Einfach die Welt ringsherum vergessen und nach Hause gehen.
Mein Leben war jahrzehntelang nicht gerade privilegiert. Doch dieser eine Zufall – oder war es Schicksal – ließ mir diese Wohnung auf die Füße fallen. Einfach so. Mitten in der Stadt und direkt am See. Mit Blick in riesige Baumkronen. Ein Operhaus in Laufnähe. Ein Schloß samt Park dto. Ja, das gibt’s.
Die Vorgeschichte: Endlos Wohnungssuche, endlos beengt mit fünf Personen in immer wieder zu kleinen Wohnungen. Wir haben das Beste draus gemacht. Immerhin gabs Fernheizung und warmes Wasser aus der Wand und einen Aufzug, der öfter mal funktionierte – bis zum siebten Stock.
Viel später: Endlich auch mal ausreichend Platz und zu ahnende alte Jugendstilschönheit. Die Restauratoren verlassen nach gedecktem Dach die Baustelle. Uns bleibt sie – heizungslos, Wasser, das die Innenwände bröckeln lässt usw. usf. Wir leben mit verschwommenen Bildern, die unser inneres Auge in Wirklichkeiten verwandelt.
Dann nämlich leben wir in der Rosetten-Vielfalt an den Zimmerdecken, denen wir die braune Übermalung nehmen konnten. Begegnen den gleichen Rosetten, groß und geschnitzt an den Flügeltüren, gemalt an den Badwänden. An den Knäufen der Geländer und an den Wänden im Treppenhaus usw. usf. Erleben wundervolle Wandbilder im Eingangsbereich, die eines Tages verschwunden sind. Wie die originalen Jugendstillampen.
Wie gesagt, wir haben das Beste draus gemacht. Immer. Später waren die Kinder flügge, alles plötzlich zu groß, alles zu kaputt…
Und dann: Siehe oben. Dieses kleine Paradies mitten in der Millionenstadt. Der Nachhauseweg eine Frühlingsoper. Die Klänge der Rossini-Oper vom Vortag noch im Körper, tanzen die üppigen Weidenzweige im Wind mir um die Nase.
Der Reiher, die Berliner sprechen vom Seereiher im Gegensatz zum Flußreiher an Havel und Spree oder dem Brückenreiher, der manchmal vom Geländer auf die Schiffe schaut. Dieser Reiher auf dem Nachhauseweg jedenfalls hat es sich zum Sonnenbad auf der Spitze des hohen Baumes bequem gemacht und putzt ab und an sein Gefieder.
Ich bleibe stehen, schaue zu, und erhasche dabei auch ein paar Sonnenstrahlen. Zwischendurch auf diesem Weg packt mich die Kleptomanie: Ein Fliederzweig, ein Stengelchen Forsythie, ein paar immergrüne Blätter am Stiel. Passiert mir immer wieder. Und ich warte jedes Mal auf den Satz: „Wenn das alle machen würden!“ Passiert nicht, aber die Blicke sagen alles. Ich denke dann: „Machen sie ja nicht.“ Ich meine alle. Und sehe die schon die in naher Zukunft anrueckenden Parkgärtner, die brutal alles Geäst mit dröhnenden Maschinen runtersäbeln. Geschieht meist um Ostern. Na ja, muss wohl sein. Meine Grünzeug-Kleptomanie auch.
Jedenfalls wandle ich beglückt mit meinen Zweigen weiter am Wasser lang unter mehr als hundertjährigen Bäumen nach Hause.
Vor der Haustür verabschieden sich so ganz langsam die zwei späten Schneeglöckchen, während Krokusse und Osterglöckchen schon die Tulpen ankündigen, die vorsichtig ihre Spitze zeigen. Die wissen, dass es noch mal richtig kalt werden könnte.
Und dann stehe ich auf dem Roten Teppich. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, in Alltagsklamotten. Die großen Fenster lassen das Licht herein und den roten Teppich und die gelben Wände leuchten. Der antike Fahrstuhl steht, wieder funktionstüchtig, für mich bereit für den Endspurt nach oben.
Im Vierten lacht mir das Blumenarrangement der Nachbarin auf dem Fensterbrett entgegen.
Ich habe mir erlaubt noch einen roten Teppich vor meiner Wohnungstür zu etablieren. Dort liegt er und heißt als „Red Carpet“ alle willkommen, die gern mit mir diesen Weg gehen.
Ich schließe die Tür hinter mir und bin zu Hause. In hüllenden Wänden und den Blick weitenden Fenstern.
Es könnte immer so weitergehen.

