Ostwestlich (20)

Zwanzigmal das für mich leidige Thema Ost-West. Das reicht. Eigentlich. Aber, das Wahlwochenende hat sich mir gnadenlos auf den Magen und überallhin gelegt. Eigentlich, könnte ich sagen, was gehts mich mit auslaufendem Haltbarkeitsdatum noch an. Die Lösungen müssen die Nachfolgenden finden. Noch mal „Aber“: Mit mir sterben nach und nach alle Zeitzeugen mit intensiv gelebter DDR-Vergangenheit aus. Viele hätten zum Thema Vieles und viel Verschiedenes zu sagen und zu erzählen.

Ich fange mal mit einem Zitat von Harald Martenstein aus dem letzten Zeitmagazin an: „Alle jammern darüber, dass der Osten abdriftet. Aber zu Wort kommt er selten. Insofern darf sich keiner darüber wundern, dass die Wut weiter wächst.“

Ergänzen möchte ich: Über den Osten befinden zu etwa 90 Prozent westsozialisierte Mitbürger in der Öffentlichkeit. Sie glauben es zu wissen und wissen alles über den Osten. Es ist aber schlichtweg ihre Perspektive, die der nicht unmittelbar Beteiligten. Im persönlichen Gespräch läuft es nahezu immer darauf hinaus: Man hatte ja Onkel und Tanten und was weiß ich im Osten und habe sie auch besucht. „Man“ hat mit sich und dem Jetzt zu tun, das reicht schon.

So ist das seit nun fast 35 Jahren unverändert, wenn ich von der beidseitigen Euphorie des Anfangs absehe. Seit dem wird aufgearbeitet, auch das überwiegend einseitig. Kaum wird aus einer Haltung argumentiert, die Schwarzweiß-Sichten ad Acta legt. Doch die Welt ist nicht schwarz und weiß. Alles, aber auch (fast) alles bewegt sich ständig zwischen den beiden Polen.

Vieles wird nicht bedacht beim Urteilen über den Osten und seine Bewohner. Nicht der Kalte Krieg und all das, was er auf beiden Seiten hervorgebracht hat. Nicht die Idee, vom Anders-und-besser-machen-wollen tradierter Markt- und Sozialwirtschaft &Co, genannt Sozialismus. Schon längst nicht mehr, dass das „Es reicht jetzt“ und der Mut dazu aus dem Osten kam. Macht birgt immer die Gefahr in sich, dass die Machthaber abheben und dazu neigen zu pervertieren. Das ist kein Phänomen der verstorbenen DDR. Ein aktueller Rundumblick weltweit genügt.

Woraus könnte also diese Wut der Wähler in Sachsen und Thüringen gespeist sein? Dazu gibt es leider bis heute keine sachlichen Analysen im analysebesessenen Land. Kann ja sein, dass diese Wahlergebnisse, die ich als Aufschrei empfinde, endlich mal in diese Richtung führen. Zum genaueren tieferen Hinschauen.

Vorsichtig angefangen: Ist es vor allem purer Naivität geschuldet zu glauben, dass Höcke & Co ein geeignetes relativ harmloses Ventil für den Frust sind? Und dass ein Drittes Reich sich schon nicht wiederholen wird… Zu ergänzen: Die führenden Köpfe dieser Bewegung sind westsozialisiert. Deren Anhängerzahl ist auch im Westen Deutschlands nicht gering.

Und: Wie ist das mit dem Populismus? Wir alle haben unter anderem erlebt, dass Amerika schon viel länger dahin abdriftet. Es sind die Unzufriedenen, die Taten sehen und nicht immer wieder (oft unerfüllbare Worte) hören wollen. Der Populismus richtet sich an die Gefühle und baut auf Show-Elemente. Gefühle sind leichter zu aktivieren als Gedanken und Nachdenken. Und wer hat schon ständig Lust dazu? Unsere Regierungen müssten es beherrschen, immer und konsequent beides anzusprechen. Sonst verlieren sie. Jede Menge Mitmenschen am Weg.

Und dann, muss ich wieder zum Anfang zurückkommen. Was Ost und West angeht, gibt es verschiedene Ebenen. Die politische, die durchgehend von einer Siegermentalität getragen und getrieben ist. Durchaus auch zurecht: Ich sehe all die Vorzüge des marktwirtschaftlichen Lebens und seiner demokratischen Möglichkeiten. Auf vieles könnte ich auch gern verzichten. Doch das ist, glaube ich, nicht die Frage. Wir alle – und wahrscheinlich der Osten noch stärker – erleben (wieder), dass ein System an seine innersten Grenzen stößt. Wie lässt sich denn heute noch gute Politik machen ohne ernsthaft marktwirtschaftliches und finanzwirtschaftliches Denken und Handeln in Frage zu stellen? Ohne wenigstens einmal zu versuchen neu zu denken und zu sortieren? Ein Tabu. Doch irgendwo dort, bin ich mir sicher, ist lebendige Zukunft denkbar. Ist es, wie manche inzwischen denken, wirklich unvermeidbar, dass erst ein neuer Krieg die Marktwirtschaft wieder revitalisieren wird?

Ein kleiner Beitrag dazu könnte sein, dass nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Erfahrungen des Modells DDR ernsthaft aufgearbeitet werden. Und mit dem Jetzt-Zustand unserer Gesellschaft abgeglichen werden. Nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Auch auf menschlicher. Es gab einiges mehr als nur Widerstand. Und selbst der hatte viele Facetten. Das wäre auch ein Beitrag dazu, dass sich die Menschen im Osten gesehen und integriert fühlen.

Leider hat die Bundes-Ampel bisher eine Chance vertan: Es ist beim Parteien-Gerangel – zumindest für die Öffentlichkeit – geblieben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass die Regierenden uns vorführen, wie Interessenausgleich und gute Kompromisse herbeigeführt werden. Und der Öffentlichkeit hätte ich die Geduld gewünscht, solch langwierige Prozesse zu begleiten. Doch da beginnt ein neues Thema, das mit den Parteien selbst zu tun hat.

Unsere schöne Welt…

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