Die Weide in ihren zarten schwingenden Zweigen leuchtet goldgelb. Noch ohne Blätter. Und der Stamm in hellem Grau. Nicht mehr Winter, noch nicht Frühling. Eine Ahnung davon. Unglaubliche Farben nach dem langen Winter-Weiß-Schwarz-Grau.
Heute war das neu entdeckte Gelb fast verschwunden. Verschwunden im ersten kräftig zartem Grün. Energisch dieser Frühling. Und wie schön.
Ich finde es großartig zwischen den Jahrhunderten zu wandeln. Die Zeiten nicht als vertikale Abfolge, sondern horizontal. Alles gleichzeitig. Bildermuseen machen es möglich. Man kommt sich näher über die Jahrhunderte. Alles fängt an sich zu verweben. Wir leben mit dem und den vermeintlich Verflossenen. Aus Gemälden treten sie uns entgegen. In Büchern sprechen sie mit uns. Wir tauchen ein in andere Zeiten. Und manchmal verwandeln wir uns dabei selbst. In Zofen, Ritter, Kaufleute, Prinzessinnen, Bauern, in die Jüdin mit dem verpflichteten gelben Hut im alten Venedig. Ich weiß nicht mehr wie das Buch hieß, in dem diese Geschichte erzählt wird. Aber es hat sich tief eingeprägt. Auch Goethes Wilhelm Meister wandert seit Jahrzehnten mit mir mit, besonders in Thüringen. Merkwürdig? Oder selbstverständlich? Ich weiß es nicht. Aber ich bin tatsächlich dankbar für diese angereicherte Gegenwart, die mich noch lebendiger sein lässt. Kann sein, dass ich auf diese Weise irgendein Zipfelchen alten Karmas zu greifen bekomme. Alte Inkarnationen, die etwas in mir zum Mitschwingen bringen.
Und: Wo ist der Zipfel Zukunft, den ich auch ganz gern ab und zu mal am Rocksaum packen möchte? Mit hinein nehmen möchte in die Wirren der Gegenwart…
Das was ist begegnet dem was war und dem was werden will. Manchmal treibe ich freudig gelassen in diesen Weltenwundern. Noch öfter stolpere ich, mich suchend, in dem Zeitenpanorama herum.
Heute jedenfalls war ich erst mal enttäuscht. Ich wollte mir die Möbelwelt von Mies van der Rohe anschauen. Jetzt weiß ich, dieses Museum hat nicht nur Montags, sondern auch Dienstags geschlossen. „Nicht so schlimm“, dachte ich. Ein paar Schritte weiter geht die Tür auf zum 2000er-Jahre-Modedesign, das den Alten Meistern auf den Pelz gerückt ist. Doch dann irre ich völlig verwirrt zwischen den bildgewaltigen Werken herum und finde keine Modefigurinen mehr wie noch vor Wochen. Endlich frage ich und erfahre „Gestern abgebaut“. Es gibt nur noch die – auch sehr schöne – Kernausstellung.
Soooo schade… Gerade von den zwischen den Gemälden verstreuten Figurinen mit den phantasievollen Kreationen war ich so begeistert. Da war es wieder: Dieses Miteinander der Zeiten.
Ich füge mich zwangsläufig in das Unabänderliche. Und es wird richtig schön. Ich schaue mir vergnügt die farbenfrohen, schmuckvollen Gewänder der Ahnen an. Entdecke dabei bisher nie Gesehenes. Übersehenes. Dann die unglaublichen wunderbaren Gesichter, in denen sich soviel lesen lässt.
Wer hat einst mit diesen Bildern gelebt? Wer konnte sie sehen? In den Kirchen und wo noch? In Zeiten, in denen viele noch nicht lesen konnten… Was macht es mit einem Menschen, der oft dieser so lebendigen überwältigenden Bildsprache ausgesetzt ist? So einer Schönheit, der ein Mensch sich kaum entziehen kann…
Ich will schon den Vormittag beenden, als mich eine zarte junge Frau in ihren Bann zieht. Mit einem liebevollen Blick, die fast noch kindliche Sanftmut steht ihr ins Gesicht geschrieben. Eine Mutter mit einem Kind, das gerade anfängt neugierig die Welt zu entdecken. Der blaue Umhang mit der kostbaren Borte scheint mit dunklem Samt gefüttert, darunter ein rotes plissiertes Kleid. Maria mit dem Jesusknaben. Wo bin ich den Beiden jüngst begegnet? Vielleicht in der S-Bahn.
In diesem Moment wandelt eine Schaar Drei- bis Fünfjähriger geräuscharm durch die heiligen Bilder-Hallen.
Ich habe meine Kathedrale gefunden. Göttlich. Was sonst.
Ein neues Universum in der Gemäldegalerie. Zwei schwarze Umhänge treffen sich. Dazwischen liegen reichlich fünfhundert Jahre. Renaissance trifft auf Design Berlin anno 2026. Nachklang der Berliner Fashion Week.
In mir klingt es immer noch. Innerlich bin ich irgendwie durch die Ausstellung getanzt. Sagen wir mal so, meine Seele hat getanzt. Um die Lippen ein Lächeln. Stunden lang. Am Ende waren es unglaubliche, nicht gespürte volle drei Stunden. Erst bemerkt als ich in der Cafeteria die Kaffeetasse in der Hand halte und auf die Uhr schaue.
Ich war schon so oft in dieser wunderbaren Galerie mit ihrer faszinierenden Architektur und der Welt der Renaissance-Ikonen, der vielen, vielen Marienbilder, der Cranachs, der Holländer. Ich habe mich entführen lassen in vergangene Welten und mich ihnen immer so unglaublich nah gefühlt. Und nun die geniale Idee diese Welten tatsächlich zur Zwiesprache zu verführen.
Die junge Generation der Modeschöpfer, die künftigen Anwärter der Haute Couturier durften sich austoben. Und die Alten auf den Gemälden konterteten mit ihren Outfits, die plötzlich ganz neu ins Sichtfeld gerieten. Corsagen neu kreiert, Röcke und rockartiges in unglaublichen Formen – auch für Männer. Überhaupt viele umwerfende Verrückheiten zum Lachen, Lächeln, freuen. Mode, die selbst einzigartige Kunst ist.
Manchen Hingucker würde ich mir auch im Straßenbild wünschen, im Supermarkt und im Restaurant. Das meiste allerdings präsentiert sich als Kunst pur. Vielleicht noch tauglich für diverse rote Teppiche.
Ich fing an zu sinnieren, was sich die Alten und die Jungen zu sagen haben. Die nackte Eva von Cranach und die Dame in. Reißverschluss-“Brüstung“ , der entschlossene Ritter in Ordenskleidung und die plissierte und gefaltete heutige Männlichkeit, die Bürgersfrau und die heutige Robe, aber auch Engel und Engelsgleiches.
Wieder mal ein Verschwimmen der Zeiten, während ich in der Fülle des Gesehenen haltlos versinke. Und mich der Baumarkt einholt.
Was das Material angeht, schrecken die Kreativen vor nichts zurück. Mehrere müssen gnadenlos Baumärkte geplündert haben: Schlüsselringe, Ketten, Karabinerhaken und so einiges gerät an der Figurine zum Hingucker. Auch die Kreationen der Schmuckdesigner, die sich zusätzlich an den Bastelläden mit ihren Glasperlensortimenten schadlos gehalten haben. So viel Schönes!
Die attraktive lange rote Robe entpuppt sich beim näheren Hinsehen als beinahe oder wirklich handgestrickt. Omas kunstvolle Häkeldecke aus meiner Kindheit verwandelt sich ins Outfit für den Opernabend. Im nächsten Moment feiern alte Küchentextilien Auferstehung als freches Tageskleid. Und überhaupt: Üppige Bänder und Bändchen, Wollfäden in großen Mengen und Formen aufbereitet, sie sind offenbar das Nonplusultra im derzeitigen Modekosmos. Ansonsten gnadenloses Spiel – und Frechheit siegt. Einfach herrlich. Ich bekomme Lust mitzuspielen.
Noch bis zum letzten Tag im wunderschönen Monat Mai.
Ich wollte zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele nur mal kurz reinschauen. Wenig enthusiastisch, wenig leidenschaftlich. Man ahnt es, ich bin hängen geblieben. Schließlich – inclusive einiger Fluchtversuche – bis zum Ende. Was ist da geschehen?
Dazu muss ich vorab erklären, dass ich kein Sportenthusiast bin. Ich glaube, ich bin ein Sportegoist. Ungefähr so: Für mich selber treibe ich Sport, wenn mein Körper überdeutlich danach verlangt. Und die alltägliche Bewegung nicht mehr ausreicht. Ab und zu macht es dann auch Spass.
Als Zuschauerin bin ich dabei, wenn es richtig spannend wird. Meisterschaften aller Art. Aber dann auch nur selektiv, denn meist gibt es interessantere Sachen, mit größerer Faszination für mich. Spannung allein reicht mir dann allerdings auch nicht. Wenn beim Fußball geholzt und gekloppt wird, beim Handball die roten Karten überhand nehmen, bin ich nicht mehr dabei. Ich bevorzuge Ästhetik im Spiel. Wenn im modernen Fußball Aktionen mit gekonnt akrobatischen eleganten Touch entstehen, steht mir die Freude ins Gesicht geschrieben. So etwa.
Doch was ist mit mir bei Olympia Alla Italia 2026 geschehen. Die vielen, vielen Bilder, die große Tanzperformance und was noch so alles ins riesige Mailänder Stadion gezaubert wurde. So Schön! Dann die fröhlichen, vergnügten Sportler in ihren kreativen Outfits. Interessant, dass zwischendurch mein inneres Auge die Bilder entlang der Seine vor zwei Jahren fabrizierte. Sie waren stark, stärker als in diesem Jahr.
Doch in diesem Jahr hat mich die Atmosphäre umso mehr in ihren Bann gezogen. Da strömten Schönheit und Harmonie buchstäblich und ließen den Rest der Welt für Stunden vergessen. Ich fand es spannend, dass die Kommentatoren überwältigend oft genau diese beiden Worte gebrauchten! Schönheit und Harmonie. Nicht Wettkampf, Leistungen, die Namen der Stars. In diesem dreistündigen Moment waren sie alle Stars und wir mit ihnen. Und feierten das Leben. Das ach so friedliche Sein-können und -dürfen.
Ich bin absolut kein Anhänger nationaler Symbole. Doch dieses Mal war ich zutiefst bewegt als die großen Fahnen der teilnehmenden Länder dicht gedrängt miteinander zu schwingen begannen, geschwungen wurden. Wie schön könnte die Welt sein. Einfach nur schön. Und harmonisch schwingend. Olympisch.
Aber: Sie kann nicht. Was brauchts…..???
Schöne Masken – oder unmaskiert schön wie Olympia…
Das Jahr endet und begann mit Chaos. Handwerkerchaos. Über den Tisch-Zieherei in Notsituationen. Ausgeliefertsein, überrollt. Keine guten Gefühle. Überhaupt nicht.
Doch: Erlösung ist greifbar nahe. Nicht für das finanzielle Fiasko. Aber für die Gefühle. Ich will nicht, dass sie mich beherrschen und dass sie selbst die schönen sonnigen Wintertage eintrüben. Ich schaue mich um.
Auf dem zugefrorenen See tummeln sich Schlittschuhläufer aller Gattungen, auch Spaziergänger. Ein Breughel-Gemälde mitten in Berlin voller Schönheit und Romantik. Eis und Schnee, die die Seele wärmen.
Drinnen ein bunter Strauß mit rosa Tulpen, die weiter wachsen, und leuchtend roten Ranunkeln. Flackernde Kerzen machen den Zauber ganz besonders.
Der Raum ist warm. Ich freue mich an seiner Schönheit.
Wenn es draußen immer mal wieder heftig knallt, bin ich mal kurz sauer. Aber ich weiß: Da draußen ist kein Krieg, nicht vor meiner Tür. Es sind nur ein paar aufgesparte Sylvester-Knaller.
Ich wünsche zutiefst, dass es so bleibt. Und dass das jeder und überall auf der Welt sagen kann. Und dass das keine Utopie bleibt.
Dass die Schönheit, die Schönheit auf allen Ebenen des Lebens, die Welt regiert und beherrscht.
Dann ist auch dem unvermeidlichen Chaos beizukommen.
Eigentlich war es eher eine Verzweiflungstat aus mieser Stimmung heraus, mir ein außerhaeusiges Sonntagsessen zu gönnen. Und dann saß ich nach dem Schwimmen im See beim Italiener im Garten. Der Himmel blau und leicht bewölkt, milde Wärme, einladend gedeckte Tische.
Ein vollkommenes Essen kann ein Ereignis sein. Ein Ereignis, so finde ich, das sich nur bedingt teilen lässt. Denn, ich habe gerade wieder festgestellt, um genießen zu können, brauche ich Ruhe. Ob das nun Bilder in einer Ausstellung sind, gelungene Architektur in der Landschaft oder eben ein himmlisches Mahl. Danach geht reden wieder, na klar.
Dazu muss ich sagen: Ich geh gewoehnlich möglichst nicht zum Italiener, weil leckere Pastavarianten auch zu Hause schnell und gut gelingen. Und weil Teiggerichte aller Art überhand nehmen. In Häufigkeit sind sie außerdem nicht sonderlich gesund. Doch dieses Mal lachten mich ein Fischgericht, das ich dann doch nicht bestellt habe, und das Ambiente an.
Meine Stimmung hellt schon auf, als ich an einem Tisch mit einem Topf duftender Minze Platz nehme. Das Schälchen schwarze Oliven und das köstliche Weißbrot steigern mein Gefühl, am guten Platz zu sein. Ich liebe das leichte italienisches Landbrot, dieses hier ist perfekt.
Der Genuss steigert sich, als mein Gericht vor mir steht. Auf dem Teller eine Sinfonie in Rottoenen mit einem Tupfer Grün. Und auch Zunge und Gaumen kommen auf ihre Kosten. Portioenchen für Portioenchen zergehen auf der Zunge. Der Zauber heißt Rote-Beete-Gnocchi in Rotweinsosse.
Ein heiliges Mahl, es würdigt die Gaben der Natur, die Schöpfung und damit auch mich als Geschöpf. Ich erlebe Dankbarkeit.
Es war ein Genuss mit allen Sinnen, in aller Stille. Eine knappe Stunde lang. Ich erlebe Dankbarkeit.
Leute übt das GENIESSEN! Egal was, wo und wie, aber tut es. Es hat etwas Religiöses, ein Gefühl des Einsseins.
Heute kein Foto. Gerade an diesem Tag hatte ich seltener Weise das Smartphone vergessen. Dafür der Versuch, ein Bild mit Worten zu malen.
An einem grauen Tag von Eis und Schnee vor der Tür…
Das Wort Ohnmacht hat etwas Mystisches für mich, schwer zu fassen. Handlungsunfähig zu sein ist weniger als ohnmächtig zu sein.
Ich glaube, es hakt bei mir beim Wort Macht. Machthaber, die Maechtigen, Machtspiele kommen mir in den Sinn. Damit habe ich wirklich nichts im Sinn.
Aber: Im Wortstamm steckt auch das „Machen“. Vom Machen, zum Gestalten, zum Kreativsein ist es für mich nur ein kleiner Schritt. Wenn ich eine (gewisse) Macht habe, gewinne ich leichter Spielräume fürs Kreative. Doch: Macht worüber? Über Dinge, über Menschen…
Sehr fragwürdig.
Gibt es eine positive Macht? Eine, die sich nicht verselbstständigt? Eine Macht, die keine Macht mehr ist, aber auch keine Ohnmacht. Keine Aneignung des anderen dinglichen oder menschlichen Seins. So ein Miteinander, aus dem Neues, Schönes entsteht – geboren in einem Raum geistigen Einvernehmens. Einem Raum, der errungen geschaffen werden will.
Da könnte die Ohnmacht eine neue Bedeutung erlangen.
Vielleicht hat das dann etwas mit Hingabe zu tun. Aus dem vermeintlich Passiven wird etwas Aktives. Eine aktive Ohnmacht…
Von der Bewusstlosigkeit zur aktiven Hingabe ohne Machtansprüche. So etwa.
Während Rilkes Weihnachtskorrespondenzen samt Lesezeichen noch neben dem Kopfkissen mit mir zusammen vor sich hindoesen, liegt draußen Schnee. Richtiger Schnee und ganz schön viel. Seit endlos vielen Jahren mal wieder. Unter meinem Fenster rodeln begeistert die Minis aus den umliegenden Kitas. Im Gefrierfach wartet geduldig das Schokoeis vom letzten Jahr auf die Leckermäuler. Die glänzenden Kastanien mussten nun endgültig mit den Tannenzweigen weichen. Mit ihnen auch ein paar bunte Herbstblaetter. Das neue Jahr fordert unweigerlich seinen Raum. Zum Frühstück lachen mich, die ersten gelben Blüten aus der Vase an. Ein Frühlingsversprechen, ein allererstes. Dennoch: Seit der letzten frostigen Nacht lassen die üppigen Christrosen auf dem Balkon die Köpfen hängen. Ich bin zuversichtlich, sie werden es schaffen.
Vier Jahreszeiten gleichzeitig und friedlich vereint.
Die Krönung entstand im Wohnzimmer ganz zufällig: Die schönsten Blüten der letzten zwölf Monate durften auf einem großen Teller trocknen. Jetzt wärmen sie die Seele und geben der Freude an Schnee und Eis eine Chance…
Und ich frage mich: Wo ist der Anfang und wo das Ende?
Auf einem Teller vereint: Die schönsten Blüten der letzten zwölf Monate
Wir schreiben den 1. Januar anno 2026. Im Radio klingt es beschaulich, viel Klassik. Gefühlte Stille.
Es sind noch keine 24 Stunden vergangen, da war die Welt aufgekratzt, in Feierlaune, übermütig bis albern, mancherorts auch außer Rand und Band.
Vielleicht so: Das alte Jahr ist bewältigt, ich hab’s geschafft, es hat mich nicht geschafft…?
Ich empfinde anders. Ich möchte im zu Ende gehenden Jahr noch mal zurückschauen. Was ist gelungen, was weniger, was ist schief gegangen, wie könnte ich es besser machen? Was war einfach nur schön: Tage, Stunden, bewusst erlebte Momente, vor allem die.
Und dann am nächsten Morgen der Jubel: Wieder 365 geschenkte Tage zum Weitergehen, Ausprobieren, zum Entdecken, zum besser Machen. Und heraus gefordert werden.