Ein neues Universum in der Gemäldegalerie. Zwei schwarze Umhänge treffen sich. Dazwischen liegen reichlich fünfhundert Jahre. Renaissance trifft auf Design Berlin anno 2026. Nachklang der Berliner Fashion Week.
In mir klingt es immer noch. Innerlich bin ich irgendwie durch die Ausstellung getanzt. Sagen wir mal so, meine Seele hat getanzt. Um die Lippen ein Lächeln. Stunden lang. Am Ende waren es unglaubliche, nicht gespürte volle drei Stunden. Erst bemerkt als ich in der Cafeteria die Kaffeetasse in der Hand halte und auf die Uhr schaue.
Ich war schon so oft in dieser wunderbaren Galerie mit ihrer faszinierenden Architektur und der Welt der Renaissance-Ikonen, der vielen, vielen Marienbilder, der Cranachs, der Holländer. Ich habe mich entführen lassen in vergangene Welten und mich ihnen immer so unglaublich nah gefühlt. Und nun die geniale Idee diese Welten tatsächlich zur Zwiesprache zu verführen.
Die junge Generation der Modeschöpfer, die künftigen Anwärter der Haute Couturier durften sich austoben. Und die Alten auf den Gemälden konterteten mit ihren Outfits, die plötzlich ganz neu ins Sichtfeld gerieten. Corsagen neu kreiert, Röcke und rockartiges in unglaublichen Formen – auch für Männer. Überhaupt viele umwerfende Verrückheiten zum Lachen, Lächeln, freuen. Mode, die selbst einzigartige Kunst ist.
Manchen Hingucker würde ich mir auch im Straßenbild wünschen, im Supermarkt und im Restaurant. Das meiste allerdings präsentiert sich als Kunst pur. Vielleicht noch tauglich für diverse rote Teppiche.
Ich fing an zu sinnieren, was sich die Alten und die Jungen zu sagen haben. Die nackte Eva von Cranach und die Dame in. Reißverschluss-“Brüstung“ , der entschlossene Ritter in Ordenskleidung und die plissierte und gefaltete heutige Männlichkeit, die Bürgersfrau und die heutige Robe, aber auch Engel und Engelsgleiches.
Wieder mal ein Verschwimmen der Zeiten, während ich in der Fülle des Gesehenen haltlos versinke. Und mich der Baumarkt einholt.
Was das Material angeht, schrecken die Kreativen vor nichts zurück. Mehrere müssen gnadenlos Baumärkte geplündert haben: Schlüsselringe, Ketten, Karabinerhaken und so einiges gerät an der Figurine zum Hingucker. Auch die Kreationen der Schmuckdesigner, die sich zusätzlich an den Bastelläden mit ihren Glasperlensortimenten schadlos gehalten haben. So viel Schönes!
Die attraktive lange rote Robe entpuppt sich beim näheren Hinsehen als beinahe oder wirklich handgestrickt. Omas kunstvolle Häkeldecke aus meiner Kindheit verwandelt sich ins Outfit für den Opernabend. Im nächsten Moment feiern alte Küchentextilien Auferstehung als freches Tageskleid. Und überhaupt: Üppige Bänder und Bändchen, Wollfäden in großen Mengen und Formen aufbereitet, sie sind offenbar das Nonplusultra im derzeitigen Modekosmos. Ansonsten gnadenloses Spiel – und Frechheit siegt. Einfach herrlich. Ich bekomme Lust mitzuspielen.
Noch bis zum letzten Tag im wunderschönen Monat Mai.

