Wohlig wohnen

Wohlig und wohnen, zweimal der gleiche Wortstamm. Während wohlig ein gutes Gefühl umschreibt, geht es beim Wohnen ja erstmal um Existenzielles. Um den sicheren Ort, um das Dach über dem Kopf. Auch um einen Rückzugsort. Um einen geschützten Ort für alle Bedürfnisse.

Welch Glück, wenn einem das alles zur Verfügung steht! Selbstverständlichkeiten, über die wir oft nicht mehr nachdenken. Der Obdachlose unter der S-Brücke berührt. Macht hilflos…Die Euro, die in den Becher fallen sind wahrscheinlich nicht mehr als eine Überlebenschance. Ich freue mich über sein Gitarrenspiel. Welch Kraftakt muss das sein…Für mich ist es ein Wunder, dass er immer wieder spielt und mir damit auch noch eine Freude bereitet. Wahrscheinlich hat er trotz allem den INNEREN Schutzraum als letzte sichere Zuflucht. Diesen Ort kenne ich auch sehr gut. Der hat durchaus etwas mit realer Freiheit zu tun. Frei von allen äußeren Bedrängnissen.

Wohlig wird mir dabei nicht unbedingt.

Noch habe ich den sicheren Ort, eine schöne Wohnung, ein Geschenk des Himmels. Sie ist mir zur zweiten Haut geworden. Ein Teil von mir. Inzwischen auch auf irgendeine Weise ein Kunstwerk für mich.

Mein Innen und Außen verschmelzen an diesem Ort. Alles ist inzwischen stimmig. Es ist wie bei einem Bild, bei dem immer noch ein Pinselstrich und noch einer es zu dem werden lassen, was es am Ende ist.

Dem, der sehen will und sehen kann, zeigt mein Zuhause alles von mir. Genau genommen bin ich meist froh, dass nicht alle alles sehen. Meine Empfindlichkeiten und Verletzlichkeiten. Sie verschwinden meist unter meiner Ästhetik, in die ich gern andere einlade. Sie kann verwirren, konfrontieren, aber auch wohlfühlen lassen. Ich war schon oft verblüfft, wieviel oder wie wenig Empathie und Toleranz mir in solchen Begegnungen entgegen kommt.

Ich empfinde Wohligkeit an diesem Ort. Und freue mich, wenn das oft mit mir empfunden wird.

Wie dringend brauche ich ihn, diesen Ort! Ein ähnliches Gefühl erlebe ich in Bildergalerien, wenn dort Kunstwerke und Architektur zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Von diesen Orten kann ich nicht genug bekommen – jenseits von meinem persönlichen Schutzraum. Doch das ist schon ein neues Thema.

Wie groß ist eigentlich der Sprung vom Gitarre spielenden Obdachlosen zu den Tempeln der Kunst? Alles Eins, eine Welt…

Hinterlasse einen Kommentar