I‘m myself – Bin ich‘s?

An einem Sonntag im November 2025. Bevor ich die Halle betrete, geistert in meinem Kopf die Frage: Kann Krieg schön sein? Darf er das? Es sind die riesigen Tarnnetze aus der Ukraine, die mit ihren unzähligen eingeknüpften Stofffetzen zwei Seiten der Neuen Nationalgalerie bedecken. Von weitem fasziniert mich der Anblick, auch aus der Nähe. Immer neue Perspektiven mit einer Ästhetik, die ich mich anzieht. Doch wenn das Wissen dazu kommt und die reflektierten Gefühle, verknotet sich alles in mir. Diesen Anblick habe ich einem Krieg zu verdanken, der immer noch nicht beendet ist. Wenn es anders wäre, dann, ja dann, würde ich es als in Schönheit verwandelte kriegerische Perversion deuten. Wie oft tarnt sich das Schreckliche mit einem verführerischen Schleier…? Vielleicht so, irgendwie.

Mit diesen Gedanken finde ich mich unmittelbar im Getümmel des oberen Foyers der Galerie wieder. Jetzt bin ich wahrscheinlich auf der Suche nach der Zukunft in der Gegenwart „Festival of Future Nows“:

Roboterchen mit bunten Blättern bewegen sich am Boden vor einer großen Leinwand, darauf ein überlebensgroßer Elch oder ein weißer Hirsch, was weiß ich. Noch schmunzelnd stehe ich vor dem nächsten großen Bildschirm, darauf eine Schrift „I‘m myself“. Darüber sinnend erscheint vor mir ein brüchiges Baumhaus, das zu verkaufen ist, während hinter mir englischen Laute durchdringen. Ein junger Mann liest, um ihn herum entspannte Menschen, in Kissen liegend. Große Bilder an der Wand, Streifen, im verlaufenden Rot und Blau.

Im Weitergehen habe ich das Gefühl im Chaos zu versinken und immer mehr selbst Teil des Ganzen zu werden.

Ein andächtiger großer Kreis um einen Mann, der in stoischer Ruhe einem unendlichen Berg roter Luftballons Lebensluft einhaucht. Zur Freude der Kinder, doch die sind unglaublich still – stiller als die oft heftig redenden Menschen in der Halle. Um mich herum wird es etwas ruhiger, während mich ein riesiges elektronisches Spinnennetz umfängt. Ein Baum im Folienzelt, Laub und Moos auf dem Boden. Das alles endet in zu tausenden Teilchen zerfallenen Sicherheitsglas…Einen Ruhepunkt suchend bin ich wieder vor der Videowand…und warte vergeblich auf die Botschaft des Anfangs „I‘m myself“. Ich sitze auf einem Podest und vor mir wandeln Menschen jeden Alters – mit oft beeindruckenden Kopfbedeckungen. Ein gutgelaunter Grauhaariger schiebt seine schwerbehinderte Frau mehrmals im Rollstuhl vorbei. Zur Feier des Tages hat er ihr einen leuchtend rotorangen Seidenschal umgelegt. Im nächsten Moment krabbelt ein Gerade-noch-Baby vergnügt vor meine Füße und klettert aufs Sitzpodium, während eine Großfamilie mit erstaunlicher Gelassenheit durchs sich verdichtende Gewimmel schlendert. Kinder basteln an Schaltbrettern. Einiges Wackelndes und Blitzendes ist schon zu bestaunen. Sie alle sind gerade MYSELF, wahrscheinlich. Ich auch?

Zunehmend ruhesuchend schaue ich durch die riesigen Glasfronten nach draußen auf das vertraute Berlinpanorama. Der Richtkranz liegt zu Füßen des wachsenden neuen Kunstmuseums. Drinnen füllen auf einmal laute Töne durchdringend die Halle. Es könnten Sirenen sein, gemischt mit allem Möglichen. Die Menschen schauen sich an: Kunst oder Wirklichkeit? Nur für Sekunden scheint die unausgesprochene Frage im Raum zu stehen. Dann hat mich das Chaos wieder und wir sind alle Teil der Inszenierung. Was ist Gegenwart, was Zukunft? Wer sind wir?

Auf der Videowand künstlerisch besondere Berlinfotos, die die Stadt in einen Paris-Status erheben. Für mich gibt es den tatsächlich, wenn er im Alltäglichen auch oft zu verschwinden scheint. Zwischen den Bildern Sätze voller Alltäglichkeit und dann wieder schwergewichtig: „Life is Short“ oder „War is loss for all“…

Bin ich nun MYSELF oder werde ich es in Zukunft (doch) noch sein? Ist – wie auch immer – „I‘m myself“ möglicherweise unsere Zukunft? In der wir uns im Miteinander verlieren und doch noch finden….

Ich bin für diesen Tag gefüllt, auch erfüllt?

Der Sog nach draußen ist stärker als das verbleibende Untergeschoss. Auf dem Vorplatz windet sich inzwischen eine beachtliche Schlange.

Die Sonne scheint – wie für immer.

Mir ging es beim Schreiben um mein Erleben, ein Versuch etwas einzufangen, was sich nicht erzählen lässt. Wer mehr über Konzept und Olafur Eliasson, der dahinter steht, wissen möchte, sollte im Tagesspiegel-Archiv googeln…

Chaostag

Wozu muss es solche Tage geben?

Nach dem Aufwachen weiß ich ‘heute muss es sein’. Der Anruf beim Telefonanbieter. Das WLAN funktioniert nur noch wenig ambitioniert. Vor zwei Wochen wurde mir gesagt, dass es an der uralten Simkarte liege. Doch die neue samt Erklärung verwandelt sich vor meinen Augen in ägyptische Hieroglyphen. Mein mutiger Besuch in einem Laden endet mit dem Satz “Das ist Quatsch, daran kann es nicht liegen. Es wird wohl der Router sein.” Einleuchtend, der ist ebenfalls uralt.

Nach zwei Wochen notwendiger Erholungsphase, will ich also heute den nächsten Schritt wagen. Ich kann es nicht länger vor mir herschieben, denn inzwischen habe ich eine für meine Verhältnisse astronomische Monatsabrechnung bekommen. Ich ahne: Da besteht ein Zusammenhang. Ist auch so.

Es ließ sich nach einigem Hinundher und Kreuzundquer einigermaßen flüssig klaeren, inclusive Routerproblem. Der soll auf dem Postweg kommen. Einen Techniktermin habe ich auch. Und: Ich will es nicht glauben, ein Techniker kommt ins Haus. Geht doch.

Eine Viertelstunde später erscheint eine SMS: Ich möge doch unter dieser Telefonnummer noch mal zurückrufen, sonst könne der Auftrag nicht abgeschlossen werden. Ich lande, wie schon gewohnt, bei der reizenden KI-Stimme. Muss wieder alle möglichen Daten mitteilen. Beim dritten Anlauf akzeptiert sie auch, dass ich einen Mitarbeiter sprechen muss, weil mein komplexes Problem nicht in ihre angebotene Hilfsauswahl passt.

Die Mitarbeiterin ist freundlich nachdem ich nochmals zu meiner Sicherheit alle Daten abgearbeitet habe – inzwischen mit einer ziemlichen Routine. Ja, sie wird mich direkt mit der richtigen Stelle verbinden, ich solle nicht auflegen. Es ruft, eine gefühlte Viertelstunde. Dann fliege ich aus der Leitung.

Könnt ihr mir noch folgen?

Jetzt bin ich einem Nervenzusammenbruch nahe. Es sind etwa zweieinhalb Stunden seit meinem mehr als mutigen Entschluss das Problem anzugehen vergangen. Frühstück ist ausgefallen und alle anderen “To do’s” auch.

Ich bin regelrecht gecrasht und gehe erst mal wie verabredet ins Kino. Der kleine Imbiss vorab wird zum nächsten Fiasko, denn er kommt nicht. Im Trubel vergessen. Dann geht’s schnell und zum Trost Schokokuchen-Stückchen obenauf.

Bei ‘Hannah Arendt’ komme ich langsam wieder bei mir an. Doch diese spannende alte und doch so heutige Lebens-Geschichte lässt leider auch nicht nur gute Gefühle aufkommen.

Zwischendurch vermisse ich die Uhr an meinem Handgelenk und stelle fest, dass ich über alledem einen wichtigen Termin verpasst habe.

Wieder zu Hause, ein Glas Wasser, tief Durchatmen und unvermeidbar wieder die schmeichelnde Stimme der KI. Ich muss es heute zu Ende bringen. Jetzt bin ich geübt: “Bitte einen Mitarbeiter!”, sage ich etwas zu laut und unwillig (ob die KI Gefühle hat und wahrnimmt, frage ich mich so nebenbei ). Und es klappt diesmal ohne langes Hinundher.

Wieder eine sehr nette und geduldige Mitarbeiterin. Der ich mein Anliegen und auch kurz meine Erlebnisse schildere. Sie versichert mir, dass sie mich verbindet und erst auflegt, wenn ich mit dem betreffenden Mitarbeiter verbunden bin. Ich ungläubig: “Ja, wirklich?” “Ja, wirklich.” Doch dann wieder die Mitarbeiterin höchstpersönlich: “Ich habe alles geklärt. Der Mitarbeiter kommt zum abgesprochen Termin ins Haus!” “Wirklich?” “Wirklich!”

Ich bedanke mich freundlichst, lege auf und atme tief durch. Die Geschichte hat Morgens um 8 Uhr begonnen, jetzt ist es 19.15 Uhr.

Dann macht es ‘Pling’. Eine SMS. Verkürzt: Ihr Termin ist der 13., (nicht der vereinbarte), ein Techniker ist nicht notwendig…

Ich weiß nicht, ob ich einen Schrei-, einen Heul-, einen Lachanfall bekommen soll oder alles auf einmal…

Rentner haben schlechte Nerven und viel Zeit. Wozu muss es solche Tage geben?

Wie beginne ich jetzt den nächsten Tag???

Wiederholungs-Täterin

Nach einem reichlichen Jahr wieder in Branitz. Der Herbst hat mich zum Fürsten gelockt, zu Pueckler. Die Herbstfarben.

“Aber, das hättest du auch im Tiergarten haben können oder im Grunewald”, – der Satz klingt in mir nach. Seit dem suche ich nach Worten, um das Unbeschreibliche, ganz Besondere zu erzählen.

So ungefähr könnte es sein:

Es ist als würde ich nicht in einem Park, sondern vor einem Gemälde stehen und wäre bezaubert. Meine Augen sind glücklich. Dann entsteht ein Sog. Ich gehe, wie von Geisterhand geführt, hinein in dieses Gemälde. Es wird vieldimensional. Immer neue Augenblicke eröffnen sich. Ich gehe weiter, will mehr entdecken. Gehe weiter hinein in einen Zauberwald. Wir werden eins, das Gemälde und ich.

Irgendwann stehe ich dann vor einem weißen Schloss. Die Wirklichkeit hat mich fast wieder, wenn ich nicht wüsste, dass darin das Gleiche passiert.

Pueckler spielt mit den Dingen und mit der Natur. Bringt alles ins Unwirkliche Wirkliche.

Er ist ein Zauberer.

Seit einem anderthalben Jahrhundert wachsen ihm seine Bäume entgegen, himmelwärts, inzwischen riesig. Er wird sich da oben dran freuen.

Als am frühen Morgen, nach bald zwei Stunden Alleinsein in meinem Gemälde plötzlich Radfahrer auftauchen, bin ich entsetzt.

Das geht doch gar nicht!

Glück statt Wachstum

Die Welt wackelt mehr denn je in ihren Grundfesten. Scheint jedenfalls so. Aber: Ist es wirklich so?

Tatsächlich sind die Eruptionen nur näher an uns herangerückt. Europa war bis gerade eben noch in der Rekonvaleszenz nach dem zweiten großen Krieg. Und beim Aufarbeiten.Was aber auch nicht zu hundert Prozent stimmt.

Was ich sagen wollte: Ist die Eigendynamik der Kriege denn niemals zu stoppen? Und warum ist es ein paar Wahnsinnigen, Machtbesessenen immer wieder möglich, sich der Zügel zu bemächtigen? Warum steckt die keiner in Zwangsjacken? Und warum glauben ihre Anhänger nicht, dass es am Ende auch sie treffen wird? Gefühle, die vom Denken nicht gezügelt werden. Der Unwille zum Denken. Das müsste verboten werden. Ja, ich weiß, Verbote sind nutzlos und bewirken eher das Gegenteil: Kleinkindlichen Trotz. Die Menschheit auf der Entwicklungsstufe von Zweijährigen? Stagnierend.

Als würde es nicht genug Probleme geben, die mit Kraftakten gelöst werden müssen. Auf Gedeih und Verderb.

Es könnte so schön sein auf diesem Planeten.

Ist es ja auch. Doch dazu braucht es kein Kampfgeraet und keine Drohnen. In Butan setzt die Regierung auf das Glück ihrer Bewohner und nicht auf das ewige gewinnorientierte Wachstum.

Fleißig glücklich sein, statt nur fleißig zu arbeiten….

Früh genug?

Das Gerade-Noch-Kind hat eine Idee. „Wir machen einen Mädelsabend!“ Die Mädels sind im reifen Großmutteralter und mitten im 13. Jahr, im vorpubertären Umbauprozess also. W

Wie gesagt, so auch irgendwann getan.

Der Nachwuchs hat Masken bei DM besorgt und Pads für die Augen. Für mich ein völlig neues Konsumfeld. Ich habe auch keine Ahnung, wie man das praktiziert. Die Große schon. Für kleine Schlemmereien habe ich gesorgt. Doch ich werde belehrt: Erst danach. Nicht reden, nicht lachen. Der Film auf dem IPad gehört schon deswegen dazu. Wir entscheiden uns für das doppelte Lottchen. Der geht mit Schmunzeln.

Wir sehen lustig aus. Die Schönheits-Accessoires sind überwiegend bunt gemustert.

Nachdem wir uns nach geraumer Zeit wieder davon befreit haben, muß ich natürlich DIE unmöglichste aller Fragen dem Nicht-Mehr-Ganz-Kind stellen: „Sag mal, hast du Falten?“

Die Antwort kommt prompt: „Man kann ja nicht früh genug anfangen.“

Es lacht nur eine lauthals, das bin ich.

Kontaktlos

Der Satz hat sich in meinem Unterbewusstsein irgendwo weit hinten eingenistet, wer weiß warum:

„Hier können Sie kontaktlos zahlen.“

Okay. Aber da war er plötzlich unvermittelt da. Nachdenkend über sich wiederholende seltsame Begegnungen verwandelte der Satz sich in zwei Worte: „Kontaktlos begegnen“…

Seltsam. Aber das passt. Und genau so geschieht es…

Momentaufnahme

Vor fünf Minuten habe ich das Kino verlassen. Vor meiner Nase bewegt sich eine Sbahn. Strahlender Sonnenschein, im nächsten Moment prasselt ein Platzregen vom Himmel, die Sonne scheint weiter. Ich suche nach Worten für das eben Erlebte.

Mein spontanes Gestammel:

Verstörend, anstrengend, brutal, seelisch und physisch erschöpfend, expressionistisch, surreal und gleichzeitig extrem realistisch, bildvergewaltigend und bildgewaltig, wortarm, mystisch und erdrückend banal….

Nach zwei von fast drei Stunden rebellierte auch noch meine Blase bei unerreichbaren WCs. Ich habe am Film gelitten und leide noch immer.

Erschöpft von den Haarwurzeln bis zum Großzeh sinke ich auf einen Stuhl des nächstbesten Strassencafé‘s. Ein Kaffee und ich fange an zu schreiben. Intuitiv nach Befreiung suchend.

Um mich herum die Ausläufer des Berlin-Marathons: sportbedresste Menschen, einer trägt schwer an Rucksack und Medaille, auf sichtlich müden Füßen…

Sämtliche Buslinien in SüdWest-Richtung sind auf die sowieso schon viel zu enge Kantstraße umgeleitet.

Und dann und wann durchdringende Blaulichtsirenen…

Eigentlich fast das vertraut alltägliche Chaos. Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden und ich weiß nicht, ob ich wieder Boden unter den Füßen habe…

…nach dem Film „In die Sonne schauen“, der mich angesichts der vielen Ausrufezeichen, mit denen er bedacht wird, ins Kino gelockt hat.

Abo für Auferstehung

Abos haben was Verlässliches. Ich muss nichts tun und bekomme regelmäßig, was ich brauche. Feine Sache.

Mit der Auferstehung ist das dann aber so eine Sache. Gefühlt hatte ich da auch so was wie ein ABO. Nur für die Ewigkeit gibt es wahrscheinlich kein einziges ABO. Wahrscheinlich hört es mit dem Auferstehungs-ABO auf, wenn ich nicht mehr zahlen kann. Wie bei jedem anderen Abonnement. Welche Zahlungsmittel braeuchte ich? Kraft, Energie, Lebenslust? Was ist die Währung für dieses ABO?

Voller Lebenskraft- und Freude