Ich bin wieder bei mir, bei meinen Gedanken angekommen. Im Radio geht‘s um die Oskar-Nominierungen. Ein Gespräch mit dem Regisseur vom nominierten „Lehrerzimmer“. Er ist glücklich und gleichzeitig verstört. Während Wim Wenders und Sandra Hüller überall benannt werden – sehr zurecht wie er sich verehrend bekennt – taucht sein Name nirgendwo auf. Er erlebt Rassismus im weitesten Sinne. Als Enkel türkischer Migranten, Analphabeten die Großeltern, ist er sehr stolz, es soweit gebracht zu haben. Doch wer kennt den Namen des Regisseurs Ilker Catak? Ich nicht, ich muß erst googeln. Wahrscheinlich die meisten von uns. Ich finde auf der Tastur nicht mal das Häkchen, das unters C von Catak gehört. Soweit und nicht gut.
Und schon bin ich wieder im eigenen Gedanken-Karussell. Jetzt, wo das Wort Rassismus so häufig in aller Munde ist, habe ich immer öfter den Gedanken, dass das, was ich stets und ständig erlebe, auch Rassismus ist. Deutsch-deutscher Rassismus. Ich erlebe die ständige Ignoranz der anderen Geschichte, die oft sehr einseitig auf politisch/gesellschaftlicher Ebene als grobe Verfehlung und als kriminell dargestellt wird. Auch in dieser Hinsicht leben in mir mehr Fragen als Antworten.
Doch es gibt ja auch noch eine soziale und persönliche Ebene. Genau dort kommt das Wort Rassismus bei mir ins Spiel. Das andere Leben, dass allzu oft mit einem mitleidigen Lächeln abgetan wird.
Beispiele? Zwei aus den letzten Tagen. Eine sympathische RBB-Reporterin ist in Berlin-Marzahn unterwegs. Flapsig-munter erzählt sie ständig von Plattenbauten und der Platte in unterschiedlichsten Kontexten. Schließlich finden wir uns mit ihr in einer solchen Wohnung wieder. Die ebenfalls sympathische Frau hat mit ihrem Mann genau in dieser Wohnung vier Kinder erfolgreich auf den Weg in die große weite Welt gebracht. Mir geht das Herz auf, als sie sich plötzlich beim Stichwort „Platte“ freundlich bestimmt gegen das üblich Abwertende in diesem gebräuchlichen Begriff verwahrt. Sie seien glücklich gewesen, als sie endlich in eine großzügige Wohnung, fernbeheizt, mit Balkon einziehen konnten. Sie lebe bis heute gern in Marzahn.
Mal abgesehen davon, dass das damalige soziale Marzahn mit dem heutigen nur bedingt vergleichbar ist. Es könnte sein, wenn es nicht schon so ist, dass die Wohnungen in der „Platte“ wieder sehr begehrt sein werden. Denn Wohnen in Berlin ist nicht mehr bezahlbar.
Das andere Beispiel ist meine eigene Geschichte. Eine schöne bezahlbare Wohnung, eher etwas zu groß als zu klein, das ist ein Thema, das mich seit meinem 18. Lebenjahr mit hartnäckiger Penetranz verfolgt. Es hat immer unglaublich Kraft und Durchhaltevermögen gekostet bis die Probleme gelöst waren. Ich dachte schon, dass es jetzt ausgestanden ist. Nun hat es mich nach 20 Jahren wohliger Ruhe wieder eingeholt. Vernichtend eingeholt.
Erstens sind Wohnungen schlechthin wieder Luxusgut geworden. Klein, eng, und trotzdem noch unbezahlbar. 1500 Euro warm für zwei Zimmer von insgesamt 55 Quadratmetern. Was an Wohnungen in dieser Größe unter 1000 Euro warm veranschlagt wird, das ist rar und heiß begehrt. Besichtigungen mit größeren Personengruppen. Am Ende höfliche Absagen. Klar bei einer Wohnung und zwanzig bis 100 Bewerbern.
Aber, ich war beim deutsch-deutschen Rassismus, ich muß wahrscheinlich sagen verstecktem Rassismus. Eine Dame in edles Leder gehüllt von einem Unternehmen in Bochum erklärt mir, dass mein Einkommen um 1000 Euro höher sein müsste, um diese nette kleine Wohnung im abgelegenen Neubaugebiet (nicht Marzahn) in einer ostdeutschen Großstadt zu bekommen. Die nächste Vermieterin in ähnlicher Konstellation erklärt mir, dass es halt noch genug Menschen gäbe, die diese Miete bezahlen könnten und würden. Ich habe nicht die schlechteste Rente. Aber eine, die überwiegend im Osten mit anderem Einkommen, sprich deutlich niedrigerem als im Westen, erarbeitet wurde.
Ich glaube schon, dass ich rechnen und mit Geld umgehen kann. Doch das nützt mir gar nichts, weil der Staat oder was weiß ich festgelegt hat, dass die Miete nicht höher als 40 Prozent des Nettoeinkommens sein darf. Meine persönliche Gewißheit, dass ich die Miete bis zu einer bestimmten Höhe zahlen kann, interessiert niemanden. Auch nicht, dass meine Bedürfnisse im Alter andere sind als bei Jüngeren. Und dass der geschützte Raum einer Wohnung existentieller ist als in jüngeren Jahren. Nichts dergleichen zählt. Auch nicht die drei Kinder und jahrzehntelange Berufstätigkeit. Freilich ist das nicht nur ein Ostproblem. Nur wer einen größeren Teil seines Lebens im Osten Deutschlands verbracht hat, ist von dieser gesamtdeutschen Misere viel häufiger betroffen. Außerdem fehlen diesem Teil der Gesellschaft meist Rücklagen und Erbschaften aller Art, mit denen sich noch manches ausgleichen lässt.
Fazit: Das Diskriminierende, Rassistische hat viele Nuancen und ist oft sehr versteckt. Meine Gefühle dürften, wenn auch anderer Herkunft, nicht so unähnlich denen von Ilker Catak sein.

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