Neugeboren

Das Ende ist für mich in greifbare Nähe gerückt. Und doch fühle ich mich immer wieder mal wie neugeboren. Ich glaube, dass es nicht nur mir so geht. Es dürfte ein Phänomen des Alters sein: Diese innere schöne Kraft zu spüren, die jung macht und die auch Frieden und Gelassenheit schenkt.

Es ist dieses unglaubliche Gefühl, der großen Freiheit, der inneren. Ich bin bei mir angekommen, zumindest mir selbst sehr nahe. Das Außen berührt mich durchaus sehr. Doch es kann mich nicht mehr ins Stolpern und Schwanken bringen.

Auf die Neugeborenen bin ich allerdings manchmal ganz schön neidisch. Sie haben noch für eine ganze Weile diese innere Sicherheit, mit der sie ihre Bedürfnisse kundtun und vertrauen, dass sie erhalten, was sie brauchen. Selbst wenn sie schreien ernten sie noch ein Lächeln und Trost. Meist jedenfalls.

An der Stelle bin ich schon auf der anderen Seite. Ich weiß, was mein Schreien anrichten kann. Und wenn es doch passiert, finde ich keine Zu- sondern Abwendung. Geht also nicht. Oder? Die Wut einfach rauslassen, alle verprellen und hoffen, dass sich es irgendwann wieder legt.

Aber ganz im Ernst: Gibt es nicht viele Berührungspunkte zwischen der frühen Kindheit und dem Alter?

Die Kleinen können noch nicht für sich sorgen, die Altgewordenen nicht mehr oder nicht so gut. Ist es möglich, dieses Grundvertrauen wieder zu erlangen? Eine Selbstverständlichkeit kann dieser Besitz nicht wieder werden… Aber…

Aber, schön wäre es, immer mal gefragt werden, was gebraucht wird. Und da meine ich nicht die Einkäufe im Supermarkt. Ich bräuchte schon öfter mal ein Zuhören. Denn im Gegensatz zu den Winzlingen, kann ich genau definieren, wo ich wirklich Hilfe brauche. Aber auch, was ich gut kann. Schon ein Zweijähriges stellt sich hin und ruft begeistert „Guck!“, wenn ihm etwas Neues gelungen ist – und alle freuen sich.

Ich würde gern den Jüngeren erzählen, was das Alter schön macht. Weil, meist fallen nur die zunehmenden Einschränkungen auf. Und die Angst davor ist groß, ziemlich oft.

Was beim Baby das selbstverständliche Urvertrauen ist, das verwandelt sich mit zunehmenden Alter in ein Grundvertrauen in die Welt, in das Göttliche. Im besten Fall. Wir haben es selbst in der Hand. Auch ein bisschen wächst da der Gedanke, dass geschehen muss, was geschieht. Wahrscheinlich auch das nicht Begreifbare. Das noch nicht Begreifbare. Möglicherweise hängt all das mit der erreichten Entwicklungsstufe des Menschen, der Menschheit zusammen. Haben wir alle schon ausreichend Fähigkeiten, zusammen diese Welt zu erhalten…? Oder…

Im Alter wiederholt sich auch die Freude über die großen und kleinen Schönheiten, die uns umgeben. Beim Kleinkind ist es die Freude am Käfer, an der Blume auf der Wiese. Ich begeistere mich seit Jahren für die riesigen uralten Bäumen und ihre Stämme, die von erlebten Jahren erzählen.

Was verbindet diese zwei besonderen Lebensabschnitte – den Anfang und das Ende noch?

Sie sind verhältnismäßig kurz. Schade in beiden Fällen. Eigentlich sind es geschenkte Jahre – die ersten und die letzten. Viel Freiheit, aber auch die Fähigkeit zum Genuss. Wenn zu große Ängstlichkeit im Umfeld, diese Chance nicht überschattet.

Aber Achtung, auch Bevormundung aus gut gemeinten Gründen tut in beiden Lebensphasen überhaupt nicht gut.

Teilen wir also die Freude am Neugeborenen und am Neugeborensein miteinander!

Erntezeit. Und: Was bleibt von mir?

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