Ostwestlich (16)

Was willst Du eigentlich?

Ja, das weiß ich schon, wenn die Frage auftaucht. Das Problem ist, dass meine Fragen nicht die Fragen der Anderen sind. Sie sind westsozialisiert, ich ostsozialisiert. Da gibt es deutliche Unterschiede. Aus dem deutschen Osten kommend, habe ich mich zwangsläufig mit dem Leben im Westen Deutschlands befassen müssen, auch beruflich. Immer wieder versuche ich mich dahineinzudenken. Das war und ist spannend. Ich bin sehr dankbar für diese Herausforderung und dass es so gekommen ist, wie es ist.

Doch gibt es bis heute unzählige bewusst gewordene Missverständnisse und unbewusste. Wirklich problematisch ist, dass meine „West“-Freunde und Bekannten, sich nie mit dem, was ich gelebt habe auseinandersetzen mussten. Sie leben weiter in ihrer Welt, mit gutem Recht. Und leider auch mit all den abgenutzten Klischees und dem ziemlich beschränkten Medienbild.

Aber, ich wünsche mir Begegnung, die über all das hinausgeht. Unter diesen Voraussetzungen geht das nicht, kann das nicht gehen. Die Ostwirklichkeit unter dem Deckel der sozialistischen Idee und ihrer (in Frage zu stellenden) Ideale, die war genauso vielfältig und differenziert wie die Westliche. Auch genauso viel oder wenig opportunistisch, angepasst, idealistisch.

Genau dort müsste, glaube ich, bewertungsfrei das Gespräch miteinander beginnen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es letztlich im Leben um moralische Werte geht, über die niemand einfach so verfügt. Sie müssen geübt, gelernt werden.

Dieses Bündel von Fragen (und noch viel mehr), müssen wir, denke ich endlich anfangen gemeinsam zu beantworten. Suchend, jenseits vom Mainstream. Ich will Begegnung. Das wünsche ich mir so sehr.

Im Osten, will ich mal behaupten, mussten wir uns unter dem Zeichen einer Diktatur, diesen Herausforderungen viel häufiger stellen. Wo sind meine Grenzen, wie wahrhaftig bin ich noch? Wie bleibe ich mir treu und kann trotzdem in den gegebenen Verhältnissen leben? Ich konnte nicht auf die Straße gehen zur Demo und laut sagen „Das passt mir nicht!“. Gab es andere Wege? Wie sahen die aus?

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