Heute war mir der Himmel wohlgesonnen.
In der Absicht wieder mal einen meiner Lieblingsorte aufzusuchen, die Alte Nationalgalerie, verpasse ich den passenden Bus um eine Sekunde. Da es eklig kalt ist und regnet, entscheide ich für den nächsten mit etwas anderer Linienführung und etwas längerem Fußweg. Allemal besser, als wartend und frierend herumzustehen.
Nachdenklich laufe ich mit merkwürdigen Gefühlen die Jerusalemstrasse entlang und stehe dann irgendwann vor der großen Treppe über der in lichter Höhe die Aufschrift James Simon Galerie prangt. Statt weiter zu gehen, folge ich einer spontanen Einfluesterung „Wolltest du doch schon lange mal!“. Mit den Treppenstufen absolviere ich mein sportliches Tagespensum, „auch gut,, denke ich. Doch ehe ich es zu Ende gedacht habe, bin ich mitten in einer schier endlosen riesigen Menschenschlange. Erst da wird mir klar: es ist einer der letzten Tage des Pergamonmuseums für viele, viele Jahre. Überall Schilder, dass es keine Eintrittskarten mehr gibt. In dem Moment wieder so eine Einfluesterung: „Du hast doch eine Jahreskarte!“ Mutig schlage ich mich zur Kasse durch und frage. Die Antwort: Kein Problem, sie müssen sich nur anstellen! Ich befürchte, mich verhört zu haben und frage noch zweimal. „Doch, doch“, wird mir beschieden. Doch damit nicht genug. Nach zwei Minuten stehen, zeigt eine Frau ihren grünen Ausweis und darf durchgehen. Den hast du doch auch, denke ich und bin drin.
Seit Monaten wollte ich noch einmal durchs Ischtartor gehen, mir auf dem Marktplatz von Milet das alte Treiben vorstellen, aber irgendein phantasievoller Verhinderer war über Monate am Werk. Den Traum vom Abschiednehmen hatte ich inzwischen aufgegeben. Und nun bin ich gänzlich unerwartet und so plötzlich mittendrin. Ein Glücksgefühl macht sich breit. Ich danke für den himmlischen Segen und meinen Kindern, die mich zum Geburtstag mit der Jahreskarte überrascht haben.
Und tauche ganz und gar in die Welt der Alten ein, die Hunderte Jahre vor Christi diese unglaublichen Bauwerke geschaffen haben. Tauche ein in ihre Welt, die sich so ganz und gar anders anfühlt als die unsere.
Oder doch nicht? Ich bin dem jüngsten menschenfeindlichen Krieg ganz nahe.…..Geografisch…..Einst wurden in diesem Gebiet von den Siegern riesige anthrazitfarbene Säulen verschleppt und zur Mahnung im eigenen Reich verkehrtherum aufgestellt. Jetzt gerade wurden unweit davon Menschen als Geiseln verschleppt.
Es ist inzwischen Nachmittag und ich bin in Gedanken wieder in der Jerusalemstrasse von heute Morgen.
Wie denkwürdig doch heute Schicksalsfaeden verwoben wurden. Auf einer Gefuehlsskala von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.
