Zauberhaft

Entzaubert liegen die ersten Weihnachtsbäume vor der Haustür. Schnell weg damit, ehe der Nadelsegen Fußboden und Teppich bedeckt. Oder, damit wieder Platz wird im Wohnzimmer. Das Durchhalten bis zum Dreikönigstag, das gibt es aber auch noch.

Lametta, das war einmal. Und Engel – die sind allerdings auch noch an den Bäumen zu entdecken. Ich finde es faszinierend, wie sich Weihnachtssitten gewandelt haben. Vor allem aber der Umgang mit dem Weihnachtsbaum. Der mutierte inzwischen zunehmend, auch in den Familien, zum Adventsbaum.

In meiner Kindheit wurden die Lamettafäden noch sorgsam und einzeln über die Äste gefädelt und ebenso wieder zurück beordert fürs nächste Jahr. Als ich älter war, wurde ich an dem fragwürdigen Vergnügen beteiligt. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an einen strahlenden Weihnachtsbaum, der sich in einer Spieldose aus Vaters Kindheit drehte. Zwölf Kerzen, für jeden Monat des Jahres eine, selbstverständlich aus Wachs. Zwischen dem Lametta schwebten kleine bunte Holzfiguren, auch Engelchen. Aber, das Größte war: Fondant- und Schokoladenkringel versteckten sich in den Zweigen, die beim Abschmücken genascht werden durften. Na ja, manchmal verschwanden sie auch schon eher spurlos.

Das waren die Fünfziger Jahre.

Meinen Kindern blieb die sich immer noch drehende und singende Spieldose erhalten. Die Walze ließ „Ihr Kinderlein kommet“ und „Stille Nacht, heilige Nacht erklingen. Anfangs wurde auch noch Lametta gesichtet. Das allerdings landete nach Gebrauch im Abfall. Ein erlöster Kindheitsalbtraum. Die Schmuckwahl veränderte sich mehrfach zwischen den Siebzigern und Neunzigern. Holz- und Glasperlenketten, Schleifen – rot oder weiß, irgendwann kamen auch die zerbrechlichen Kugeln dazu.

Als die Kinder aus dem Haus waren, habe ich dann meine Weihnachtsbaumorgien ausgelebt. Mit Kügelchen und Kugeln, mit silberweißen Einhörnern, Tigern, bunten Vögeln – jedes Jahr ein Neues Prachtstück für die Menagerie. Pragmatisch und entstressend verwandelten sich die Bienenwachskerzen irgendwann in elektrisches Geflimmer. Eine kleine Weile noch freuten sich die Enkelkinder an Spieldose und Tierwelt…

Ihre Eltern wollen von der Spieldose nichts wissen. Mein Baum, rückte allmählich immer mehr in den Advent und blieb in glasklarer Unterscheidung der Oma-Baum. Zu Hause bei den Kindern steht jedes Jahr am 24. ein wohlgewachsenes Prachtstück mit echten roten und weißen Rosen, mit Planetenzeichen und Bienenwachskerzen. Das ist der richtige Weihnachtsbaum.

Bei mir gibt es in diesem Jahr nur einen großen Strauß mit Einhörnern und silbern-weißen Kugeln und Lichtleinketten. Mal sehen…

Meine Enkeltochter jedenfalls beanspruchte jüngst meine Weihnachtstierwelt als ihr Erbe…

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