Ostwestlich (19)

Vor ein paar Tagen war ich an dieser Stelle bei den Europa-Wahlergebnissen im Osten hängen geblieben. Ich werde das Thema nicht los. Ich versuche mich verständlich zu machen. Im Gespräch gelingt mir das meist nicht. Ganz schnell verhakt sich alles.

Um es klar zu stellen: Ich würde niemals AFD wählen. Aber: Ich kann irgendwie nachvollziehen, warum sich der Osten Deutschlands so stark in diese Richtung entwickelt hat.

Ich fange heute mal mit einem Vergleich an. Was macht ein Kind – egal in welchem Alter – , wenn es nicht beachtet, nicht wahrgenommen wird? Es macht schlichtweg Blödsinn. Mit drei Jahren sieht das anders aus als mit 16 Jahren. Das Vorschulkind bemalt vielleicht Wohnzimmerwände oder zerlegt etwas aus Langerweile oder fängt wieder an einzunässen. Natürlich, das alles kann auch andere Ursachen haben, aber oft ist es der Schrei: Hier bin ich! Mit 16 lässt man sich möglicherweise gegen die eigene Überzeugung ein Tatoo stechen, färbt die Haare grün oder übergeht aus Prinzip Verbote. Auch das oft, um wahrgenommen zu werden.

Nun sind Erwachsene in der Regel bewusster, reflektierter, sind um einiges mehr sich ihrer selbst bewusst. Das befähigt sie, nicht gegen sich selbst und andere zu handeln.

Doch auch Erwachsene kommen in Ohnmachtssituationen, weil sie nicht gesehen werden. Vielleicht gehen sie da zu Demos oder Kundgebungen. Machen sich lautstark Luft. Oder ziehen sich verbittert in sich selbst zurück. Womöglich kommt es dann irgendwann zur Explosion. Zur Aggression?

Menschen, egal welchen Alters, wollen gesehen werden. Wir brauchen uns in der gegenseitigen Wahrnehmung.

Könnte es sein, dass eventuell aus dieser Befindlichkeit heraus diese Partei so großen Zuspruch erfährt? Diese Partei, die anders daherkommt als die alteingesessenen Parteien. Parteien, die nicht von vornherein zur eigenen Biografie gehören. Und vielleicht greift diese Partei partiell etwas auf, das fehlt, etwas was mit der ostdeutschen Biografie zu tun hat?

Sicher gibt es auch die Mitmenschen, die gezielt, das Rechtsextreme suchen. Aber ist das die Mehrheit von denen, die sich im Osten für diese Partei entschieden haben??? Ist das, was geschehen ist, eine erwachsene Reaktion auf das jahrzehntelange Nicht-Gesehen-Werden? Die Bonbons, die Kindern oft zum Stillehalten rübergereicht werden, ändern nur für einen Moment etwas an ihrer Grundsituation. Und wie ist es mit den Erwachsenen, die gern die Gaben des Westens angenommen haben und trotzdem SICH suchen in dieser deutschen Welt anno 2024…?

Ich bin eine von denen aus dem Osten. Ich möchte oft schreien, wenn wieder mal, wie so oft oder besser fast immer, Alltag und Geschichte aus nur der einen Perspektive, der Westperspektive erzählt und gedeutet wird.

Wir sind ein Volk und sind es nicht. Wenn es so weiter geht wie bisher, glaube ich, werden wir es auch nicht. Irgendwann ist dann die Generation ausgestorben, die die andere Perspektive aus eigener Erfahrung einbringen kann. Wie bedauerlich. Das macht mich traurig, sehr traurig.

PS: Ich werde demnächst mal versuchen zu beschreiben, wie sich für einen ostsozialisierten Mitmenschen diese Phänomene zeigen.

Tunnelblick oder neue Perspektiven?

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