Wohlig wohnen

Wohlig und wohnen, zweimal der gleiche Wortstamm. Während wohlig ein gutes Gefühl umschreibt, geht es beim Wohnen ja erstmal um Existenzielles. Um den sicheren Ort, um das Dach über dem Kopf. Auch um einen Rückzugsort. Um einen geschützten Ort für alle Bedürfnisse.

Welch Glück, wenn einem das alles zur Verfügung steht! Selbstverständlichkeiten, über die wir oft nicht mehr nachdenken. Der Obdachlose unter der S-Brücke berührt. Macht hilflos…Die Euro, die in den Becher fallen sind wahrscheinlich nicht mehr als eine Überlebenschance. Ich freue mich über sein Gitarrenspiel. Welch Kraftakt muss das sein…Für mich ist es ein Wunder, dass er immer wieder spielt und mir damit auch noch eine Freude bereitet. Wahrscheinlich hat er trotz allem den INNEREN Schutzraum als letzte sichere Zuflucht. Diesen Ort kenne ich auch sehr gut. Der hat durchaus etwas mit realer Freiheit zu tun. Frei von allen äußeren Bedrängnissen.

Wohlig wird mir dabei nicht unbedingt.

Noch habe ich den sicheren Ort, eine schöne Wohnung, ein Geschenk des Himmels. Sie ist mir zur zweiten Haut geworden. Ein Teil von mir. Inzwischen auch auf irgendeine Weise ein Kunstwerk für mich.

Mein Innen und Außen verschmelzen an diesem Ort. Alles ist inzwischen stimmig. Es ist wie bei einem Bild, bei dem immer noch ein Pinselstrich und noch einer es zu dem werden lassen, was es am Ende ist.

Dem, der sehen will und sehen kann, zeigt mein Zuhause alles von mir. Genau genommen bin ich meist froh, dass nicht alle alles sehen. Meine Empfindlichkeiten und Verletzlichkeiten. Sie verschwinden meist unter meiner Ästhetik, in die ich gern andere einlade. Sie kann verwirren, konfrontieren, aber auch wohlfühlen lassen. Ich war schon oft verblüfft, wieviel oder wie wenig Empathie und Toleranz mir in solchen Begegnungen entgegen kommt.

Ich empfinde Wohligkeit an diesem Ort. Und freue mich, wenn das oft mit mir empfunden wird.

Wie dringend brauche ich ihn, diesen Ort! Ein ähnliches Gefühl erlebe ich in Bildergalerien, wenn dort Kunstwerke und Architektur zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Von diesen Orten kann ich nicht genug bekommen – jenseits von meinem persönlichen Schutzraum. Doch das ist schon ein neues Thema.

Wie groß ist eigentlich der Sprung vom Gitarre spielenden Obdachlosen zu den Tempeln der Kunst? Alles Eins, eine Welt…

Tiergarten

Spaetherbstlich ist’s im einstigen Jagdrevier der Majestäten. Ein bisschen Wildnis zwischen gepflegten Wegen. Statt der namensgebenden Tierwelt viel Menschliches. Zu den Wandelnden und Eilenden des Dezember des Jahres 2025 gesellen sich allerorten die Vorfahren.

Da ein Gedenkort für die brutal ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Mächtig-gewaltige Statuen verherrlichen wenig später die Freuden der Jagd.

Und schon leuchtet der von der Nachmittagssonne angestrahlte Goldengel der Siegessäule durch die Baumveteranen.

Ich versuche mir den beschaulichen Ort im Jagdgetuemmel vorzustellen. Ein bisschen beängstigend, wenn nicht die vertrauten Strassengeraeusche der Jetztzeit durch die kahle Baumkulisse dringen würden.

Dann ein eisernes Türchen, das wieder geschlossen werden soll, um die Wildkaninchen fern zuhalten. Immerhin gibt’s noch Kaninchen, wenn Rehe&Co schon nicht mehr vor Ort sind.

Nun wirds aber hell und Licht: Die liebliche Luise in mütterlicher Schoenheit überstrahlt das Rondell hinüber zu ihrem ebenfalls weißen Wilhelm.

Das war’s dann für diesen Dezembertag. Es gibt noch mehr versteinerte Dichter, Denker, Musiker zu entdecken. Das nächste Mal. Mir wird’s gerade zu viel mit der deutschen Geschichte.

Wenige Minuten später umarmt uns der Potsdamer Platz mit seinen winterlich vermummten 2025’er Gestalten. Wir waren einfach mal so ein bisschen auf Zeitreise, Zeitreisende.

In solchen Momenten ist Geschichte für mich tatsächlich nicht mehr nur Geschichte, sie geht mir buchstäblich unter die Haut. Das Gefühl, dass das alles ganz nah und noch lebendig ist, das bleibt für eine ganze Weile…

Sonntags Meditation

Anpassung. Aktiv oder passiv oder doch Widerstand? Widerstand passt besser zu mir, aber Anpassung kann ich auch. Leider oder Überlebenschance?

Mein Körper passt sich der Draussenwelt an. Undurchschaubares Chaos. Spiegelt sich wieder mal das Große Ganze im Mikrokosmos? Was will mir der Spiegel sagen? “Es ist halt so, nimm’s hin!” oder “Chaos ist die Chance für Neugeburt”…

Am 3. Advent

Magie in Berlin

Ich war so glücklich, bevor mal wieder die wilde Achterbahnfahrt begann. Doch wer weiß wozu die Turbobahn gut ist.

Aber, das Glück ist nachhaltig und noch immer abrufbar.

Mein Verhältnis zu Musik ist sicher sehr speziell. Und ganz besonders das zur Klassik. Denn da sind es an erster Stelle die Dirigenten, die mich begeistern. Der Dirigent ist für mich eigentlich noch wichtiger als das Werk, das erklingt.

Sir Simon Rattle begeistert mich seit der ersten Begegnung in der Berliner Philharmonie. Eine Begeisterung, die über die Jahre wuchs und kein bißchen abnahm. Noch immer schade, dass er nicht mehr der Chef im Hause ist.

Für mich ist er ein Magier, der mit dem Orchester und dem Werk zaubert, so dass immer etwas Großartiges daraus wird. Ein Verschmelzen von Komposition, Musikern und Dirigenten zu etwas Einzigartigem, was weder Gefühl noch Ratio allein beschreiben können. Als Zuhörer und Zuschauer verschmelze ich rasch selbst mit dem Ganzen. Es lebe der Magier am Dirigentenpult!

Vor ein paar Tagen habe ich das weibliche Äquivalent erlebt, entdeckt. Und es war genauso großartig wie ein Rattle mit Mahler. Joana Mallwitz dirigierte Brahms 1. Sinfonie. Da stand eine vor innerer und äußerer Kraft strotzende Elfe am Dirigentenpult. Und ihre Heerscharen zauberten mit. Bannten alle in ihren magischen Kreis. Die gleiche Strahlkraft, die gleiche Intensität wie beim Magier Rattle. Nur eben mit weiblichem Potential. Ein wenig weicher, fast ein bißchen tänzerisch im Ausdruck, oft ganz stark verinnerlicht und schnell wieder den äußeren Bogen findend. Souverän in beiden Gesten. „Mein“ Magier“ hat seine Entsprechung gefunden die zaubernde Elfe.

Ich war so glücklich dabei gewesen zu sein, das hautnah erleben zu dürfen. Mit meinem Dirigenten-Tick natürlich von der Chorempore, von Angesicht zu Angesicht mit Dirigentin und Orchester.

Joana Mallwitz ist nun schon die zweite Saison Chefin des Konzerthausorchesters. So lange und mehrere Anlaeufe habe ich gebraucht, um sie erleben und entdecken zu dürfen.

Da war dann auch noch die Einführung: die Dirigentin persönlich am Flügel. Ich bin kein Fan von Einführungen, war aber einfach nur neugierig auf die nun schon nicht mehr ganz Neue. Was hätte ich verpasst, wenn ich mir treu geblieben wäre. Charmant, von einnehmender Natürlichkeit, plaudernd über Brahms sein Werk und sein Leben, hingebungsvoll Passagen spielend, war das eine Vorahnung von der Magie, die dann folgte. Schon diese halbe Stunde allein, wäre den Abend wert gewesen.

Noch ganz benommen von dem Erlebten, stehe ich später auf dem Gendarmenmarkt. Hinter mir das strahlende Konzerthaus, vor mir weiße Zeltspitzen mit leuchtenden Sternen, der Deutsche Dom von Farben verwandelt – ein paar Schritte weiter bin ich im Markttrubel samt einem bilderbuchvollkommenen riesigen Weihnachtsbaum. Das erste Mal wieder Weihnachtsmarkt auf dem angestammten Gendarmenmarkt. Lag es an meiner anhaltenden Verzauberung oder ist da wirklich etwas gelungen, was sich wie Weihnachtszauber anfühlt? Trotz vieler Menschen nicht hektisch laut, Stände zum gern hinschauen, kulinarische Verlockungen, berührt werden von lebendigen Engeln und majestätischen Stelzenläufern, dazu ein rundum gelungenes Ambiente. Wäre es nicht so gewesen, ich hätte schnellstens die Flucht ergriffen. Ich bin geblieben, ein Stündchen, so dankbar das alles nahezu vor der Haustür zu haben. Ein Abend und zweimal Berlin im Glück. Pathos muss auch mal sein.

Zwei Welten, die an diesem Abend zusammen fanden

Achterbahn

Das Leben ist eine Achterbahn. Oder fährt es mit mir Achterbahn? Ist ja auch egal. Seit dieser Woche spukt das Achterbahnbild nun endgültig in meinem Kopf herum.

Die Woche begann entspannt mit Backen, Päckchen packen und eben jene auf denn Weg bringen. Ich bin bis heute froh, dass ich inzwischen Zeit und Muse für solche aufwendigen Aktionen habe. Vor allem Muse.

Einen Tag später der Feldenkraiskurs. Nachdem fühle ich mich physisch und auch sonst immer neu sortiert. Also, in dem Sinne „Jetzt ist alles wieder an seinem Platz“. War auch so.

Doch am nächsten Morgen weiß ich vor Schmerzen nicht wie ich aus dem Bett kommen soll. Das erste Mal seit Jahren ist bei der Sortiererei offenbar etwas schief gegangen. Ich glaube der berühmte Hexenschuss fühlt sich so an.

Trotzdem schaffe ich es bis zum Schreibtisch, um einen längeren Brief zu schreiben, der mich seit Tagen beschäftigt. Es wurden fünf Seiten und ich bin erleichtert, das Gedankengewimmel nun sortiert auf dem Papier stehen zu haben.

Noch einen Tag später muss ich überlegen, ob ich den Weg bis zur Schwimmhalle im unveränderten Zustand schaffe. Die Hausmittel haben immer nur kurzzeitig geholfen. Mir gelingt es, irgendwie. Im Wasser sind die Schmerzen der letzten zwei Tag wie ausgelöscht. Ich bin glücklich und komme auch fast ohne Schmerzen wieder nach Hause. Und bin froh, dass ich meine Konzertkarte für den Abend, nicht verfallen lassen zu müssen. Was für ein Glück!

Noch buchstäblich berauscht vom letzten Abend, haben mich am nächsten Morgen die Schmerzen wieder fest im Griff. Ich schaffe es, Morgens um Sieben die Waschmaschine anzustellen und falle gerädert wieder ins Bett. Als ich endlich wieder auf die Beine komme, fließt ein Bächlein im Bad. Ich habe noch nicht ganz realisiert, was los ist, da klingelt es an der Wohnungstür. Bei der Nachbarin unten drunter tropft es von der Decke. Was zuerst tun? Natürlich den Hauptwasserhahn zudrehen. Die Hausverwaltung anrufen, die zuständige Kollegin ist nicht da und wird zurück rufen. Gleichzeitig klingelt es wieder an der Tür, das Wasser käme jetzt aus der Lampenfassung…Es ist Freitag, wie lange warte ich noch. Später kommt nur noch der Notdienst. Ich finde jemanden, der in kurzer Zeit kommen wird und bin erst mal erleichtert. Ahnungslos, wo das Problem liegt, bange ich, was sonst noch passieren könnte. Irgendwann meldet sich die Hausverwaltung und bestätigt mir, alles richtig gemacht zu haben. Es ist Nachmittag bis das verkalkt, verstopfte Rohr hochdruckgereinigt ist. Nur eine Wasserstelle bleibt mangels passender Ersatzteile gesperrt, das soll heute erledigt werden. Hoffentlich!

Die Rechnung ein Schock. Astronomisch vierstellig und zwangsweise sofort bezahlt. Ein Glück, dass die Dezemberrente schon überwiesen war. Nun bete ich, dass ich mein nicht vorhandenes Geld zurückbekomme …und die Schmerzen doch noch mal endgültig aufhören.

Um zur Achterbahn zurück zu kommen: Zuerst das langsame und auf luftige Höhe hochgezogen werden – voller freudiger Erwartung. Dann das rasante Auf und Ab mit viel Kribbeln im Bauch. Nun frage ich mich, ob ich in dieser Achterbahn saß, bei der die Bremsen nicht mehr funktionierten. Ist schon vorgekommen…

Trotzalledem: Ich bin bis heute kein Rummelfan, aber Achterbahnen habe ich immer geliebt.

Ich frage mich: Steht diese eine Woche für meine gesamte Lebenskurve? Oder überhaupt für Lebenskurven.

Allen eine fröhliche Achterbahnfahrt in den 1. Advent!

Phänomene

Mit Phänomenen ist das so eine Sache. In der Quintessenz geht es darum, etwas aus der augenblicklichen Wahrnehmung zu beschreiben. So objektiv wie nur möglich, was gar nicht so einfach ist. Denn letztlich nimmt ja doch ein individuelles Ich aus seiner Perspektive wahr. Und wenn es um Menschliches geht, wird schnell ein (unbeabsichtigtes) Urteilen gefühlt.

Es kann sich bei den Phänomenen durchaus auch um ein inneres Erlebnis handeln. Doch meist begegnen uns Phänomene eher im Außen: In der Natur, in unserer Umgebung, aber auch im gesellschaftlichen und sozialen Kontext.

Mich bringen Phänomene, einmal entdeckt, eher zum Staunen. So ungefähr: „Was geschieht denn da? Was spricht sich aus?“

Ich muss jetzt mal ein Erlebnis aus jüngster Zeit beschreiben. Ich bin mir sicher, schon mal irgendwann an dieser Stelle über unsere psychologisierte Gesellschaft geschrieben zu haben. Bei Gesprächsversuchen darüber bin ich stets ins Leere gelaufen oder habe massive Ablehnung erfahren. Im Sinne ‚Ist doch gut so‘ oder ‚Du übertreibst‘ oder ‘Wird Zeit, dass das Normalität geworden ist’.

Jetzt gelangte eine “Die Zeit“-Ausgabe der letzten Wochen auf meinen Tisch. Titelthema: „Haben denn alle ein Trauma?“ Spannend.

ZEHN TAGE SPÄTER , ICH MUSSTE MiTTENDRIN AUFHÖREN:

Das nächste Phänomen passiert. Das Thema hat mich selbst voll am Angelhaken.

Die allgegenwärtigen Traumata scheinen sich atmosphärisch zu verdichten.

In einer größeren Runde versuche ich ein Thema ins Gespräch zu bringen, dass mich selbst sehr beschäftigt. Aber eben nicht nur mich. Es ist ein Ost-Thema.* Mir gelingt es nicht, mich verständlich zu machen. Und schon habe ich zwei Plaketten am Hals mit der Aufschrift ‘Trauma’.

Ich glaube jetzt habe ich ‘In Echt’ ein Trauma-Trauma…

*Fortsetzung folgt

I‘m myself – Bin ich‘s?

An einem Sonntag im November 2025. Bevor ich die Halle betrete, geistert in meinem Kopf die Frage: Kann Krieg schön sein? Darf er das? Es sind die riesigen Tarnnetze aus der Ukraine, die mit ihren unzähligen eingeknüpften Stofffetzen zwei Seiten der Neuen Nationalgalerie bedecken. Von weitem fasziniert mich der Anblick, auch aus der Nähe. Immer neue Perspektiven mit einer Ästhetik, die ich mich anzieht. Doch wenn das Wissen dazu kommt und die reflektierten Gefühle, verknotet sich alles in mir. Diesen Anblick habe ich einem Krieg zu verdanken, der immer noch nicht beendet ist. Wenn es anders wäre, dann, ja dann, würde ich es als in Schönheit verwandelte kriegerische Perversion deuten. Wie oft tarnt sich das Schreckliche mit einem verführerischen Schleier…? Vielleicht so, irgendwie.

Mit diesen Gedanken finde ich mich unmittelbar im Getümmel des oberen Foyers der Galerie wieder. Jetzt bin ich wahrscheinlich auf der Suche nach der Zukunft in der Gegenwart „Festival of Future Nows“:

Roboterchen mit bunten Blättern bewegen sich am Boden vor einer großen Leinwand, darauf ein überlebensgroßer Elch oder ein weißer Hirsch, was weiß ich. Noch schmunzelnd stehe ich vor dem nächsten großen Bildschirm, darauf eine Schrift „I‘m myself“. Darüber sinnend erscheint vor mir ein brüchiges Baumhaus, das zu verkaufen ist, während hinter mir englischen Laute durchdringen. Ein junger Mann liest, um ihn herum entspannte Menschen, in Kissen liegend. Große Bilder an der Wand, Streifen, im verlaufenden Rot und Blau.

Im Weitergehen habe ich das Gefühl im Chaos zu versinken und immer mehr selbst Teil des Ganzen zu werden.

Ein andächtiger großer Kreis um einen Mann, der in stoischer Ruhe einem unendlichen Berg roter Luftballons Lebensluft einhaucht. Zur Freude der Kinder, doch die sind unglaublich still – stiller als die oft heftig redenden Menschen in der Halle. Um mich herum wird es etwas ruhiger, während mich ein riesiges elektronisches Spinnennetz umfängt. Ein Baum im Folienzelt, Laub und Moos auf dem Boden. Das alles endet in zu tausenden Teilchen zerfallenen Sicherheitsglas…Einen Ruhepunkt suchend bin ich wieder vor der Videowand…und warte vergeblich auf die Botschaft des Anfangs „I‘m myself“. Ich sitze auf einem Podest und vor mir wandeln Menschen jeden Alters – mit oft beeindruckenden Kopfbedeckungen. Ein gutgelaunter Grauhaariger schiebt seine schwerbehinderte Frau mehrmals im Rollstuhl vorbei. Zur Feier des Tages hat er ihr einen leuchtend rotorangen Seidenschal umgelegt. Im nächsten Moment krabbelt ein Gerade-noch-Baby vergnügt vor meine Füße und klettert aufs Sitzpodium, während eine Großfamilie mit erstaunlicher Gelassenheit durchs sich verdichtende Gewimmel schlendert. Kinder basteln an Schaltbrettern. Einiges Wackelndes und Blitzendes ist schon zu bestaunen. Sie alle sind gerade MYSELF, wahrscheinlich. Ich auch?

Zunehmend ruhesuchend schaue ich durch die riesigen Glasfronten nach draußen auf das vertraute Berlinpanorama. Der Richtkranz liegt zu Füßen des wachsenden neuen Kunstmuseums. Drinnen füllen auf einmal laute Töne durchdringend die Halle. Es könnten Sirenen sein, gemischt mit allem Möglichen. Die Menschen schauen sich an: Kunst oder Wirklichkeit? Nur für Sekunden scheint die unausgesprochene Frage im Raum zu stehen. Dann hat mich das Chaos wieder und wir sind alle Teil der Inszenierung. Was ist Gegenwart, was Zukunft? Wer sind wir?

Auf der Videowand künstlerisch besondere Berlinfotos, die die Stadt in einen Paris-Status erheben. Für mich gibt es den tatsächlich, wenn er im Alltäglichen auch oft zu verschwinden scheint. Zwischen den Bildern Sätze voller Alltäglichkeit und dann wieder schwergewichtig: „Life is Short“ oder „War is loss for all“…

Bin ich nun MYSELF oder werde ich es in Zukunft (doch) noch sein? Ist – wie auch immer – „I‘m myself“ möglicherweise unsere Zukunft? In der wir uns im Miteinander verlieren und doch noch finden….

Ich bin für diesen Tag gefüllt, auch erfüllt?

Der Sog nach draußen ist stärker als das verbleibende Untergeschoss. Auf dem Vorplatz windet sich inzwischen eine beachtliche Schlange.

Die Sonne scheint – wie für immer.

Mir ging es beim Schreiben um mein Erleben, ein Versuch etwas einzufangen, was sich nicht erzählen lässt. Wer mehr über Konzept und Olafur Eliasson, der dahinter steht, wissen möchte, sollte im Tagesspiegel-Archiv googeln…

Chaostag

Wozu muss es solche Tage geben?

Nach dem Aufwachen weiß ich ‘heute muss es sein’. Der Anruf beim Telefonanbieter. Das WLAN funktioniert nur noch wenig ambitioniert. Vor zwei Wochen wurde mir gesagt, dass es an der uralten Simkarte liege. Doch die neue samt Erklärung verwandelt sich vor meinen Augen in ägyptische Hieroglyphen. Mein mutiger Besuch in einem Laden endet mit dem Satz “Das ist Quatsch, daran kann es nicht liegen. Es wird wohl der Router sein.” Einleuchtend, der ist ebenfalls uralt.

Nach zwei Wochen notwendiger Erholungsphase, will ich also heute den nächsten Schritt wagen. Ich kann es nicht länger vor mir herschieben, denn inzwischen habe ich eine für meine Verhältnisse astronomische Monatsabrechnung bekommen. Ich ahne: Da besteht ein Zusammenhang. Ist auch so.

Es ließ sich nach einigem Hinundher und Kreuzundquer einigermaßen flüssig klaeren, inclusive Routerproblem. Der soll auf dem Postweg kommen. Einen Techniktermin habe ich auch. Und: Ich will es nicht glauben, ein Techniker kommt ins Haus. Geht doch.

Eine Viertelstunde später erscheint eine SMS: Ich möge doch unter dieser Telefonnummer noch mal zurückrufen, sonst könne der Auftrag nicht abgeschlossen werden. Ich lande, wie schon gewohnt, bei der reizenden KI-Stimme. Muss wieder alle möglichen Daten mitteilen. Beim dritten Anlauf akzeptiert sie auch, dass ich einen Mitarbeiter sprechen muss, weil mein komplexes Problem nicht in ihre angebotene Hilfsauswahl passt.

Die Mitarbeiterin ist freundlich nachdem ich nochmals zu meiner Sicherheit alle Daten abgearbeitet habe – inzwischen mit einer ziemlichen Routine. Ja, sie wird mich direkt mit der richtigen Stelle verbinden, ich solle nicht auflegen. Es ruft, eine gefühlte Viertelstunde. Dann fliege ich aus der Leitung.

Könnt ihr mir noch folgen?

Jetzt bin ich einem Nervenzusammenbruch nahe. Es sind etwa zweieinhalb Stunden seit meinem mehr als mutigen Entschluss das Problem anzugehen vergangen. Frühstück ist ausgefallen und alle anderen “To do’s” auch.

Ich bin regelrecht gecrasht und gehe erst mal wie verabredet ins Kino. Der kleine Imbiss vorab wird zum nächsten Fiasko, denn er kommt nicht. Im Trubel vergessen. Dann geht’s schnell und zum Trost Schokokuchen-Stückchen obenauf.

Bei ‘Hannah Arendt’ komme ich langsam wieder bei mir an. Doch diese spannende alte und doch so heutige Lebens-Geschichte lässt leider auch nicht nur gute Gefühle aufkommen.

Zwischendurch vermisse ich die Uhr an meinem Handgelenk und stelle fest, dass ich über alledem einen wichtigen Termin verpasst habe.

Wieder zu Hause, ein Glas Wasser, tief Durchatmen und unvermeidbar wieder die schmeichelnde Stimme der KI. Ich muss es heute zu Ende bringen. Jetzt bin ich geübt: “Bitte einen Mitarbeiter!”, sage ich etwas zu laut und unwillig (ob die KI Gefühle hat und wahrnimmt, frage ich mich so nebenbei ). Und es klappt diesmal ohne langes Hinundher.

Wieder eine sehr nette und geduldige Mitarbeiterin. Der ich mein Anliegen und auch kurz meine Erlebnisse schildere. Sie versichert mir, dass sie mich verbindet und erst auflegt, wenn ich mit dem betreffenden Mitarbeiter verbunden bin. Ich ungläubig: “Ja, wirklich?” “Ja, wirklich.” Doch dann wieder die Mitarbeiterin höchstpersönlich: “Ich habe alles geklärt. Der Mitarbeiter kommt zum abgesprochen Termin ins Haus!” “Wirklich?” “Wirklich!”

Ich bedanke mich freundlichst, lege auf und atme tief durch. Die Geschichte hat Morgens um 8 Uhr begonnen, jetzt ist es 19.15 Uhr.

Dann macht es ‘Pling’. Eine SMS. Verkürzt: Ihr Termin ist der 13., (nicht der vereinbarte), ein Techniker ist nicht notwendig…

Ich weiß nicht, ob ich einen Schrei-, einen Heul-, einen Lachanfall bekommen soll oder alles auf einmal…

Rentner haben schlechte Nerven und viel Zeit. Wozu muss es solche Tage geben?

Wie beginne ich jetzt den nächsten Tag???

Wiederholungs-Täterin

Nach einem reichlichen Jahr wieder in Branitz. Der Herbst hat mich zum Fürsten gelockt, zu Pueckler. Die Herbstfarben.

“Aber, das hättest du auch im Tiergarten haben können oder im Grunewald”, – der Satz klingt in mir nach. Seit dem suche ich nach Worten, um das Unbeschreibliche, ganz Besondere zu erzählen.

So ungefähr könnte es sein:

Es ist als würde ich nicht in einem Park, sondern vor einem Gemälde stehen und wäre bezaubert. Meine Augen sind glücklich. Dann entsteht ein Sog. Ich gehe, wie von Geisterhand geführt, hinein in dieses Gemälde. Es wird vieldimensional. Immer neue Augenblicke eröffnen sich. Ich gehe weiter, will mehr entdecken. Gehe weiter hinein in einen Zauberwald. Wir werden eins, das Gemälde und ich.

Irgendwann stehe ich dann vor einem weißen Schloss. Die Wirklichkeit hat mich fast wieder, wenn ich nicht wüsste, dass darin das Gleiche passiert.

Pueckler spielt mit den Dingen und mit der Natur. Bringt alles ins Unwirkliche Wirkliche.

Er ist ein Zauberer.

Seit einem anderthalben Jahrhundert wachsen ihm seine Bäume entgegen, himmelwärts, inzwischen riesig. Er wird sich da oben dran freuen.

Als am frühen Morgen, nach bald zwei Stunden Alleinsein in meinem Gemälde plötzlich Radfahrer auftauchen, bin ich entsetzt.

Das geht doch gar nicht!

Glück statt Wachstum

Die Welt wackelt mehr denn je in ihren Grundfesten. Scheint jedenfalls so. Aber: Ist es wirklich so?

Tatsächlich sind die Eruptionen nur näher an uns herangerückt. Europa war bis gerade eben noch in der Rekonvaleszenz nach dem zweiten großen Krieg. Und beim Aufarbeiten.Was aber auch nicht zu hundert Prozent stimmt.

Was ich sagen wollte: Ist die Eigendynamik der Kriege denn niemals zu stoppen? Und warum ist es ein paar Wahnsinnigen, Machtbesessenen immer wieder möglich, sich der Zügel zu bemächtigen? Warum steckt die keiner in Zwangsjacken? Und warum glauben ihre Anhänger nicht, dass es am Ende auch sie treffen wird? Gefühle, die vom Denken nicht gezügelt werden. Der Unwille zum Denken. Das müsste verboten werden. Ja, ich weiß, Verbote sind nutzlos und bewirken eher das Gegenteil: Kleinkindlichen Trotz. Die Menschheit auf der Entwicklungsstufe von Zweijährigen? Stagnierend.

Als würde es nicht genug Probleme geben, die mit Kraftakten gelöst werden müssen. Auf Gedeih und Verderb.

Es könnte so schön sein auf diesem Planeten.

Ist es ja auch. Doch dazu braucht es kein Kampfgeraet und keine Drohnen. In Butan setzt die Regierung auf das Glück ihrer Bewohner und nicht auf das ewige gewinnorientierte Wachstum.

Fleißig glücklich sein, statt nur fleißig zu arbeiten….