Ich verbiete Euch den Mund, liebe Wessis! Ich mag Euch, auch in Eurem Anderssein. Und ich weiß, dass IHR genug mit Euren Problemen zu tun habt. Aber bitte hört jetzt auf, über die Ossis und den Osten zu reden und zu schreiben. Selbst die differenzierteren Beiträge zu diesem Thema haben eines gemeinsam: Sie sind die Sicht eines Wessis und der Erklärungsversuch aus westsozialisierter Sicht. Mein Gefühl: Das ist eine neue Art von Bevormundung von einem Teil der Gesellschaft, der allein weiß was gut und richtig ist. Siegermentalität.
Lasst die Ossis erzählen, ALLE und hört bitte mal zu. Nehmt ihre Lebenserfahrung ernst. Und respektiert wenigstens ein Bißchen, dass da 40 Jahre tatsächlich ein anderes Gesellschaftsmodell versucht wurde. Mit allen dabei entstandenen Widerwärtigkeiten und Schräglagen. Mal vorsichtig gefragt: Könnte es sein, dass dort, wo Macht im Spiel ist, die bösen Ausuferungen wahrscheinlich kaum vermeidbar sind? Macht scheint mir ein äußerst gefährliches Virus zu sein.
Der Osten und seine Menschen sind nicht mitgenommen worden auf eine gemeinsame Reise in eine neue Zukunft. Wenn das geschehen wäre, was wäre da möglich gewesen! Aber der Osten ist schlichtweg vereinnahmt, eingegliedert worden. Aufschreie werden mit: „Freut Euch doch, was ihr alles gewonnen habt!“ kommentiert. Klar, freue ich mich über all die neuen Möglichkeiten. Bis heute. Doch ich habe auch verloren: Meine Geschichte, meine Vergangenheit, 40 Jahre meines Lebens, die nun seit 35 Jahren verteufelt und verhöhnt werden. Trotz allem habe ich nicht 40 Jahre meines Lebens im Gefängnis gelebt. Ich habe gelebt, gelernt, geliebt, habe Neues und Altes ausprobiert, habe versucht, meinen Kindern mein Bestes mit auf den Weg zu geben. Durch alle Höhen und Tiefen eines Lebens. Da haben wir, Ost und West, bestimmt vieles gemeinsam.
Doch das, was anders war und wie es anders war, das ist auch erzählenswert. Die Sicht der anderen Seite, die nicht schon früher freiwillig die Seite gewechselt hat. Ich habe allen Respekt vor denen, die es so nicht wollten, die im Widerstand waren, die vieles gewagt haben und es auch wagten auf der anderen Seite noch einmal neu zu beginnen. Diesen Respekt möchte ich aber auch für meinen Weg einfordern, der von viel Hoffnung und Idealismus geprägt war, dass es einmal auf der Welt anders gehen könnte. Geprägt auch von reichlich unbeantworteten Fragen, Zweifeln, vom nicht mehr Einverstanden sein.
Heute stehen wir doch alle zusammen vor einem MUSS, wenn wir überleben wollen. „Die letzte Generation“ hat es in ihrem Namen festgeschrieben. Wenn ich auch nicht alles gut heißen kann, was sie treiben – ihre Intention ist nicht übertrieben.
Was hat das mit dem Ost-West-Thema zu tun?
Es hat mit dem Hinhören, dem genaueren Hinhören und dem Sich-darum-Mühen zu tun. Wenn seit 35 Jahren keiner wissen will, wie ich in der anderen Welt gelebt habe und trotzdem immer alles über den Osten weiß – tut mir leid, da stimmt was nicht. In einem Podcast wurde jüngst, wahrscheinlich Aristoteles zitiert, der gesagt hat: „Siegen macht dumm.“ Schwarz-weiß taugt nicht zum Verstehen und nicht für Empathie, die schon zum Modewort verkommen ist. Eigentlich wissen wir es. Denken wir auch beim Urteilen und verurteilen daran? Goethes Mephisto im Faust ist ein gutes Beispiel dafür, der u.a. auch als Herausforderer und Anreger daher kommt. Und Faust hat genügend unfreundliche Seiten…
Nicht alles, was ich da erzähle, aber ich bin mir sicher einiges davon, hat auch mit den aktuell frustrierenden Wahlergebnissen in den neuen Bundesländern zu tun. Solange nur eine Geschichtsdiktion West möglich ist, die die Idee des Kommunismus grundsätzlich verteufelt, muß doch diese vereinnahmte Gesellschaft Ost auf Abwege geraten. Wie schwer ist es für junge Menschen, die auf der Suche sind, die in diese diffizile Gesellschaft hineingewachsen sind? Wie schon ein andermal gesagt und geschrieben, mich wundert nicht, was zur Zeit in UNSEREM Deutschland geschieht. Nach der Wirtschaftseuphorie der ersten etwa 20 Jahre, zeigt sich möglicherweise erst jetzt langsam, dass der Osten eventuell ein Fehlkauf war…Verschenken oder in den Secondhand geht in diesem Fall nicht. Wenn kein Dauerfrustobjekt draus werden soll, ist Kreativität gefragt.
Ich schätze die gewachsene Demokratie der alten Bundesrepublik durchaus. Mit der – aggressiven – Marktwirtschaft habe ich, bei allen Vorzügen, größere Probleme. Zwei Heilige Kühe, Demokratie und Marktwirtschaft, die aber in ihrer jetzigen Form nicht mehr ganz in diese Welt zu passen scheinen. Kann man Heilige Kühe schlachten? Oder gibt es andere Wege sie zeitgemäßer zu machen? Wenn die Gentechnik schon so viel kann, dann müssten doch die schlauen Köpfe an den Universitäten und Hochschulen und Forschungseinrichtungen analog auch Ideen haben, wie Defekte in diesem Bereich repariert werden können.
Es geht nicht nur um die materielle Situation, die im Osten deutlich schlechter ist. Und dass das Nicht-Vererben-Können zwangsweise weiter vererbt wird. Noch lange. Es geht um Mut Zukunft zu denken. Etwas größer als die täglich zu lösenden Probleme zu denken. Um eine Entrümplung des Althergebrachten. Wenigstens das erst mal. Konsum allein macht nicht glücklich. Nicht nur beglückend ist, wenn ich alles überall sagen darf. Was ja so auch nicht ganz stimmt.
Vielleicht geht es darum, zu verinnerlichen, dass die alte Bundesrepublik so nicht mehr existiert. Und sich darüber klar zu werden, was die Neue geworden ist und werden will. Könnte doch sein, dass die Ossis da auch etwas zu sagen haben. Also, liebe Wessis, schweigt mal eine Weile und hört einfach mal gut zu. Wie gesagt, ich mag Euch…………

