Ich finde es großartig zwischen den Jahrhunderten zu wandeln. Die Zeiten nicht als vertikale Abfolge, sondern horizontal. Alles gleichzeitig. Bildermuseen machen es möglich. Man kommt sich näher über die Jahrhunderte. Alles fängt an sich zu verweben. Wir leben mit dem und den vermeintlich Verflossenen. Aus Gemälden treten sie uns entgegen. In Büchern sprechen sie mit uns. Wir tauchen ein in andere Zeiten. Und manchmal verwandeln wir uns dabei selbst. In Zofen, Ritter, Kaufleute, Prinzessinnen, Bauern, in die Jüdin mit dem verpflichteten gelben Hut im alten Venedig. Ich weiß nicht mehr wie das Buch hieß, in dem diese Geschichte erzählt wird. Aber es hat sich tief eingeprägt. Auch Goethes Wilhelm Meister wandert seit Jahrzehnten mit mir mit, besonders in Thüringen. Merkwürdig? Oder selbstverständlich? Ich weiß es nicht. Aber ich bin tatsächlich dankbar für diese angereicherte Gegenwart, die mich noch lebendiger sein lässt. Kann sein, dass ich auf diese Weise irgendein Zipfelchen alten Karmas zu greifen bekomme. Alte Inkarnationen, die etwas in mir zum Mitschwingen bringen.
Und: Wo ist der Zipfel Zukunft, den ich auch ganz gern ab und zu mal am Rocksaum packen möchte? Mit hinein nehmen möchte in die Wirren der Gegenwart…
Das was ist begegnet dem was war und dem was werden will. Manchmal treibe ich freudig gelassen in diesen Weltenwundern. Noch öfter stolpere ich, mich suchend, in dem Zeitenpanorama herum.
Heute jedenfalls war ich erst mal enttäuscht. Ich wollte mir die Möbelwelt von Mies van der Rohe anschauen. Jetzt weiß ich, dieses Museum hat nicht nur Montags, sondern auch Dienstags geschlossen. „Nicht so schlimm“, dachte ich. Ein paar Schritte weiter geht die Tür auf zum 2000er-Jahre-Modedesign, das den Alten Meistern auf den Pelz gerückt ist. Doch dann irre ich völlig verwirrt zwischen den bildgewaltigen Werken herum und finde keine Modefigurinen mehr wie noch vor Wochen. Endlich frage ich und erfahre „Gestern abgebaut“. Es gibt nur noch die – auch sehr schöne – Kernausstellung.
Soooo schade… Gerade von den zwischen den Gemälden verstreuten Figurinen mit den phantasievollen Kreationen war ich so begeistert. Da war es wieder: Dieses Miteinander der Zeiten.
Ich füge mich zwangsläufig in das Unabänderliche. Und es wird richtig schön. Ich schaue mir vergnügt die farbenfrohen, schmuckvollen Gewänder der Ahnen an. Entdecke dabei bisher nie Gesehenes. Übersehenes. Dann die unglaublichen wunderbaren Gesichter, in denen sich soviel lesen lässt.
Wer hat einst mit diesen Bildern gelebt? Wer konnte sie sehen? In den Kirchen und wo noch? In Zeiten, in denen viele noch nicht lesen konnten… Was macht es mit einem Menschen, der oft dieser so lebendigen überwältigenden Bildsprache ausgesetzt ist? So einer Schönheit, der ein Mensch sich kaum entziehen kann…
Ich will schon den Vormittag beenden, als mich eine zarte junge Frau in ihren Bann zieht. Mit einem liebevollen Blick, die fast noch kindliche Sanftmut steht ihr ins Gesicht geschrieben. Eine Mutter mit einem Kind, das gerade anfängt neugierig die Welt zu entdecken. Der blaue Umhang mit der kostbaren Borte scheint mit dunklem Samt gefüttert, darunter ein rotes plissiertes Kleid. Maria mit dem Jesusknaben. Wo bin ich den Beiden jüngst begegnet? Vielleicht in der S-Bahn.
In diesem Moment wandelt eine Schaar Drei- bis Fünfjähriger geräuscharm durch die heiligen Bilder-Hallen.
Ich habe meine Kathedrale gefunden. Göttlich. Was sonst.
