Was mir Angst macht

Nein, nicht Corona. Die nehme ich ernst, bin vorsichtig im Umgang mit ‚ihr‘ und weiß, dass es einfach auch Unabwendbares, Schicksalhaftes im Leben gibt.

Angst macht mir etwas anderes, an das ich nicht erst seit Heute und Gestern stets und ständig stoße. Ich nenne es mal Ideologien. Die harmloseste Wörterbuchdefinition dazu lautet erst mal ganz einfach „Weltanschauung“. Aber, gibt es die Weltanschauung? Eine fürs Leben, eine ein für allemal?

Die Welt verändert sich. Ich verändere mich. Vor allem Letzteres. Hoffentlich.

Dann begegne ich viel Bewegung und Bewegten im Außen. Und ich bewege mich im Außen – und auch im Innen. Da kann nichts festgeschrieben werden. Und ich möchte nicht in ein Schubfach gesteckt werden. Wenn die Erstarrung kommt, kommt die Ideologie. Die macht mir Angst. Ideologien machen mir Angst. Ich selbst erlebe um mich herum ein Erblühen aller möglichen Ideologien. Mehr denn je zuvor.

Vor vielen Jahren habe ich mal in mein Notizbuch geschrieben: Wenn eine Gruppe sich einer Idee bemächtigt, dann ist die Idee schon verloren. Verloren, weil meist daraus sehr schnell eine Ideologie gezimmert wird. Möglicherweise oft ungewollt. Aber, es ist so. Denn dann hat alles, was den Rahmen der Ursprungsidee sprengt keinen Platz. Wer drumherum und drüber hinaus denkt, der wird schnell zum Verräter und meist auch ausgestoßen. Und die Idee beginnt zu sterben…

Verschworene Gemeinschaften haben für mich selten etwas Anziehendes, eher etwas Abstoßendes. Freilich könnten sie der Kern für etwas Gutes, Neues in der Welt sein…könnten…

Was macht Ideologien so verführerisch? Da kommt, glaube ich, vieles zusammen. Sie führen in eine Gemeinschaft vermeintlich Gleichgesinnter, das gibt Halt. Vermeintliche Sicherheit entsteht, wenn ich einem vorgegebenen Gedankengebäude folgen kann. Und dann womöglich habe ich das Gefühl, ich bin auf der besseren Seite, eventuell ‚Ich bin etwas Besseres, weil ich weiß was gut und richtig ist‘. Meine Weltanschauung hat alle Antworten und in der Regel auch einen Vordenker. Bin ich ‚Nach’denker oder ‚Mit’denker? Kann ich noch selber denken, weiter denken? Darf ich…?

Aber, wenn ich dieses Weltanschauungsgebäude mit meinen eigenen Gedanken abgleiche und wenn ich dann womöglich nicht Konformes aussortiere, dann bleibt das eigene Denken schnell auf der Strecke. Da sind ja kluge Menschen, die es wissen müssen. Tückisch. Zumal es in der Welt die einfachen, klaren Antworten nirgendwo gibt.

Für mich gibt es durchaus einfache, klare Orientierungen. Die befinden sich aber auf einer anderen Ebene. Es sind moralische Wertvorstellungen, die mir allein eine Orientierung geben. An denen kann ich mich in der Welt messen und weiter entwickeln. Mit ihnen begebe ich mich mit einem relativ sicheren Boden unter den Füßen in die Welt der Ideen. Ideen, die nicht zu festgefahrenen Ideologien verkommen dürfen und die keinen ausschließen, der Fragen stellt und seine Gedanken dazu stellt.

Ich spreche mal wieder von den zwölf Tugenden, dem Geländer in meinem Leben.

Glaubensgemeinschaften gibt es nicht nur im Bereich der Religionen. Weltanschauliche Verbünde existieren reichlich. Auch Gurus aller Coleur. Sie sind überall.

Ich denke da auch an Anthroposophie, die aus sich heraus eigentlich ein offenes Gedankengebäude ist.

Aber auch alltäglicher: Radfahrer und Veganisten kommen oft als solche Gemeinschaften daher, natürlich auch Autofahrer. Freilich niemals alle. Aber Gruppendynamik nahe an einer Ideologie ist als Potential allemal anwesend.

Das zum Thema Ängste. Meinem Aspekt.

Berlin in diesen Tagen. In diesem Motiv steckt alles Mögliche aus dem Reich der Ideologien.

Lob und Widerrede der guten alten Schule

Flächendeckend Schule für alle, kostenlos und verpflichtend – das ist auch heute noch in der Mitte Europas eine große Errungenschaft. Die Startbox ins Leben, die allen Kindern zukommt. Klar, gibt es auch da Unterschiede. Denn, das, was jedes Kind von zu Hause mitbringt, das bleibt sehr unterschiedlich.

Ich bin weit davon entfernt zu meckern. Nur, das Modell in seiner Grundstruktur ist mehr als 100 Jahre alt. Innerlich und äußerlich. Auch wenn die Kinder heute vielleicht häufiger im Kreis sitzen und manches Neue dazu gekommen ist. Die digitale Revolution fing spätestens vor 30 Jahren an und wurde vor etwa 20 Jahren breitenwirksam. Und ist erst mal seeehr lange an allen Schulen vorbei gegangen. Dass es jetzt drängt und einiges allmählich in den Schulen passiert, das ist Corona, der unheimlichen grauen Eminenz, zu verdanken. Das Digitale an die Schulen zu bringen, ist für mich aber nur ein Aspekt – und pur gehandhabt auch ein nicht ungefährlicher – um Fragen an die Schule in unserer Zeit zu stellen.

Ich wünschte mir, dass die Schule allmählich ein ganz anderer Ort wird. Nach wie vor sollten die alten Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen im Grundschulalter erworben werden – und unbedingt so, dass sie im „Schlaf“ abrufbar sind. Aber dann und gleichzeitig sollte schlichtweg das Lernen gelernt werden, Neugier und Kreativität herausgefordert werden. Und: Schulen sollten es zum Hauptthema machen, gezielt soziale und moralische Fähigkeiten entwickeln zu helfen.

Das Vollstopfen mit Wissen, Wissen das spätestens nach dem Abschlußzeugnis meist im tiefen Vergessen versinkt und sehr schnell auch nicht mehr abrufbar ist, sollte ausgedient haben. Wissen ist heute schnell und unkompliziert digital abrufbar – wenn ich weiß, was ich wissen will und wie ich es finde. Das sollte gelernt werden. Und vorher: Fragen, Fragen, Fragen stellen. Neugierig sein.

Ein gutes Allgemeinwissen halte ich durchaus für wichtig. Doch es sollte von Anfang an anders erworben werden. Es müsste durch Projekte aller Art, in großen und kleinen Gruppen, oder auch einzeln erworben werden. Zum Beispiel: Wer mit anderen im Garten alles mögliche Getier beobachtet, wird schnell in einer Gruppe jede Menge Fragen und Wissen dazu zusammentragen. Daraus entstehen jede Menge neue Fragen. Der Lehrer darf beim Ordnen und Strukturieren helfen und schnell ist der Inhalt eines Lehrbuchs zusammengetragen – aktiv, selbst erlebt. Wer an einem Holzstück arbeiten darf, erwirbt nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern wird eine Menge über Baumarten und ihre Qualitäten lernen – im Tun. Die Älteren würden sich zum Beispiel mit Autos befassen und über Antriebe eine Menge begreifen, das wäre angewandte Physik und Chemie. Wenn junge Menschen nähen lernen, brauchen sie auch eine Menge Rechenfähigkeiten und Wissen über Stoffe und wo sie herkommen…und natürlich Ideen. Und immer gilt: Der Spass am Selbertun.

Die digitale Welt gehört zu unserem Leben und wird (und soll auch nicht) wieder verschwinden). Deshalb, finde ich, geht nur eines: Sie altersgerecht zu integrieren und die Gefahren kennenlernen. Wir verzichten auch nicht aufs Auto, weil wir wissen, dass immer wieder Unfälle passieren. Aber wir machen uns die Gefahren bewusst und versuchen, sie zu reduzieren. Und wir überlegen zunehmend wieviel Auto wir wirklich brauchen und merken, dass zu Fuß gehen Spaß machen kann. Analog: Auch das gedruckte Buch wird seinen Platz zurück erobern und behaupten.

Wer zehn, zwölf Jahre auf diese Weise sich lernend die Welt erobert hat, der wird mit Sicherheit eine Menge davon bleibend verinnerlicht haben. Und vielleicht richtig „Bock“ auf die Welt bekommen, in die er hineingeboren ist.

Gleichzeitig bekommt das soziale Miteinander einen ganz anderen Stellenwert und moralische Qualitäten könnten herausgefordert werden und wachsen. Später auch reflektiert werden. Nicht als Draufgabe, sondern als Essentielles einer langen Schulzeit. Schon Kinder könnten bewusst lernen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und nicht wertend damit umgehen, sondern damit sich selber und andere besser kennen lernen.

Kunst und Kultur wären das natürliche Elixier bei einem solchen Lernen. Die Luft, durch die das alles atmen muß. Freilich, dieses und jenes gibt es schon an unseren Schulen, Freie Schulen sind da oft einen Schritt weiter. Aber, das Lernen bleibt gefangen in einem System, einem Korsett, das längst sklerotisiert ist und das Pferd vom Schwanz aufzäumt.

Die Schule im 21. Jahrhundert sollte nicht mehr die Abiturfahne auf ihrem Dach hissen. Sondern neugierige begeisterungsfähige junge Menschen entlassen, für die Schule all die Jahre etwas im guten Sinn Aufregendes war. Menschen, die einfach Lust haben, die Welt zum Besseren zu verändern und ihren Träumen zu folgen. Es könnte allerdings sein, dass eine solche Art des Lernens für alle Beteiligten etwas anstrengender wird. Es ist zweifelsohne ein Kraftakt, der Zeit und Geduld erfordert. Einen uralten Baum kann man nicht verpflanzen. Aber es lässt sich eine Welt drumherum gestalten, die dem Heute und der Zukunft neue Möglichkeiten schafft. Der Alte darf in all seiner Schönheit bewundert werden – als Zeitgestalt.

So schön alt…
…und der Zukunft entgegen

Lustlos

Das gibt’s auch. Darf sein. Muss ich mir aber mantramäßig immer wieder sagen. Obwohl ich aus Erfahrung weiß, dass es sich meist schnell und von allein erledigt. Und ich weiß auch: Meist wächst daraus neue Produktivität, ist so ein blöder Zustand der Boden für neue Ideen. Gut und schön, ich kann mich trotzdem an solchen Tagen nicht leiden. Lieblings-Schokolade hilft ein bißchen.

Selbst die besten Ideen versickern in Energielosigkeit. Eben ein blöder Zustand.

Zulassen – sage ich mir.

Ich bin genervt. Wider besseres Wissen. Lese Quatsch und gucke blödes Zeug und finde den Zustand noch blöder.

Dann bin ich eben optmistisch, sage ich mir gerade – doch da macht gerade mal der Verstand mit. Der Rest bleibt eben lustlos.

Dafür hat es gerade noch gereicht – ein blödes Foto…

Wenn die Natur reden könnte…

…,dann würde sie – vermute ich – sagen:

Ich weiß mir zu helfen. Wisst ihr immer Euch selbst zu helfen?

Wenn Ihr keine Rücksicht nehmt, kann ich auch keine nehmen.

Meine Kräfte ordnen, einzig und allein. Und Eure?

Ich weiß, was ich brauche. Wisst ihr auch, was ich brauche und was ihr selbst braucht?

Meine innere Logik funktioniert immer. Ihr müsst stets nachdenken. Könnt ihr das? Tut ihr es auch?

Ich nehme mir Zeit für Schönheit. Und ihr?

(Fortsetzung folgt)

Trister Januar?

Quervisionär

Ich habe über den Jahreswechsel zwei dicke Bücher am Stück gelesen. Mein Blog musste warten. Doch jetzt beginnt mein Neues Jahr. Allovertoday soll wieder zur ungeregelten Regelmäßigkeit werden.

Es sind zwei Biografien, von denen ich fasziniert bin: Steve Jobs und Elon Musk. Zwei Verrückte. Herrlich Verrückte, weil sie sich und ihren Ideen treu geblieben sind und bleiben. Gnadenlos verrückt sind sie alle beide und bedingungslos in ihrem Wollen. Im Sozialen sind sie für ihre Umwelt oft schwer erträglich. Trotzdem fühle ich mich zu beiden total hingezogen.

Ich habe mich schon lange gefragt, warum ich meinen Mac und mein iPhone liebe und mich seit 30 Jahren trotz aller finanziellen Anfechtungen nicht trennen möchte. Ich bin der Antwort nahe gekommen, doch jetzt weiß ich sie. Es ist dieses absolut Stimmige von Innen und Außen, von technischer Faszination und äußerer Schönheit, die eben mehr als nur Äußerlichkeit ist. Diese beiden Seiten sind beim Mac und beim iPhone ganz und gar harmonisch verschmolzen. Das eine behindert das andere nicht, es dient sich gegenseitig und wird eins. Und nun weiß ich, dass Steve Jobs alles daran gesetzt hat, genau diesen Anspruch immer wieder zu verwirklichen und durchzusetzen – oft gegen vermeintliche wirtschaftliche Vernunft, gegen Widerstände der Pragmatiker. Es war ihm egal. Er konnte und wollte nicht anders. Reich sein war nicht sein Thema. Aber die Vision, etwas wirklich in seinem Sinne perfekt zu machen.

Bei diesem Anspruch finde ich mich selbst wieder. Meine Umgebung, Dinge, mit denen ich mich umgebe, müssen schön sein und Ästhetik erlebbar machen. Jedoch eben nicht um einer Schönheit-Pur willen. Sondern weil wir uns begegnen und miteinander kommunizieren können. Weil das Außen und Innen die Dinge beflügeln und den Alltag erleichtern, weil sie alles besser lebbar machen. Es muß etwas für mich Organisches werden, alles zusammen. Meine Augen wollen nicht stolpern und meine Seele und mein Verstand auch nicht.

Bei Musk kommt noch eine Dimension dazu. Die Raumfahrt fesselte ihn von Kindheit an und all die damit verbundenen Science Fiction Geschichten. Er entwickelt mit 12 sein erstes ziemlich komplexes Videospiel und macht bis heute weiter. Er kann Technik, komplex sehen und denken. Von Paypal, einer vereinfachenden Internet Zahlmethode, führt ihn sein Weg zum Tesla-E-Auto, zu SolarCity und zu SpaceX, seine Unternehmen. Alles ist miteinander verzahnt und erneuert sich tagtäglich: die schönen Luxus-E-Autos sollen bezahlbarer werden und die Raketen, die Raumstationen versorgen und Satelliten auf den Weg bringen, preiswerter. Er hat davon schon einiges realisiert. Raketen, die wieder verwendbar sind, wurden bereits entwickelt. Sein privates Unternehmen hat den staatlich gesponserten Raumfahrt-Unternehmen gezeigt, dass es viel billiger gehen kann. Tesla ist dabei, flächendeckend Solartankstellen zu bauen, kostenlos für die Tesla-Autos.

Der Weg zum Mars beflügelt heute Musk und viele seiner Ingenieure. Allesamt wollen alle mehr, als einer Alltagsroutine zu dienen und ein bißchen reich zu werden. Das Geld bleibt Mittel zum Zweck. Musk weiß, was es heißt am Rande eines großen Konkurses zu stehen und riesige technische Hindernisse zu überleben…und ist heute der reichste Mann der Welt – was ihn wahrscheinlich wenig interessiert. Er ist ein von seinen Visionen Getriebener für den es nie ein Aufgeben gab und gibt, ob mit oder ohne Geld.

Im Umfeld eines solchen Menschen zu arbeiten, dürfte niemals einfach sein… Es sei denn, ich hätte den gleichen Anspruch und kann mit einem solchen Tempo und solchen Herausforderungen mithalten. Es geht um dieses „Geht nicht, gibt es nicht“. Jobs und Musk haben sie vorgelebt, diese gnadenlose Bedingungslosigkeit. Und haben Dinge in die Welt gebracht, die lebendig sind und Lust auf Zukunft machen. Ich habe gerade das Bedürfnis, die beiden quervisionär zu nennen. Sie sind Querdenker in ihrer, unserer Zeit, so wie ich sie mir wünsche. Solche, die in der Welt gefragt sein sollten. Solche, die stets etwas zum Besseren unserer Welt gewollt haben und wollen. Jobs Kreationen leben weiter, er nicht mehr, Musk steckt mitten im Tun.

Bei beiden finden sich auch viele Ansätze, die gegen Corona und für eine Umwelt im Gleichgewicht arbeiten. Meine Gedanken purzeln gerade inspiriert durcheinander, ich werde sortieren und auf dieses Thema zurück kommen.

Steht unsere Welt Kopf? Müssen wir sie wieder auf die Füße stellen? Oder selbst mit Kopf stehen, um einen Perspektivwechsel zu gewinnen?

Dafür…

…und nicht dagegen. So ungefähr klingt meine Weihnachts‘botschaft‚ an alle, die mir die Treue halten. Sobald ich gegen etwas bin, provoziere ich Widerstand, daraus entstehen unter Umständen Gewaltsamkeiten in Wort und Tat.

Ja, ich werde immer Gegner haben, wahrscheinlich geht es den meisten von uns so. Sei’s drum. DAFÜR heißt nicht alles gut zu heißen, widerstandslos hinzunehmen, was nicht auszuhalten ist.

Mein Widerstand hat eine andere Form und heißt: ICH BIN DAFÜR.

Für das, was ich mit meinem Inneren vereinbaren kann, was ich gut heiße, was uns Menschen vielleicht ein bißchen weiterbringt. Ich bin für Miteinander und Füreinander. Ich bin für konstruktiven Streit und Freundlichkeit. Das Wort Liebe gerät mir im Moment schon etwas zu groß.

Ich bin für das Bedingungslose Grundeinkommen, dafür dass Volksabstimmungen auch in unserem Land möglich werden. Und dafür, dass wir unser Leben nicht von Ängsten bestimmen lassen, und dass jeder für sich daran arbeitet und wir uns dabei gegenseitig helfen. Dafür tue ich auch etwas, sehr gern. Dass das Gute, das in jedem lebt immer mehr Raum bekommt und sichtbar werden kann.

Und ich bin dafür, dass wir aus dem Unabänderlichen das Beste machen. Ich bin überzeugt, dass auch das möglich ist. Wenn Altgewohntes plötzlich nicht mehr geht, dürfen wir doch im Kleinen und Großen kreativ werden. Damit ein Neues Besseres daraus entsteht. Freilich, das kostet Kraft. Doch die ist gut eingesetzt.

Dafür bin ich – ein ziemlich frommer Wunsch an diesem Tag, dem 24. Dezember 2020

Frohe Weihnachten!

Gegenwart und…
…und Zukunft

Einfall

Da ist etwas über uns hereingefallen, was wir nicht haben wollen, ablehnen, bekämpfen, verleugnen… Etwas, das frustriert weil es stört, unsere Gewohnheiten durcheinander bringt, Angst macht, weil keiner weiß und auch nicht wissen kann wie es weiter geht.

Und nun macht es auch noch etwas mit unserem geliebten Weihnachtsfest, das Zusammensein, sich nahe sein, sich aneinander reiben – auch das-, verheißt.

Könnten wir nicht diesem Überfall mit Einfällen begegnen?

Ich finde, dass es nicht das Schlechteste ist, mal gewaltsam aus den Gewohnheiten herausgerissen zu werden. Die Variante lautet: Aus dem Ungewollten, Ungeliebten, Unabänderlichen noch etwas gewinnen, was gut ist. Da wäre es doch gut, Einfälle zu haben.

Wie kann aus Distanz dennoch Nähe werden?

Weihnachten das Leben feiern oder Raum, wenn nötig, für Trauer haben. Und zu wissen, dass alles zusammengehört.

All den Konsum, der das Fest in den letzten Jahren immer mehr dominiert hat, mal in Frage stellen. Und mir einfallen lassen, was mich wirklich bereichert und froher macht. Einfach so das Leben feiern, das , was wir haben. Und auch das feiern, was in dieser Nacht einst geboren wurde, das, was uns Menschen die Liebe bringen wollte, nein, will.

Familien sind schön und gut, geben Wärme und Geborgenheit, Verlässlichkeit – im besten Fall. Doch das ist durchaus nicht bei allen so. Und nicht alle haben noch diese wünschenswerte Familie im Hintergrund und sie leben allein. Auch zu Weihnachten. Schon seit Jahren.

Ich glaube, dass Liebe, im Familienkontext gegebenenfalls erlebt und geübt werden kann. Doch wenn wir darin befangen und gefangen sind, dann bleibt es fragwürdig. Neue Einfälle, besser Denkweisen wären hilfreich. Kann ich wirklich in meinem kleinen Reich glücklich feiern, wenn es drumherum so viel gibt, was nicht beglückend ist? Wie anders könnte ich auf Menschen um mich herum zugehen?

Und andersherum: Warum können Menschen nicht auch mit sich allein froh und glücklich sein und sich an sich und an der Schöpfung freuen. Auch bei diesem Gedanken spüre ich Liebe…

Wer spielt mit? Mit neuen Gedanken oder auch mal mit Bausteinen oder mit…in der Leichte des Spiels beginnt sich womöglich,
schon ein wenig die Welt zu verändern.

Die unsichtbare Burka

Es ist total verrückt: Eine Burka macht eine Frau nahezu unsichtbar. Sie selbst aber ist als Verhüllung-Instrumentarium gut sichtbar. Sie berührt uns – sehr unterschiedlich.

Es ist noch verrückter: Manchmal möchte ich mich in so ein Stück Stoff, ich sage bewusst nicht Kleidungsstück, hüllen. Unerkannt unter Menschen wandeln. Sehen und selbst nicht gesehen werden, ein bißchen ein Tarnkappen-Effekt. Doch wann und ob ich es tun würde, das entscheide ich selbst. Darin liegt der gravierende Unterschied. Denn normalerweise, wenn mir eine so verhüllte Menschin begegnet, erlebe ich durchdringendes Unbehagen, ein innerer Aufschrei. Trotzdem, kann sein, dass die Frau darin die Burka freiwillig und sogar gern trägt. Kann sein…

Jüngst in einem Gespräch mit einer Freundin über Frauen und weibliches Sein in unserer Gesellschaft, da kam mir das Bild der Burka in den Sinn. Die Frage war, warum sich Männer immer wieder besser zeigen und präsentieren können. Sie werden mehr im Sozialen und im gesellschaftlichen Kontext gesehen und gehört und profitieren davon reichlich. Dass es so ist, darüber waren wir uns einig. Wir hatten genügend eigenes Erleben aus langen Berufsjahren zur Hand.

Dass die jahrhundertalte Männerherrschaft wohl noch vieeeel Zeit braucht, um aus den Strukturen und Köpfen zu verschwinden, ist nur die eine Seite der Medaille. Doch da kam die Burka in den Sinn und die andere Seite der Medaille. Frauen sind auch ohne diese Ganzkörperbedeckung weltweit oft (fast) unsichtbar. Machen sie sich eventuell unsichtbar, auch ohne Burka? Freiwillig, unfreiwillig? Unbewusst?

Erklärungsversuche: Frauen leben weniger aus dem Präsenzwillen oder einem Machtbedürfnis heraus. Sie wägen mehr ab, leben stärker mit dem Sowohlalsauch. Daraus entsteht zwangsläufig mehr Zurückhaltung, die möglicherweise fast bis zur Unsichtbarkeit führt. Die unsichtbare Burka eben.

Währenddessen setzen sich die männlichen „Selbstdarsteller“ selbstverständlich in Szene. Es ist ihr Naturell. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

Beides ist für mich keine Wertung, ich versuche so gut es geht, objektiv zu beschreiben.

Jedoch braucht unsere Gesellschaft beide Qualitäten dringend. Das Weibliche und das Männliche. Ein Widerspruch in sich. Wie könnten sich künftig das im Weiblichen stärker lebende allzu Menschliche, die Mühe um Wahrhaftigkeit und Empathie besser behaupten? Wie liesse sich die unfreiwillige Burka nachhaltig ablegen?

Wir kamen im Gespräch auch auf die Vorzüge männlicher Fähigkeiten. Männer sind oft klarer (auch, wenn genau hingeschaut, nichts klar ist). Aber Klarheit besitzt eine ziemliche Verführungskraft. Sie gründet sich in der Sehnsucht nach dem Wissenden, auch nach dem Guru, der einfach zu sagen weiß, wo es lang geht. Doch nichts ist einfach, das wäre meine Gewißheit.

Und sie sind strukturierter, die Männer. Auch das nimmt eher ein. Männer haben meist einen deutlichen Willen zur Macht, auch zum Tun, zum Gestalten, während Frauen oft im Wenn und Aber verschwinden. Da wäre sie wieder, die Burka, in diesem Fall ein nebeliger Schleier.

Quoten sind aus dieser Perspektive für mich nicht das Schlechteste, weil sie eben diese objektiven Unterschiede etwas ausgleichen können, ein Gleichgewicht organisieren, das eben nicht von allein entsteht.

Was wäre noch zu tun, was könnten wir Frauen tun, was anders machen? Die besseren Männer werden, dürfte nicht die Antwort sein – glaube ich.

Na ja, zu allererst ein Bewusstsein davon zu entwickeln und die Burka, wenn überhaupt, bewusster einsetzen.

Und überhaupt, Machtwille und hohes Verantwortungsbewusstsein müssen ein unzertrennliches Paar werden…

Die gleiche Farbe…zufällig entdeckt…zum Thema weiblich, männlich

(Ge)Macht mit Zahlen

Corona-Szenario nun fast seit einem Dreivierteljahr:

Täglich werden wir mit neuen Zahlenkolonnen überschüttet.

Die einen demonstrieren dagegen – und womit argumentieren sie?

Mit Zahlen. Und oft genug mit wüsten Argumenten in Form und Inhalt.

Menschlich ist das alles nicht. Nicht das Erstarren vor den Zahlen, nicht die Zahlen als Waffe in einem Kampf. Wofür oder wogegen eigentlich der Kampf? Das frage ich mich immer häufiger. Das alles ist für mich nicht menschenwürdig. Auch nicht die kriegerische Argumentation, inclusive physischer Gewalt. Dass auch der Polizei inzwischen öfter mal nichts Besseres einfällt, das kann ich sogar ein gut Stück nachvollziehen. Die Aggression nimmt zu.

Menschlichkeit statt Zahlen, wäre gut. Doch wie? Möglicherweise brauchen die Zahlen einige warme Worte mehr, die sie unterfüttern. Das wäre das Simpelste. Und dann weiterdenken. Gemeinsam laut, ich meine sprechend, nach guten Lösungen suchen und gleichzeitig Zukunftsideen für die Zeit danach entwickeln. Nicht irgendwann. Jetzt. Eine Agenda, die festhält, was das Land, die Menschen, die Welt dringend brauchen, um gut weiter leben zu können wie in den letzten 70 Jahren oder möglicherweise besser. Ohne Konsumwahn, ohne das die Wirtschaft bestimmende „Immer mehr“. Das wäre doch dran. So denkend kommen Klima und Umwelt fast von selbst in eine uns würdige und uns schützende Position.

Wem nützt das Gerangel um Macht, ums Besserwissen? Vielleicht einzelnen… Keiner weiß, was richtig ist und was kommen soll. Also brauchen wir konstruktive gute Ideen. Letztere verursachen eher keinen Schaden, aber potentiell Optismus und daraus die Kraft Gutes zu tun für dieses Welt. Das wäre für mich das Bessere, als laut zu schreien und Ängste zu pflegen.

Manchmal macht mir ein Gedicht die Welt wieder lichter und weiter. Heute Morgen geisterte in meinem Kopf Ingeborg Bachmanns Poem „An die Sonne“. Zum Beispiel…


» Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein …

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,
Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast! Und dein Kleid, glockig und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen. «

Schöner als der beachtliche Mond und universell

Handschriften

Hochgerechnet bekomme ich so etwa dreimal im Jahr einen schönen langen handgeschriebenen mehrere Seiten langen Brief. Zwei, drei Absender fallen mir dazu ein. Solch ein Brief ist ein kleines Fest. Irgendwann in einer stillen Minute wird er geöffnet. Ein gemütlicher Platz, eine Tasse Kaffee, vielleicht noch eine Kerze. Und dann beginnt das Lesen.

Ich freue mich an der so ganz besonderen Handschrift des Absenders, über die Mühe, die sie/er sich gemacht hat. Und darüber, dass da ein Mensch ist, der sein Leben und seine Gedanken mit mir teilt. Es ist wie eine wirkliche Begegnung, oft noch viel intensiver. Intensiver, da das Flüchtige des Alltags abgefallen ist. Weil ich mir die Zeit nehmen kann, die ich brauche, um Gelesenes zu verinnerlichen.

Solche Briefe verschwinden nicht in einer Cloud. Sie sind auf dem Schreibtisch noch lange Zeit anfassbar und lesbar. Und bleiben.

In einer Kellerkiste habe ich jüngst ein sorgfältig verschnürtes Bündel gefunden. Liebesbriefe. 50 Jahre und älter – natürlich handgeschrieben. Die Inhalte na ja, manchmal noch heute berührend, öfter Lächeln und Lachen provozierend. Das Bild der Briefeschreiber taucht vor meinem inneren Auge auf… Keine Ahnung, wo sie heute sind und wer sie geworden sind. Vielleicht alt, natürlich so alt wie ich selber.

In den letzten Jahren habe ich mir einen schönen Füller zugelegt, der leider auf dem noch schöneren Briefpapier kratzt. Meine guten Vorsätze habe ich vielleicht zwei-, dreimal in zwölf Monaten verwirklicht. Es ist immer wie ein Anlaufnehmen und dann oft schon in den Startlöchern hängenbleiben.

Warum eigentlich?

Ich brauche Zeit dafür, innere Ruhe, die kommt nicht von allein. Ich muss sie mir schaffen. Daran hapert es am meisten. Was sich nicht aktuell in den Vordergrund drängt, das bleibt liegen. Der Alltag fordert meist gewalttätig seinen Tribut. Und ich beuge mich. Whats App lässt grüßen.

Ich frage mich ‚Muß das so sein?‘ und ehe ich eine Antwort weiß, da hat er mich wieder in seinen Krallen, der Alltagswahn, gerade mal kurznachrichttauglich. Also kämpfen? Hmmm… Ich weiß nicht.

Auf jeden Fall nicht gegen die Chancen, die die Neuzeit-Medien bieten. Ich nutze sie auch gern. Doch bin ich auch für das Bewahrenswerte vom Alten.

Außerdem kann ich seit ehedem meine Gedanken einst mit Schreibmaschine und jetzt noch komfortabler am Bildschirm besser ordnen und formen.

Aber, es wäre doch jammerschade, wenn die Handschriften immer mehr aus unseren Alltag verschwinden. Wenn schon spätestens Fünftklässler am Bildschirm arbeiten, kommt ja jede Übung abhanden. Dabei ist es doch so spannend sich in der eigenen Schrift zu suchen und zu finden. Meine Handschrift hat sich im Laufe der Jahrzehnte mehrmals geändert. Ich kann sie ganz gut einzelnen Lebensabschnitten zuordnen. Erst sehr ordentlich, brav, schön nach rechts geneigt, später ziemlich wild, chaotisch, noch später die Suche nach einer neuen Ordnung.

Warum nicht die eingeschränkte Coronazeit zum Briefe schreiben nutzen. Mal wieder mit Füller, auf weißem Papier. Ehe wir es ganz verlernen und vergessen.

Ach, und überhaupt: Schreibt doch wenigstens Eure Liebesbriefe mit der eigenen Hand. Das wäre heute wahrscheinlich schon eine Liebeserklärung an sich. Und ich nehme an, daß Altes sich eher im Keller wiederfindet als in der überfüllten Cloud. Meinen Keller habe ich immer mal wieder, meist umzugsbedingt ausgemistet , da blieb halt nur Wesentliches erhalten.

Der November, der nun auch zu Ende geht. Ganz herzlich, Handschrift hat nicht geklappt…