Ostwestlich (14)

Was willst Du eigentlich? So heißt es oft in gemischten Arbeits- und Gesprächsgruppen. Die Frage wird gestellt, wenn ich das Ost-West-Thema auf die Tagesordnung bringen möchte.

Ja, ich weiß schon recht genau, was ich will. Das Problem ist, dass meine Fragen nicht die Fragen der Anderen sind. Sie sind westsozialisiert, ich ostsozialisiert. Da gibt es deutliche Unterschiede. Aus dem deutschen Osten kommend, habe ich mich zwangsläufig mit dem Leben im Westen Deutschlands befassen müssen, auch beruflich. Immer wieder versuche ich mich dahineinzudenken. Das war und ist spannend. Ich bin sehr dankbar für diese Herausforderung und dass es so gekommen ist, wie es ist.

Doch gibt es bis heute unzählige Missverständnisse, oft unbewusst. Wirklich problematisch ist, dass meine „West“-Freunde und Bekannten, sich nie mit dem, was ich gelebt habe auseinandersetzen mussten. Sie leben weiter in ihrer Welt, mit gutem Recht. Und leider auch mit all den abgenutzten Klischees und dem ziemlich beschränkten Medienbild über die untergegangene deutsche Ostwelt.

Aber, ich wünsche mir Begegnung, die über all das hinausgeht. Unter diesen Voraussetzungen geht das nicht, kann das nicht gehen. Die Ostwirklichkeit unter dem Deckel der sozialistischen Idee und ihrer (in Frage zu stellenden) Ideale, die war genauso vielfältig und differenziert wie die Westliche. Auch genauso viel oder wenig opportunistisch, angepasst, idealistisch.

Genau dort müsste, glaube ich, bewertungsfrei das Gespräch miteinander beginnen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es letztlich im Leben um moralische Werte geht. Sie stehen niemanden einfach so zur Verfügung. Sie müssen geübt, gelernt werden. Dafür stehen zwölf Tugenden wie Mut, Wahrhaftigkeit, Treue, Geduld, zum Beispiel. Interessant wie es sich mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrund damit umgehen lässt bzw. ließ.

Dieses Bündel von Fragen (und noch viel mehr) müssen wir, glaube ich, endlich anfangen gemeinsam zu beantworten. Suchend, jenseits vom Mainstream. In der wahrhaftigen Begegnung. Das wäre mein Wunsch.

Im Osten, will ich mal behaupten, mussten wir uns unter dem Zeichen einer Diktatur, diesen Herausforderungen viel häufiger und bewusster stellen. Wo sind meine Grenzen, wie wahrhaftig bin ich noch? Wie bleibe ich mir treu und kann trotzdem in den gegebenen Verhältnissen leben? Ich konnte nicht auf die Straße gehen zur Demo und laut sagen „Das passt mir nicht!“. Gab es andere Wege? Wie sahen die aus?

Dieses Bündel von Fragen (und noch viel mehr) müssen wir, denke ich, endlich anfangen, gemeinsam zu beantworten. Suchend, jenseits vom Mainstream. Ich wünsche mir Begegnung. Das ist es, was ich eigentlich will, um zurück zur Ausgangsfrage zu kommen.

Und ich möchte mich nicht für meine Geschichte, die anders ist, schämen, entschuldigen müssen, mich verstecken und was weiß ich…

Ein Moment der Stille, zum Besinnen, bei sich sein…um dann wieder ins Gespräch zu kommen.

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