Gewinnorientiert

Nee, es geht nicht ums liebe Geld. Es geht um Lebenssichten.

Ich kann locker bilanzieren, was das Leben mir seit langem und eben gerade jetzt verweigert. Negativ-Bilanz, das muß auch mal sein. Schon um herauszufinden, ob ich es denn wirklich brauche.

Aber es geht auch anders. Ich kann auch in der unerwünschtesten, scheußlichsten Situation schauen, was der Gewinn dabei ist. Den gibt es immer. Ja, wirklich. Ich stehe am Abgrund, an einem sehr persönlichen oder einem, den ich mit anderen teile. Taugt dann die Bitte, schnell wieder in vertraute gemütliche Fahrwasser einzutauchen. Ich glaube nicht. Denn in solchen Momenten steckt eine riesige Chance, sich menschlich weiter zu entwickeln und neue Fähigkeiten zu erwerben. Also, Potential genau in solchen Situationen dazu zu gewinnen.

In jeder Biographie gibt es solche Ereignisse, die die meisten von uns lieber in der Versenkung verschwinden lassen möchten. Aus Scham oder weil allein das Hinschauen schon weh tut. Wenn ich es nun aber doch tue, ganz bewusst und mit der Frage ‚Habe ich dabei etwas für mich Wichtiges gelernt?‘, dann könnte möglicherweise Licht in das Dunkel kommen. Oder ich merke, oh ja, da habe ich ja immer noch etwas zu tun.

Da es im Leben ja nicht ums Perfektsein und auch nicht um puren Genuss geht, könnte ich mich ja beim nächsten Mal mit einem ‚Oh nein, bloß nicht das!‘ sogar ein wenig freuen. Endlich kann ich mal wieder Grenzen abtasten, ausreizen, überschreiten. Meine höchstpersönlichen Grenzen. Mindestens werde ich um eine Erfahrung reicher. Gewinn pur.

Ich glaube, wir machen im Moment mit Corona alle solche Erfahrungen. Und ich glaube auch, dass das sogar gut ist. Weil zum Beispiel: Mehr denn je wird das Klima-Dilemma endlich wahrgenommen, wird unser luxuriöser Lebensstil hinterfragt (Ich habe nichts gegen Luxus und es sich gut gehen lassen), geraten Selbstverständlichkeiten wie Schule und was weiß ich ins Wackeln.

Die Übung, aus dem was ist und was ich habe, das beste zu machen hat für mich überhaupt nichts mit Verzicht und erzwungener Genügsamkeit zu tun. Für mich sind es Herausforderungen an meine Kreativität und Beweglichkeit. Ehrlich, genau das macht mir Spaß…und macht mich reicher. Ich will auf keinen Fall der Armut und der Bedürfnislosigkeit das Wort reden. Im Gegenteil. Aber ich möchte mich eher mit der Kreativität und Selbstverantwortung verbünden. Ich finde, dass diese verrückte Zeit uns an Schätze heranführt, die wir, davor stehend, nur noch ausbuddeln müssen.

Zum Beispiel: alle Facetten was Schule ist und sein könnte nach allen Richtungen neu durchdenken. Oder mit mir selbst ins Gespräch über Soll und Haben kommen: Wieviel an Menschlichkeit kann ich, wo muss ich intensiver üben. Wir haben jetzt mehr Zeit denn je, den zwölf Tugenden* bei uns höchstpersönlich auf den Zahn zu fühlen. Hoffentlich gewinnorientiert.

Spiegelungen und die Anstrengung und Freude Neues zu erringen, zu erreichen

*Heute mal alle 12 Tugenden ganz kurz und im Zusammenhang

(Die Sprachdiktion orientiert sich am mittelalterlichen Sprachgebrauch)

1. Starkmut durch Zucht:

Gemeint ist ein ICH-geführter Mut anstelle von Übermut/Leichtsinn und Tollkühnheit. Das setzt eine bewusste Entscheidung voraus.

2. Reinheit:

Wir würden heute von Wahrhaftigkeit sprechen. Das verlangt viel Reflexion und inneren Mut.

3. Milde:

Gemeint ist Güte. Vom Wesen her gütig sein und gütig, milde handeln, in der Welt agieren.

4. Treue:

Sie ist uns nicht selbstverständlich gegeben. Wenn wir an den Kleinen Prinzen denken – „Womit ich mich einmal verbunden habe…“ – dort sind wir auf dem richtigen Pfad

5. Das rechte Maß:

Es ist immer gefragt, muss sich mit fast allen Tugenden verbinden. Es geht darum, sich vor Extremen jeder Art zu hüten.

6. Sorge:

Heute macht man sich oft Sorgen um, sorgt sich weil…

Hier ist aber gemeint, das ich für das Tier, die Pflanze, den Menschen sorgen werde mit dem ich mich einmal verbunden habe. Mit mir ist zu „rechnen“ im besten Sinne. Also Aktivität ist gefragt.

7. Scham:

Scham hat hier nichts mit „vor Scham in der Erde versinken“ zu tun. Mit Scham ist konstruktive, aufbauende Selbstkritik gemeint. Wir machen alle Fehler und müssen sie machen, um zu lernen. Keiner hat das Recht, mich in die Ecke zu stellen. Auch ich mich selbst nicht.

8. Bescheidenheit:

Nicht: Ich bin ja so großzügig und will (fast) nichts für mich.

Sondern: Ich nehme mein Schicksal an und gehe meinen Weg mit dem was mir beschieden ist. Vom Leben, von den Göttern, von…

9. Stetigkeit:

Sie ist eng verbunden mit Treue und Sorge und meint Ausdauer. Auch: mein Kreuz tagtäglich auf mich nehmen in den Mühen des Alltags. Also treu bleiben, mich kümmern, dabei durchhalten…

Ich finde es bemerkenswert, dass sie erst die 9. von Zwölfen ist.

10. Demut:

Dazu gehört das christliche Bild der Fusswaschung. Und meint die unbedingte Achtung vor allem Sein, Dasein, vor jedem Mitmenschen, auch dann wenn es vielleicht schwer fällt. Das Sich-Beugen vor dem Göttlichen ist mehr als das vor einem Gott.

11. Geduld:

Gemeint ist aushalten und auch verharrend, wenn es nicht anders geht, durchzuhalten, etwas durchtragen . Ich muss nicht unbedingt duldsam sein, aber ich sollte auch Stillstand aushalten können, alles, wenn nötig aushalten können. Zu erkennen, wenn ich es nicht zwingen kann. Und dabei in meiner Mitte bleiben. Diese vermeintliche Ruhe verlangt hohe geistige Aktivität.

12. Minne:

In diesem schönen Wort steckt die Agape. Die selbstlose, bedingungslose Liebe, die nichts für sich will.

Oktober-Reflexionen

Ich hänge noch ein bißchen im Oktober. Mein Monatsbild wird zum ersten Mal nicht rechtzeitig fertig. Ich habe immer noch keine Lust auf Ab-17 Uhr-Dunkelheit. Und ich zähle jetzt schon die Monate bis es endlich wieder wärmer und heller wird. Und ich habe natürlich keine Lust auf Corona und Maskenzauber.

Alles nicht zu ändern. Ich fange also an, die Bilder der vergangenen Wochen und Monate in mir auferstehen zu lassen. Das Lächeln in meinem Gesicht lässt sich nicht verdrängen.

Mal rückwärts geschaut:

Vom letzten Tag der Möglichkeiten, dem 1. 11. 2020 entwickelt sich ein freundliches Bild eines großzügigen richtig schönem Buchhandlungs-Restaurants oder auch einer Restaurant-Buchhandlung direkt an der Spree. Meine Begleiterin fragt den freundlichen jungen Servierer wie es denn nun für ihn weitergehe. „Kurzarbeitergeld“ lautet die Antwort. „Na dann geht’s ja!“ „Nichts geht. Das sind 600 Euro und ich bezahle 550 Euro Miete.“ (Die Zahlen so etwa, ich stehe seit eh und je mit ihnen auf Kriegsfuss.) Er lächelt trotzdem weiter. Das nimmt die Spannung, aber nicht das Nachdenken über die unendlich Vielen, denen es so und schlechter geht. Für uns waren es trotzdem zwei schöne Stunden bei originell gutem Essen, die den nicht gerade geliebten November einläuteten.

Der Oktober beschert viele schöne Erinnerungs-Bilder. Der Weg durch den bunten Herbstpark an der linken Seite mein vierjähriger Enkel, seine kleine warme Hand vertrauensvoll in meiner, auf der rechten Seite die Siebenjährige, mein Arm auf ihrer Schulter. Erschöpft vom Spielplatztreiben schlendern wir gemütlich nach Hause.

Das muss reichen für viele graue sonnenarme Tage. Das Bild wird trübe Novemberstunden aufwärmen.

Doch weiter im Oktober: Ein Abend in der Deutschen Oper, „Lieblingsstücke“ hatte er versprochen und es war weit mehr. Ein Opernabend mit Arien querbeet durch das ganze Repertoire, erfrischend locker moderiert. Erwärmt haben den Abend für mich besonders die jungen Sänger, Opernstipendiaten und Neulinge im Ensemble der Deutschen Oper. Allesamt spielfreudig, rank und schlank anzusehen, fesselnde Stimmen. Wer sagt denn da, dass eine volle Stimme einen üppigen Resonanzboden braucht. Für mich war’s ein Gourmet-Abend.

Gourmet muss ja nicht immer sein, deshalb freue ich mich entspannt auf eine Fortsetzung irgendwann. Es gibt noch einen zweiten Teil.

Der Arvo-Pärth-Dokumentarfilm in Spielfilmlänge wurde für mich auch zum Segen und wird ebenfalls bleiben und nicht in irgendwelche innere Abgründe verschwinden. Das ist meine Musik.

Und, die Havel gehört mir, Entschuldigung. So viele sonnendurchflutete Spaziergänge mit anregenden Gesprächen und auch allein. Freilich auch das Schwimmen im Fluß. Diese Landschaft verzaubert mich seit Jahrzehnten.

Dieses Berlin hat so viele schöne Orte. Nicht zu letzt aktuell der Wesen gewordene Furor von Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof. Ich sehe da auch einen gewaltig kämpfenden Michael-Engel, der den bösen Geister Paroli bieten will. (Der Original-Titel: ‚It Wasn’t Us‘). Das vieldimensionale riesige Werk zeigt so viele Facetten zum lange und immer aus anderer Perspektive Hinschauen.

Ich merke: Da war so viel Nahrung aller Art, dass ein Corona-November gar nicht zum Verdauen reichen wird. Auch wenn die langgeplante und ersehnte Faust-Begegnung zum zweiten Mal aus gleichem Grund wie eine Seifenblase platzen musste.

Trotzdem: So gesehen, bleibe ich mir zuerst mal selber treu. Treue, das ist die vierte der zwölf Tugenden. Ich beginne mal wieder nachzudenken wie ich ansonsten treu bin…und schaue inzwischen schon etwas entspannter in die beginnende Dämmerung.

Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof
…im Kontrast zur Novemberstimmung

Überdrüssig…

…bin ich all der Corona-Diskussionen. Sie könnten durchaus Freude (meine ich ernst) bereiten im gegenseitigen Zuhören, Verstehen, Erkennen. Im gemeinsamen sich Nähern, soweit es halt geht. Aber auch im Weiterdenken, im gedanklichen Zukunft erforschen. Aber: Die meisten Gespräche enden bevor sie überhaupt angefangen haben. Im besten Fall werden unterschiedliche Sichten, Standpunkte friedlich ausgetauscht. Ich bin überempfindlich geworden für diesen häufigen Hauch von Aggression.

Ich habe keinen Standpunkt. Nein habe ich nicht. Das Einzige, was ich versuche, das ist zu verstehen, zu begreifen, immer wieder neu zu schauen und wenn möglich maximal einen Zwischenstandpunkt zu definieren.

Die Vorstellung PolitikerIn zu sein ist gräßlich für mich. Da werden ständig Standpunkte abgefordert, Sicherheiten, Klarheiten, die es allesamt nicht, niemals gibt. Nicht nur in der heutigen Situation. Möglich ist doch einzig und allein, das augenblicklich Beste zu tun.

Wenn ich nur auf meiner Meinung beharre, wird der Andere immer Unrecht haben. Ich weiß nicht, ob es Politikern bewusst ist, wie sehr sie sich von solch unmöglichen Forderungen in die Enge treiben lassen und damit das offene Gespräch blockieren- das sie sich vielleicht auch (idealerweise) wünschen. Das Gespräch mit denen, die wirklich wollen. Da müsste der Machtwille in den Hintergrund treten und der Gestaltungswille an erste Stelle. Es ist einigermaßen beruhigend, wenn die Besseren, die nicht so sehr machtbesessenen die Macht in den Händen haben. Zumindest einer traue ich das weitgehend zu.

Freilich, die die im Hambacher Forst die Bäume besetzen, die werden auch mit Gewalt, Aggression vertrieben. Wieviel Hilflosigkeit gegenüber einer allgegenwärtigen Wirtschaft- und Finanzmacht wird dort sichtbar? Für alle Seiten…auch für die der Politik Machenden. Und dann gibt es noch die, die um Arbeitsplätze, sichere Existenzen und Lebensgrundlagen bangen.

Bleibt für mich am Ende nur die Frage wie schnell müssen, wie schnell können wir eine Gesellschaft demokratisch umgestalten??? Mit einem gesunden Maß an Pragmatismus und Idealismus.

Mir wird viel zu viel Wesentliches kaputt geredet, zerredet – wahrscheinlich rührt mein Überdruss daher.

Die beruhigende Verlässlichkeit der Natur
…und der alten Weisen, weisen Alten

Es war einmal oder Trotzkopf In The Age

Es war einmal ein langer Sommer, Farben, Wärme, Licht bis spät in den Abend, üppig wucherndes Grün, auch im Dunkel war’s noch wohlig warm… und ach ja das Leben ist auch mit Maske schön. Am Ende waren es drei Chöre jede Woche, die unterm Fenster sangen. Sozusagen Minnegesang zum Gemeinwohl aller direkt und zufällig Beteiligten. Reisefantasien drängelten sich in den Vordergrund, warum auch nicht.

Es war einmal.

Jetzt ist es ziemlich kühl bis kalt, ab Sechs beginnt die Dämmerung, am Tag hat die Sonne um ihre Rechte zu kämpfen, die farbenfrohen Blätterwelten faszinieren und betrüben mich zu gleich. Es regnet, ziemlich oft, eigentlich nun endlich. Die meist hellblauen „Blätter“ in den Gesichtern kommen wieder üppiger daher und mit ihnen die Ängste, die buchstäblich in der Luft wabern. Es sind nicht meine, aber…

…ich will wieder spontan Bilder angucken gehen oder ins Konzert, ich will mal kurz aus dem Stand oder auch länger geplant vereisen, den Menschen ins Gesicht sehen, nicht alles zehnmal überlegen. Trotzkopf IN THE AGE, innerliches Aufstampfen.

In diesem Moment singt wieder ein Chor unterm Fenster. Hätte er wohl nicht gemacht, ohne all die Begrenzungen, gleich gar nicht bei diesen Temperaturen.

Ich mache das Fenster ein Viertelstündchen auf, schalte die Tageslichtlampe an und rücke mir die Pinsel zurecht.

HERBSTZAUBEREIEN

Unsagbar?

Manchmal habe ich das Gefühl mitten in einer Schlangengrube zu stehen. Um mich herum kringelt und wimmelt es ohne Ende. Die Vorstellung ist schrecklich, mit diesen Tieren geht es mir einfach nicht gut. Ich mag sie nicht.

Jedoch: diese Schlangen um mich herum sind die Ängste, die seit diesem Jahr unüberschaubar hochwabern. Die Angst, vom Virus in Grenzbereiche von Leben und Tod katapultiert zu werden. Die dadurch bedingte Angst vor meinem Mitmenschen. Könnte er womöglich so ein Teilchen versprühen…? Die Angst vor einem frühzeitigen Ende des Erdendaseins, die Angst immer mehr allein sein zu müsssen, isoliert… Die Angst, daß meine materielle Existenz nicht mehr gesichert ist. Und auch die Angst, vom Staat meiner demokratischen Rechte beraubt zu werden, die Angst vor Bevormundung und einer unerträglichen Freiheitsberaubung durch all die Vorschriften, die gerade wieder zunehmen.

Es sind alles nicht meine Ängste. Was das Virus angeht, bin ich vorsichtig, mal mehr, mal weniger, es muss lebbar bleiben, auch wenn ich zu den extrem Gefährdeten gehöre.

Vorsicht ist überhaupt so ein Charakterzug, der im Laufe meines Lebens gewachsen ist. Finde ich gut. Vorsicht steht jenseits von Leichtsinn, Übermut und Tollkühnheit. Ich bin nicht unvorsichtig, wenn ich mich bewusst für etwas entscheide und kann dann auch die möglichen Konsquenzen tragen.

Wirklich Angst macht mir die Schlangengrube der Ängste. Was da wabert ist für mich kaum noch auszuhalten. Da lebt ein unberechenbarer Geist, da leben ungezügelte Gefühle, da tun sich Abgründe aller Art auf.

Wenn bei mir Ängste aufkommen, dann versuche ich hinzusehen, genau hinzusehen. Da ist die Kreuzotter, die ist gefährlich, bei der muss ich gut aufpassen. Die ganz Große da, sollte sich nicht um meinen Hals legen, also in Acht nehmen und auch sie im Auge behalten. Die anderen sind harmlos, ich mag sie trotzdem nicht in der Hand halten und um meine Beinen herum haben. Wenn ich die Grube verlasse und von oben drauf schaue, kann ich auch einige Schönheiten entdecken mit interessanten Mustern und besonders grazilen tänzelden Bewegungen. Meine Ängste lösen sich auf.

Hinschauen, ordnen, Gefühle sortieren und…weiterdenken. So ungefähr gehe ich mit meinen Ängsten um. Was ließe sich denn Konstruktives aus dem machen, was sich nicht vermeiden lässt?

Irgenwie bin ich diesem Virus immer wieder dankbar. Ja wirklich. Es holt lange gut Gedeckeltes gnadenlos nach oben, es fegt die Schläfrigkeit wohlsituierten Lebens davon, fordert neues (Nach)Denken heraus. Leider nehmen die Versuche zu restaurieren über Hand, statt ganz neue Konstrukte für unser Leben zu entdecken, zu finden und zu probieren. Im ganz Kleinen und im ganz Großen und zwischendrin. Wir können, wir dürfen, wir müssen kreativ werden. Da beginnt der Spaß für mich, die Lebendigkeit. Wir könnten freudig aus der großen Krise hervorgehen. Mit neuen Hoffnungen und neuem Selbstverständnis. Die Ängste und Schlangengruben werden nicht verschwinden, aber wir fangen an, sie zu beherrschen. Dazu braucht es Geduld, die Elfte der zwölf Tugenden. Geduld heißt auch: aushalten, etwas durchtragen auf lange Zeit und trotzdem immer wieder bei mir und mit mir selbst sein. Unsagbar?!?

Perspektiven? Momente aus einer geschichtsträchtigen Gegegend: Worpswede

Jüngst in Worpswede

Ein gewaltiger Stein in der Mitte von Worpswede, Bernhard Hoetger hat ihn zurecht gemeißelt. Er fesselt mich, na ja er hat mit mir zu tun. Es ist die „Wut“, die mich da mit Brachialgewalt anspringt. Ein verknotetes Etwas, ein Mensch. Wirklich zum Fürchten.

Ich hoffe nur, ganz so schlimm hat mich keiner in meiner Wut erlebt. Ansonsten, lasst Gnade walten. Ich kann ganz schön wütend werden. In der Regel dann, wenn ich Ungerechtigkeit erlebe – egal ob sie mich oder andere betrifft. Aber auch im Großen und Ganzen, immer dann wenn Macht, Gier und Geld das Handeln bestimmen und (Mit)menschlichkeit aufs Nebengleis gerät oder ganz verschwindet.

Was könnte die Wut erlösen? Wenn ich auf meine ratgebenden zwölf Tugenden schaue, dann dürfte es die Milde sein. Ins Heute-Deutsch übersetzt könnten wir etwa von Güte sprechen. Aber das alte Wort Milde scheint mir hier viel besser zu passen. So im Sinne „lass Milde walten, wenn da auch etwas nicht in Ordnung war“. Mit dem Wort Güte scheint mir der Satz nicht so stimmig zu sein. Mit Milde der Wut begegnen und sie so zu dimmen, dass Mitmenschlichkeit möglich bleibt.

Ob sich der gewaltige Stein mit Milde erlösen lässt?

Jedenfalls hat er etwas in mir angeregt.

AltMODISCH

Die Bescheidenheit ist so etwas wie meine Lieblingstugend. Ich weiß, Tugenden sind altmodisch und Bescheidenheit erst recht. Gut, dann bin ich eben gern altmodisch. Denn im Sinne der zwölf Tugenden meint Bescheidenheit etwas ziemlich anderes als wir es gemeinhin gelernt haben. Der von mir gemeinte Sprachgebrauch geht ins frühe Mittelalter zurück.

Gemeint ist nicht das Sich-Selbst-Zurücknehmen, nicht das brav im Hintergrund Ausharren bis zur Unsichtbarkeit. Das war einmal. Vor allem Mädchen wurde einst gelehrt , solch eine Haltung zu verinnerlichen.

In der Reihe der zwölf Tugenden steht Bescheidenheit an achter Stelle. Und meint etwas ganz anderes: Nämlich, zu lernen das eigene Schicksal anzunehmen, statt damit zu hadern oder es zu bekämpfen.

Was diese Art Bescheidenheit aber auch nicht meint, das ist Fatalismus, sich passiv in das Unabänderliche begeben.

Was aber dann?

Zum Beispiel:

Ich akzeptiere, was ist und beginne MEIN Leben mit dem Material, das es mir ‚rüber reicht – ‚überreicht‘ -, aktiv zu gestalten. Kreativ eben. Ich habe oft nicht, was ich gern hätte. Doch das ist schlichtweg unabänderlich.

Also fange ich mit dem, was ich habe, etwas an. Das ist alles andere als langweilig. Mit dieser Haltung kann es richtig spannend werden. Ich nehme das Leben gern als Herausforderung an. Aber keineswegs als dauerhaften Kampfplatz. Ich selbst erlebe, dass das Kämpfen eher von außen an mich herangetragen wird. Dann, wenn ich nicht das Erwartete, das Erwünschte tue, wenn ich anders reagiere als es in festgezimmerten Vorstellungen sein sollte.

Aber: Ich kann mich selbst finden in meinen Lebens-Herausforderungen, wenn ich mich ihnen immer wieder geduldig stelle. Irgendwann stehe ich dann vor etwas Neuem, manchmal einschneidend Neuem. Häufiger erscheint es eher „kleinteilig“, ist fast zu übersehen. Wenn ich dieses neu Errungene bemerke, dann freue ich mich. Ganz unbescheiden.

Immer noch altmodisch…?

Lebenswege? Einmal impressionistisch (Museum Baberini),einmal japanische Moderne traditionell/Sand (Gropiusbau)

NOCH…

…ist Sommer, Spätsommer. Noch/wieder ist die Luft lau. Noch laden Seen zum Baden ein. Noch sind die Bäume ziemlich grün und die Blumen bunt. Noch geht fast alles unterm freien Himmel, an dem die Schäfchen lang flitzen.

Noch, noch, noch…

Noch ist die Welt voller Farbe.

Milde gesagt ist sie auch politisch sehr bunt. Die nicht so heile Welt rückt näher. Das macht Frösteln.

Kastanien und Eicheln kullern am Boden. Schon sind tagsüber Jacken aller Coleur wieder angesagt. Am Abend schon der Griff zur Strickjacke.

Aber bald wird die Balance zwischen Außen und Innen schwieriger. Der Herbst steht unweigerlich vor der Tür.

Es wird stürmen.

Am Ende bleibt immer das im Augenblick Machbare.

Und das ist viel – ganz schön viel.

GEWEBE-SPINNEN-GEWEBE

Gehorchen und Ungehorsam

Ich beginne, wo ich jüngst aufgehört habe. Mit dem Satz, der für die Hannah-Arendt-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum unter den Linden wirbt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“. Das ist ein Satz, der mit Sicherheit aus dem Kontext ihrer intensiven Auseinandersetzung mit dem Radikal-Bösen, auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Erlebnisse mit dem 3. Reich entstanden ist. Sie, die Jüdin, die in die USA emigrieren musste. Eventuell besser: ihr war es vergönnt zu fliehen und sie konnte sich auf abenteuerliche Weise retten. Sie, die den Eichmann-Prozess im Jahr 1961 als amerikanische Korrespondentin begleitete und sich mit dem „Radikal Bösem“ in ihrem Lebenswerk auseinander setzt, sie die ihre Laufbahn mit einer Rahel-Varnhagen-Biografie begann. Varnhagen, eine Jüdin im Mittelpunkt der Berliner gebildeten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die als assimiliert und integriert galt. Genau das recherchiert und hinterfragt Hannah Arendt .

Ich möchte mir nur mal diesen einen Satz stehlen und ihn loslösen aus seinem Kontext. Er macht mich, je öfter ich mit ihm umgehe, geradezu kribbelt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“. Wie ist das mit dem Gehorchen?

Müssen Kinder gehorchen? Ich glaube nur dann, wenn es um ihre physische Sicherheit geht, wenn sie beginnen, die Welt zu erkunden. Ansonsten neige ich zu einem radikalen NEIN. Weder in der Familie, noch in der Schule. Sie sollen doch eigenständige Persönlichkeiten werden. Das geht nicht mit Gehorsam. Das geht nur mit Fragen lernen, mit Hinterfragen, mit in Frage stellen. Schon allein das bewegt sich dicht am Ungehorsam oder ist es auch oft.

Ich möchte Heranwachsenden schon gern meine moralischen Wertvorstellungen vermitteln, sie aber nicht indoktrinieren. Ich bin mir sicher, dass das der sicherste Weg zum Misserfolg wäre. Darüber reden, diskutieren, immer wieder, ja. Aber ansonsten muss jeder Mensch sich eine gute, tragfähige Moralität auf seinem Lebensweg erringen. Gehorchen taugt einfach nicht für das Wachstum innerer Werte. Und die brauchen wir dringend, um in den Stürmen des Lebens bestehen zu können.

Und dann ist der Mensch erwachsen. Er muss sich zwangsläufig in verschiedene soziale Systeme integrieren. Heisst das nicht zwangsläufig auch gehorchen? Ich glaube, wenn ich unreflektiert dem folge, was mein Ausbilder, mein Arbeitgeber, was die Menschen, die Politik gestalten, verordnen, dann gehorche ich.

Okay, ich habe aber eine eigene Meinung, die nicht unbedingt konform ist. Doch muss ich meinen Arbeitsplatz behalten, ich möchte etwas lernen und kann es letztlich meist nur in dem bestehenden System. Also ordne ich mich ein und gehorche demzufolge. Aber nach dem Hannah-Ahrendt-Satz habe ich kein Recht zu gehorchen. Ausständig im Inneren und gehorsam im Aussen als Lösungsweg?

Wo ist die Wahrheit? Da fällt mir noch das Wort Zvilcourage ein… Irgendwo dort vielleicht, wenn es um Ungehorsam geht. Doch dazu muss ich zwingend selber denken und nicht auf bequeme Anweisungen von irgendwo oben warten. Ich muss bewusst Verantwortung übernehmen für mich zu allerst…und für meine Mitmenschen.

Demos, Transparente, die Straße lehne ich nicht ab. Aber das ist nicht mein Weg. Wenn immer mehr auf den oft wirren und schwierigen Pfaden der Vernunft mitgehen würden, wie schön, da bin ich immer dabei.

II. UNgehorsam

Gehorsame Kinder habe mich mir nie gewünscht. Vernünftige schon. Kinder, die Einsicht in gute Argumente haben und versuchen zu folgen. Na ja, das war sicher illusionär. Und dann musste immer mal das berühmte „Machtwort“ gesprochen werden: „Jetzt wird es so gemacht.“ Der Widerstand blieb und irgendwie haben wir uns aus der Situation herausgehangelt.

Die Spanne reicht halt von blindem Gehorsam, wenn z.B. Kind und Auto drohen zu kollidieren, bis zu Endlos-Diskussionen. Gegen letztere habe ich nichts, wenn wissenshungrige und belebende Fragen das Spiel bestimmen.

Dennoch: Mein Irrtum bestand darin nicht genügend zu berücksichtigen, dass Vernunft ein bestimmtes Maß an menschlicher Reife und Erfahrung voraussetzt. Daran mangelt es Kindern objektiv.

Mmmmh…

Bei Erwachsenen, dachte ich lange Zeit , ist das anders. Genau das, das war nicht ganz selten ein Irrtum, manchmal auch ein schmerzlicher. Da wurden den Gefühlen die Zügel überlassen. Die Argumentation: Ja, wir müssen doch auf unsere Gefühle hören, das ist so wichtig.

Ja, müssen wir. Nein, bitte nur im Verein mit unserem Verstand. Klar dürfen Gefühle, wie Wut und was weiß ich, auch mal spontan geäußert werden. Letztendlich haben sie aber ihre Wurzeln in uns selbst. Wir sind der Nährboden. Und wenn wir nicht mit ihnen, den Gefühlen ins Gespräch kommen, wird es meist ungemütlich – für mich und die anderen.

Erwachsener Ungehorsam sollte doch aus Gefühl und Verstand geboren werden. Sollte… Ich glaube, nur so führt er auf produktive Wege, die vielleicht auch Veränderung bewirken können.

Wohlfühl-Sommer und Irritation

So darf’s bleiben. Gern bis zum nächsten August. Der Hitze-Shutdown tut gut, auch wenn die ersten braunen Blätter schon jetzt unter den Füßen knistern.

Ansonsten Irritation. Verstörung. Ich selbst ein großes Fragezeichen. Schlingensief. Der Dokumentarfilm über ihn. Ein Durcheinander im Kopf hat er angerichtet. Ich habe seine Jeanne d’Arc in der Deutschen Oper, Bilder vom Parsifal in der Wagner-Hochburg gesehen, viel im Fernsehen, manches gehört über ihn. Und das Operndorf Burkina Faso, das weiter entsteht, langsam wie eine Schnecke, so wie sie im Grundriss verewigt ist. Es soll werden und wird werden, das Anti-Bayreuth. Das hat mich am meisten fasziniert.

Aber seine Kunst verstört mich. Ein Beuys in unserer Zeit und auf den Theater- und Opernbühnen unterwegs? Ich versuche zu strukturieren, was ich erlebt habe auf der großen Leinwand. Es will nicht gelingen. Wenn er über sich und sein Welt- und Kunstverständnis erzählt, ist er der Typ des Traumschwiegersohns, emphatisch, er sagt das Verrückteste auf liebenswerte Weise, gut aussehend ist er auch noch – und von einer berührenden Heiterkeit. Er stellt die Welt in Frage, will aufmischen. Will einen Blick auf diese Welt werfen, mit dem er das Chaos darin noch mehr chaotisiert. Da sie so ist wie sie ist, bin ich mit ihm durchaus konform. Den Wagner-Olymp mit einem irren „Parsifal“ aufzumischen , das ist für mich absolut sympathisch. Es geht ihm wohl um das Festgefahrene, eigentlich kaum Aushaltbare, was aber trotzdem von den meisten gut ausgehalten wird. Ich glaube, genau darum scheint es ihm zu gehen. In einem Filmausschnitt nach der Aufführung lächelt Frau Merkel. Wie mir schien, kam es von innen, war nicht unbedingt medienkonform.

Also, Christoph Schlingensief, wer weiß was die Altersweisheit aus ihm herausgelockt hätte. Im August vor zehn Jahren, 49 Jahre jung, ist er gestorben. An Krebs. Wer derart chaotisiert, dessen Immunsystem spielt dann womöglich auch verrückt. So ein Satz in etwa kam auch von ihm selbst im Film.

Wie schade, dass er nicht mehr direkt mitmischt. Ich lass mich ziemlich gern irritieren… Der Titel des Films „Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien“ und gut zwei Stunden lang.

Also, mutig war er ganz bestimmt. Und er ist sich treu geblieben. Auf den allerersten Blick – soweit zu den Tugenden.