Egoistisch dankbar

Heute ist Volkstrauertag. Worum trauern wir? Um die, die gegangen sind? Oft zu früh, viel zu früh. Dazu brauche ich keinen solchen Tag. Die mir nahe waren, sind es jetzt noch. Das ganze Jahr. Für mich sind sie noch immer lebendig, sehr lebendig und begleiten meinen Lebensweg weiter. Ansonsten lebe ich schon immer mit dem Gedanken, dass unser Sein auf dieser Erde unwiderruflich endlich ist.

Meine Trauer hat eine andere Dimension. Meine Seele, mein Geist weinen. ICH weine, weil Menschen noch immer ihren Hass- und Rachegefühlen folgen und morden, sich gegenseitig morden und Kriege ausbrechen lassen.

Ich bin so unendlich meinem Schicksal dankbar, dass ich fast 75 Jahre in friedlichen Landen leben durfte. Und sehen durfte, was Gutes – ich meine nicht Unkompliziertes – unter solchen Bedingungen gedeihen konnte.

Freilich, der Krieg war immer nah. Ich erlebte noch als Kind Trümmer und Ruinen in meiner Stadt, die allmählich wieder zu einer lebendigen Stadt wurde. Und ich wuchs mit einem Vater auf, der ein Leben lang versuchte, seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Um dann mit fast Neunzig weinend vor einem riesigen Kriegsgräberfeld zu stehen – vor Augen auf den Steinen Geburtsjahrgaenge, identisch mit dem seinen.

Doch weiter weg tobten in meinem Leben auch Kriege und begleiteten mein Leben: Vietnam, Iran, schon näher Ex-Jugoslawien. Jetzt leben um mich herum Menschen, die aus der bekriegten Ukraine geflohen sind. Israel und Palästina sind weiter weg und doch erschreckend nah.

Meinen Enkeln wünsche ich so sehr, dass auch sie in einem friedlichen Land weiter wachsen und sich entwickeln dürfen. Dass Träume wahr werden und dass Frieden kein Traum ist. Und die Kraft, dass sie dazu beitragen und ihr Schicksal annehmen können.

Nicht nur am Volkstrauertag: Verwandeln wir Tränen in Energie für ein friedliches Miteinander!!! Es darf nicht aussichtslos sein.

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