Nostalgie-Kette

Jüngst in der S-Bahn macht es an meinem Hals Klick. Meine Hand kann gerade noch einige Teilchen und den Rest der Kette auffangen. Einiges purzelt nach unten. Während der Grunewald an mir vorbei rauscht, versuche ich aufzusammeln, was ich entdecke. Doch das entscheidende größte Teil – gelb, oval, es könnte Bernstein sein – fehlt. Irgendwann gebe ich, ein wenig traurig, auf. Als ich aussteigen will, fällt es mir aus meiner Kleidung dann doch noch entgegen. Die Kette kann gerettet werden. Sozusagen restauriert.

Es handelt sich um eine von den beiden Ketten, die ich öfter trage. Ich bin kein Schmuckmensch. Aber, ab und zu macht solch ein Stück das Outfit erst rund und stimmig. Diese passt zu einer Lieblingsstrickjacke und manchem anderen.

Dahinter steckt aber auch die Geschichte einer verlorenen, eingeschlafenen Freundschaft. Sehr besonders, selbst gefädelt, war die Kette vor vielen Jahren ein richtig schönes Geschenk. So eins zum Freuen.

Jetzt die Materialermüdung, der endgültige Abschied von Gewesenen?

Die Kette blieb, nun in Einzelteilen im Stoffbeutel sorgsam verwahrt. Und erst mal aus den Augen verloren.

Doch Gestern Abend sehe ich eine beglückende Reportage über die Havel, die Landschaft, in der mir immer das Herz aufgeht. Da und dort an ihrem Weg werden Menschen und ihre Projekte vorgestellt. Der Name Wenndorf taucht auf – und da ist sie wieder die Kette. Der Name hat einen indirekten Bezug zu ihrer Schöpferin.

Ein Zeichen des Himmels? Fäden, nicht nur Kettenfäden, wieder neu zu knüpfen oder es wenigstens zu versuchen. Wer weiß, kann sein, dass Beides gelingt…oder auch nicht. Ich glaube nicht an den Zufall, aber an Fügungen…

Notdürftig wieder zusammen gelegt, die besondere Kette

Ostwestlich (10)

Ich freue mich, dass der RB Leipzig den Pokal gewonnen hat. Ich erfahre Unverständnis und erlebe Häme. Selbst bei denen, die gern mal zu einer Red Bull Dose gegriffen haben und greifen.

Dabei: Ist es nicht ehrlicher, wie Leipzig zu seiner neuen Mannschaft gekommen ist? Ehrlicher in der ganzen Fußball-Szene, wo seit langem in all den Traditionsklubs nur so mit den Millionen um sich geworfen wird. In Leipzig ist mit aller Konsequenz eine neue Mannschaft mit Wirtschaftsmillionen oder auch Milliarden aus dem Boden gestampft und auf Erfolgskurs gebracht worden. Mit viel Geld zum Erfolg wie überall. Ich glaube, die Leipziger spielen guten Fußball, wie die meisten anderen. Leipzig wird auch durch den Fußball sichtbarer und die Feierfreude ob des Sieges ist groß wie überall. Nur, leider, das Echo rundherum ist verhaltener. Da findet der Klassenerhalt von Hertha viel, viel mehr Resonanz. Für mich irgendwie kurios.

Wenn da nicht die Gefühle wären. Ich finde es grauenhaft wie Gefühle auf Traditionsklubs projiziert werden. Auf einmal zählen nur die. Selbst in Situationen, in denen hochemotionale Fangemeinden Randale beginnen. Und schon längst nur noch Riesenpolizeiaufgebote viele Spiele sichern. Wir lassen uns eben Gefühle etwas kosten. Auch meine Steuergelder.

Meine Sympathie, sprich meine Gefühle gelten Spielern, die wirkliche Könner sind, die alles geben, kämpfen und dabei immer fair bleiben. Deren Freude am Spiel ehrlich geblieben ist und nicht vom Eurozeichen geschwängert ist.

Und jetzt wird es wirklich ostwestlich. Das, was diese Fußballmannschaft erleben muss, haben die Menschen im Osten seit mehr als dreißig Jahren erlebt. Die eigene Geschichte wurde ziemlich radikal verdammt und ausgelöscht. Alles zurück auf Neuanfang, bloß nichts Altes übrig lassen.

Nur für einen RB Leipzig gilt das nicht. Was sonst als Ostalgie mit Häme, schon wieder dieses Wort, bedacht wird…Im Fußball läuft es gerade andersherum. Eigentlich geht ja der Klub gar nicht, weil er kein Traditionsklub ist. Verrückt!

Selbst wenn einer der Leipziger Traditionsklubs, FC Leipzig oder Chemie Leipzig mit den gleichen Geldtöpfen gepampert worden wären, dann wären sie nicht mehr das, was sie waren. Nur der Name hätte zumindest im Osten Gefühle gepusht, im Westen wahrscheinlich das Gefühl der Verachtung. Damit dürfte der richtig gute Union Berlin auch vertraut sein, der hat Tradition und seine Ostgeschichte.

Fazit: Leute liebt eure Gefühle nicht allzu kritiklos, sondern helft ihnen mit eurem Verstand vom Kopf auf die Beine.

Ich glaube, Gefühle machen Kriege überhaupt erst möglich, weil sie die Mitmacher euphorisieren und mobilisieren.

Oder?

Ein Abend mit dem Magier

Es dauert keine drei Minuten, die ersten Klänge und ich bin hin und weg. Verzaubert. Wenn ich im Pierre-Boulez-Saal Musik höre, macht mich das glücklich. Mir fehlt nichts. Doch jetzt weiß ich, dass etwas gefehlt hat.

Was Sir Simon Rattle vollbringt, kann für mich kein anderer. Seine Magie verwandelt zusammen mit den Philharmonikern den Saal in ein Universum, mit dem ich verschmelze. Den Engeln ein Stück näher? Schon wieder Kitsch… Nein, mehr geht nicht. Meine Sitznachbarin schaut mich verklärt im Schlussapplaus an. Wie aus einem Mund sagen wir: „Mehr geht nicht.“

Wenig später im Bus eine völlig Fremde: „Das war ein Abend!“ Wir lächeln uns an und versuchen uns gegenseitig zu erklären, was es denn ist.

Eigentlich dachte ich, das geht gar nicht zusammen. Zu Hause schalte ich dann doch den Fernseher an und freue mich weiter: Leipzig gewinnt den DFB-Pokal.

Was für ein Abend.

Bevor es begann

Randbemerkungen*

Ich bin dankbar…

…wenn ich aus der Haustür trete und eine Wolke Frühling mich einhüllt. Alle Sinne reagieren, nicht nur der Geruchssinn.

…wenn mich als nächstes ein Meer weißer Heckenrosen grüßt, ihnen zu Füßen ein ergebener See von Maiglöckchen.

…wenn ich weiß, dass es keine halbe Stunde mehr dauert bis ich einen Abend in der Philharmonie erleben werde.

…wenn ich mich auf den nächsten Morgen mit meinen Enkeln und Kindern freuen kann.

*Fast schon kitschig, dennoch – ES IST SO.

Ostwestlich (9)

Ich nehme ein Büchlein in die Hand und scheitere. Es ist fest eingeschweißt. Ohne Hilfsmittel nicht auf zu bekommen.

Das Buch habe ich vor geraumer Zeit im Treppenhaus eingesammelt. Eine schöne Gepflogenheit auf diese Weise Ausgelesenes weiter zu reichen. Und auch anderes noch Brauchbares. Mache ich auch regelmäßig.

Aber, dieses Büchlein ist noch nagelneu, sozusagen unberührt. Der Titel traf bei mir einen Neugiernerv: „Sind wir ein Volk?“ Ob ich anregende Gedanken drin finde?

Noch mehr beschäftigt mich: Hier, mitten im tiefen Westen, wird so ein Buch einfach ungelesen weggelegt, nicht mal reingeschaut. Es interessiert einfach nicht. Eine Erfahrung, die sich für mich hartnäckig wiederholt. Das macht mich traurig.

Wir sind ein Volk. Sind wir nicht. Spannend wäre es, so denke ich, gemeinsam den Prozess der Annäherung hinterfragend im Austausch zu begleiten. Aus zwei verschiedenen Lebenserfahrungen könnte doch eigentlich etwas spannend Neues werden. Doch, leider, die Annäherung war von Anfang an nur in eine Richtung möglich. Und ist es bis heute. Während die Generation, die zusammen nachdenken könnte, müsste, langsam aber sicher aussterben wird, gehen Schätze für immer verloren.

Manchmal habe ich keine Lust mehr, dort zu leben, wo eigene Werte nicht zählen. Wo meine ersten vier Jahrzehnte von beiden Seiten ignoriert werden. Von den einen, weil sie sowieso wissen wie es war, auch wenn sie nur die Oberfläche ein bisschen kennen. Von den anderen, weil sie sich gar nicht mehr wagen, offen mit ihrer Lebensgeschichte umzugehen und längst resigniert haben. Der „große“ Rest war im Widerstand und oft genug sein Podium. Doch Stopp, Ironie liegt mir nicht und das ist auch kein Wort zum Sonntag.

Ich freue mich an dem wunderschönen sonnigen Frühlingstag und genieße das Leben – so wie es gerade ist.

So viel Zeitgeschichte auf einem Schnappschuss: Der Berliner Dom der Hohenzollern, Zipfel vom Deutschen Historischen Museum und der ostdeutsche Fernsehturm

Füße im Sand

Mit den bloßen Füßen im Sand zu laufen, das ist für mich ein unglaubliches Gefühl. Der Sand ist jetzt, am Abend, schon ein bisschen warm. Die Sonne hat den ganzen Tag geschienen und den inzwischen fast sanft gewordenen Ostwind vergessen lassen.

Der Sand schmeichelt den Füßen. Er macht mich lebendiger. So direkt mit der Erde verbunden zu sein, welch ein Vergnügen. Mal ist er weich und fast pudrig, dann erstaunlich fest, um mich im nächsten Moment in einem feuchten Loch verschwinden zu lassen. Schließlich rieselt er zwischen den Zehen.

Ich möchte losrennen, springen, mich einfach in das weiche Etwas fallen lassen.

Geht leider nicht mehr. Aber, barfuß am Meer – das geht. Wieder mal ein Geschenk des Himmels, eine Köstlichkeit.

NACHdenken

Nachdenken: über soeben Gehörtes, Gelesenes, über eigene Wahrnehmungen und Empfindungen? Oder fremde Gedankengänge nachvollziehen, sie womöglich verinnerlichen, also nachdenken? Betonung auf ‚nach‘.

Ich finde, beim Verinnerlichen kann es gefährlich werden. Sehr gefährlich. Weil…sollten wir nicht nach unseren eigenen Gedanken, das meint aus unserer Substanz heraus leben?

Für andere Gedanken und Ideen offen zu sein, das ist sehr wichtig. Nur sollten sie über kurz oder lang verdaut werden. Verdauen heißt individualisieren. Etwas zum Nur-Mir-Eigenen machen. Nichts anderes. Jeder Organismus holt sich aus dem Verspeisten, was er und nur er zum Leben braucht. Und wie er es braucht. Er verwandelt. Mit den Gedanken sollte es nicht anders sein.

Ein pures Nachdenken und „Oh ja, das ist es!“ ausrufen und dem folgen – das muss irgendwann ins Chaos führen. Ich glaube, dass es krank macht. Der mühevolle Weg des Verarbeitens muss beginnen. Den kann nur ich in Gang bringen. Mein ICH ist gefordert, herausgefordert.

Querdenken kann dabei hilfreich sein. Aber danach hilft manchmal nur noch ein Kräuterschnaps. Um das Chaos zu klären , das unvermeidlich folgt. Unverdauliches muss ausgeschieden werden.

Klare Sicht ist nicht verallgemeinerbar

Graublau, leuchtend

Überall stehen sie im Ort: freundliche graublau leuchtende Bänke nebst eingeholzten Papierkörben in der gleichen Farbe. Ich mag diese Farbe sehr mit der ich unwillkürlich das Meer assoziiere. Ich mag die einladende Freundlichkeit dieser öffentlichen Möbelstücke.

Wie oft muss ich in der Großstadt beides suchen. Bis sich schließlich der Müll in der Jackentasche verewigt und dann im besten Fall der Bus mit einem freien Sitzplatz kommt.

Hundeleben (7)

Ich bekomme allmählich Komplexe. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine feuchte Hundeschnauze sich aufdringlich meinen Beinen nähert. Klar, da ist auch der Gedanke: Der könnte ja zubeißen. Meist bleibe ich in diesen Momenten selbstdiszipliniert.

Das Problem packt mich an anderer Stelle. Ich grüble, teste, ob ich womöglich naja spezielle Gerüche verströme. Oder habe ich vielleicht irgend etwas Hundemagisches an mir? Was das auch sein könnte. Ich will ja nicht allzu mystisch werden. Auf jeden Fall bin ich als – derzeit passive – Katzenliebhaberin wenig mit der Welt der Hunde vertraut.

Für Anregungen zum Weitergrübeln bin ich dankbar.

Die Hundemütter und -Väter der betroffenen Hunde verstören mich auch regelmäßig. „Das macht er sonst nicht!“ Ist die ständige verbale Reaktion. Mal freundlich, entschuldigend, mal ziemlich aggressiv und alles was dazwischen liegt. Doch da bin ich schon beim nächsten Kapitel meiner Selbstzweifel und unbeantworteten Fragen

Vielleicht hilft mir ja ein Dackelbuch weiter