Ich frage mich gerade, wozu wir eigentlich Sozialwissenschaften und Ähnliches brauchen. Denn was sie erforschen und erkennen, müsste eigentlich Politik und Wirtschaft antreiben. Das ist nichts, das weit weg vom Alltag philosophiert wurde – das zeigt Alltag, seine Tendenzen und seine Herausforderungen. Und die Ansätze für Veränderungen, für Taktik und Strategie. Wie gesagt „müsste“ und „eigentlich“. Schade ums Geld.
Wirklichkeit ist: Die Politik läuft dem vielfältigem Geschrei auf der Straße mit dem seltsamen Blick auf die nächsten Wahlen hinterher, statt selbst klare und deutliche Worte zu sprechen. Und die Wirtschaft tut so als ließe sich bewahren was sich nicht mehr bewahren lässt. Tendenziell, Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Das einzige Verlässliche mit dem unverstellten Blick auf das Leben ist das Leben selbst.
Ich habe immer mal wieder das Thema Alter bemüht. Vor allem auch mit dem Bedauern über das, was bei 60plus an Schätzen brach liegt. Lebens- und Berufserfahrungen, Fachwissen, das nicht ausschließlich überholt ist und auch meist eine mühsam erworbene menschliche Reife, eine beruhigende Gelassenheit. Und das sollte keiner mehr brauchen? Das erschöpft sich tatsächlich überwiegend in reger Reisetätigkeit, Enkelbetreuung und Ehrenamt?
Offenbar nun doch nicht mehr. Die Rentenkassen sind leer und überfordert, der Wirtschaft fehlen die geeigneten Arbeitskräfte. Und plötzlich merkt unsere deutsche Wirtschaftswunderwelt, dass da noch die jungen Alten sind, die noch ganz gut zu gebrauchen sind. Sie wollen möglichst sofort das Rentenalter erhöhen und alle zu einer längeren Lebensarbeitszeit verdammen. Dass das so pauschal nicht funktionieren kann, darüber scheint nicht ernsthaft nachgedacht zu werden.
Denn nicht jeder hat mit 65 noch ausreichend physische und psychische Reserven, um weiter einem aufreibenden Arbeitsalltag stand zu halten. Freiwilligkeit wäre wohl eher ein sinnvoller Ausgangspunkt. Und sinnvolle Anreize zum Weitermachen. Ich könnte mir einen individuell verkürzten Arbeitstag, reichlich Urlaub vorstellen. Eine fundierte wissenschaftliche Analyse, welches Potential die ältere Generation einbringen kann und für welche Tätigkeiten an welchen Arbeitsplätzen es am besten genutzt werden kann.
Das ist nicht ganz so einfach machbar wie eine pauschale Gesetzesänderung bei der zu Recht viele erst mal aufschreien. Denn es muß überall nachgedacht, eventuell auch neu strukturiert werden und mutig angefangen werden, um dann im Gehen zu korrigieren wo nötig. Und es sollte spätestens mit der Generation 60plus darüber gesprochen werden, was sie sich vorstellen kann. Um ein zeitgenössisches Lieblingswort zu gebrauchen: In solch einem Herangehen könnte sich Nachhaltigkeit manifestieren.
Da wären dann auch Soziologen&Co nachhaltig gefragt, womit ich bei meinem Ausgangspunkt angelangt wäre.

