Es könnte so weitergehen…WG

Heute zeigt sich der Sommer endlich mal wieder von seiner milderen Seite: Nicht mehr als 24 Grad, ein sanfter Wind, nicht zu viel Sonne. So könnte mein Ganzjahreswunschwetter aussehen. Die Faulheit wird nun von ihrem ständigen Platz in den Startlöchern geschubst. Ich muss mich nicht mehr permanent vor mir selbst entschuldigen, weil ich mich zu nichts so richtig auf raffen kann. So sieht der Luxus, des Fast-Nichts-Mehr-Müssens aus.

Nun aber gewinnt das Leben wieder etwas Struktur. Das tut ziemlich gut.

Trotzdem und ehrlich, faul sein ist auch nicht zu verachten. Ich lausche dem Rauschen der Bäume vor dem Fenster, gerade fängt der Chor dort unten wieder zu proben an. Corona-Erbe. Das entzückt nicht nur mich, auch der noch Dreijährige hat schon strahlend zugehört. Ihn machen allerdings auch die Tatütatas zwischendurch glücklich. Die Feuerwache befindet sich in der Nähe…

Und: Wieder atmen können, weil sich der Heuschnupfen langsam verabschiedet, weil die Mäuse-WG vorerst beendet scheint.

Ein nette WG ist übrigens auf meinem Balkon gewachsen. Der erinnert inzwischen an einen Bauerngarten mit mediterranen Einschlag. Eng umschlungen haben Malvenstrauch und Glyzinie sich eingerichtet. Die Kräuter duften. Die Enkelmäuse haben Spaß am Düfteraten. Zwischendurch fliegen auch bunte Blasen ins Land.

Was/wer gern bei mir ist, darf bleiben. Die Edelrosen sollen woanders glücklich werden.

Das Plänemachen meldet sich wieder ein wenig zu Wort. Ich denke ganz gern an Überüberübermorgen und hole mir daraus die Kraft für Morgen. Aber eben erst überüber……..

Warum eigentlich das schlechte Gewissen beim trägen Faulenzen? Ich hatte schon mal beschlossen, es in Lenzen umzutaufen. Genau genommen ist ewiges Tun auch eine Variante von faulsein. Ich muß mich dann nicht mir selber stellen. Geschäftigkeit ist auch eine schöne Ausrede.

Na gut, „Das rechte Maß“ hatte ich Vorgestern beim Wickel.

Die Tugend davor, das ist die Treue, die vierte der Zwölf. Bin ich mir immer selber treu und lasse mich nicht von meinem Pfad abbringen? Das wäre die erste Frage dazu. Was verführt mich, lockt mich vom Weg? Ein bißchen schon die Faulheit und Trägheit. Ansonsten muß ich da mal weiter nachdenken. Die Treue halten zu den Menschen, die mich umgeben, überhaupt zu allem, was mich begleitet – oft schon ein Leben lang, irgendwie tue ich es schon. In Zeiten der Stille, wie jetzt, drängen sich häufiger die Menschen vor, die schon in einer anderen Welt weilen. Erinnerungen schubsen mich bei allen möglichen kleinen Anlässen an. Sie machen mich oft ein wenig traurig.

Im besten Fall beginnt ein Gespräch mit ihnen, eines der anderen Art. Manchmal auch ein Streitgespräch wie einst. Das tut gut. Ich finde Streiten produktiv. Mit H. ging es oft um Gemeinschaft, meine Skepsis diesbezüglich kontra seiner Leidenschaft dafür. Er hat es immer wieder versucht im Großen und im Kleinen, ich war und bin überzeugt, dass Gemeinschaft bei gnadenloser Arbeit an sich selbst beginnt. Inzwischen glaube ich schon, dass beides gleichzeitig immer wieder geübt und probiert werden muss. Wohlbebemerkt geübt, ohne absehbare Erfolgsaussichten. Wenn sich zwei so begegnen ist das so was wie eine WG.

Da fällt mir ein, die liebe U. hat mich zu Großfamilienzeiten oft, mit breit gezogenen Mundwinkeln, zur WG-Chefin „ernannt“. Macht sie auch heute noch gern, wenn sie mich Bekannten vorstellt.

Und jetzt gewittert es draußen – endlich. Nur leider ist nun auch der Chor verstummt. Ein schöner Sommerabend, dem ich gern treu bleibe.

Heute

Ei der Daus…

…weg ist die Maus! Seit vier Tagen keine sichtbaren Spuren. Ich beginne, mich in meiner Wohnung wieder ungezwungen zu bewegen, sie gehört wieder mir. Hoffentlich nicht zu früh gefreut. Doch das nur nebenbei.

Die Havel ist angesagt. Ihrer Schönheit und ihrer nur wenig begrenzten Natürlichkeit erliege ich seit Jahren stets von Neuem. Gestern wieder mal die Sandstrand-Badeidylle mit regem Schiffsverkehr. Viele Segelboote aller Größen, Lastkähne mit z.B. polnischer Flagge, Yachten von winzig bis Einfamilienhausgröße mit Balkon, Paddel- und Ruderboote, die großen Ausflugsschiffe aus Berlin und Potsdam, mal ein Stand-up-Paddler…na ja und auch ein lauter Raser und gut gestimmte schwimmende Party-Lauben. Ohne die geht es offenbar nirgendwo mehr.

Vor allem aber Beschaulichkeit und ziemlich klares Wasser. Für alle ist Platz, auch für die Kühle suchenden Schwimmer. Ein Wind weht – alles fühlt sich ein bißchen wie am Meer an. Urlaubsgefühle kommen auf. An den Hörnern, genauer dem Schildhorn und dem Kuhhorn lässt es sich gut sein. Schon die Namen haben ihre Romantik. Hörner, die kleineren Landzungen im Fluss.

„Rom ist vielleicht die schönste Stadt der Welt. Aber mein Potsdam und meine Havel sind mir lieber.“ Das schrieb Philipp Franck so um die Wende zum 20. Jahrhundert. Und malte dieses Idyll, das sich durch die Großstädte Berlin und Potsdam schlängelt. Er spricht mir aus der Seele. Nach den Badefreuden zog es mich zu seinen Bildern. Die sind zur Zeit in der Galerie von Mutter Fourage in Wannsee zu sehen. Wer diesen Fluss und diese Landschaft mag, dem sei ein Ausflug empfohlen. Die Ausstellung endet schon am 30. August. Ansonsten lohnt ein Besuch der Gärtnerei mit dem Cafe mittendrin immer. Alles zusammen ist auch gut mit dem busläufig zu erreichen.

So kann, so darf Berlin im Sommer sein, auch in diesem so merkwürdigen Jahr…und lässt Corona-Orgien, innere und äußere vergessen.

Dabei finde ich das Rechte Maß, die Fünfte der zwölf Tugenden, mein rechtes Maß und meine innere Mitte.

Das Rechte Maß meint, dass es von allem immer auch ein zu Viel des Guten sein kann und dann eben nicht mehr gut ist. Zum Beispiel kann zu viel Mut in Leichtsinn oder Tollkühnheit ausarten. Ein Übermaß an Milde, sprich Güte, die dritte Tugend kann, durchaus notwendige, Grenzen verwischen. Und mit dem Rechten Maß ist es vielleicht so, dass es mir Beweglichkeit in größeren und kleinen Kreisen rund um die Mitte abverlangt. Und das Aushalten-Können derselben, ich meine Kreise.

Womit ich von der Maus, über die Havel doch noch zu meinem Lieblingsthema gekommen bin. Ha, ich hab’s hinbekommen.

Ein Foto von „Vorvorgestern“, eines von Gestern und eines der Bilder von Franck.

Meine lange Sommerpause…

…beende ich hiermit. Und halte hoffentlich mein Versprechen. Wenn auch Sommer und Hitze weiter durchalten. Und das finde ich ja auch seeeehr schön.

Die Hitze macht träge und faul. Das finde ich wiederum nicht so toll. Ich frage mich immer wieder, wieviel davon Ausrede ist, und wieviel davon einfach zu akzeptierende Realität. Ich muss es halt doch mit mir selbst ausmachen.

Auch das mit dem Mut, der ersten der zwölf Tugenden, die ich schon mehrfach erwähnte. Jüngste Mutprobe im Alltag. Zwei Stunden Busfahrt stehen bevor. Direkt vor mir platzieren sich vier starke Jungmänner verschiedener Nationalitäten, offenbar Bestandteil einer Fußballmanschaft. Sie schwatzen ununterbrochen – da soll noch mal einer sagen, dass das die Mädchen auszeichnet. Aber, trotz Anweisung ignorieren sie die uns alle einenden wunderschönen Gesichtsmasken.

Und ich?

Ich wende mich ab, so gut eben wie es geht, um ihrem „Sprühregen“ zu entgehen. Mir geht es nicht gut damit. Sage ich etwas oder nicht? Ich steige nach zwei Stunden aus und habe nichts gesagt.

Feige? Prüfung nicht bestanden? Mutprobe verweigert?

Ich befürchtete, nicht den richtigen Ton zu treffen. Wollte keinen Zoff, da wir ja noch zwei Stunden miteinander im Bus eingesperrt waren. Vielleicht waren das auch gute Argumente für mich und keine Ausflüchte vor mir selber.

Ich gehe gewöhnlich nicht dogmatisch mit dem Thema Maske um, aber neige grundsätzlich zu vorsichtigem Handeln. Habe ich mir da selbst ein Bein gestellt? Mit meinem eigenen inneren Widerspruch.

Bestimmt werde ich wacher in die nächste Situation dieser Art hineingeraten. Und die wird unweigerlich kommen. Mal sehen, was dann bei mir passiert

Ende der Mause-WG?!?

Es könnte sein. Seit Gestern sind alle Löcher und Ritzen mit Stahlwolle gründlich verstopft. Heißen Dank meinem Vermieter. Es möge anhaltend helfen. Nach ausgiebigen Googeln: besagte Stahlwolle ist so gut wie das Einzige, das die lieben kleinen grauen Tierchen vom Nageinstinkt abhält. Ich schreibe schon „lieben“ und bin hoffentlich nicht zu optimistisch. Es ist einfach zu schön, sich unbeschwert in den eigenen vier Wänden bewegen zu können. Zu guter letzt (bitte,bitte!) die jüngste Episode:

Das Enkelkind ist vergnügt und erschöpft sehr schnell eingeschlafen. Ich genieße die wohlverdiente Pause, um im Nebenzimmer noch Liegengebliebenes am Laptop zu erledigen. Meine Nerven rufen nach Süßem und ich finde im letzten Winkel endlich ein paar Waffeln. Ich mache weiter, neben mir auf dem Sofa die Knusperdinger. Als ich kurz mal aufblicke und zu meinen Füßen herunter, da blicken mich zwei dunkle Punktaugen an, die Füße zum Sprung. Mein verschrockener Aufschrei lässt das Wesen auf der Stelle verschwinden. Ich weiß nicht woher und nicht wohin.

Das Kind schläft entspannt und hat nichts gehört. Wenigstens das. Die nächsten drei Tage ist diverses Obst angeknabbert : Pfirsiche, Bananen, Apfelsinen…Abdeckungen wurden, sichtlich kämpfend, zur Seite geschoben.

Heute das erste Mal nicht: Grins-Smiley.

Mausig ohne Ende

Nach der letzten Bären/Mäusefänger-Großaktion, die von Anfang April bis Mitte Juni anhielt, haben sich die nächsten Tierchen in die 4. Etage verirrt. Sie haben sich endgültig für vegetarisch gesunde Kost entschieden: Bananen und Pfirsiche, die bisher sicher waren. Das Wegschubsen von Obstschutzgittern ist nur eine Kunst, die sie vorzüglich beherrschen. Die andere: Die bösen Fallen werden kunstvoll ausgeschleckt, ohne dass ich endlich eine Befreiung erleben würde. Wenn ich Morgens um die Ecke schaue, weiß ich nicht wovor ich mehr Angst habe: Vor dem toten Tierchen in der Falle oder dass alles verzehrt wurde und wieder nichts passiert ist.

Allerdings „oh weh“ eine Maus ist verunglückt oder beging Selbstmord. Man weiß es nicht genau, ist ja auch mausestressig, wenn man gejagt wird. Jedenfalls fand sich die eine bei der letzten Putzaktion tot in einer ca. 60 cm hohen Glasbodenvase, die leer in einer Ecke stand.

Zum Glück war ich an diesem Tag nicht allein mit dem Problem und habe aufgeatmet. Das war jetzt aber die Letzte, dachte ich. Denkste. Am übernächsten Tag war ein Loch in der Banane, die ich für mäusesicher hielt. Seit dem geht die Jagd weiter. Wer weiß, wer mehr gestreßt ist… Die oder ich…

Meine Nerven sind jedenfalls ziemlich instabil geworden. Untermieter möchte ich mir selbst aussuchen und sie auch wieder wegschicken, wenn es nicht stimmt.

Neue Pläne werden geschmiedet.

Lieber naschhafte Hummeln als verfressene Mäuse?

Aber, die wollen ja auch leben. Also was tun?

Episödchen

Das Knabenenkelkind spielt seit heute Morgen ununterbrochen. Gegen 19.30 Uhr weise ich sanft darauf hin, dass es nun Zeit zum Schlafengehen ist. Ein energisches „Nein!“ erschallt und „Ich spiele noch“.

Großmutter lenkt ein noch zehn Minuten zum Fertigwerden mit dem Spiel.

Dann schaffen wir den Auszieh-Wasch-und Zahnputzakt fast fließend und spielerisch. Nur wird wieder ein großer Bogen um das Bett hin zum Spielzeug gemacht. Großmutter wird energisch, das „Nein“ noch energischer.

Wir schaffen es zum Vorlesen in liegender Position. Der Babybär hat sich im Wald verlaufen und findet sein Zuhause nicht. Die Tiere im Wald helfen auf unterschiedliche Weise: „Du musst auf dein Herz hören“, sagt der Elch, die Eichhörnchen kichern und sagen, dass sie auf jedem Baum zu Hause sind, schließlich nimmt der Lachs dem Babybär das Versprechen ab, dass er nicht vom ihm aufgefressen wird und bringt ihn nach Hause. Die Sonne geht auf und alles ist gut. Da ist die Bärenhöhle.

Das ist spannend. Und noch mal die ganze Geschichte von vorn. Beim dritten Mal erzählt das Kind.

Jetzt aber schlafen. Die Antwort steigert sich in eine energischere Form: „Ich will jetzt abholt werden!!!“

Großmutter: „Ich will jetzt abgeholt werden.“

Antwort: „Ich will jetzt abbeholt werden!!!“

Großmutter: „Ich will jetzt abgeholt werden.“

Das Mantra wiederholt sich – beidseitig grinsend – eine gefühlte Viertelstunde.

Dann sind wir beide gleichzeitig eingeschlafen.

Das zum Einschlafritual mit einem selbstbewussten Dreijährigen.

Es war ein schöner Tag.

.…und noch Sommeranfangsmomente in Berlin: Mal sehr gepflegt, mal wild geordnet und auch mal ganz wild an den S-Bahnschienen...

FauLENZEN

So gefällt mir das Wort. Ist mir gerade so aufgefallen, dass der LENZ drin steckt. Toll!!! Ich wollte heute über etwas anderes schreiben. Rassismus und Fremdsein und so. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, kam ich in den Bereich Erzählung, Essay. Ich bekam es nicht in eine überschaubare gedrängte Blog-Form. Und dann kam das Faulsein über mich. Und ich nicht darüber hinaus! Kennt wahrscheinlich jeder!?! Oder doch nicht… Na ja für heute habe ich Frieden mit mir und meinen Selbstzweifeln geschlossen.

Lenzen. Ist das nicht genial? Ich deute das mal so für mich: Ich gebe mich dem Frühling, also dem Lenz hin. Genieße und freue mich daran, dass es ihn mit seinem überschwenglichen Reichtum gibt. Noch. Bald ist Sommer. Was mache ich dann? Auch LENZEN, wenn alles nicht so richtig will?

Na klar! Ist doch besser als mich mit Selbstzweifeln zu quälen, wenn meine To-Do-Liste kaum geschrumpft ist. Der Lenz ist verschwenderisch und ich war es heute auch mit meiner kostbaren Zeit. Außerdem ist es ja auch keine neue Weisheit, dass solche Tage Kreatives hervorbringen.

Ich jedenfalls, ich habe heute das Ganz-Jahres-Lenzen erfunden…und mein Gewissen außerordentlich beruhigt.

Das war eine Einladung zum Mitmachen – bei Bedarf. Lasst uns nicht mehr schambelegt faulsein, sondern einfach ab und zu lenzen. Gut fürs Ego, das auch sein Futter braucht.

Zu alt für die Welt?

Ich muss noch mal auf das Alter oder besser auf uns Alternde zurück kommen.

Die Wehwehchen nehmen zu. Und das Äußere: Na ja, vieles war schon mal ansehnlicher. Ich sage bewusst nicht schöner. Mir begegnen täglich so viele schöne alte Menschen, rein äußerlich schöne. Natürlich weit entfernt von einer Schönheit, wie sie uns in der Mode und Modelwelt begegnet. Auch die schaue ich mir gern an, sehr gern sogar. Doch die Alten, wir Alten haben etwas zu bieten, das die schönen Jungen nicht haben, noch nicht. Da zeigt sich im Außen oft etwas, was im Inneren gereift ist. Wissen, Erfahrung und vor allem auch Gelassenheit verbinden sich zu einer Schönheit, die genauso ansehenswert ist wie die junge. Finde ich. Das sind nicht nur Ausnahmeerscheinungen, die großer Weisheit entspringen. Ich bin fasziniert davon und schreibe das nicht nur so dahin. Unsere neue Welt, die voller Bilder ist, sollte sich viel öfter auch auf diese Bilder besinnen. Ein bißchen was tut sich da schon, aber eben nur ein bißchen.

Womit ich bei meinem eigentlichen Fragethema bin, dass mich immer wieder sehr bewegt und auch berührt. Was macht die moderne Gesellschaft aus dem Schatz, der ihr mit der 65plus/minus-Generation zur Verfügung steht? Ich glaube, kaum etwas macht sie damit. Die Welt der Ehrenämter ist schön und gut. Mir ist sie zu wenig. Wenn ich den Medien folge, dann geht es um Renten, die die Jungen hart erarbeiten müssen und wahrscheinlich später selbst schlechter dran sind. Da geht es hartnäckig um Pflege und Demenz. Und darum, dass die Alten nun das brauchen, was sie ihren Kindern einst überreichlich haben zukommen lassen: Hingabe, Aufopferung, Verantwortung, nicht vorhandene Zeit. Das mag ja alles dazu gehören. Aber nicht nur und auch nur mehr oder weniger, weil das individuell sehr unterschiedlich bemessen ist.

Seniorenresidenz, Alten- und Pflegeheim lösen nun im Alter Kinderkrippe und Kita ab. Der Staat und die Generationen der Mitte haben zu zahlen. Unter Ächzen. Es reicht hinten und vorn nicht. Dass diese Lebensperiode genauso selbstverständlich ist, wie alle voran gegangenen, erlebe ich beim Lesen, Schauen, Hören der Nachrichten nicht, kaum.

Und noch weniger, was haben denn die Alten und Alternden wirklich der Gesellschaft zu geben, meinetwegen zu bieten? Eine alte Freundin meinte, dass das auch damit zu tun hat, dass heute die Alten nicht mehr zwingend zur Betreuung des Nachwuchses gebraucht werden, da diese Aufgabe nun die Kitas übernehmen . Das ist sicher ein Teil der Wirklichkeit. Sehr individuelle Lebensentwürfe und Großfamilie vereinen sich nicht mehr zwingend. Mal abgesehen davon, dass Großeltern als Babysitter trotzdem noch gefragt sind.

Doch all das, beantwortet meine Frage nicht: Was könnten, müssten die alt Gewordenen wirklich in die Gesellschaft einbringen? Wissen, Erfahrungen, auch Weisheit? Wofür könnte das gut sein? Für klug geschriebene Bücher, Bilanzen der Alten, die gelesen, zur Seite gelegt und wieder vergessen werden? Oder hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass dieser Zeit und ihren Menschen die Visionen fehlen, seit langer, langer Zeit? Eine Frage, die mich schon ebenso lange beschäftigt. Denn da könnten sich alle Generationen begegnen. Und nicht in der Frage wer wie am besten betreut wird.

Auf die Kinder und Jugendlichen zu hören, sie genau wahrnehmen in ihren Bedürfnissen und Wünschen und abfragen, was die Alten anzubieten haben, das wäre in meinen Augen eine Verantwortung der mittleren Jahrgänge, die all das zusammen bringen sollten. Respekt und Achtung gegenüber den Jungen und den Alten müsste sich auf diese Weise äußern und könnte zu neuen Qualitäten des Zusammenlebens führen. Ganz neuen.

Kinder bereichern schon allein durch Ihr Sein, aber auch sie brauchen genaues Lauschen, um ihnen den Weg in die Welt gut vorzubereiten. Der Schatz der Alten müsste gefördert, gefordert werden. In beiden Fällen ist Aktivität vor allem der Nichtbetroffenen gefragt. Es könnte hilfreich sein. Doch müssten wir ihn, diesen Schatz erst einmal entdecken. Ich schreibe bewusst wir.

Ganz ketzerisch und ein bißchen böse: Für mich ist der Wunsch nicht denkbar, dass die Kleinen zur Entlastung möglichst schnell selbständig werden und die Alten, doch bitte rechtzeitig sich davon machen mögen. Jetzt werde ich drastisch und so meine ich es auch nicht unbedingt, aber unterschwellig erlebe ich schon einen Gestus, der irgendwie dort in der Nähe zu Hause ist. Kaum bewusst bei den meisten… Ich denke, alle Generationen sollten so bewusst wie möglich diese Welt mit gestalten. Erst dann kann es gut werden und sich neue Horizonte auftun. Die Zeit ist reif dafür.

Ganz praktisch finde ich zum Beispiel, dass der über das Maß anstrengende Job des Politik-Machens der mittleren Generation überlassen werden sollte. Aber die Alten sollten in aller Konsequenz beratend dabei sein, einbringen, was ihre Ernte eines langen Lebens ist. Und sie könnten auch ganz gut vermitteln für die Heranwachsenden deren Stimme ebenso zählen muss.

Es geht mir nicht um Aktionen, aber um Prozesse, die in Gang gebracht werden können, ein Schritt nach dem anderen.

P

Perspektiven – wir brauchen sie, nicht nur als Individuen…

Corona-Glück

Ich weiß, diese Wortverbindung ist Frevel. Die Hölle möge mir erspart bleiben.

Ich war heute bei Monet, das zweite Mal in dieser Barberini-Ausstellung.

Ich war in seinem Garten, nicht nur, aber vor allem.

Eine gefühlte halbe Stunde allein mit den Originalen. (Zwei nette, zurückhaltende Aufsichtsmitmenschen mal ausgenommen)

Ohne verschärfte Corona-Regeln wäre mir das nicht vergönnt gewesen.

Ich erinnere mich noch an das ungemütliche Gedränge im Februar vor der erzwungenen Schließung. Irgendwann noch einmal oder zweimal in Ruhe, dachte ich mir damals, als die Welt insgesamt noch ziemlich anders war.

Und heute nun das. Ein so nicht erwarteter Zauber umfing mich, je länger ich in den Räumen war. Der Zauber der Natur, der unglaublichen Bilder… Der Zauber auch dieses besonderen Museums.

Eigentlich hatte ich die Seerosen- und Gartenbilder etwas über. Ich hatte vor, mich etwas mehr in die anderen „Orte“ zu vertiefen, Paris, London, die Seine und die Themse, Holland, in die verewigten Momente des beginnenden Industriezeitalters. Sie waren mir bisher zwar bekannt, aber nicht so vertraut.

Ich frage mich, was heute geschehen ist.

Kein noch so guter Kunstdruck, kein Video kann das, was die Originale vermögen. Und dann noch in dieser Fülle. Das Spätwerk des Malers fing heute an, sich für mich zu verselbständigen. Sein Pinsel hat die Natur zum Sprechen gebracht, hat ihren Atem festgehalten. Nee, nicht festgehalten, sichtbar und spürbar gemacht. Vor allem spürbar. Das Übersinnliche, das Göttliche der Schöpfung wurde aus der Farbpalette gezaubert.

Und ich durfte die stille Schönheit dieses Moments erleben, genießen – ein bißchen in ihr versinken.

Der Rest der Ausstellung war heute nur noch Anhängsel mit vielen Highlights.

Der nahe liegende Frühlings-Park mitten in der Havel führte dieses Erlebnis zur Vollendung.

Danke liebes Schicksal für diesen Vormittag.

Und Entschuldigung für das Pathos. Ich konnte nicht anders.

Zum Selber-Ausprobieren: Bis zum 19.Juli im Museum Barberini in Potsdam.

An einem Vormittag im Mai 2020, mit Maske im Museum und ohne outside…