigenwilligen Igel, der zum Boden schwebende Ballons platzen lassen muss.

Hurra, erste Schritte gelungen, den verhedderten Tag zu beruhigen und ich mich auch.

Und nun auch noch ein zweiter Teil: Befreit von allen tröpfelnden geheimnisvollen Flaschen und Fläschen, rüste ich mich für eine ausgehnte Parkumrundung. Schon an der Tür – Ralley zurück: Maske vergessen. Kann ich ja noch eine Weile üben…

Im Flur treffe ich meine Ambulanzärztin – erstmals seit Monaten tiefenenentspannt und zum Plaudern aufgelegt.

Und dann auch das noch: Ein überwältigender Kaffeegeruch im Foyer vom köstlichsten Café-Wagen der Welt. Ich kann nicht anders, ich stelle mich an. Auch wenn das Stehen noch schwer fällt.

Mmmhhh! Moccachino mit Minze! Sehr empfehlenswert…

Die große Park-Runde gelingt… fast. Das wars dann auch. Nein noch nicht: Die große Erleuchtung kommt später aus der Fernsehkiste – dazu eine Extrafortsetzung.

Der Abend endet mit einem vorzüglichen neuen Fernsehfilm im Ersten, der mich auf ganz vielen Ebenen bewegt hat. Noch eine Extrastory für demnächst.

Am noch späteren Abend eine Vorlesegeschichte und mit herzhaft viel zu lautem Lachen…

Der gewendete Tag sozusagen

Die Uhr tickt…,

…ein Maschinchen fiebt, in meinen Adern kribbelt es, meine T-Zellen sind zurück gekehrt – gedopt.

Wir schreiben den Tag 20 vom Oktober des Jahres 2026. Der Beginn der letzten 15-Jahres-Dekade? Meiner letzten.

Vielleicht.

Auf einem vorgedruckten Blatt Papier schreibe ich den Halb-Satz:

„Das Leben ist lebenswert, egal…“

Ab jetzt aller acht Stunden.

Mal sehen, wohin das führt.

Die Zweifel haben sich aus dem Staub gemacht, die Neugier macht sich breit.

Göttlich

Einfach göttlich. Berlin wählt und in der Deutschen Oper toben allerlei Göttlichkeiten über die Bühne während die Linke Berlin gekapert hat.

Etwas Göttlicheres wäre mir in diesem Fall lieber gewesen. Wenn wenigstens die göttlichen Hoheiten, sich den Wohnungsmarkt in den Himmel geholt und weise geregelt hätten. Aber so, enteignen wird teuer, sehr teuer und wer bezahlt dann die bezahlbaren Mieten wenn die Stadt sowieso schon am Hungertuch nagt. Ich habe gehört, dass Vergesellschaftung der bessere Weg wäre. Aber was das nun bedeutet, das weiß ich auch nicht.

Da waren Stockhausens himmlisch sphärische Gesänge in der Oper realer. Ein „Mittwoch aus Licht“. Schwer zu beschreiben, was da vier Stunden auf der großen Bühne passierte. Aber ich bin nicht müde geworden und bin noch immer fasziniert.

Weniger von dem, was die Kritiker reihum bejubeln. Das legendäre „Hubschrauber-Quartett“ war für mich überwiegend anstrengend. Zwanzig Minuten lang versuchen zwei Geigen, eine Bratsche und ein Violoncello in vier Hubschraubern am Himmel den Lärm der Flugobjekte auf ihren Instrumenten zu intonieren…Nun ja.

Ich war mehr für die anderen drei Teile der Nichtoper. Den Kopf ausschalten, mich in das Geschehen fallen lassen. So ging’s sehr gut. Vielleicht fasst es das am besten: Das Erlebte war für mich eine einzigartige Skulptur aus Klängen, Stimmen, bewegten Bildern, Farben, Worten, die oft keine waren. Faszinierend die Video-Installationen. Während Bilder und Farben schnell wechselten bewegten sich Chor, Tänzer, Sänger und Musiker durchgehend in extremer Langsamkeit. Unglaublich schön dieser Kontrast.

Ansonsten erschien ein wundervolles kackendes Kamel auf der Bühne, dem später ‚himself’ entstieg. Während der vier Stunden wurde fortwährend das Himmlische und Göttliche in jeder Fasson zelebriert und beschworen. Und die Liebe als solche.

Wie gesagt, ich habe eine riesige Skulptur gesehen. Eine, die das friedliche Miteinander herausfordert. Auf ungewöhnliche Weise. Sehr zeitnah. Und nicht aus der Zeit gefallen, wie viele bemängeln. Kunst eben, sehr ungewöhnliche.

Davon würde ich dem Parteiengewirr gern etwas rüber reichen: Mal neu zu denken, aus dem Althergebrachten auszubrechen, wenn das, wie es scheint, nichts und niemanden mehr weiterbringt.

Teamarbeit eben – mit Göttern jeder Fasson.

Bevor es anfing mit dem „Mittwoch aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen
Und nach vier faszinierenden Stunden

Wer wen?

Das Leben hat mich heftig am Genick gepackt. Will es mich nicht mehr? Oder will es mir gnadenlos etwas beibringen?

Was? Die Frage treibt mich um.

Ich packe das Leben beim Genick. Und schaue ihm tief in die Augen: Hilf! Hilf mir zu erkennen! Wo hakt es? Und vor allem wie?

Da flüstert mir Rilke energisch ins Ohr: „Gib seinen leichten Händen nichts zu halten von deinem Lastenden“. Und meint den Engel. Meinen Schutzengel, meinen Lebensgefährten. Mein Double sozusagen.

Ja, ich weiß ja. Er führt mich nur dorthin wo ich wachsen kann. Der Rest ist meine Aufgabe, die ach so oft (noch) nicht zu erfüllende.

Der Trost kommt erst am Ende des Gedichts: „Sie kämen denn des Nachts zu Dir, dich Ringenden zu prüfen und brächen dich aus deiner Form heraus als ob sie dich erschüfen.“*

Ich packe das Leben samt meinem Engel zärtlich am Genick und schaue ihm tief in die Augen…

Und vertraue ganz einfach dem Leben. Ganz besonders, wenn es mich am Genick packt.

…und vertraue mir und der Nacht. Dieser einen, in der mir eines Morgens der Schlüssel überreicht wird. Vielleicht…

*Zitate „Der Engel“, aus dem Gedächtnis und daher möglicherweise nicht ganz korrekt.

Unsere unirdischen Engel und ihre oft ach so sehr verschlüsselten Botschaften

Szenario

Ich werde nicht hysterisch, aber ich muss mir das Szenario von der Seele schreiben.

Eine 24jährige aus Libyen mit mir im Zimmer. Anderes Alter, gleiche Krankheit. Hermes-Kopftuch (oder etwas Ähnliches) bei jeder Temperatur. Unser Englisch ist wenig kompatibel. Ihr Mann kommt täglich. Heute schwarzes Hemd, helle Hose, schwarzer Rucksack.

Sie erzählte irgendwann, dass sie keinen Beruf brauche. Fünf Kinder und der Haushalt – ihre Vision. Beim Erzählen fängt sie an zu strahlen. Der Mann sitzt täglich Stunden an ihrem Bett. Es kommt auch mal zum lautstarken Streit.

Immer: Ich, die Europäerin, verhalten luftig bekleidet, entspannt im Bett liegend im winzigen Zimmer in Gesellschaft dieses Mannes aus einer anderen Welt mit völlig anderen Normen und Werten.

Sie verlässt mit ihm seit vier Tagen das erste Mal das Zimmer. Zum Kopftuch kam der lange schwarze Mantel. Jetzt wird auch noch das Bett aus dem Zimmer entfernt. Irgendetwas ist defekt. Es verbleiben der Rucksack auf dem Stuhl und ich, die aktuellen Nachrichten vom RBB auf dem IPhone schauend. Es geht wieder und immer noch um den Christopherstreetday und den Wahnsinnigen, und ob es zu verhindern gewesen wäre. Und dann wurde heute gerade mal wieder mitten in Berlin auf einen Straßencafé-Besucher geschossen. Er hat überlebt und wird in Krankenhaus versorgt.

Es wird die nächsten Tage wieder heiß.

Nein, ich werde nicht hysterisch. Inzwischen sitze ich auf einer Bank unter einer Kastanie.

Ich muss wieder hoch in die dritte Etage. Was erwartet mich?

Hoffentlich kein schwarzer Rucksack, meine Nerven sind wohl doch etwas angeknackst.

Ich weiß: In Libyen herrscht seit Jahren unüberschaubarer Bürgerkrieg.

Mann und Rucksack haben den Raum verlassen. Gute Nacht!

Unwesen

Treibt mit mir etwas sein Unwesen?

Oder bin ich das Unwesen?

Wahrscheinlich letzteres.

Denn:

Ich stelle Fragen und möchte Antworten.

Ich bin ein Mensch und keine Maschine.

Keine Maschine an der herum repariert wird.

Ich vertrage keine falschen Töne.

Ich bin ziemlich lange freundlich geblieben.

Jetzt möchte ich nur noch schreien.

Ich tue es nicht.

Auch das tut nicht gut.

Das Zuschauen, Registrieren und Schweigen macht kränker.

Ich bin im Krankenhaus, nur noch bis Morgen. Nicht das letzte Mal.

Wird der Kampf noch härter als das letzte Mal…

Ein bisschen Lebenskonto erkämpfen. Wieviel Kraft habe ich, dem Unwesen lächelnd zu widerstehen?

…Sonnenaufgänge

Sommertage…

Sommertage haben so etwas Samtiges, Seidiges. Fühlt sich an wie Streicheleinheiten von ganz weit oben.

Jedenfalls bevor die lähmende Mittagssonne ihre Arbeit verrichtet. Sie tut auch nur was sie kann und muss.

Wie schön, dass ich nicht muss. Und nicht kann. Einfach nur Sein, DASEIN.

Noch so ein Genussmoment. Damit lässt es sich leben.

Narben

Die alten Helden zeigen stolz ihre Narben. Denn die stehen für erfolgreich bestandene Kämpfe, für Tapferkeit, Durchhaltevermögen, für Mut und Unbesiegbarkeit.

Ich bin gerade auf mein Schlachtfeld zurückgekehrt. Zurückgekehrt worden. Ganz und gar nicht freiwillig oder aus Langerweile oder der Sehnsucht nach Herausforderungen. Warum das notwendig war wird sich noch zeigen. Vielleicht…

Jedenfalls ist mein Kampfplatz das deutsche Gesundheitsunwesen, die Krankenhausszene und eigentlich genauer das ganze soziale Netzgewirke. Letzteres vor allem. Ich bin überzeugt, dass das die Schauplätze der Kämpfe unserer Zeit sind. Und die der Zukunft. Kein Mord und Totschlag, um Terrain zu gewinnen. Dafür eine Gemengelage aus mangelnder bis fehlender menschlicher Empathie und Überlastungssymptomen aller Art.

Die Narben entstehen aus Unbedachtem. Narben von Menschen, die von Bürokratie und Technokratie ganz und gar vereinnahmt sind. Und genau das schon längst nicht mehr wahrnehmen können.

Schwerkranke Menschen werden nach Wochen von jetzt nach gleich nach Hause geschickt bar jeder Ahnung wie sie zurecht kommen können. Da fallen Bemerkungen wie „Wir sind kein Hotel“. Gepeitscht wird durch ein fast seelenloses System bis zur vollständigen Erschöpfung. Um dann zu hören „Zu Hause können sie sich ausruhen“. Aber, in der Urlaubszeit allein mit Haushalt und Versorgung, den sich stapelnden Staub ringsum vor Augen bei kaum noch vorhandener eigener Handlungskraft….

Der Mensch degradiert zur reparaturbedürftigen Maschine. Die Seele ein nicht vorhandenes Unikum…

…die am Ende aber ungefragt gebraucht wird, um wieder heil und ganz zu werden.

So wie es jetzt geschieht, so wird all das eingesetzte Wissen, der überwältigende medizinische Fortschritt letztlich ins Jenseits befördert. Mit den ‚Händen‘ aufgebaut und mit dem ‚Hintern‘ eingerissen.

Meine Bewunderung allen, die sich trotz aller Zwänge ihre menschliche Handlungsfähigkeit bewahrt haben.

Wie war das mit den heldenhaften Narben?

Ich werde immer geschickter beim Einhandeln derselben. Und mache mir deswegen keine Vorwürfe mehr.

Odyssey

Kino und Wirklichkeit umarmen sich. Eigentlich wollten wir in die Welt der Insekten eintauchen. Ich war richtig gespannt auf das Reich der kleinen Schwirrer, die mir derzeit ein bisschen zu oft Nachtschlaf und Frühstückslaune rauben – eben mückisch und wespisch.

Innerlich schon tiefenentspannt zurück gelehnt in Erwartung ganz besonderer Naturbilder und der Stimme Katharina Thalbachs…Nun ja, Terminchaos, Sonntags ist eben alles anders.

Die Alternative führte ins Chaos der Griechen. Das Trojanische Pferd und die martialische Kampfeslust der Ithaker und ihrer Widersacher.

Ich habe die drei Stunden infernalisches Schlachtgetümmel und die Entgötterung der griechischen Helden überlebt. Es gab ja noch den Einen. Odyssee. Menschlich heldenhaft, stark und edel. Der, den die Götter, insbesondere Zeus, prüften. Der Auserwählte, der nur allein wieder die Heimat auf ihren Beschluss erreichen sollte.

Die Heimat nebst seinem edlen Nachwuchs samt noch edlerer Mutter. Obendrauf gab’s natürlich ein wunderschönes Pferd, den widerlichen Zyklopen, die Giganten, die Circen, eben die ganze Odyssee, die im Schlachtlärm tatsächlich überlebt hat.

Es war ja Eintauchen und Erinnerungshilfe. Es blieb ein wenig Sehnsucht nach den Homerischen Versen. Denen wiederum der realitätsnähere Blick ein ganzes Bisschen auf die Füße geholfen hat.

Rückblickend für mich gar noch Lebenshilfe. Während Anfangs der Held seine Mannen noch zurechtweist: „Die Götter helfen denen, die sich selber helfen!“, geht’s ganz anders nach Hause nach Ithaka. Nichts, rein gar nichts, soll gesteuert sein. Festgebunden auf einem winzigen Floss, allein Zeus und seinem Willen vertrauen müssend, ganz und gar allein und den Allgewalten des Meeres überlassen, spült es ihn an das ersehnte heimatliche Ziel Ithaka.

Erst jetzt darf und muss er wieder kämpferisch ins Geschehen eingreifen und an der Zukunft arbeiten.

Ich frage mich: Ist das auch die Logik meiner derzeitigen ganz persönlichen Odyssee? Aber: Bin ich noch in der Phase des mir selber Helfens? Oder schon des eigenwillenlos Treibenlassens? Nur noch gottvertrauend.

So ein Ausruhen vom eigenen Willen kann ganz schön anstrengend sein.

Wie wird mein Ithaka aussehen? Und was bleibt mir? Auch das Exil? Und wo?

Die Insekten müssen warten.