Wir schreiben den 3. Oktober 2023. Er ist zum Feiertag erhoben. Wir leben jetzt 34 Jahre nachdem alles begann und die Mauer(n) stürzten. Es musste so kommen. Der Rest fällt in die Kategorie Wunschdenken. Wunschdenken, dass viele verschiedene Richtungen verfolgte. Die Gedanken, die ich heute aufschreiben möchte, haben auch etwas mit Wunschdenken zu tun. Aber mit Wünschen, von denen ich hoffe, dass sie doch noch einmal erhört werden und sich erfüllen.
Heute ist schon der 8. Oktober, das Thema ist substantiell und brauchte ein Atemholen meinerseits.
Gestern, am 7. Oktober, wurde einst die Gründung des anderen Gesellschaftsversuches gefeiert, der DDR hieß. Ich lebe kein bißchen in Nostalgie, fühle mich aber beständig meiner Geschichte beraubt. Als ich geboren wurde, da war dieses andere Deutschland noch kein Jahr alt. Und ich ahnte noch lange nicht, wo ich da hinein geraten war. Viel später merkte ich, dass meine Mutter nicht so sehr dafür war, aber mein Vater umso mehr. Und meine Großmutter pfiff nach zwei miterlebten Weltkriegen auf alles Politische.
Was ist das Sozialismus und was ist dann Kommunismus wollte ich immer wieder von meinem Vater wissen. Die Antworten enthielten die Worte Gerechtigkeit, dass es allen gleich gut gehen soll. Das fand ich als Kind erstrebenswert. Es dauerte etwa drei Jahrzehnte bis mir ernsthafte Zweifel kamen. Aber die Gedanken gingen dann eher in Richtung Perestroika. Und es gab so ein Wunschdenken es einfach besser, klüger zu machen als bisher. Bis dahin habe ich grundsätzlich an die Fähigkeit zum Guten im Menschen geglaubt. Ziemlich naiv aus heutiger Sicht. Das Potential mag da sein, aber…
Dann kam der Herbst 1989. Für mich schon sehr überraschend, wie für viele in beiden Deutschlands. Das Gefühl der Erlösung und gleichzeitig neue Zweifel und Fragen wurden ausgelöst. Inzwischen bin ich längst in der neuen Gesellschaft angekommen. Aber auch irgendwo im Niemandsland. Warum? Ich versuche mal ein paar Thesen…
1. Bitte, liebe Mitmenschen West, erklärt mir (uns?) nicht ständig den Osten. Auch die Geschichten eurer Tanten, Onkel, Cousins sind nur ein Teil der ostdeutschen Wirklichkeit. Wie wärs, wenn ihr öfter fragt „Wie hast du und du und du gelebt? Erzähl mal Deine Geschichte. Ich bin mir sicher, dass wir schon immer mehr von euch gewusst haben. Nicht zuletzt dadurch, dass das „Westfernsehen“ ständig im Wohnzimmer war.
2. Glaubt ihr wirklich, dass es auf der einen Seite nur Opfer, Leidende, Widerständler und auf der anderen Seite Schuldige/Täter im Namen des Systems gab? Den Medien folgend, scheint es so. Ich glaube, dass die Mehrheit der Ostdeutschen zwischen diesen Polen gelebt hat. Mit sehr verschiedenen Wünschen und Hoffnungen, bemüht um ein erfülltes menschliches Leben und nicht immer heldenhaft – wie auch ihr. Oder?
3. Die Frage nach einem besseren gesellschaftlichen System ist heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR, aktueller denn je. Ihr könntet doch mal die Ostdeutschen fragen, was möglich war und was überhaupt nicht geht. Damit sich Fehler und unbrauchbare Denkansätze nicht wiederholen. Und dass Erfahrungen genutzt werden können. Eingeschlossen die Frage: Wie hat es sich in einer Diktatur gelebt, wie bist du damit umgegangen?
4. Ich weiß den Gewinn einer Demokratie mit ihren heutigen Möglichkeiten und Grenzen sehr zu schätzen. Für mich ist es in erster Linie die gewonnene Denk- und Meinungsfreiheit. Dass ich, wenn ich nur will, lesen kann, was ich will. Mich umschauen kann, mir wirklich eine eigene Meinung bilden kann. Dass mir keiner mehr vorschreiben will, was ich zu denken und zu tun habe. Und dass der Staat keine Instanz mehr ist, die immer weiß was richtig und was falsch ist und mit Konsequenzen droht, wenn ich anders denke. Doch die Berichterstattung im heutigen Medienland Deutschland ist auch nach dieser langen Zeit weitgehend einseitig, um nicht zu sagen sehr eingeschränkt – siehe „2.“. Respekt und Achtung vor dem anders gelebten Leben vermisse ich allzu oft.
5. Ich bin mir sicher, dass die Menschen im Osten weder dümmer noch naiver als die im Westen waren und sind. Naiver vielleicht schon ein bißchen, weil viele Ideale hatten, an die sie geglaubt haben. Visionen. Das waren nicht unbedingt die heute hochgehaltenen bürgerlichen Ideale und auch nicht unbedingt der Glaube an die Macht des Materiellen und des Geldes, mit denen sie inzwischen massiv konfrontiert sind.
Doch das heißt auch nicht, dass es nicht die Sehnsüchte nach den Segnungen der Marktwirtschaft gab. Die gab es, sogar massiv. Doch die `89 auf die Straße gingen, wollten zumeist etwas mehr. Fragt noch jemand danach? Haben Verlierer zu schweigen? Jemand kleidete jüngst im Gespräch sein Gefühl in die Worte „das war doch `89/90 eine feindliche Übernahme“.
6. Mit dieser, ich nenne es mal Sieger-Mentalität im westlichen Deutschland haben wir es bis heute zu tun. Anders kann ich mir die Häme nicht erklären, mit der fast alles bedacht wird, was zur ostdeutschen Geschichte gehört. Das Abwertende ist allgegenwärtig. Und schmerzt. Und ist oft lächerlich. Da werden DDR-Möbel aus den 60ern mit mitleidiger Geste gezeigt. Dass es zu dieser Zeit in westdeutschen Wohnzimmern nicht viel anders aussah, wird nicht wahrgenommen. Und dass zum Beispiel Hellerau-Möbel aus Dresden auch im Westen gefragt waren, weiß wahrscheinlich keiner mehr. Oder: Warum fragt keiner, nach den 40 Jahren Kita-Erfahrungen im Osten? Da gäbe es tatsächlich einen Erfahrungsschatz, der heute brauchbar wäre. Inclusive der Erfahrungen berufstätiger Mütter im Osten, die schlechtere Bedingungen hatten als junge Familien heute. Natürlich gab es jede Menge politischen Wahnsinn einschließlich der Wochenkrippen. Aber eben auch alles andere und nicht nur das wirklich Negative.
7. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Menschen, deren Biografien samt ihrer Würde auf diese Weise in den Abfalleimer der Geschichte geworfen werden, leichtes Futter für die AFD-Macher aus dem Westen sind. Über Faschismus und seine Folgen ist im Osten mehr als genug gelehrt und geredet worden. Durchaus auch einseitig, aber das Grauen dieser Nazi-Diktatur war allgegenwärtig. (Auch bis zum Überdruß.)* Ich glaube nicht, dass im Unwissen um diese Vergangenheit ein Grund zu finden ist, um die AFD zu wählen. Eher: Wer ständig erniedrigt wird, flüchtet leicht dorthin, wo er sich vermeintlich ernst genommen fühlt.
8. Wenn vielleicht doch einmal von der Siegermentalität abgelassen würde, könnten dann nicht die Fragen lauten: Erzähl doch mal, wie hast du gelebt? Was war dir wichtig? Was möchtest du nicht noch mal erleben? Was war wirklich schön? Fragen ohne ideologische Schablonen. Ich glaube, irgendwie in dieser Richtung könnten wir wirklich mal ein Volk werden. So wie es jetzt ist, da werden noch die Kinder und Kindeskinder an dem Osterbe kauen.
9. Auch in finanzieller Hinsicht. Wir hatten und haben kaum zu erben und konnten kein materielles Polster aufbauen. Jedenfalls die wenigsten. Doch wir leben im gleichen Land zu ansonsten gleichen Bedingungen. Für mich ist das kein Thema. Aber so lange ein großer Teil der Gesellschaft auch das nicht mal andeutungsweise im Bewusstsein hat, ist ein Miteinander im Alltag für den kleineren Teil, mal vorsichtig gesagt, etwas schwierig. Den Rest dazu hat Dirk Oschmann in seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ sehr gut sichtbar gemacht. Ich bin ihm dankbar dafür. Es könnte, im Westen gelesen, uns alle ein Stück weiter bringen. Und der Gerechtigkeit, mein Lieblingsthema bis heute, ein wenig auf die Sprünge helfen.
10. Ich möchte, auch wenn ich Mitten im Westen lebe, meine Herkunft nicht vorsichtshalber aus Selbstschutz verstecken müssen. Und ich möchte zu meiner Biografie ohne Bedauern stehen können und sie nicht als Ballast definiert bekommen. Ein Wunsch, das weiß ich aus Gesprächen, den ich mit vielen Menschen teile. Mit mehr Selbstachtung und Selbstbewusstsein, müssten möglicherweise nur noch wenige ihre Stärke und Würde aus einer AFD u.ä. gewinnen wollen. Denn auch schlechte oder komplizierte Erfahrungen sind kostbar, möglicherweise kostbarer als andere. Es ist allzu menschlich, am intensivsten aus Erfahrungen zu lernen. Wenn die aber nicht gefragt sind oder gar versteckt werden müssen…
Und dann ist das generell sowieso so ein Ding mit dem Selberdenken. Soweit für heute meine halbsortierten Gedanken.
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Wie fingen die Märchenerzähler einst an: „In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, da lebten… (zwei deutsche Nationen in Eintracht miteinander)….
