Je mehr ich versuche, meine (Lebens)Geschichte zu teilen desto mehr Unverständnis, beinahe Aggression provoziere ich im Raum – ungewollt. Ich bin verzweifelt. Was ich erlebe? Ich bin meiner Geschichte beraubt. Ein nicht mehr vorhandenes Land DDR, in dem ich die ersten vierzig Jahren meines Lebens verbracht habe, existiert nur noch aus altbundesrepublikanischer Sicht und Deutungsweise. Das Urteilen geschieht entsprechend. Ich spüre es häufiger, als dass es im persönlichen Kontakt ausgesprochen wird. Wenn doch, kommt es dann leider nur zu einem kurzen Wortaustausch – für mehr ist kein Raum. Meist beginnen die Sätze: „Aber ich weiß…“ oder „Ich kenne…“
Schon lange umgehe ich so oft wie nur möglich die meisten Situationen und Fragen, die sich auf meine Herkunft und meinen Beruf beziehen. Weil – fast immer, sofort oder wenig später eine Wand aus dem Boden wächst und die Distanz mit den Händen zu greifen ist.
Natürlich gibt es Menschen, die nie etwas anderes wollten, als Bürger der BRD zu sein. Dann gibt es die, die DDR verändern wollten und die, denen sie so Recht war wie sie war – auch das. Aber sie alle sind jetzt Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Mehr oder weniger zwangsläufig angepasst, irgendwie integriert. Die Betonung liegt auf irgendwie. Der wirtschaftliche Schub ist dem deutschen Osten ganz gut bekommen. Aber es fehlt auch eine ganze Menge – auf vielen Ebenen. 40 andere Jahre lassen sich nicht so schnell ausradieren. Rein menschlich noch viel weniger.
Der Ostbeauftragte soll künftig gestrichen werden. Ich wäre dafür, ihn beizubehalten. Aber etwas anders definiert: Er sollte sich darum kümmern, dass das wirkliche und differenzierte Bild der Menschen im Osten sichtbar wird. Ohne Siegerpose und ohne „wir sind die Besseren“. Und dass das – wenn auch verständliche – offensichtliche Desinteresse sich in ein offenes Interesse von westlicher Seite verwandelt. Für die Menschen im Westen hat sich ja grundlegend seit Herbst 1989 nichts geändert.
Höchstens, dass sie das Geld hatten, um im großen Stil Immobilien im Osten zu erwerben. Geld, das in diesem Teil Deutschlands nicht da war.
Von den einst 17 Millionen kann ich doch nicht die Einzige sein, die dieses so einseitige Gesehenwerden und Beurteiltwerden, beziehungsweise dieses Desinteresse erlebt. Ich glaube immer mehr, dass nicht wenige, denen es ähnlich geht, in der AFD und als ihre Wähler anzutreffen sind. Oder auch bei Wagenknecht&Co. Nicht weil die ehemaligen Sozialisten zu Nazis mutiert sind. Eher aus intuitiven oder sehr gefühlsbegründeten Protest. Ein Aufschrei, ein Sich-Wehren gegen eine merkwürdige Form der Unsichtbarkeit, gegen ein häufiges Belächeltwerden. Gegen ein im Gleichen-Land-Leben mit gravierend anderen Voraussetzungen. Genau das verstehe ich nur zu gut.
Es geht um die großen und kleinen alltäglichen Erniedrigungen, weil der Versuch, ein anderes Gesellschaftssystem zu gestalten, den Perversionen von Dummheit und Macht erlegen ist.
Die sozial-marktwirtschaftliche Wirtschaftsweise zeigt sich immer noch oder wieder als am effektivsten. Wobei in der Gegenwart meine Zweifel wachsen… Die Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden letztlich doch nur durch Kriege aufgefangen. Nicht durch wirklich neue Ideen für lebenswerte friedliche Gesellschaftskonstrukte. Ich denke, dass wir genau die heute brauchen. Dass die Demokratie sich selbst erneuern muss. Die endlosen Bastelarbeiten der Politiker werden unsere Probleme kaum noch lösen. Wenn ja, wäre es ja schön.
Wie wäre es auch mal auf das zu schauen, was durchaus gelungen war im ausgestorben und vereinnahmten Staat DDR? Und auch das ins visionäre Denken (Gibt es das eigentlich noch?) miteinzubeziehen?
Die an diesen vergangenen Staat und sein Potential geglaubt und sich in manchem geirrt haben, sind doch keine Verbrecher. Genau das könnte man öfter mal glauben. Beim Zeitung lesen, Radio hören, in Gesprächsrunden. Bis heute. Nicht nur ein Gregor Gysi ist klug und clever.
Und: Letztlich betrifft es ganz Deutschland, wie im Osten gewählt wird.
Ich denke, dass es mit Gesellschaftlichen Systemen nicht anders ist als mit angestrebten ökologischen Kreisläufen. Systeme ohne Abfall, die sich aus ihren Hinterlassenschaften bewusst stets erneuern.
Eigentlich wollte ich längst aufhören über dieses Thema nachzudenken und zu schreiben…Aber irgendwie habe ich wahrscheinlich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es vielleicht doch nicht müßig sein könnte… Wie immer, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Frühlingsverheißung…?