Zeitloch

Ich werde das Gefühl nicht los, in einem Zeitloch zu verschwinden. Es ist grenzenlos und fühlt sich an wie die Unendlichkeit. Ohne Jetzt und Hier, ohne Gestern und Morgen. Ich verliere mich und weiß nicht mehr wer ich bin.

Ich spüre die Querelen der Jahrzehnte und fühle gleichzeitig das Universum der ersten Zwanzig davon.

Die Mitte meiner Zeit ist etwas diesig, aber gleichzeitig greifbar. Beim Danach-Greifen wird sie konkreter, schon fast gegenwärtig. Ich ertappe mich beim Plaeneschmieden und weiß nur allzu gut, dass es jetzt auf etwas anderes ankommt. Ich will losgehen und bleibe stehen. Ist da doch ein Rand am Zeitloch…???

Die Temperaturen sinken…

…und die Unternehmungslust kehrt langsam zurück. Die Gedanken hoffentlich auch. Aber bitte alles langsam. Noch lockt der baumumstandene See mit seinem warmen Wasser, das himmlische Wunder. Der Herbst soll Bitteschön nicht allgewaltig einbrechen und uns überrumpeln. Bitte, Ihr da oben in den himmlischen Weiten gönnt uns noch bisschen Verlängerung. Das zauberhafte Sommertheater, lasst es noch eine Weile gewähren. Ich weiß, der September kann das, wenn er nur will….

Hundeleben 10

Zum 10er Hundeleben ein Endlos-Thema: Hundekacke. Die Kids amüsieren sich gerade über ein Riesenposter mit einem wundervoll gekringelten Riesen-Hundekot-Haufen neben einer Bank. Das Liebespaar darauf ist entsetzt. Die Kinder rätseln beim Anblick des Posters. Aber sie kennen das Thema nur zu gut. Mitten im Park und in der Stadt ist Aufpassen stets angesagt, als ob Großstadt nicht schon stressig genug wäre. Ich habe das Gefühl, dass es schon mal besser war als im Augenblick. Die Haufen mehren sich. Vielleicht ist die Hitze schuld und jede Bewegung zu anstrengend. Dann kann es ja nur wieder besser werden.

Ich habe immer ein Bild vor Augen: Mütterdemo, alle lassen ihre Kleinkinder auf die Straße kacken, Geh- und Fahrwege. Wehrhaft. Müsste mal jemand organisieren. Aber bitte vorher polizeilich anmelden. Ob es eine Genehmigung geben wird?

Mal abgesehen davon: Die Kinder lieben es, das Wort Kacke in den Mund zu nehmen, genußvoll versteht sich. Der Anlass ist zwielichtig….

Die lauen Sommernächte…

…segnen uns noch immer. Ich bin, glaube ich, langsam genusssüchtig. Der Name „Wandermüd“ hatte etwas Magisches. Und der Ort, an dem die Gruppe musizieren sollte auch. Also Karte im Netz, ohne groß nachzudenken, gebucht.

Nicht weit entfernt von bereits beschriebener Preußen-Gloria, fast um die Ecke, steht die Neue Nationalgalerie. Sie ist schön. Ich erlebe das neue architektonische Kleinod jedes Mal neu, anders. Dazu gehört auch der Skulpturengarten, der in diesem Sommer an den Sonnabenden in alter Tradition wieder musikalisch gesegnet wird. Nach langen Schließungsjahren des Hauses .

Ich sitze auf einer Treppenstufe, wie viele andere auch. Von den Skulpturen ist vor lauter Mensch nicht mehr viel zu sehen. Auch von den Künstlern nicht. Sie haben zu Bildern aus der Galerie, Klangwerke entwickelt. Tolle Idee. Bei mir kommt davon leider nicht viel an. Vielleicht hätte das jeweilige Bild auf einer großen Leinwand erscheinen müssen, so dass Hören und Sehen ganz ideal verschmelzen.

Doch neben mir hat sich eine Lady in meinem Lebensabschnitt niedergelassen, nebst Baby und jungem Paar. Wir plaudern. Die laue Nacht, die Kulisse des Potsdamer Platzes, die der Kirche, der Philharmonie verwandeln sich mit schwindendem Licht im Zehn-Minuten-Rhythmus. Es wird alles Eins: die Musik, der Garten, die streichelwarme Luft, die Stadt mit ihren neuen Höhenflügen, das plätschernde Gespräch. So geht Multitasking auch, allerdings im Sinnesrausch statt zielstrebigem Tun.

Am Ende noch ein halbes Stündchen in der nächtlichen Galerie, die sich allmählich füllt. Ich bleibe bei den Surealisten hängen. Bei ihrem Spiel mit den Unmöglichkeiten. Es ist schön. Es war einfach alles „nur“ schön.

Anschließend: An ausfallende Busse und Bahnen habe ich mich in den letzten Wochen allmählich gewöhnt. Jungen Männern, die gerade ein praktisches Problem damit haben, empfehle ich, sich doch zu bewerben. Sie schauen mich verdutzt an.

Impressionen in der Neuen und um die Neue Nationalgalerie rundherum

Hundeleben 9

Ich mogele heute mal.

Während ich querfeldein – wie auch sonst – über die große Parkwiese nach Hause trotte, saugen sich meine Augen fest. Träume ich, habe ich sonnenbedingt Halluzinationen oder… Zwei, drei Meter von mir entfernt läuft ein junger Mann. In der Hand eine Leine und auf der Schulter…eine Katze. Grauweiß getigert, völlig entspannt. Sie genießt offensichtlich den Spaziergang. Wow! Papageien auf der Schulter, das ist schon häufiger vorkommen. Hunde. Babys sowieso. Aber eine ausgewachsene Katze!

Wir kommen ins Gespräch. Der junge Mann und ich. Die Katze ignoriert mich in Katzenmanier. Mir fällt nichts Dümmeres ein, als zu fragen, ob sie das nur wegen der extremen Hitze tut. „Sie mag nicht an der Leine laufen, aber so macht sie mit. Geht gut.“ Die Kernaussage. Ich sehe es. und hätte fotografieren sollen. Aber ich, als Ex-Katzenbesitzerin, war so fasziniert von dem Anblick, dass die Reaktionen extrem verlangsamt waren.

Als uns Hunde entgegen kommen macht er dann doch einen größeren Bogen. Vielleicht treffen wir uns mal wieder.

Zu Gast bei Preußens Gloria

Im Königlichen Schauspielhaus geht es feudal zu, was auch sonst. Doch anders als in der heutigen Staatsoper hat das Haus für mich eine angenehme Leichtigkeit, etwas Beschwingtes. Ich fühle mich ganz wohl im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, was es inzwischen geworden ist. Freilich die Akustik, nun ja, war halt als Schauspielhaus geplant.

Elgar und Mahler stehen auf dem Programm. Auf dem Podium junge Menschen in roten Jeans, schwarz-weißen Sneakern und dann doch schwarzen Blazern und Hemden, weiblich mit weißer Schleife, männlich mit schwarzer Krawatte. Da schaue ich gern hin.

Und ich höre gern hin. Die jungen Amerikaner spielen temperament- und hingebungsvoll, ein gewaltiger Mahler, die Fünfte in Cis-Moll, ein interessanter, spannender Elgar, Konzert für Violoncello. Ich befinde mich im Eröffnungskonzert der Young Euro Classic mit dem nationalen Jugendorchester der USA. Am Ende tobt der Saal. Erschöpft finde ich mich in der warmen Nacht wieder, es hat immer noch nicht geregnet.

Noch fast drei Wochen gehört das prächtige Haus jungen Musikern aus Europa und der ganzen Welt. Vor einigen Jahren habe ich ein chinesisches Jugendorchester mit Beethoven gehört. Es war perfekt. Aber, ich wäre am liebsten ausgerissen.

Diesmal ging es mir gut. Ein bißchen Sommermärchen das Ganze…

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Vier Wochen später…

…immer noch im Genussmodus:

Noch das Seewasser der letzten Tage auf der Haut spüren.

Mich an angenehme Tage in angenehmer Gesellschaft erinnern.

Beim Feldenkrais die Glieder zurechtrücken.

An der Haltestelle stehen und die Sonnenstrahlen im Gesicht tanzen lassen.

Ein paar blassrosa gefüllte Rosen kaufen mit üppigem Blattwerk und Dornröschenheckenstacheln.

Glücklich die Blumen für Balkon und Vase nach Hause tragen. Und sie seit dem bewundern.

Zufällig an einer Lunchtafel vorbei kommen und wissen: darauf habe ich heute Appetit. Alles für 7,50 Euro, das gibt es tatsächlich noch. Und es war richtig gut.

Mich mit der Nachbarin über die Rosen freuen.

Die Mittagspause ausgestreckt und spielend genießen.

Nachmittagskaffee mit frischem Marmeladenbroetchen.

Noch ein bisschen Stricken.

Wissen, dass heute nichts mehr sein muss.

Merkwürdig wie leer mein Kopf seit Wochen ist. Ein Hitzephaenomen? Doch mir geht’s gut und ich genieße alles, was wieder geht.

Genuss hoch Zehn…

…oder eher mehr.

Ich fange mal mit dem Morgen an. Ziemlich leere Sbahnen und dann der See. Es kreischen einzig und allein ein paar zänkische Krähen. Ringsum Wald und Vogelgezwitscher, über mir gleitet eine Wildgänse-Formation. Das Wasser ist lauwarm und ich schwimme und schwimme und schwimme…ans andere Ufer. Der kleine gelbe Ballon schwimmt neben und gibt mir eine gewisse Sicherheit. Es geht wieder… und ich schwimme langsam und gemächlich wieder zurück. Ich sonne mich in einem Liegestuhl, der im weißen Sand steht, neben mir ein Latte Macchiato. Das alles gibt es fast mitten in der Großstadt und fast umsonst. Dass ich mir dessen bewusst bin, das macht wahrscheinlich den eigentlichen Genuss aus. Und dass ich mit den Gedanken nicht bei Morgen und Übermorgen bin.

Am Abend dann die Krönung, wenn sich’s überhaupt noch krönen lässt, dann so. Auf der Bühne Lebenskunst, Gesangs-, Schauspiel-, Musik-, Regiekunst. Die gesungene und erzählte Biografie von Hildegard Knef. Leute, das müsst ihr euch ansehen und anhören. Danke, Euch auf und hinter der Bühne , die ihr das vollbracht habt!!!

Mir war seit Jahren die Lust am Theater abhanden gekommen. Entweder zu viel Kopf oder zu viel Gefühl oder zu viel Effekthascherei oder Klamauk. Nichts mehr, was mich außerhalb von Oper und Konzert wirklich berührt hat. Und nun dieser Abend. Dieser vollkommene Sommertag.

Ärger gabs übrigens auch auf dem Hinweg: An der Bushaltestelle im engen Wartebereich rauchende, permanent spuckende, laute Jugendliche, die ihre Flaschen und ihren sonstigen Müll neben sich fallen ließen. Ich würde es nicht erwähnen, wenn es leider nicht häufig passieren würde. Es fällt mir erst so richtig auf, seit ich nicht mehr selbst Auto fahre, sondern die „Öffis“ genieße, meist genieße.

Trotzdem Genuss in Hochpotenz.