Mal wieder der Faust

Ich werde IHN nie in- und auswendig kennen. Wenn das überhaupt geht. Ich werde IHN immer wieder neu erleben. Und Neues entdecken. Ich spreche von Faust 1 und 2, meist auf der Großen Bühne des Goetheanum. Goethes großes Alterswerk besitzt die Fähigkeit, sich zu verjüngen. Während ich älter werde. Ein spannender Prozess ist das, der immer mit der Frage verbunden ist, was die Welt nun wirklich im Innersten zusammen hält …und was mich. Ich fühle mich auf dem Prüfstand und erlebe inneres Chaos und einen aufblitzenden Ruhepol in mir.

Doch dieses Jahr war manches doch noch anders. Ich habe mich wie immer auf den Prolog im Himmel gefreut, auf Ariels Wirken, auf die tröstliche Schlußsequenz. Doch diese ist mir just abhanden gekommen. „Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen.“ Ich hatte aber auch durchgehend Probleme mit der Akustik. Vielleicht haben mich an diesen drei Tagen gerade deshalb die Bilder so gefesselt. Unglaubliche Farbgemälde, die die Geschichte eigenständig erzählt haben. Manchmal erlebte ich überdimensionale Rothko-Bilder vor denen, nein mit denen gesteigert, sich die Hauptakteure wie Schatten bewegen. Manchmal explodiert ein Farbenzauber aus Licht, Eurhytmie und den fließenden Gewändern, er gerinnt zum Gemälde, löst sich wieder auf. Doch alles geschieht in und mit der Geschichte, die erzählt wird, befördert sie und entzieht sich völlig der Gefahr des Sich-Verselbständigens. Auch die Kostüme, weder historisierend, noch futuristisch, folgen allein der Intuition dieses Menschheitsdramas.

Es ist die Idee des Irdischen, dass sich mit dem Geistigen verbindet und das Geistige, das dem Irdischen nicht ausweichen will. Erstmals habe ich dank der Bilder dieser Inszenierung so deutlich erlebt, wie dieses unausweichliche Verwobensein beständig passiert. Passieren muß.

Sind Bilder eigentlich eher Gedanken oder Gefühle?, frage ich mich. Sicher bin ich mir da überhaupt nicht. Aber vielleicht können sie, so verwoben, den Balanceakt eines möglichen Gleichgewichts herstellen. Schließlich zeigt die Helena-Geschichte doch allzu deutlich die Grenzen des Möglichen auf. Immer dann wenn es um Schönheit geht. Gretchens innere und äußere irdische Schönheit dagegen rüttelt auf – bis zur eigenen Verzweiflung.

Diese drei Sommertage haben all das, so ungefähr, in der Art in mir bewirkt. Ganz schön viel, finde ich.

Ein Bild aus der aktuellen Faustinszenierung am Goetheanum
Die Idylle vor dem Tor und drin die große Bühne

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