Flüsse ziehen mich magisch an. Wie sehr, das ist mir erst in der möglichen Mitte meines Lebens bewusst geworden.
Dort, wo ich Jahrzehnte meines Lebens verbracht habe, war der Fluss begraben worden. Weil er störte, weil er stank, verhaesslicht von Industrieablagerungen. Ich wusste nicht, dass ich ihn vermisse. Aber ich wusste um ihn. Jahre führte mein Schulweg über den zugemauerten Fluss. Ich war oft in Gedanken bei ihm. Und bei den Fischern, die ihn in ganz alten Zeiten bevölkerten. Noch bevor das Industriezeitalter seinen Tribut forderte.
Merkwürdig das alles. Dann habe ich die vom Ost-West-Clinch befreite Havel erlebt und ahnte, dass ich da leben möchte. Ein Fluss im urbanen Gebiet, kaum Mauern, oft ganz frei. Ein unglaubliches Gefühl. Ich habe ihn mir in Reichweite geholt. Wenn ich dort bin, geht es mir gut.
Heute frage ich mich: Was hat der zugemauerte, unterirdische Fluss über die Jahrzehnte mit mir gemacht?
Hat er im Unbewussten, im Seelenraum Gefühle begrenzt, Leben nicht zugelassen? Was konnte nicht fließen…Nun ja, ich mag nichts übertreiben. Aber, es bleibt eine Merkwürdigkeit in meinem Leben.
Was macht ein Fluss mit mir? Was berührt mich?
Die Weite, das eigentlich Unbezwingbare, seine zielstrebige Bewegung, seine Sanftheit und seine Wildheit, die unbezwingbare Schönheit, seine Wandelbarkeit? Alles. Am meisten ist es wohl seine Lebendigkeit, die in dem Moment zu meiner wird.
Der Fluss meiner Vergangenheit durfte inzwischen wieder ans Tageslicht, teilweise und sauber. Noch hat er nicht wieder die Präsenz in der Stadt. Sie würde beiden gut tun. Und für mich würde sich ein Kreis schließen.
