Titelhelden aus der Ritterzeit

Das war Gestern spannender als ein Krimi. Aber, ich hätte den Titel gern durch Zwei geteilt. Dieses Elfmeter-Schießen – nach 110 Minuten völliger Verausgabung bei einem kräftezehrenden Spiel – war doch ein Glückspoker. Beide Mannschaften haben mich mit einem richtig guten Endspiel verwöhnt. Italien und nicht England – ich hätte es beiden gegönnt. Warum sind Siege so wichtig? Und was fasziniert mich eigentlich am Fußball? Wo ich doch Spiele bevorzuge, bei denen es nicht ums Gewinnen geht.

Als das Wembley-Stadion am Ende brodelte, da meinte der Reporter: Das ist es doch, diese Emotionen, die die Faszination des Fußballs ausmachen.

Für mich nicht. „Brot und Spiele“ fürs Volk, das gab es seit jeher. Ventile sozusagen.

Ich schaue sehr selten Fußballspiele, WM, EM – meist nur die eigene Mannschaft und eben dann auch mal ein Endspiel. Wenn’s guter Fußball ist und nicht verkrampft und holzig gespielt wird. Das finde ich dann auch ästhetisch schön. Der Kampf mit fairen Mitteln. Die gestählten Kämpfer, denen man ihr hartes Training ansieht. Solche athletische Figuren kommen nicht ungefähr. Wie sehr der Nationalstolz im Stadion ins Spiel kommt, auch das ist für mich okay. Wenns nicht in Chauvinismus ausartet…

Mir kommen aber beim Zusehen immer andere Gedanken: Ein Glück, dass kein Krieg auf dem berühmten Rasen geführt wird. Heute gibt es auch diese spielerische Möglichkeit, die eigenen Helden zu küren. Toll! Die neuen Helden rackern sich ab fürs Vaterland, sie müssen keinen Heldentod mehr sterben, jedenfalls nicht hier und jetzt. Wie gut, sollen sie doch auch ihre Denkmäler bekommen und ihren gerechten Lohn.

Als am Anfang, der Europa-Pokal ins Stadion getragen wird, muss ich an Gralsbilder denken. Der Heilige Gral. Er ist schon sichtbar, aber für keinen auf dem Spielfeld schon fassbar. Er muss erst verdient werden. Durch Leiden, Erkennen und Begreifen. Am Ende steht er wieder da: Leuchtend und wird von den Spielern geküsst. Der Gral das Symbol der Menschen-Liebe.

Parsifal erringt ihn, indem er nach langen Mühen, die richtige, die erlösende Frage stellen kann. „Was wirret dir Oheim?“, also, woran leidest du.

Bin ich jetzt noch beim Fußball oder bei den legendären Helden des frühen Mittelalters? In ihren Mythen ging es nicht vordergründig ums Siegen und um Stärke, sondern um Gerechtigkeit, darum dem Guten zu dienen. Kniefälle vor den Spielen, Regenbogenfahnen, die Umarmung des Gegners…da bekommt mein Bild-Erleben Nahrung. Nationen, die im friedlichen Spiel ihre Kräfte messen, so dass es sich gut zuschauen lässt.

Vielleicht könnte das Massenphänomen Fußball noch viel mehr für eine friedlichere Welt tun… Ein Glück, dass diese schon immer vorhandenen gewaltigen Energien im Stadion, sich in einem friedlichen Strom ausleben können. Und den „Gral-Pokal“ gibt es ja schon.

Fußball mal anders gedacht. Sind das die Heldenmythen des 21. Jahrhunderts?

Warum nicht!

Links: Der Gral wird präsentiert von Repanse de Schoye Rechts: Eder, ein derzeit arbeitsloser Fußballstar, bringt zum EM-Endspiel 2021 schreitend den Pokal ins Stadion

„Beuys hatte ich nicht nötig“

Auch so ein Satz. Er kommt ganz nebenbei, völlig uneitel. Einfach selbstverständlich.

Es geht um ein Lebenswerk, das einer Berliner Künstlerin. Eigentlich um ein Leben.

Sie erzählt, wie sie als Studentin in der Düsseldorfer Künstlerszene in bewegter Runde neben einem Mann mit Hut sitzt. Später erfährt sie, dass es Beuys war. Ich sage erkennend ‚Aha‘, weil ich glaube an die Wurzeln ihres Werkes geraten zu sein. In diesem Kontext kommt eben dann der zitierte Satz.

Installationen, Objektkunst, viel Gewebe: erst die Mullwindeln der Kinder als Gipsobjekt -Schöpfungen aus dem „Müttergettho“. Später überdimensionale Torfmöbel – „Torf-Mobilien“, mindestens in jedem Jahrzehnt eine neue Inspiration. Auch das Preußisch Blau, u.a. mit Kachelmotiven der Sacrower Heilandskirche, gehört dazu. Kacheln, die wundersame neuzeitliche Inschriften aushalten mussten. Da begann schon ihr nachwendliches ganzheitlich deutsches Leben in der Potsdamer Panzerhalle – einem Künstlerhaus mit neuartigen Begegnungen und Inspirationen.

Inzwischen passiert fast jedes Jahr etwas Neues. Irgendwie für mich die aktuelle Krönung: ein Zinksarg für ihr digitales Erbe „Sterben in der Cloud“. Der USB-Stick liegt drin. Material, Sprache, Idee werden auf verblüffende Weise eins. Überhaupt Sprache, sie gehört zu ihr und ihrem Werk – immer.

Silvia Klara Breitwieser kenne ich seit bald 20 Jahren. Ich dachte mal, dass sich mit zunehmenden Alter ihr energetisches Feuerwerk ein wenig bündelt. Aber auch mit der achten Null ist Ihre Kraft geblieben, wie gehabt. Vielleicht etwas fokussierter, jetzt geht es um ihr Lebenswerk – die „Hinterlassenschaften“. Die wollen geordnet und gebündelt werden – für die Nachwelt und die Nachkommen.

Ich blättere in ihrem gerade erschienen Lebensbuch. Katalog scheint mir nicht der richtige Name. Obwohl er zur Marburger Ausstellung im Herbst 2020 erschien, die stattfand und doch traurigerweise den Dornröschenschlaf der Coronazeit schlafen musste.

Und ich staune. Staune über all das, was da zusammen gekommen und oft erneut verblüffend ist. Die Vielfalt dieses Werkes entspricht ganz und gar der Vielfalt der Person, die allem und jedem gegenüber offen und gleichzeitig ganz bei sich ist.

Jüngst in der Ausstellung der Japanerin Yayoi Kusama erlebe ich Parallellen. Darin, wie sich gelebtes Leben Schritt um Schritt in Kunst verwandelt und ein Eigenleben beginnt. Da passt auch wieder Beuys dazu, über den gerade wieder soviel geschrieben wird. Der Zeitgeist soll weiterleben: Nichts ist zu profan, um sich übersteigert in Kunst zu verwandeln. Sozialer geht Kunst nicht.

S.K.B. und die Japanerin sind in etwa (nicht ganz, zehn Jahre Unterschied) eine Generation und auch vom Alter nicht so weit weg von Beuys. Naja, der ist 18 Jahre älter. Das sind die Jahrgänge 1921, 1929 und 1939. Zeiten, in denen die Welt wieder mal brutale Veränderungen erlebte. Aufbrüche folgten, analog in der Kunst. In Künstlern wie diesen lebt der suchende Geist, der der Zeit ihren Spiegel vorhält.

Washington fällt mir da auch noch ein: Die riesige Gabel mit den Spagetthis, die sich über mehrere Etagen der Museumshauswand ausbreiten.

Und: Marylin und die Tomatensuppendosen…

Installationen, Performance, Happenings… Kunst, die Lebensgefühl direkt transportiert und den Zeitgeist mitdiskutiert, ihn zwingen will – allerdings mit den spielerischen Mitteln der Kunst. Spiel, das ernst gemeint ist. Das ist der Moment, wo ich offenbar immer im tiefsten Inneren berührt bin.

Silvia Klara erlebe ich auf eine sehr heutige Art bodenständig. Sie webt. Alles, was ihr unter die Augen und Finger kommt, gerät zu einem Gewebe aus dem unsere Zeit gestrickt ist. Auch die Menschen, denen sie begegnet, ihr Lebensgewebe, werden zum Kunstobjekt – einst an einem runden Geburtstag präsentiert. Später folgten ihre Menschenbildnisse – ‚Fotografische Reliefs‘. Die Technik der Computer-Generation lässt grüßen. Plötzlich zeigen Alltagsfotos auf ganz besondere Weise Wesentliches. Ich bin fasziniert.

Verwundern, stolpern, mich drin, im Gewebe, verheddern, Grübeln, ein Aha! – so etwa geht es mir mit den Dingen in diesem Lebensbuch. Vordergründig scheint vieles sehr gedacht – am Ende bleibt ein zutiefst Atmosphärisches, das mir zuerst fassbar scheint und im nächsten Moment entwischt.

Unsere Zeit, diese Zeit – dieses Jetzt – hat es in sich. Der Sturm nach der verschlafenen Ruhe? Könnten wir nicht alle etwas spielerischer mit unserem Alltag umgehen. Künstlerischer, was ja doch viel mit Spiel zu tun hat. Das würde der Aggression die Zähne abschleifen und uns dem Frieden im Chaos der Unvereinbarkeiten möglicherweise etwas näher bringen.

Jeder Mensch ist ein Künstler. Das ist Beuys‘ vielzitiertes Credo. Er pflanzte bereits 1982 die erste von 7000 Eichen zur Kasseler Documenta. Es hat noch lange gedauert bis allerorten angefangen wurde, Bäume in großer Zahl zu pflanzen.

Sie – Silvia – hat ihn, Beuys wirklich nicht nötig, sie ist vom selben eigenständigen Geist gespeist, der der Zeit den Zahn aufbohrt und Menschen ist Gesicht sieht.

Ich bin gespannt, was S.K.B. noch so unter die Augen und die Hände gerät – am Ende bin ich sicher, dass ich wieder verblüfft sein werde. Und nachdenklich…

Visuelles aus dem Lebensbuch (kann bestellt werden)

Randbemerkungen 9

Verlangsamung klingt so schön und ist inzwischen in vieler Munde.

Ich erlebe diese Verlangsamung beim Gehen. Einfach gehen, statt rennen, fahren womit auch immer.

Natürlich habe ich gut reden: Ich muss nicht mehr Morgens pünktlich an meinem Arbeitsplatz sein. Nachmittags warten keine Kinder mehr auf mich. Ich kann ausschlafen, wenn nötig und mir meist die Zeit nehmen, die ICH brauche. Dafür bin ich dankbar. Sehr sogar, da ich das Gegenteil nur zu gut kenne.

Aber, jetzt kommt das große Aber: Es scheint wie ein Wahn zu sein das „Schnell-Sein-Müssen“. Rasende laute Motorboote auf dem Wasser. Langsam Radfahren ist fast unmöglich, da es hinter mir immer jemand eilig hat und ich Platz machen muss. Auf dem Gehweg, der eigentlichen Fussgängerdomäne, wird die nicht gegangene gerade Linie zur Gefahr. Radfahrer von hinten und seitlich, die weder klingeln noch bremsen und so für Schrecksekunden sorgen. Immer sportlich, selbst auf einem schmalen Wanderweg wäre ich mit Millimeter-Abstand fast umgefahren worden.

Dazu die E-Roller, die nur selten die Straße benutzen. Da bin ich allerdings sogar froh. Unsere Straßen taugen nicht dafür, ich möchte nicht ständig Unfallzeuge werden.

Ich glaube schon, dass es auch im hektischen Berufsalltag Verlangsamungschancen gibt. Wahrscheinlich braucht es Übung, um dahin zu kommen.

Schon, wenn ich selbst nicht mehr so oft Fahrzeuge benutze, sondern die öffentlichen Angebote ausreize.

Das Großartige daran ist: Ich gewinne Zeit zum Nachdenken, Schauen, Entdecken.

Solche Gewinne sollten eigentlich uns allen zu Gute kommen.

Fußabdrücke

Randbemerkungen 8

Ich komme nach Hause und finde mich in einem Hindernisparcour wieder: Gefühlte zehn Autos, diverse Bälle, Playmobil-Kleinteile auf 70 Quadratmeter gleichmäßig verteilt.. Meine letzte Energie verwende ich darauf, nicht zu stolpern. Um dann erschöpft ins Bett zu sinken. Das Aufräumen muss warten bis zum nächsten Morgen. Ungewöhnlich für mich, aber das sagt auch alles.

Ein langer Fast-Sommer-Sonnen-Wander-Badetag mit dem Vierjährigen liegt hinter mir. Schön wars und abenteuerlich.

Dem Mini gelang – noch nie erlebt – eine halbstündige Wald-Zusammenschrei-Aktion am frühen Morgen – nach der Mama. Die Erlösung brachten zwei Jogger, auch im reiferen Alter wie ich. Sie machten dem Kind absolut überzeugend klar, dass das nur ein Weg sei für Menschen, die rennen. Daraufhin verschwand Klein-F wie ein Kugelblitz. Auch die beiden Trainierten kamen nicht mehr hinterher. Als ich endlich als Letzte unten ankomme, sitzt das Kind vergnügt auf einem Baumstumpf und freut sich an den Schiffen auf der Havel. Alles vorbei und vergessen.

Die beiden Sportler warteten ebenso vergnügt auf mich. Und ich war erlöst. Der Rest Spätabends – siehe oben.

Verwunschenes

Verwünscht. Ich, Du, Er, Sie, Es werden verwünscht. Buh, Hexerei, pass gut auf Dich auf!

Kann ja auch was Schönes raus kommen bei dem Verwünschen.

Dann wenn es mich – mehr oder weniger freiwillig – an verwunschene Orte verschlägt. Orte, die mich verzaubern und an denen es mir gut geht.

Ist mir passiert, letzte Woche.

Zum Ersten war es Charlotte von Mahlsdorf, der ich schon längst mal begegnen wollte. Spätestens seit ich in den Neunzigern ihr Buch „Ich bin meine eigene Frau“ gelesen habe. Ihre Sammelleidenschaft in Gründerzeit-Gefilden und ihr konsequentes Frauenleben, mit dem sie den Mann hinter sich ließ, waren und sind etwas ganz Besonderes. Sie lebt, 2002 gestorben, weiter. Leider konnte sie nicht mehr erleben, was aus ihrer verfallenen Gutshausreliquie geworden ist. Nämlich: Ein verwunschener Ort, an dem sie weiterwandelt. Dank ihrer Freunde, denen der Schlüssel blieb und ein unglaublicher Enthusiasmus über viele, viele Jahre. Die Sammlung, die Charlotte als 12jähriger begann, musste zusammengeführt und die Räume musssten in den Gründerzeit-Zauber getaucht werden…

Jetzt stehe ich vor ihrem Bett, ihren Kleidern, der Waschschüssel, vor ihrem Schlafzimmer – und bin entrückt, in meine verwunschene Kindheit. Wie oft war ich bei meiner Großmutter. Da steht die kupferne Wärmflasche, die ich oft an kalten Tagen, eingewickelt in ein dickes Handtuch, an die Füsse gelegt bekam. Mein Blick fiel von dort auf einen Kleiderschrank mit Schnitzereien und die Träume konnten kommen. Am nächsten Morgen schaute ich meiner Großmutter zu, wie sie die Brennschere am Herd erhitzte, um ihrer Haarpracht auf die Beine zu helfen. Großvaters schwerer großer Schreibtisch mit den Löwenköpfen lockte immer wieder.

Ich, älter geworden, der Großvater war schon längst in der anderen Welt, fing an, in unbeobachteten Stunden seine Geheimnisse zu erkunden. Alte Zeugnisse und Briefe kamen zum Vorschein, alte deutsche Schriftzeichen, vergilbte Dokumente – die verwunschene Welt meiner Vorfahren.

Bei Charlotte von Mahlsdorf tauche ich ein in meine fast vergessene Welt, in einen Alltag, der so anders war, als ihn meine Enkelkinder heute leben. Meine erinnerungsträchtige Großmutterwelt entstand so in den 20erJahren des letzten Jahrhunderts. Kennengelernt habe ich meine Oma 30 Jahre später, da war sie schon 60. Graues Haar und streng geknoteter Zopf am Hinterkopf. Zu Hause meist mit einer selbstgenähten, frisch gestärkten Schürze unterwegs, draußen immer elegant…

Ihre Kompottschalen (ohne die eingeweckten Kirschen und Erdbeeren) stehen bis heute in meinem Regal. Eingekochtes gibt es kaum noch, aber der Kindheitsduft dieser Köstlichkeiten aus den 50ern berührt mich bis heute ab und zu.

Wie schön ist diese wiedererweckte verwunschene Welt. Eine leichte Sehnsucht kommt auf nach den Kirschbaum-Gärten meiner Kindheit.

Dieses chaotische Berlin besitzt so viele verwunschene Orte. Nummer Zwei begegnete mir letzte Woche. Eingezwängt in zwei Hauptverkehrsachsen und Bahnstränge fliegen Libellen über Tümpel, aus denen lebende und tote Bäume ragen – ich war zum ersten Mal im Ruhlebener Fließ. Ein Zipfelchen uralte erhaltene Landschaft, die in der großen chaotischen Stadt weiterlebt. Eine Stunde auf einer Bank mitten drin verging mir wie im Flug. Ich habe mal wieder so ganz unmittelbar die Kraft der Natur gespürt und mein Vertrauen in sie erlebt. Ich glaube schon, dass sie stärker und wahrscheinlich auch vernünftiger ist als wir, die wir uns so gern als Vernunftwesen bezeichnen. Wir werden sie nicht beherrschen, aber im Zwiegespräch gemeinsam weitergehen.

Was brauchst Du und was brauche ich, das wären doch Schlüsselfragen für unser aller gemeinsames Leben. Gedanken aus einer verwunschenen Welt? Gar Hexerei?

Aber, es gibt doch auch die guten Hexen…

Mein Phantasiegeschöpf: Der unpolitische König

Vor einiger Zeit habe ich mal von meinem Traum von einem weisen König erzählt. Das hat einige Missverständnisse hervorgerufen.

Ich bin so müde vom Gerangel in der Welt und direkt vor meiner Haustür. Gerade komme ich aus einer Lächeln machenden Ausstellung mitten in der Stadt. Kartenvorverkauf, Test – alles hat geklappt, – Maske auszuhalten. Endlich gehts wieder. Ich fühle mich wohl.

Und dann: Ein riesiges Polizeiaufgebot. Überall mitten in der Stadt. Das Regierungsviertel komplett abgesperrt. Spaziergänger bewegen sich von allen Seiten Richtung Brandenburger Tor. Die Dialekte deutsch querbeet. Eine seltsame Atmosphäre. Kein quirliger Touri-Auflauf. Es könnten Familien sein, die sich in Feiertagslaune zu einem Pfingstspaziergang in Berlins Mitte aufgemacht haben. Könnten… Die Stimmung ist eine andere. Schwer zu beschreiben. Vielleicht unterschwellig aufgekratzt oder so ähnlich. Ich fühle mich nicht mehr wohl. Und bin froh als mein Bus kommt.

Wie könnte ein so kompliziertes Gebilde, wie es ein Staat ist, nur regiert werden? So, dass alle Interessen ihren Raum haben, so dass alle ihren inneren Frieden finden können, so dass produktive Kreativität daraus wachsen kann? So dass Widerspruch nicht nur erlaubt ist, sondern er auch von allen Seiten gewollt ist und produktiv für alle wird.

Möglich, dass ich von einer Illusion rede. Sehr wahrscheinlich sogar.

Jetzt kommt mein weiser König der Neuzeit ins Spiel. Ich meine keinen absolutistischen Herrscher im regenbogenfarbenen Gewand. Was mir vorschwebt, das ist ein Gremium von klugen, lebenserfahrenen Menschen. Sie sollten aus allen Gebieten kommen, die für ein gemeinsame Miteinander-Leben wesentlich sind. Also, Personen, bei denen Expertenwissen und Lebenserfahrung und – na ja, auch eine gewisse Selbstlosigkeit zusammen kommen. Mein König wäre dann sozusagen der Moderator, der im Notfall auch mal das letzte Wort haben darf. Diese Menschen könnten dann vorleben, vormachen wie Gemeinschaft geht, gehen könnte.

Wählen würde ich dann einzelne Personen und den „König“. Ich dürfte ergänzende Vorschläge machen… Das Parteien-Gerangel wäre dann endlich vorbei.

Nur die Könige durften durch das mittlere Tor gen Stadtschloss oder gen Sansscouc – heute gehen wir alle durch die Mitte…

Randbemerkungen 7

Jüngst nach einer Abenteuerwanderung mit dem Vierjährigen. Fährfahrt über den Wannsee inclusive. Das nächste Abenteuer kam – für mich. Wir kaufen noch schnell an der Ecke im Minimarkt ein Baquette. An der Kasse liegen bunte Eier. Das Kind ist begeistert: „Ostereier!“ Die freundliche Kassiererin erklärt: „Ostern ist doch vorbei. Das sind einfach bunte Eier.“ Das Knäblein: „Nein, Ostern geht bis Pfingsten. Da ist Christus in den Himmel gefahren.“

Die nette Frau guckt verdutzt und ich verblüfft.

Aber jetzt: Tschüß ihr Hasen und Eier – die Natur ist endlich auferstanden

Randbemerkungen 6

Ich verspreche, egal was passiert, das ist die letzte Eichhörnchenstory.

Nach meinem Kuschelabenteuer mit dem Eichhörnchen-Nachwuchs ging ich, Balkontür vorsichtshalber weit aufgerissen, ins Nebenzimmer. Ich schloß vorsorglich die Zimmertür hinter mir. Ein Hörnchen konnte ich weder entdecken, noch hören – aber so ganz sicher war ich mir nicht.

Es dauerte nicht lange, und es fing an, an meiner Tür zu kratzen. Unglaublich! Das konnte doch nicht sein, aber wahrscheinlich war es wieder das Eichhörnchen. Es war…hartnäckig kratzend.

Was tun??? Hilfe!!! Hätte ich die Tür geöffnet wäre es wahrscheinlich in Windeseile unterm Bett untergetaucht. Schneller als mir eine Reaktion mit menschlichen Fähigkeiten je gelungen wäre. Also, ich war eingesperrt in meiner Wohnung.

In Corona-Zeiten ist zwar unerwartete Gesellschaft ganz nett. Trotzdem schaue ich mir diese Fellbabys lieber mit gewisser Distanz an. Eine Telefonkonsultation bestätigt mir die einzige brauchbare Idee: Die liebe Nachbarin anrufen, trotz Feiertag, trotz fortgeschrittener Abendstunde.

Mit Handtuch, Eimer, Handschuhen und Nüssen bewaffnet wird sie dann beim Aufschließen der Wohnungstür von dem vergnügten Kleinkind-Tier begrüßt, das dann doch wieder vorsichtshalber ins Nebenzimmer flüchtet.

Dann beginnt eine sageundschreibe einstündige Aktion, um es wieder hervor zu locken. Irgendwann siegt der Hunger. Das Foto, auf dem es auf meiner Sofalehne entspannt Walnuß knappert, das konnte ich nicht machen. Da jede Bewegung unsererseits gefährlich war. Dann wurde ihm die neugewonnene Zutraulichkeit zum Verhängnis. Mutig griff Frau Nachbarin mit dem Handtuch zu. Es entsprang – auf den Balkon. Dieses Mal waren wir schneller und konnten rechtzeitig die Tür schließen.

Zwei Tage später lag ein totes Eichhörnchenkind im Vorgarten.

Noch einmal zwei Tage später gelang mir untenstehendes Foto auf dem Balkon. War das jetzt meins oder ein Geschwisterkind?

Wenigstens das: Die Sippe überlebt.

Allerdings: Ich kann gern auf diese Art Abenteuer verzichten.

Ihm geh’ts gut

Das war leichtsinnig

Keine Randbemerkung. Ich sollte den Bärenfänger nicht beschwören, indem ich ohne Notwendigkeit seine Mission würdige – wie gestern geschehen.

Ich bin gerade noch in der Erholungsphase. Der Schreck sitzt mir im ganzen Körper.

Die Situation: Ein halbes Stündchen Mittagspause auf dem Sofa mit Buch und Telefon. Ich höre ein Geräusch, nein, wie Maus klingt es eigentlich nicht. Ich lausche: War es mein Bauch? Kann sein. Ich lese weiter…

Pause beendet. Ich bringe die Kissen wieder in eine ansehenswerte Form und schaue, einer Eingebung folgend, noch mal kurz dahinter. Was da liegt ist ein kleines braunes Fellbündel. Es springt erst auf, als ich großstadtkindgemäß kreische. Ich habe auf einem Eichhörnchen gelegen. Die ganze Zeit. Meine Ohren und meine mäusegeplagte Phantasie haben mich nicht betrogen.

Zumindest weiß ich jetzt sicher, dass meine Ohren noch nicht die Schlechtesten sind und das Hörgerät noch warten darf.

Ich habe die Balkontür aufgerissen. Und da es nicht flüchtete, bin ich mit hinter mir verschlossen Türen in die Nebengemächer geflüchtet. Ich hoffe, mein Schrei hat es so erschreckt, dass es doch wieder ins vertraute Nest geklettert ist.

Aber sicher bin ich mir nicht. Draußen regnet’s, stürmt’s und donnert’s. Dieses kleine Eichhörnchen hat sich offenbar sehr wohlgefühlt und meine mütterliche Wärme genossen. Mein Gefühl ist, dass ich kurz am Herzinfarkt vorbei bin. Was tut man nicht alles für Eichhörnchenkinder.

Ein Balkongast im Winter

Randbemerkungen 5

Ein verwirrend schöner Sommertag mitten im Frühling bei 30 Grad. Ich bin mit der Enkeltochter an der Havel. In unserer Lieblings-Badebucht. Wir haben sie wieder und sie gehört doch tatsächlich uns allein für einen ganzen Tag. Es wurde noch verwirrender: Ich schaue irritiert aufs Wasser: Schwimmt da – so anderthalb Meter entfernt – ein großes Stück Holz (was immer mal vorkommt)? Aber, irgendetwas ist anders. Ich mache die Achtjährige darauf aufmerksam. Ihre spontane Reaktion: „Das ist ein Otter!“ Wirklich ein Otter? Im nächsten Moment macht das Stück Holz eine s-förmige Tauchbewegung.

Ich kann es dem Kind nicht glauben. Könnte es nicht auch ein Biber gewesen sein, denn die gibt es in dieser Gegend inzwischen doch ziemlich häufig? Ich werde aus voller Überzeugung belehrt: „Nein, die schwimmen anders und haben eine andere Farbe.“ Irgendwie scheint das Kind Recht zu haben. Wir einigen uns auf Googeln zu Hause. Denn erst mal haben wir Wichtigeres zu tun: Buddeln, Picknicken, Enten begrüßen, anbaden. Letzteres gelingt dem Kind ganz, mir nur zur Hälfte. Es wird ein wunderschöner Tag mit Strandgefühl, Kuckucks-Rufen, Segelbooten, riesigen Lastkähnen, Motorbooten von unterschiedlicher Schönheit. Auch ein paar Raser sind dabei. Die machen nicht nur die allergrößten ostseetauglichen Wellen, sondern auch elenden Lärm.

Eine Bus-Viertelstunde weiter und einige Stunden später sind wir wieder mitten in der Millionenstadt und zu Hause. „Wir wollten doch googeln“, die Otter-Kennerin hat das Ereignis nicht vergessen. Und siehe da: In der unteren Havel gibt es seit einiger Zeit wieder Fischotter. Da war wohl einer neugierig und wollte das Großstadt-Feeling erkunden. Denn dort, wo wir waren, ist es eher mittig. Eben der Berliner Bereich und nicht die Mecklenburgische Idylle.

Fischotter sei willkommen in Berlin! Hier sind offenbar nicht nur die Bären zu Hause, sondern auch die Fischlein.

Apropos Bären: Hatte ich schon mal geschrieben, dass mein professioneller Mäusefangassistent den faszinierenden Namen Bärenfänger trägt? Ganz in Echt. Hoffentlich brauche ich seine umwerfenden Dienste nie wieder. Ich gehe lieber Fischotter beobachten.