Magie in Berlin

Ich war so glücklich, bevor mal wieder die wilde Achterbahnfahrt begann. Doch wer weiß wozu die Turbobahn gut ist.

Aber, das Glück ist nachhaltig und noch immer abrufbar.

Mein Verhältnis zu Musik ist sicher sehr speziell. Und ganz besonders das zur Klassik. Denn da sind es an erster Stelle die Dirigenten, die mich begeistern. Der Dirigent ist für mich eigentlich noch wichtiger als das Werk, das erklingt.

Sir Simon Rattle begeistert mich seit der ersten Begegnung in der Berliner Philharmonie. Eine Begeisterung, die über die Jahre wuchs und kein bißchen abnahm. Noch immer schade, dass er nicht mehr der Chef im Hause ist.

Für mich ist er ein Magier, der mit dem Orchester und dem Werk zaubert, so dass immer etwas Großartiges daraus wird. Ein Verschmelzen von Komposition, Musikern und Dirigenten zu etwas Einzigartigem, was weder Gefühl noch Ratio allein beschreiben können. Als Zuhörer und Zuschauer verschmelze ich rasch selbst mit dem Ganzen. Es lebe der Magier am Dirigentenpult!

Vor ein paar Tagen habe ich das weibliche Äquivalent erlebt, entdeckt. Und es war genauso großartig wie ein Rattle mit Mahler. Joana Mallwitz dirigierte Brahms 1. Sinfonie. Da stand eine vor innerer und äußerer Kraft strotzende Elfe am Dirigentenpult. Und ihre Heerscharen zauberten mit. Bannten alle in ihren magischen Kreis. Die gleiche Strahlkraft, die gleiche Intensität wie beim Magier Rattle. Nur eben mit weiblichem Potential. Ein wenig weicher, fast ein bißchen tänzerisch im Ausdruck, oft ganz stark verinnerlicht und schnell wieder den äußeren Bogen findend. Souverän in beiden Gesten. „Mein“ Magier“ hat seine Entsprechung gefunden die zaubernde Elfe.

Ich war so glücklich dabei gewesen zu sein, das hautnah erleben zu dürfen. Mit meinem Dirigenten-Tick natürlich von der Chorempore, von Angesicht zu Angesicht mit Dirigentin und Orchester.

Joana Mallwitz ist nun schon die zweite Saison Chefin des Konzerthausorchesters. So lange und mehrere Anlaeufe habe ich gebraucht, um sie erleben und entdecken zu dürfen.

Da war dann auch noch die Einführung: die Dirigentin persönlich am Flügel. Ich bin kein Fan von Einführungen, war aber einfach nur neugierig auf die nun schon nicht mehr ganz Neue. Was hätte ich verpasst, wenn ich mir treu geblieben wäre. Charmant, von einnehmender Natürlichkeit, plaudernd über Brahms sein Werk und sein Leben, hingebungsvoll Passagen spielend, war das eine Vorahnung von der Magie, die dann folgte. Schon diese halbe Stunde allein, wäre den Abend wert gewesen.

Noch ganz benommen von dem Erlebten, stehe ich später auf dem Gendarmenmarkt. Hinter mir das strahlende Konzerthaus, vor mir weiße Zeltspitzen mit leuchtenden Sternen, der Deutsche Dom von Farben verwandelt – ein paar Schritte weiter bin ich im Markttrubel samt einem bilderbuchvollkommenen riesigen Weihnachtsbaum. Das erste Mal wieder Weihnachtsmarkt auf dem angestammten Gendarmenmarkt. Lag es an meiner anhaltenden Verzauberung oder ist da wirklich etwas gelungen, was sich wie Weihnachtszauber anfühlt? Trotz vieler Menschen nicht hektisch laut, Stände zum gern hinschauen, kulinarische Verlockungen, berührt werden von lebendigen Engeln und majestätischen Stelzenläufern, dazu ein rundum gelungenes Ambiente. Wäre es nicht so gewesen, ich hätte schnellstens die Flucht ergriffen. Ich bin geblieben, ein Stündchen, so dankbar das alles nahezu vor der Haustür zu haben. Ein Abend und zweimal Berlin im Glück. Pathos muss auch mal sein.

Zwei Welten, die an diesem Abend zusammen fanden

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