Randbemerkungen 12

Die Taliban rücken vor in Richtung Kabul. Die Welt kapituliert. Einerseits nüchterne Nachrichten. Andererseits werden die Truppen abgezogen, die Frieden stiften sollten. Sind wir dieser in eines Gottes Namen mordenden Bande ausgeliefert? Nur noch Ohnmacht? Und der IS, der längst in Europa sein Unwesen treibt… Eigentlich können wir all das nicht von uns fern halten.

Bleibt uns wirklich nur die Ohnmacht?

Wie könnte dieses endlose Morden und Verjagen und Foltern auf der Welt endlich und ein für alle Mal beendet werden? Es geht nicht um eine Handvoll Verrückte überall in der Welt. Denn sie haben, weil sie Macht wollen, statt friedliches Miteinander, eine unglaubliche Macht über uns.

All das schreit nicht nach Besiegen, was ja auch wieder Morden heißen würde, sondern nach Verwandeln. Doch wie diese Energien verwandeln? Ist der Mensch von Grund auf böse? Dann steht’s schlecht um die Antwort. Oder ist er vielleicht doch gut, oder Beides? Dieser Zipfel „Gut“ müsste doch aktiviert werden können. Aber wie? Was braucht es dazu? Und NICHT die Frage: Was braucht es zum Siegen?

Wer nicht gewinnen will, will etwas anderes. Einfach friedlich leben vielleicht… Da gäbe es schon genug zu tun.

Ich verstehe Präsident Biden, wenn er sagt, dass es die Aufgabe der Afgahnen ist, die Taliban zu verdrängen. Doch ihre Chancen stehen schlecht. So, wie wir alle auf der Hut sein müssen.

Brauchen wir die Natur, als einzige, die noch in der Lage ist, uns Einhalt zu gebieten? Vor ihr sind wir alle gleich. Die allmächtige Natur – und das ist sie – wäre immerhin eine neutrale Macht.

Eine Chance gegen die Ohnmacht.

Das war nun doch mehr als eine Randbemerkung.

Randbemerkungen 11

Während mich die Gedanken an die Völkerschlacht bei Leipzig einholen, feiert meine Tochter heute ihren Geburtstag. Das Wunschkind, das in einer warmen Sommernacht blitzschnell zur Welt kam. Sie erlebt das Glück der Alltagskämpfe.

Ich glaube, dass es wirklich Glück ist, wenn wir uns im gewöhnlichen Alltag abarbeiten dürfen und daran wachsen. Mehr Mensch werden im Sinne der zwölf Tugenden: Starkmut durch Zucht, Reinheit (Wahrhaftigkeit), Milde (Güte), Treue, Das rechte Maß, Sorge, Scham (im Sinne aufbauender Selbstkritik), Bescheidenheit (im Sinne von Mein Schicksal annehmen), Stetigkeit (Ausdauer), Demut, Geduld und Minne (im Sinne der selbstlosen Liebe, die nichts für sich will).

Ich liebe in diesem Kontext immer noch die Kraft der mittelalterlichen Begrifflichkeit.

Herzlichen Glückwunsch liebe Tochter!

Nur Grauen! Nur Grauen?

Grausam, was gerade wieder in Afghanistan passiert. Ich muss an die junge Frau denken, der ich vor 30 Jahren bei ihrer Diplomarbeit geholfen habe. Jung, schön – unverhüllt, was damals auch in Afghanistan noch möglich war. Sie ging zurück in ihr Land, zuversichtlich in die Zukunft schauend. Nur wenig später war wieder alles anders. Durch die Zeitungen ging die Nachricht, dass einer jungen Frau in Kabul auf offener Straße die Beine abgehackt wurden. Der Rock war zu kurz. Jetzt nehmen die Taliban die Stadt wieder ein. „Meine“ Studentin, ich erinnere mich leider nicht an ihren Namen, was ist aus ihr und ihren Kommilitonen geworden. Sie könnte Mutter und inzwischen auch Großmutter sein. Bangt sie jetzt, voller Angst um ihre Familie, die Kinder, die Enkel, um die nackte Existenz? Wie hat sie wohl als moderne junge Frau damals den Wandel in ihrem Land überstanden – überlebt? Ich versuche, es mir vorzustellen. Ich wage nicht zu Ende zu denken…

Krieg ist keine Naturgewalt. Trotzdem, sind wir vernunftbegabten Menschen nicht in der Lage, das gegenseitige Töten einzustellen. Gemordet wird für das Vaterland, für den Glauben, aus Lust – auch das. Das Morden hört weltweit nicht auf. Krieg ist Mord, nichts anderes.

Ich sehe mich noch im Studentenwohnheim. Vielleicht zehn junge Menschen aus Afghanistan. Eine Tafel voller exotischer Speisen. Lärm, Gelächter, Übermut. Ich bin eingeladen, mit ihnen den Abschluß zu feiern…

Die Bilder erzeugen eine Gänsehaut.

Wie jüngst auch der Besuch des Leipziger Völkerschlachtdenkmals mit der achtjährigen Enkeltochter. Früher war es fast ein Glaubensbekenntnis, ob man den grauen Koloss mochte oder nicht. Die Geschichte dahinter war bekannt, aber weit weg. Das Denkmal einfach Alltag, auch heute fühlt sich mancher abgestoßen. Die Fragen von L., warum da ein Krieg war und weshalb, die haben mich in diesen Tagen ziemlich aufgewühlt. Einfach nicht fassbar: Um die 500000 Menschen starben damals 1813 auf den Schlachtfeldern vor den Toren Leipzigs. Freiwillig für die Nation in den Krieg gezogen, unfreiwillig aus ihrem Alltag herausgerissen, die meisten. Das Elend zog in die ganze Region ein.

1813, die bis dahin größte Feldschlacht der Geschichte.

1913, genau 100 Jahre später, wird das Denkmal eingeweiht. Ein Jahr später beginnt der 1. Weltkrieg, das Massensterben erreicht die nächstgrößere Dimension. Auch das hat nicht gereicht, um den 2. Weltkrieg und ein noch größeres Morden zu verhindern. Heute passiert das Grauen für uns nicht so hautnah. Ich bin so froh darüber. Und trotzdem bedrängt das Grauen da draußen in der anderen Welt mich. Ohnmacht.

Ich frage mich: Wozu ist so ein Denkmal gut?

Die meisten um uns herum bestaunten an diesem milden Sommertag die Architektur. Touristen vor allem, die in Paris den Eifelturm erklimmen und in Berlin am Brandenburger Tor Selfies machen. In Leipzig sind es dann eben die fast zehn Meter hohen gigantischen Ritterfiguren in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals.

Meine Ängste dort hatten eher mit Schwindel und Höhenangst zu tun. Das flaue Gefühl kam aber nicht nur von dorther. Es hatte mit Ohnmacht, Fassungslosigkeit zu tun. Diese Schlacht ist für mich nicht weit, weit weg. Geschichte zu erinnern ist so unerhört wichtig, aber nicht als Fakten- und Zahlensammelsurium. Geschichte muss aus und in der Gegenwart gedacht werden – und auch erlebt. Dann würde der graue Koloss vielleicht seine Geschichte uns immer lauter entgegenrufen…aufrütteln.

Das Kind fragt „Warum?“. Warum so ein Krieg, und will nicht glauben, dass einst Amputationen ohne Betäubung stattfanden. „Wirklich?“

Lapidar meine Antwort: „Es ging um Macht.“ Und ein verzweifeltes Schulterzucken.

Ich weiß keine Antwort…

Das Kind genießt inzwischen sein Eis – zurück in seiner heilen Welt.

Randbemerkungen 10

Viertel nach Neun. Es dämmert. Schon. Der Sommer soll sich noch nicht davon machen. Bitte!!! Die Dunkelheit, die Kälte, das Eingeschlossensein haben jüngst zu lange gedauert.

Können wir mit Delta nicht weiter leben… Einfach leben. Mit aller Vorsicht.

Die Dunkelheit und die Kälte kann ich nicht verhindern. Aber dann braucht meine Seele Bilder, im Kino, in der Galerie, Musik live und das alles.

Mein Geist auch.

Komm lieber XYZ – oder wer auch immer – und mache das Leben wieder freier…

Oder haben wir alle noch nicht genügend dazu gelernt???

Mal wieder der Faust

Ich werde IHN nie in- und auswendig kennen. Wenn das überhaupt geht. Ich werde IHN immer wieder neu erleben. Und Neues entdecken. Ich spreche von Faust 1 und 2, meist auf der Großen Bühne des Goetheanum. Goethes großes Alterswerk besitzt die Fähigkeit, sich zu verjüngen. Während ich älter werde. Ein spannender Prozess ist das, der immer mit der Frage verbunden ist, was die Welt nun wirklich im Innersten zusammen hält …und was mich. Ich fühle mich auf dem Prüfstand und erlebe inneres Chaos und einen aufblitzenden Ruhepol in mir.

Doch dieses Jahr war manches doch noch anders. Ich habe mich wie immer auf den Prolog im Himmel gefreut, auf Ariels Wirken, auf die tröstliche Schlußsequenz. Doch diese ist mir just abhanden gekommen. „Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen.“ Ich hatte aber auch durchgehend Probleme mit der Akustik. Vielleicht haben mich an diesen drei Tagen gerade deshalb die Bilder so gefesselt. Unglaubliche Farbgemälde, die die Geschichte eigenständig erzählt haben. Manchmal erlebte ich überdimensionale Rothko-Bilder vor denen, nein mit denen gesteigert, sich die Hauptakteure wie Schatten bewegen. Manchmal explodiert ein Farbenzauber aus Licht, Eurhytmie und den fließenden Gewändern, er gerinnt zum Gemälde, löst sich wieder auf. Doch alles geschieht in und mit der Geschichte, die erzählt wird, befördert sie und entzieht sich völlig der Gefahr des Sich-Verselbständigens. Auch die Kostüme, weder historisierend, noch futuristisch, folgen allein der Intuition dieses Menschheitsdramas.

Es ist die Idee des Irdischen, dass sich mit dem Geistigen verbindet und das Geistige, das dem Irdischen nicht ausweichen will. Erstmals habe ich dank der Bilder dieser Inszenierung so deutlich erlebt, wie dieses unausweichliche Verwobensein beständig passiert. Passieren muß.

Sind Bilder eigentlich eher Gedanken oder Gefühle?, frage ich mich. Sicher bin ich mir da überhaupt nicht. Aber vielleicht können sie, so verwoben, den Balanceakt eines möglichen Gleichgewichts herstellen. Schließlich zeigt die Helena-Geschichte doch allzu deutlich die Grenzen des Möglichen auf. Immer dann wenn es um Schönheit geht. Gretchens innere und äußere irdische Schönheit dagegen rüttelt auf – bis zur eigenen Verzweiflung.

Diese drei Sommertage haben all das, so ungefähr, in der Art in mir bewirkt. Ganz schön viel, finde ich.

Ein Bild aus der aktuellen Faustinszenierung am Goetheanum
Die Idylle vor dem Tor und drin die große Bühne

Randbemerkungen 10

Zurückerobert. Mein Zimmer. Zwei Abende hat’s gedauert. Playmobil ist besiegt. Bis auf kleine Reste im Puppenhaus mit Duldungserlaubnis. Der Rest verbannt in Kisten und Unterbett-Kommoden.

Vier Wochen gehört mein Reich wieder mir. Urlaub von den playmobilsüchtigen Enkelkindern. Expansion ist gar kein Wort für das, was sich in den letzten Wochen ereignet hat. Aus einer Familie wurden etwa fünf in mehr oder weniger improvisierten Behausungen. Unendlich viele Kinder. Irgendwann habe ich die Namensgebung ignoriert. Unmöglich, mir alle über drei, vier Tage zu merken. Ich hoffe, dass es sich nicht um beginnende Demenz handelt.

Und dann immer wieder die bohrenden Fragen: „Und jetzt? Was macht Deine Familie? Ich habe gerade geklingelt, keiner macht auf!“ Davon stehlen unmöglich. Doch: „Ich koche uns jetzt etwas!“ Eine Minute später in der Küche: „Spielen wir, dass du meine Freundin bist?“ „Ja klar.“ „Klinglingkling“ „Ach, wer kommt denn jetzt…“ Das Kind reist an mit Babytrage und Zubehör und erzählt von ihrem Bauernhof und gefühlt 100 Kindern.

Das nächste Lieblingsspiel beginnt. Später müssen wir noch unsere imaginären Hunde ausführen. Meiner heißt seit Jahren Mopsi. Das kann ich mir gerade noch merken.

Ich liebe Playmobil. Ich kanns nun zu meiner in endloser Ferne liegenden Kindheit mit drei Puppen und einem großen Bausteinkasten hinzu addieren. Den größten Spaß macht es mir, für die kleinen bunten, sehr beweglichen Wesen Charaktere zu erfinden. Mein Liebling ist Rotkäppchen, ein kleines nettes Mädchen, das sein rotes Kopftuch liebt und manchmal auch ein bißchen wild ist.

Alle biologisch wertvollen Holzmöbel und Biegepuppen hat das Kind klammheimlich in eine große Plastiktüte verbannt, die ich erst Gestern entdeckt habe.

Mopsi, unten links, – ein Bild aus harmlosen Playmobiltagen als jeden Abend noch Verbannung möglich war…

Titelhelden aus der Ritterzeit

Das war Gestern spannender als ein Krimi. Aber, ich hätte den Titel gern durch Zwei geteilt. Dieses Elfmeter-Schießen – nach 110 Minuten völliger Verausgabung bei einem kräftezehrenden Spiel – war doch ein Glückspoker. Beide Mannschaften haben mich mit einem richtig guten Endspiel verwöhnt. Italien und nicht England – ich hätte es beiden gegönnt. Warum sind Siege so wichtig? Und was fasziniert mich eigentlich am Fußball? Wo ich doch Spiele bevorzuge, bei denen es nicht ums Gewinnen geht.

Als das Wembley-Stadion am Ende brodelte, da meinte der Reporter: Das ist es doch, diese Emotionen, die die Faszination des Fußballs ausmachen.

Für mich nicht. „Brot und Spiele“ fürs Volk, das gab es seit jeher. Ventile sozusagen.

Ich schaue sehr selten Fußballspiele, WM, EM – meist nur die eigene Mannschaft und eben dann auch mal ein Endspiel. Wenn’s guter Fußball ist und nicht verkrampft und holzig gespielt wird. Das finde ich dann auch ästhetisch schön. Der Kampf mit fairen Mitteln. Die gestählten Kämpfer, denen man ihr hartes Training ansieht. Solche athletische Figuren kommen nicht ungefähr. Wie sehr der Nationalstolz im Stadion ins Spiel kommt, auch das ist für mich okay. Wenns nicht in Chauvinismus ausartet…

Mir kommen aber beim Zusehen immer andere Gedanken: Ein Glück, dass kein Krieg auf dem berühmten Rasen geführt wird. Heute gibt es auch diese spielerische Möglichkeit, die eigenen Helden zu küren. Toll! Die neuen Helden rackern sich ab fürs Vaterland, sie müssen keinen Heldentod mehr sterben, jedenfalls nicht hier und jetzt. Wie gut, sollen sie doch auch ihre Denkmäler bekommen und ihren gerechten Lohn.

Als am Anfang, der Europa-Pokal ins Stadion getragen wird, muss ich an Gralsbilder denken. Der Heilige Gral. Er ist schon sichtbar, aber für keinen auf dem Spielfeld schon fassbar. Er muss erst verdient werden. Durch Leiden, Erkennen und Begreifen. Am Ende steht er wieder da: Leuchtend und wird von den Spielern geküsst. Der Gral das Symbol der Menschen-Liebe.

Parsifal erringt ihn, indem er nach langen Mühen, die richtige, die erlösende Frage stellen kann. „Was wirret dir Oheim?“, also, woran leidest du.

Bin ich jetzt noch beim Fußball oder bei den legendären Helden des frühen Mittelalters? In ihren Mythen ging es nicht vordergründig ums Siegen und um Stärke, sondern um Gerechtigkeit, darum dem Guten zu dienen. Kniefälle vor den Spielen, Regenbogenfahnen, die Umarmung des Gegners…da bekommt mein Bild-Erleben Nahrung. Nationen, die im friedlichen Spiel ihre Kräfte messen, so dass es sich gut zuschauen lässt.

Vielleicht könnte das Massenphänomen Fußball noch viel mehr für eine friedlichere Welt tun… Ein Glück, dass diese schon immer vorhandenen gewaltigen Energien im Stadion, sich in einem friedlichen Strom ausleben können. Und den „Gral-Pokal“ gibt es ja schon.

Fußball mal anders gedacht. Sind das die Heldenmythen des 21. Jahrhunderts?

Warum nicht!

Links: Der Gral wird präsentiert von Repanse de Schoye Rechts: Eder, ein derzeit arbeitsloser Fußballstar, bringt zum EM-Endspiel 2021 schreitend den Pokal ins Stadion

„Beuys hatte ich nicht nötig“

Auch so ein Satz. Er kommt ganz nebenbei, völlig uneitel. Einfach selbstverständlich.

Es geht um ein Lebenswerk, das einer Berliner Künstlerin. Eigentlich um ein Leben.

Sie erzählt, wie sie als Studentin in der Düsseldorfer Künstlerszene in bewegter Runde neben einem Mann mit Hut sitzt. Später erfährt sie, dass es Beuys war. Ich sage erkennend ‚Aha‘, weil ich glaube an die Wurzeln ihres Werkes geraten zu sein. In diesem Kontext kommt eben dann der zitierte Satz.

Installationen, Objektkunst, viel Gewebe: erst die Mullwindeln der Kinder als Gipsobjekt -Schöpfungen aus dem „Müttergettho“. Später überdimensionale Torfmöbel – „Torf-Mobilien“, mindestens in jedem Jahrzehnt eine neue Inspiration. Auch das Preußisch Blau, u.a. mit Kachelmotiven der Sacrower Heilandskirche, gehört dazu. Kacheln, die wundersame neuzeitliche Inschriften aushalten mussten. Da begann schon ihr nachwendliches ganzheitlich deutsches Leben in der Potsdamer Panzerhalle – einem Künstlerhaus mit neuartigen Begegnungen und Inspirationen.

Inzwischen passiert fast jedes Jahr etwas Neues. Irgendwie für mich die aktuelle Krönung: ein Zinksarg für ihr digitales Erbe „Sterben in der Cloud“. Der USB-Stick liegt drin. Material, Sprache, Idee werden auf verblüffende Weise eins. Überhaupt Sprache, sie gehört zu ihr und ihrem Werk – immer.

Silvia Klara Breitwieser kenne ich seit bald 20 Jahren. Ich dachte mal, dass sich mit zunehmenden Alter ihr energetisches Feuerwerk ein wenig bündelt. Aber auch mit der achten Null ist Ihre Kraft geblieben, wie gehabt. Vielleicht etwas fokussierter, jetzt geht es um ihr Lebenswerk – die „Hinterlassenschaften“. Die wollen geordnet und gebündelt werden – für die Nachwelt und die Nachkommen.

Ich blättere in ihrem gerade erschienen Lebensbuch. Katalog scheint mir nicht der richtige Name. Obwohl er zur Marburger Ausstellung im Herbst 2020 erschien, die stattfand und doch traurigerweise den Dornröschenschlaf der Coronazeit schlafen musste.

Und ich staune. Staune über all das, was da zusammen gekommen und oft erneut verblüffend ist. Die Vielfalt dieses Werkes entspricht ganz und gar der Vielfalt der Person, die allem und jedem gegenüber offen und gleichzeitig ganz bei sich ist.

Jüngst in der Ausstellung der Japanerin Yayoi Kusama erlebe ich Parallellen. Darin, wie sich gelebtes Leben Schritt um Schritt in Kunst verwandelt und ein Eigenleben beginnt. Da passt auch wieder Beuys dazu, über den gerade wieder soviel geschrieben wird. Der Zeitgeist soll weiterleben: Nichts ist zu profan, um sich übersteigert in Kunst zu verwandeln. Sozialer geht Kunst nicht.

S.K.B. und die Japanerin sind in etwa (nicht ganz, zehn Jahre Unterschied) eine Generation und auch vom Alter nicht so weit weg von Beuys. Naja, der ist 18 Jahre älter. Das sind die Jahrgänge 1921, 1929 und 1939. Zeiten, in denen die Welt wieder mal brutale Veränderungen erlebte. Aufbrüche folgten, analog in der Kunst. In Künstlern wie diesen lebt der suchende Geist, der der Zeit ihren Spiegel vorhält.

Washington fällt mir da auch noch ein: Die riesige Gabel mit den Spagetthis, die sich über mehrere Etagen der Museumshauswand ausbreiten.

Und: Marylin und die Tomatensuppendosen…

Installationen, Performance, Happenings… Kunst, die Lebensgefühl direkt transportiert und den Zeitgeist mitdiskutiert, ihn zwingen will – allerdings mit den spielerischen Mitteln der Kunst. Spiel, das ernst gemeint ist. Das ist der Moment, wo ich offenbar immer im tiefsten Inneren berührt bin.

Silvia Klara erlebe ich auf eine sehr heutige Art bodenständig. Sie webt. Alles, was ihr unter die Augen und Finger kommt, gerät zu einem Gewebe aus dem unsere Zeit gestrickt ist. Auch die Menschen, denen sie begegnet, ihr Lebensgewebe, werden zum Kunstobjekt – einst an einem runden Geburtstag präsentiert. Später folgten ihre Menschenbildnisse – ‚Fotografische Reliefs‘. Die Technik der Computer-Generation lässt grüßen. Plötzlich zeigen Alltagsfotos auf ganz besondere Weise Wesentliches. Ich bin fasziniert.

Verwundern, stolpern, mich drin, im Gewebe, verheddern, Grübeln, ein Aha! – so etwa geht es mir mit den Dingen in diesem Lebensbuch. Vordergründig scheint vieles sehr gedacht – am Ende bleibt ein zutiefst Atmosphärisches, das mir zuerst fassbar scheint und im nächsten Moment entwischt.

Unsere Zeit, diese Zeit – dieses Jetzt – hat es in sich. Der Sturm nach der verschlafenen Ruhe? Könnten wir nicht alle etwas spielerischer mit unserem Alltag umgehen. Künstlerischer, was ja doch viel mit Spiel zu tun hat. Das würde der Aggression die Zähne abschleifen und uns dem Frieden im Chaos der Unvereinbarkeiten möglicherweise etwas näher bringen.

Jeder Mensch ist ein Künstler. Das ist Beuys‘ vielzitiertes Credo. Er pflanzte bereits 1982 die erste von 7000 Eichen zur Kasseler Documenta. Es hat noch lange gedauert bis allerorten angefangen wurde, Bäume in großer Zahl zu pflanzen.

Sie – Silvia – hat ihn, Beuys wirklich nicht nötig, sie ist vom selben eigenständigen Geist gespeist, der der Zeit den Zahn aufbohrt und Menschen ist Gesicht sieht.

Ich bin gespannt, was S.K.B. noch so unter die Augen und die Hände gerät – am Ende bin ich sicher, dass ich wieder verblüfft sein werde. Und nachdenklich…

Visuelles aus dem Lebensbuch (kann bestellt werden)

Randbemerkungen 9

Verlangsamung klingt so schön und ist inzwischen in vieler Munde.

Ich erlebe diese Verlangsamung beim Gehen. Einfach gehen, statt rennen, fahren womit auch immer.

Natürlich habe ich gut reden: Ich muss nicht mehr Morgens pünktlich an meinem Arbeitsplatz sein. Nachmittags warten keine Kinder mehr auf mich. Ich kann ausschlafen, wenn nötig und mir meist die Zeit nehmen, die ICH brauche. Dafür bin ich dankbar. Sehr sogar, da ich das Gegenteil nur zu gut kenne.

Aber, jetzt kommt das große Aber: Es scheint wie ein Wahn zu sein das „Schnell-Sein-Müssen“. Rasende laute Motorboote auf dem Wasser. Langsam Radfahren ist fast unmöglich, da es hinter mir immer jemand eilig hat und ich Platz machen muss. Auf dem Gehweg, der eigentlichen Fussgängerdomäne, wird die nicht gegangene gerade Linie zur Gefahr. Radfahrer von hinten und seitlich, die weder klingeln noch bremsen und so für Schrecksekunden sorgen. Immer sportlich, selbst auf einem schmalen Wanderweg wäre ich mit Millimeter-Abstand fast umgefahren worden.

Dazu die E-Roller, die nur selten die Straße benutzen. Da bin ich allerdings sogar froh. Unsere Straßen taugen nicht dafür, ich möchte nicht ständig Unfallzeuge werden.

Ich glaube schon, dass es auch im hektischen Berufsalltag Verlangsamungschancen gibt. Wahrscheinlich braucht es Übung, um dahin zu kommen.

Schon, wenn ich selbst nicht mehr so oft Fahrzeuge benutze, sondern die öffentlichen Angebote ausreize.

Das Großartige daran ist: Ich gewinne Zeit zum Nachdenken, Schauen, Entdecken.

Solche Gewinne sollten eigentlich uns allen zu Gute kommen.

Fußabdrücke

Randbemerkungen 8

Ich komme nach Hause und finde mich in einem Hindernisparcour wieder: Gefühlte zehn Autos, diverse Bälle, Playmobil-Kleinteile auf 70 Quadratmeter gleichmäßig verteilt.. Meine letzte Energie verwende ich darauf, nicht zu stolpern. Um dann erschöpft ins Bett zu sinken. Das Aufräumen muss warten bis zum nächsten Morgen. Ungewöhnlich für mich, aber das sagt auch alles.

Ein langer Fast-Sommer-Sonnen-Wander-Badetag mit dem Vierjährigen liegt hinter mir. Schön wars und abenteuerlich.

Dem Mini gelang – noch nie erlebt – eine halbstündige Wald-Zusammenschrei-Aktion am frühen Morgen – nach der Mama. Die Erlösung brachten zwei Jogger, auch im reiferen Alter wie ich. Sie machten dem Kind absolut überzeugend klar, dass das nur ein Weg sei für Menschen, die rennen. Daraufhin verschwand Klein-F wie ein Kugelblitz. Auch die beiden Trainierten kamen nicht mehr hinterher. Als ich endlich als Letzte unten ankomme, sitzt das Kind vergnügt auf einem Baumstumpf und freut sich an den Schiffen auf der Havel. Alles vorbei und vergessen.

Die beiden Sportler warteten ebenso vergnügt auf mich. Und ich war erlöst. Der Rest Spätabends – siehe oben.