Randbemerkungen 4

Wenn ich suche, dann finde ich nicht. Nichts. Diese Logik stimmt fast immer. Bei mir. Also sollte ich dann wohl jedes Suchen, schnellst möglich stoppen. Leider passiert es dann doch immer wieder. Und die Erfahrung fällt mir erst wieder ein, wenn ich reichlich genervt bin – vom Suchen.

Also: Wenn etwas sein soll, dann findet es mich oder ich finde es. Im Finden liegt das Geheimnis und irgendeine tiefe Weisheit. Eine Weisheit, die ich bis heute noch nicht so ganz durchdrungen habe.

Mich findet was ich suche. Schön zu wissen.

Zu Fuß nach Syrakus

Das war ein Wachtraum in alten Zeiten als die Grenzen fest verschlossen und Ortsnamen wie Syrakus etwas ziemlich Märchenhaftes hatten. Schon, das Unternehmen mir mit Freunden auszumalen, hatte einen bittersüßen Geschmack. Der Dichter Johann Gottfried Seume war im Dezember 1801 im malerischen Umland des sächsischen Städchens Grimma aufgebrochen und ist tatsächlich auch in Syrakus auf Sizilien angekommen, am 1. Apri 1802. Im August 1802 war er wieder zu Hause. Dann schrieb er das Büchlein seiner Fußreise: „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Zitat Johann Gottfried Seume: „Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung“.

Irgendwo ist der Traum bei mir nie ganz verloschen. Doch als er dann Wirklichkeit werden konnte, gab es erst mal jede Menge Anderes zu tun. Inzwischen setzen mir Alter und physische Kondition Grenzen. Doch finde ich es eigentlich ganz gut, wenn mit dem Älterwerden die Träume nicht ganz verloren gehen. Auch wenn sie nicht realisierbar sind. So wie ich gerade beim Schreiben lächle, fange ich an, mir die Bilder einer solchen Fußreise auszumalen. Wandern durch blühende Landschaften, kleine nette Städtchen durch Wälder, über Berge (na ja, nicht gerade mein Ding) hinein ins schöne Italien…

Doch dann machen sich Bilder von Unmengen Autos, Lkw’s, Bussen, Motorrädern breit, die sich nicht einfach so abschütteln lassen. Dazu die sportlichen Radfahrer, die sich selbst auf engsten Waldwegen austoben.

Ich bin im Jahr 2021 angekommen. Und ich bin tasächlich noch immer gern zu Fuß unterwegs. Und nicht erst seit ich kein Auto mehr vor der Haustür stehen habe. Ich gehe durch die Stadt, durch Wälder, entlang der Havel. Das Beschauliche beglückt mich am Gehen ganz ohne technische Hilfsmittel (ich mag auch kein Nordic Walking). Ich habe Zeit zum Schauen, zum Wahrnehmen, auch der kleinen unscheinbaren Dinge am Weg. Ich kann innehalten, stehenbleiben, wenn mir so ist. Aber auch bei Bedarf beschleunigen.

Der Autoverkehr ist meist gut geregelt, ihm fühle ich mich in der Regel gewachsen. Aber: Leider wird das Gehen, wie ich es mag auf Fuß- und Waldwegen, zunehmend stressig. Beständig überholen mich, oft hautnah Radfahrer. Nicht selten im atemberaubendem Tempo und technisch perfekten Slalomfahrten. Ich höre sie meist nicht, zucke zusammen, erschrecke, schaue inzwischen beim leisesten Geräusch nach hinten. Entspanntes zu Fuß gehen wird zunehmend unmöglich.

Ich habe ein paar Mal spaßeshalber versucht, auf dem Fußweg auf gerader Linie zu gehen, um mich sicherer zu fühlen. Das ist über längere Zeit extrem anstrengend , stresst und eigentlich unmöglich, ich würde meinen, dass es unnatürlich ist.

Mein Spaziergang nach Syrakus findet auch heute zwangsläufig in meiner Phantasie-Welt statt. In unserer Welt, der heutigen, würde ich einen Fußgänger-Verein gründen. Was Auto- und Radfahrern recht ist, sollte dem total umweltfreundlichen Fußgeh-Menschen billig sein. Außerdem verbraucht er nicht endlos Materialressourcen. Und wenn es so weitergeht, werden Fußgänger vielleicht bald nicht mehr die langsamsten sein. Zu Fuß nach Syrakus oder anderswohin, das wäre Entschleunigung pur und ganz und gar im Strom des heutigen Zeitgeistes.

Nachsatz: Mein Routenplaner verheißt 2327 Kilometer von zu Hause bis Syrakus, 23 Stunden mit dem Auto, 5 Tage mit Fahrrad und 16 Tage zu Fuß, die Route führt über den Brenner. Seume ist über Prag, Ljubljana, Triest spaziert…

Die langen Schatten der Fußgänger

Ironie liegt mir nicht…

…wollte ich eigentlich schreiben.

Aber so ganz stimmt das auch nicht. Doch von vorn.

Ausgelöst wurde das neuerliche Nachdenken darüber durch die „Allesstillegen“-Aktion der Schauspieler. Sie haben es ganz schön krachen lassen, am meisten unter den MItmenschen. Jetzt habe ich mal angefangen, mir etwas mehr davon anzuhören. Irgendwie ist das Kunst, was da serviert wird. Auch irgendwie witzig. Meist ironisch, auch sarkastisch. Stimmen aus dem Air, dass seit einem Jahr zwangsweise lahmgelegt wurde, aus Regionen der Kultur, der Kunst, der Kleinkunst. Zu letzterer zählen, glaube ich, Kabarettisten. In dieses Metier passen die Trailer ganz gut. Ich gehe eher selten ins Kabarett. Ich kann mich an intelligentem Wortwitz, an Zuspitzungen freuen. Manchmal sind da auch Aha-Erlebnisse, also Erkenntnisse dabei. Eher ist es für mich die Chance, richtig laut und aus voller Kehle zu lachen. Das klappt bei gekonntem Klamauk, Situationskomik…und ich glaube auch bei manchen Kabarettisten. Tendenziell solchen, die das Wohlwollen mit der Welt trotz bissiger Satire trotzdem noch vermitteln.

Im Alltag passiert lauthals Lachen sehr selten. Leider.

Aber ich gehe auch längst nicht mehr häufig ins Kabaret, eher sehr selten… Weil ?

Ich suche Antworten auf das, was mir in der Welt und auf das, was mir um mich herum begegnet. Keine fertigen Antworten, sondern Anregungen zum Weiterdenken. Da sind mir persönlich Ironie und Sarkasmus selten hilfreich. Ich möchte wissen, was Sie oder Er wirklich meinen. Ich möchte in dem Moment nicht Nachdenken, ob das jetzt 1 zu 1 gemeint war oder ironisch-sarkastisch. Wahrscheinlich habe ich an dieser Stelle eine blinde Stelle, eine Unfähigkeit, die ich nach einigen Lebensjahrzehnten nicht mehr eliminieren kann. Soweit so…na ja. Gut eben nicht.

Aber: Ich ahne langsam, was mich der „Allesdichtmachen“-Aktion nicht so zugeneigt gemacht hat. Ohne ängstlich zu sein, habe ich Angst vor denen, die da ohne Masken mal volksfesthaft, aber zunehmend agressiv in Erscheinung treten. Zunehmend leider nicht mehr nur verbal. Die verdeckte kleine Chance, das alles als Gesprächsangebot zu betrachten, verschwindet für mich durch zunehmend demonstrierte physische Gewalt und Aggression. Nein, es sind prozentual zur Gesamtbevölkerung nicht viele, aber sie sind laut. Und weil es so schwer ist derzeit, das ganze vielfältige Unbehagen auszuhalten und in Worte zu fassen, sind alle diese Demonstrationen ein befreiendes Ventil für so viele. Auch die Aktion der 50 Schauspieler, die ich respektiere, wirkt so.

Doch ich glaube, es führt in die falsche Richtung, weil es leider die stärkt, die mir wirklich Angst machen. Das sind, so sehe ich es, durchaus die, die das Potential geschaffen haben, das einst ein 1933 möglich gemacht hat. Sorry, das war drastisch.

Bitte lasst uns Antworten finden, die beweisen, dass in 2021 ein neues Potential da ist, das andere Prozesse befördert und möglich macht.

Politik ist fehlbar, wie wir alle fehlbar sind. Doch bitte übt konstruktive Kritik! Immer! Die Pandemie hat viele unserer Mankos sichtbar gemacht, die großen und die kleinen. Das wäre dann der sogenannte Krankheitsgewinn.

Es könnte ja sein, dass wir in zehn, zwanzig Jahren in einer viel friedlicheren Umwelt leben, in einer Welt, die aufatmet, weil einer an den anderen denkt. Und alles Gute seinen Platz und Raum hat.

War das jetzt Sarkasmus, Ironie oder naiver Idealismus…???

Bitte selbst entscheiden!!!

Diese Karte von Visual-Statments hatte es mir vor langer Zeit angetan. Eigentlich wollte ich sie weitergeben, doch sie wandert von einem Stapel zum anderen, nur nicht in die Ablage…

Randbemerkungen 3

Der Baum. Da steht er. Stark, unabhängig, in den Himmel wachsend. Im tiefsten Innern aber sehr sensibel und verletzbar.

Dann aber umringen ihn die Kastanie, die Birke, die Esche, die Eiche, die Espe, die Weide, die Ulme, die Akazie… Allesamt weiblichen Geschlechts: DIE. Der Ahorn tanzt aus der Reihe. Aber ansonsten, auch geografisch ein wenig weiter geschaut – die Palme -, bleibt’s beim die.

Ein „der“, das die Vielfalt und Schönheit der „die“ vereint? Schützt? Über ihnen steht? Oder was bitte…?

Die Baum klingt komisch. Doch im Plural ist das DIE auch an dieser Stelle präsent: Die Bäume.

Sprachphänomene. Und nur so eine Randbemerkung zum Beginn der Woche, die etwas mehr Sonnenschein und immer noch zu viel Kälte verheißt.

Die Platane, uralt und geheimnisvoll

Verführt, verlockt, verraten

Es ist simpler als es klingt. Die Frühlings-Sonnenstrahlen locken, verführen…endlich! Und ich bin gnadenlos verraten. Knallrote Augen, das Gehirn upside down und gleichzeitig im Narkosezustand. Die uralten Platanen vorm Fenster haben es mir sozusagen mit dem Holzhammer gegeben. Zarte Pollen mit großer und weiter Streukraft haben mich in diesen Zustand versetzt. Einem Zustand, der einem gekonnt gesetzten Knockout entspricht. Nicht schlecht. Ich spreche von Heuschnupfen, Allergie.

So heißt die bescheuerte Angelegenheit, mit der ich mich mein Leben lang auseinandersetzen muß. Kleine Chemiekeulen helfen. Das Theater wird aushaltbar. Aber wehe, ein Viertelstündchen zu spät geschluckt, beginnt der Spuk von Neuem. Und das über Wochen und Monate. Jedes Jahr. Die Wiesenblumen lösen die Platanen ab. Dann folgen bald Roggen und Co.

Ich bin bockig. Ich will mich von Frau Natura nicht ausgrenzen lassen. Denn ich liebe sie: die wunderschönen Platanen mit ihren verwunschenen Stämmen, die berückenden Blumenwiesen, die mächtigen Getreidefelder. Ich liebe ihre Schönheit, ihre rätselhafte Zauberkraft, ihre Unbezwingbarkeit. Ihre Farben.

Aber mein Immunsystem spielt verrückt, kämpft mit denen, die ich gern zu Freunden hätte. Was ist das? Fängt das Wesen des Menschen vielleicht irgendwann immer an, das zu bekämpfen, was es zu sehr liebt? Warum? Um sich zu schützen vor dem Ausgeliefertsein, das jede große Liebe mit sich bringt? Ist es ein Zwang, eigene Grenzen zeigen zu müssen? Dummerweise halten genau diese Kräfte mich selbst nieder. Und nehmen mir damit etwas Wichtiges.

Es gab für mich mal eine kurze krankheitsbedingte Pause von diesem Dilemma. Wie habe ich es genossen, auf einer Sommerwiese zu liegen!!! Es war ein unglaubliches Gefühl, eine Kostbarkeit. Ob ich es genauso intensiv erlebt hätte, ohne den sonst üblichen Zwangsentzug? Einen Zwangsentzug, den auch Medikamente nicht wirklich verhindern können.

Oder auch andersherum: Braucht der Mensch den Verzicht, um genießen und schätzen zu können, um dankbar zu sein für das, was ihm geschenkt wird.

Ich wollte mal die aktuelle Situation einfach nicht beachten, aber irgendwie passt es nun doch gerade wieder. Ich glaube unser Dasein hat klare geometrische Formen und Linien – doch drunter und drüber liegt das Chaos, menschengemacht…menschengerecht?

Platanen, uralt und geheimnisvoll

Nachtrag zu „Unpolitisch“

Beim Gehen lässt es sich gut NACHdenken. Ich stolpere über meinen Satz von jüngst, dass auch das Wort Demokratie zur Worthülse, zum Skelett verkommen ist. Und muss feststellen: Nein, ganz so ist es nicht. Beim Blick kreuz und quer über den Globus, muss ich mich korrigieren. Was dieses Deutschland da an Demokratie zustande bringt, das ist eigentlich doch eine ganze Menge. Eventuell das heute real Mögliche und Machbare. So gesehen und im Vergleich ist das ganz schön viel. Ich kann ganz gut das Alltags-Gerempel beiseite lassen. Aber natürlich kommt noch das große ABER.

Es gäbe schon noch Möglichkeiten, die meinen, durchaus auch utopischen, Demokratiebegriff nähren könnten. Da wäre die Möglichkeit von Volksentscheiden zu Themen, die allen am Herzen oder auch im Magen liegen. Und da wäre das Grundeinkommen für jeden Bürger dieses Landes. Beides hat die Dimension von Freiheit, von Freiheit die dem (altgriechischen) Demos, dem Volk ein Mehr an Kreativität ermöglichen könnte. Ich bin überzeugt, dass schon in diesen Projekten ungeahnte Möglichkeiten stecken. Beides wäre heute schon machbar, nachgewiesenermaßen. Und könnte ein Nährboden für Visionäres sein, was mir so sehr fehlt in der großen Politik. Die verhaspelt sich ständig im alltäglichen Kleinklein und verliert dabei den Weg aus dem Blick. Und so etwas wie das verlockende Licht am Ende eines schönen frühlingshaften Waldweges. Auch da weiß ich nicht, ob es nur ein Verwirrspiel oder eine segensvolle gleißende Lichtung ist…

Unpolitisch

Im tiefsten Inneren bin ich unpoltisch. Habe ich wahrscheinlich schon mal geschrieben. In ruhigen Zeiten lässt es sich damit leben. Aber wir haben keine ruhigen Zeiten. Wenn ich anfange nachzudenken, stecke ich stets und ständig im abgründigsten Schlamassel. Und versuche mich zu sortieren.

Erstens: Bin ich zutiefst dankbar, dass es Menschen gibt, die Politik machen wollen, können, die es versuchen. Der Satz ist Eins zu Eins gemeint. Nicht ironisch, nicht zynisch.

Zweitens: Wir brauchen (noch?) ein Regulativ, das das Zusammenleben großer Menschengruppen ermöglicht. Sonst hätten wir wie einst Stammeskriege in kleinsten und größten Gruppierungen auf der Alltagsliste. Köpfe einschlagen mag ich überhaupt nicht. Verbal schon eher, das könnte in Grenzen produktiv sein, wenn eine Kultur dahintersteht, die das Erlösende ermöglicht.

Drittens: Bilden wir uns nicht zu viel auf unsere Kultur- und Menschlichkeits-Fähigkeit ein? Ich glaube, wir sind immer noch „blutige“ Anfänger. Das sich einzugestehen könnte hilfreich sein. Auch Politiker sind, so gesehen, ziemlich normale Menschen. Leider wird zu oft Übermenschliches von ihnen verlangt.

Viertens: Ich ertrage das Parteiengerangel schon lange nicht mehr. Sollten nicht immer wieder Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen und Fähigkeiten zusammenfinden, um die augenblicklich beste Lösung für ein Problem zu finden?

Fünftens: Ich wünsche mir zutiefst Weitblick, Kreativität samt einem zurück gestellten Ego, um die Gegenwart zu gestalten, so daß die Zukunft erkennbar wird. Viele Begriffe, auch Demokratie, sind für mich inzwischen zur Worthülse verkommen – …wenn sie das nicht schon immer war. Alle müssen mitreden dürfen, wenn sie können. Wenn das nicht konstruktiv geschieht, sollte es einfach im Raum stehen bleiben dürfen. Nicht mehr und nicht weniger.

Sechstens: Ernsthaft, ich wünsche mir einen weisen König, einen Weisen, der all das mit Draufsicht ein wenig hält und stets lebendig ein wenig korrigiert, erkannte und unerkannte Knoten löst.

*Die Gender-Schreibe ist mir zu umständlich. Also: Ein weises Wesen, das dazu fähig ist.

Das tollste Fachwissen taugt nichts, wenn es nicht umfassend nach allen Richtungen vernetzt wird.

Wer bessere Ideen hat, schreibe mir……….Die gibt es bestimmt. Mir scheint alles gegenwärtig alles verfahren, hoffnunglos festgefahren.

So oder so oder wie … ? Anleihen bei den Alten (Alte Nationalgalerie Berlin)

Randbemerkungen 2

Das Älterwerden – auch schon in sehr jungen Jahren – bringt manchmal Verblüffendes mit sich. Beachtliche acht Jahre feierte das Kind jüngst sein lebensfrohes Dasein. Und es besteht auf Traditionen. Die heißen zum Beispiel Gummibären-Torte. Eine große und eine kleine. So muß es sein, wenn es auch schon längst nicht mehr um lukullische Höhepunkte geht.

Tradition ist auch, dass die Großmutter die Geburtstagsnacht bei ihr verbringt . Auch dieses Ritual wird nach wie vor mit Vehemenz eingefordert.

Während alle noch schlafen kommt das strahlende Geburtstagskind ins Zimmer gehüpft. Oma, du bist heute nicht die Erste, die mir gratuliert. Ich rate: Der Bruder, die Lieblingspuppe….

„Ich habe heute mir selber zuerst gratuliert!!!“, ruft die stolze Achtjährige vergnügt.

Verblüfft lache ich mit ihr und nehme sie in den Arm. Irgendwie ist das genial, denke ich mir. Wenn sie diese Lösung verinnerlicht, könnte sich manch künftiges Lebensproblem schon etwas entspannen lassen. So in etwa: Sich selbst öfter mal in den Arm nehmen, wenn es gerade kein anderer tut. Oder generell: Ich wünsche mir etwas und sorge erst einmal selbst für das, was ich mir wünsche. So gut es eben geht.

Und manchmal könnte das ja auch schon reichen.

Randbemerkungen 1

Plötzlich stehen Sätze im Raum, die haben es in sich und sollten aufgehoben zu werden.

Jüngst mit der Achtjährigen unter den Linden unterwegs. Beim überdimensionalen Alten Fritz wird eine Betrachtungspause eingefordert. Wir umrunden das Denkmal. Der Sockel bringt sie ins Grübeln. Was sind das für Männer?

Die Fürsten, die dem König gedient haben. Noch eine Sockelrunde: Und wo sind die Frauen?

Im Erwachsenen-Deutsch kommt mein Satz: Das ist eine Frage, die auch heute noch aktuell ist.

Derweil schaut das Kind auf das neu errichtete Schloss. Haben darin auch Prinzessinnen gewohnt?

Die Welt ist eben ziemlich schwer zu verstehen…

Leidenschaften

Im diesem Wort steckt etwas Tückisches, wenn ich es zerpflücke. Leiden, schaffen und schaf(f)t, Leidenschaft. Merkwürdig, da ja eigentlich große Gefühle gemeint sind.

Unsere schöne deutsche Sprache.

Genauer hingeschaut finde ich, dass so ungeheuer viel Wahrheit drinsteckt. Viel mehr als uns wahrscheinlich im alltäglichen Sprachgebrauch bewusst wird. Wir sind leidenschaftliche Sportler, Sänger, Tänzer, Lesende… – Liebende.

Wir folgen unserer Leidenschaft mit viel Freude und einem Gefühl des unwiderstehlich Hingezogenseins. Durchaus auch mit Abhängigkeitstendenzen, die sich partiell unseres Willens entziehen. Wenn dann kein Raum und keine Resonanz für unsere Leidenschaft da ist, beginnen wir tatsächlich zu leiden.

Ein widersprüchliches Sprachgebilde ist diese Leidenschaft. Aber auch ein Hinweis auf die Tücke der selbstwaltenden Gefühle. So scheint es mir. Unsere Gefühle lieben wir, wir kultivieren sie, verlassen uns auf unser Bauchgefühl...und lassen uns stets und ständig von ihnen überwältigen. Im Guten wie im Schlechten.

Ich bin zunehmend geneigt, ein Warnschild aufzustellen: „Vorsicht Gefühle!“. Weil… ja weil sie vielleicht Urgewalten sind. Einem Orkan, wie erst Vorgestern auf Berlins Straßen, setze ich mich ja auch nicht ungeschützt und freiwillig aus. Mal abgesehen davon, daß ihm ein riesiger wunderschöner Regenbogen folgte.

Freilich, Gefühle haben auch die andere Seite, das Zarte und Sentimentale, die stille Leidenschaft. Diese wandelt womöglich am anderen Abgrund. An dem der eigenen, nicht gut überschaubaren Untiefen.

Das Schöne an der Leidenschaft ist andererseits, das ich mich mit etwas mit Haut und Haar verbinde, es mit allen Fasern lebe. Doch genau dort beginnt die Gefahrenzone, in der mich schnell selbst verlieren kann, mir die Zügel entgleiten.

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich eine anderes Thema schon lange: Krankheit, Sterben, Tod. All das ist in unserer Welt extrem gefühlsdominiert. Ich frage mich: Ist in diesen Bereichen neben der „wilden“ Gefühlswelt nicht auch noch etwas anderes wichtig? Zum Beispiel unsere ordnenden Gedanken, Kampfeswille, wenn es sinnvoll erscheint… Welche Art von Gefühlen entstehen, wenn ich mir in einem Krankheits- oder auch Sterbeprozess über das Schöne in meinem bisher gelebten Leben klar werde und Dankbarkeit dafür entsteht. Mir scheint, dass das ganz andere Gefühle sind – gegründete. Solche, die über mein leidendes Ego hinausgehen. Keine Leiden-Schaften, sondern eine tief empfundene Freude.

Schöne Aussichten