Episödchen

Das Knabenenkelkind spielt seit heute Morgen ununterbrochen. Gegen 19.30 Uhr weise ich sanft darauf hin, dass es nun Zeit zum Schlafengehen ist. Ein energisches „Nein!“ erschallt und „Ich spiele noch“.

Großmutter lenkt ein noch zehn Minuten zum Fertigwerden mit dem Spiel.

Dann schaffen wir den Auszieh-Wasch-und Zahnputzakt fast fließend und spielerisch. Nur wird wieder ein großer Bogen um das Bett hin zum Spielzeug gemacht. Großmutter wird energisch, das „Nein“ noch energischer.

Wir schaffen es zum Vorlesen in liegender Position. Der Babybär hat sich im Wald verlaufen und findet sein Zuhause nicht. Die Tiere im Wald helfen auf unterschiedliche Weise: „Du musst auf dein Herz hören“, sagt der Elch, die Eichhörnchen kichern und sagen, dass sie auf jedem Baum zu Hause sind, schließlich nimmt der Lachs dem Babybär das Versprechen ab, dass er nicht vom ihm aufgefressen wird und bringt ihn nach Hause. Die Sonne geht auf und alles ist gut. Da ist die Bärenhöhle.

Das ist spannend. Und noch mal die ganze Geschichte von vorn. Beim dritten Mal erzählt das Kind.

Jetzt aber schlafen. Die Antwort steigert sich in eine energischere Form: „Ich will jetzt abholt werden!!!“

Großmutter: „Ich will jetzt abgeholt werden.“

Antwort: „Ich will jetzt abbeholt werden!!!“

Großmutter: „Ich will jetzt abgeholt werden.“

Das Mantra wiederholt sich – beidseitig grinsend – eine gefühlte Viertelstunde.

Dann sind wir beide gleichzeitig eingeschlafen.

Das zum Einschlafritual mit einem selbstbewussten Dreijährigen.

Es war ein schöner Tag.

.…und noch Sommeranfangsmomente in Berlin: Mal sehr gepflegt, mal wild geordnet und auch mal ganz wild an den S-Bahnschienen...

FauLENZEN

So gefällt mir das Wort. Ist mir gerade so aufgefallen, dass der LENZ drin steckt. Toll!!! Ich wollte heute über etwas anderes schreiben. Rassismus und Fremdsein und so. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, kam ich in den Bereich Erzählung, Essay. Ich bekam es nicht in eine überschaubare gedrängte Blog-Form. Und dann kam das Faulsein über mich. Und ich nicht darüber hinaus! Kennt wahrscheinlich jeder!?! Oder doch nicht… Na ja für heute habe ich Frieden mit mir und meinen Selbstzweifeln geschlossen.

Lenzen. Ist das nicht genial? Ich deute das mal so für mich: Ich gebe mich dem Frühling, also dem Lenz hin. Genieße und freue mich daran, dass es ihn mit seinem überschwenglichen Reichtum gibt. Noch. Bald ist Sommer. Was mache ich dann? Auch LENZEN, wenn alles nicht so richtig will?

Na klar! Ist doch besser als mich mit Selbstzweifeln zu quälen, wenn meine To-Do-Liste kaum geschrumpft ist. Der Lenz ist verschwenderisch und ich war es heute auch mit meiner kostbaren Zeit. Außerdem ist es ja auch keine neue Weisheit, dass solche Tage Kreatives hervorbringen.

Ich jedenfalls, ich habe heute das Ganz-Jahres-Lenzen erfunden…und mein Gewissen außerordentlich beruhigt.

Das war eine Einladung zum Mitmachen – bei Bedarf. Lasst uns nicht mehr schambelegt faulsein, sondern einfach ab und zu lenzen. Gut fürs Ego, das auch sein Futter braucht.

Zu alt für die Welt?

Ich muss noch mal auf das Alter oder besser auf uns Alternde zurück kommen.

Die Wehwehchen nehmen zu. Und das Äußere: Na ja, vieles war schon mal ansehnlicher. Ich sage bewusst nicht schöner. Mir begegnen täglich so viele schöne alte Menschen, rein äußerlich schöne. Natürlich weit entfernt von einer Schönheit, wie sie uns in der Mode und Modelwelt begegnet. Auch die schaue ich mir gern an, sehr gern sogar. Doch die Alten, wir Alten haben etwas zu bieten, das die schönen Jungen nicht haben, noch nicht. Da zeigt sich im Außen oft etwas, was im Inneren gereift ist. Wissen, Erfahrung und vor allem auch Gelassenheit verbinden sich zu einer Schönheit, die genauso ansehenswert ist wie die junge. Finde ich. Das sind nicht nur Ausnahmeerscheinungen, die großer Weisheit entspringen. Ich bin fasziniert davon und schreibe das nicht nur so dahin. Unsere neue Welt, die voller Bilder ist, sollte sich viel öfter auch auf diese Bilder besinnen. Ein bißchen was tut sich da schon, aber eben nur ein bißchen.

Womit ich bei meinem eigentlichen Fragethema bin, dass mich immer wieder sehr bewegt und auch berührt. Was macht die moderne Gesellschaft aus dem Schatz, der ihr mit der 65plus/minus-Generation zur Verfügung steht? Ich glaube, kaum etwas macht sie damit. Die Welt der Ehrenämter ist schön und gut. Mir ist sie zu wenig. Wenn ich den Medien folge, dann geht es um Renten, die die Jungen hart erarbeiten müssen und wahrscheinlich später selbst schlechter dran sind. Da geht es hartnäckig um Pflege und Demenz. Und darum, dass die Alten nun das brauchen, was sie ihren Kindern einst überreichlich haben zukommen lassen: Hingabe, Aufopferung, Verantwortung, nicht vorhandene Zeit. Das mag ja alles dazu gehören. Aber nicht nur und auch nur mehr oder weniger, weil das individuell sehr unterschiedlich bemessen ist.

Seniorenresidenz, Alten- und Pflegeheim lösen nun im Alter Kinderkrippe und Kita ab. Der Staat und die Generationen der Mitte haben zu zahlen. Unter Ächzen. Es reicht hinten und vorn nicht. Dass diese Lebensperiode genauso selbstverständlich ist, wie alle voran gegangenen, erlebe ich beim Lesen, Schauen, Hören der Nachrichten nicht, kaum.

Und noch weniger, was haben denn die Alten und Alternden wirklich der Gesellschaft zu geben, meinetwegen zu bieten? Eine alte Freundin meinte, dass das auch damit zu tun hat, dass heute die Alten nicht mehr zwingend zur Betreuung des Nachwuchses gebraucht werden, da diese Aufgabe nun die Kitas übernehmen . Das ist sicher ein Teil der Wirklichkeit. Sehr individuelle Lebensentwürfe und Großfamilie vereinen sich nicht mehr zwingend. Mal abgesehen davon, dass Großeltern als Babysitter trotzdem noch gefragt sind.

Doch all das, beantwortet meine Frage nicht: Was könnten, müssten die alt Gewordenen wirklich in die Gesellschaft einbringen? Wissen, Erfahrungen, auch Weisheit? Wofür könnte das gut sein? Für klug geschriebene Bücher, Bilanzen der Alten, die gelesen, zur Seite gelegt und wieder vergessen werden? Oder hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass dieser Zeit und ihren Menschen die Visionen fehlen, seit langer, langer Zeit? Eine Frage, die mich schon ebenso lange beschäftigt. Denn da könnten sich alle Generationen begegnen. Und nicht in der Frage wer wie am besten betreut wird.

Auf die Kinder und Jugendlichen zu hören, sie genau wahrnehmen in ihren Bedürfnissen und Wünschen und abfragen, was die Alten anzubieten haben, das wäre in meinen Augen eine Verantwortung der mittleren Jahrgänge, die all das zusammen bringen sollten. Respekt und Achtung gegenüber den Jungen und den Alten müsste sich auf diese Weise äußern und könnte zu neuen Qualitäten des Zusammenlebens führen. Ganz neuen.

Kinder bereichern schon allein durch Ihr Sein, aber auch sie brauchen genaues Lauschen, um ihnen den Weg in die Welt gut vorzubereiten. Der Schatz der Alten müsste gefördert, gefordert werden. In beiden Fällen ist Aktivität vor allem der Nichtbetroffenen gefragt. Es könnte hilfreich sein. Doch müssten wir ihn, diesen Schatz erst einmal entdecken. Ich schreibe bewusst wir.

Ganz ketzerisch und ein bißchen böse: Für mich ist der Wunsch nicht denkbar, dass die Kleinen zur Entlastung möglichst schnell selbständig werden und die Alten, doch bitte rechtzeitig sich davon machen mögen. Jetzt werde ich drastisch und so meine ich es auch nicht unbedingt, aber unterschwellig erlebe ich schon einen Gestus, der irgendwie dort in der Nähe zu Hause ist. Kaum bewusst bei den meisten… Ich denke, alle Generationen sollten so bewusst wie möglich diese Welt mit gestalten. Erst dann kann es gut werden und sich neue Horizonte auftun. Die Zeit ist reif dafür.

Ganz praktisch finde ich zum Beispiel, dass der über das Maß anstrengende Job des Politik-Machens der mittleren Generation überlassen werden sollte. Aber die Alten sollten in aller Konsequenz beratend dabei sein, einbringen, was ihre Ernte eines langen Lebens ist. Und sie könnten auch ganz gut vermitteln für die Heranwachsenden deren Stimme ebenso zählen muss.

Es geht mir nicht um Aktionen, aber um Prozesse, die in Gang gebracht werden können, ein Schritt nach dem anderen.

P

Perspektiven – wir brauchen sie, nicht nur als Individuen…

Corona-Glück

Ich weiß, diese Wortverbindung ist Frevel. Die Hölle möge mir erspart bleiben.

Ich war heute bei Monet, das zweite Mal in dieser Barberini-Ausstellung.

Ich war in seinem Garten, nicht nur, aber vor allem.

Eine gefühlte halbe Stunde allein mit den Originalen. (Zwei nette, zurückhaltende Aufsichtsmitmenschen mal ausgenommen)

Ohne verschärfte Corona-Regeln wäre mir das nicht vergönnt gewesen.

Ich erinnere mich noch an das ungemütliche Gedränge im Februar vor der erzwungenen Schließung. Irgendwann noch einmal oder zweimal in Ruhe, dachte ich mir damals, als die Welt insgesamt noch ziemlich anders war.

Und heute nun das. Ein so nicht erwarteter Zauber umfing mich, je länger ich in den Räumen war. Der Zauber der Natur, der unglaublichen Bilder… Der Zauber auch dieses besonderen Museums.

Eigentlich hatte ich die Seerosen- und Gartenbilder etwas über. Ich hatte vor, mich etwas mehr in die anderen „Orte“ zu vertiefen, Paris, London, die Seine und die Themse, Holland, in die verewigten Momente des beginnenden Industriezeitalters. Sie waren mir bisher zwar bekannt, aber nicht so vertraut.

Ich frage mich, was heute geschehen ist.

Kein noch so guter Kunstdruck, kein Video kann das, was die Originale vermögen. Und dann noch in dieser Fülle. Das Spätwerk des Malers fing heute an, sich für mich zu verselbständigen. Sein Pinsel hat die Natur zum Sprechen gebracht, hat ihren Atem festgehalten. Nee, nicht festgehalten, sichtbar und spürbar gemacht. Vor allem spürbar. Das Übersinnliche, das Göttliche der Schöpfung wurde aus der Farbpalette gezaubert.

Und ich durfte die stille Schönheit dieses Moments erleben, genießen – ein bißchen in ihr versinken.

Der Rest der Ausstellung war heute nur noch Anhängsel mit vielen Highlights.

Der nahe liegende Frühlings-Park mitten in der Havel führte dieses Erlebnis zur Vollendung.

Danke liebes Schicksal für diesen Vormittag.

Und Entschuldigung für das Pathos. Ich konnte nicht anders.

Zum Selber-Ausprobieren: Bis zum 19.Juli im Museum Barberini in Potsdam.

An einem Vormittag im Mai 2020, mit Maske im Museum und ohne outside…

Horchen statt gehorchen?!?

Das Wort ‚horchen‘ gefällt mir. Es hat einen Wohlklang in meinen Ohren. Es ist lauschig und ein bißchen geheimnisvoll. Es bietet Nähe an und hat etwas Vorsichtiges, ganz in der Nähe von Tasten.

Das Wort ‚gehorchen‘ mag ich gar nicht. Es spukt seit der Hannah-Arendt-Ausstellung in meinen Kopf herum. „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ ruft das Plakat in die Welt. Was machen diese zwei Buchstaben g und e gleich ‚ge‘ nur aus meinem Wohlfühlwort?

Gefangen, getragen, gesagt, gemacht, gehorchen – dieses ‚ge‘ verändert vom aktiven zum passiven Zustand. Es vollendet Fließendes und bringt es in eine vollendete Tatsache. Mit dem Horchen zusammen gerät es sogar in den Imperativ, wird zum Befehl. Huh…

Aber: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“, das heißt doch ich darf nicht gehorchen. Stimmt das denn? Ich rätsele.

Dieser herausfordernde Satz ist, mit großer Wahrscheinlichkeit, aus dem Kontext von H.A.s intensiver Auseinandersetzung mit dem Radikal-Bösen entstanden. Sie, die Jüdin, die in die USA emigrieren musste und sich retten konnte und trotzdem von den schauerlichen Berichten aus Deutschland gnadenlos eingeholt wurde. Sie, die den Eichmann-Prozess im Jahr 1961 als amerikanische Korrespondentin begleitete und sich mit dem „Radikal Bösem“ in ihrem Lebenswerk auseinandersetzt. Zu diesem Gehorchen-Satz dürfte das Argument der Massenmörder, die sich darauf beriefen, dass sie nur Befehle ausgeführt haben, dass sie also gehorchen mussten, geführt haben.

Nur, wie ist das mit dem Gehorchen heute. Ist Ungehorsam die höchste Tugend? Ich weiß nicht so recht.

Müssen Kinder gehorchen? Ich glaube nur dann, wenn es um ihre physische Sicherheit geht, in den Zeiten, wo sie beginnen, die Welt zu erkunden. Ansonsten neige ich zu einem radikalen NEIN. Sowohl in der Familie, als auch in der Schule. Sie sollen eigenständige Persönlichkeiten werden. Das geht nicht mit Gehorsam. Das geht nur mit Fragenlernen, mit Hinterfragen, mit in Frage stellen. Schon allein das bewegt sich dicht am Ungehorsam oder ist es auch oft. Und dann kommt noch der eigene Wille dazu, der häufig so gar nicht mit dem der Eltern übereinstimmt. Doch dieser Eigenwille will geübt werden, ist lebensnotwendig für einen Heranwachsenden. Nicht erst in der Pubertät. Das ist anstrengend. Für Eltern und Kinder.

Also: Es lebe der Ungehorsam! Geht das?

Ich möchte Heranwachsenden schon gern meine moralischen Wertvorstellungen vermitteln, sie aber nicht indoktrinieren. Ich bin mir sicher, dass das der sicherste Weg zum Misserfolg wäre. Über alles reden, diskutieren, immer wieder, ja. Aber ansonsten muss jeder Mensch sich eine gute, tragfähige Moralität  auf seinem eigenen einzigartigen Lebensweg erringen. Gehorchen taugt einfach nicht für das Wachstum innerer Werte. Und die brauche ich dringend, um in den Stürmen des Lebens bestehen zu können. Eigenwille und Ungehorsam lassen sich, glaube ich, nicht so ohne weiteres auseinander dividieren.

Und dann ist der Mensch erwachsen.  Er muss sich zwangsläufig in verschiedene soziale Systeme integrieren. Heisst das nicht, dass er dann auch zwangsläufig gehorchen muss? Ich glaube, wenn ich unreflektiert dem folge, was mein Ausbilder, mein Arbeitgeber, was die Menschen, die Politik gestalten, was meine Mitmenschen denken und verordnen, dann gehorche ich. Aber: Ich kann aus eigener Überzeugung dazu ja sagen oder mich diplomatisch durchhangeln. Oder ich kann ungehorsam sein – nicht gehorchen, weil das, was gefordert wird meine eigenen Grenzen überschreitet.

Okay, nun habe ich eine eigene Meinung, die nicht unbedingt konform ist. Aber: Ich muss meinen Arbeitsplatz behalten, ich möchte etwas lernen und kann es letztlich nur in dem bestehenden System. Ich möchte auch von den Menschen um mich herum gemocht werden. Ungehorsam kann schnell ungemütlich werden, wenn ich anderer Meinung bin als die Menschen um mich herum. Also ordne ich mich dochein und gehorche demzufolge. Aber nach dem Hannah-Ahrendt-Satz habe ich kein Recht zu gehorchen. Aufständig im Inneren und Gehorsam im Aussen? Das fühlt sich nicht gut an.

Ergo: Leben im vollen Bewusstsein des risikovollen Ungehorsams?

Wo ist die Wahrheit? 

Wenn ich mir treu bleiben will, geht das nur, wenn ich meine Grenzen genau definieren kann. Das muss ich üben. Und ich muss gelernt haben, moralisch zu denken und zu handeln. Das beginnt in der frühesten Kindheit. Und nicht, indem ich gelernt habe mich zu fügen, um Vorteile einzuheimsen – also gehorsam zu sein. Auf mich horchen – und horchen, was die anderen brauchen, dann könnte vielleicht, zumindest partiell, das Brutale im Wort Gehorchen erlöst werden. Oder sich zumindest in einen konstruktiven Ungehorsam verwandeln – was meist Mut erfordert. Mindestens ein bißchen…oft mehr.

Schattenbilder

oder

Ich selbst?

Stark wie ein Baum…

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Verhaltener Mai

Kuckucksrufe, Nachtigallentöne, üppiges sattes Grün und immer wieder kalter Ostwind. Dieser Mai gibt sich verhalten. Die Lust an dieser Jahreszeit will sich nicht so recht einstellen. Alles fühlt sich zwiespältig an. Corona zieht sich zurück und doch ist sie bei jedem Schritt nach draußen allgegenwärtig. Maskenmenschen. Abstandsdenken. Einfach nur vernünftig? Oder eher gut angepasst? Was für mich deutlich wird: Die nächsten Schritte in dieser  eigenartigen Zeit müssten schnell immer mehr  individualisiert werden. Das würde es nicht leichter machen, aber lebbarer. Wenn auch: Klare Ansagen von oben sind einfacher zu überschauen. Meine Wunschvariante, individuelle verantwortungsvolle Lösungen, erfordert recht intensives Mitdenken und eine sehr persönliche Entscheidungsfreude. No risk geht sowieso nicht, nie. Das Leben bleibt riskant. Doch so wie es jetzt stattfindet ist es schonend ausgedrückt ungemütlich.

Für die großen Visionen ist die Zeit sicher noch nicht reif. Aber vielleicht ist den letzten Wochen so etwas wie Humus entstanden, der gute Kräfte und neues Wachstum ermöglicht.

Ich frage mich gerade, wie ich mir die Großstadt wünschen würde.

Ich genieße es jetzt noch, entspannt durch die Mitten von Berlin zu bummeln.  Dem vielen interessanten Alten, ja faszinierenden in Gestalt von Bauwerken zu begegnen. Ich genieße viele ruhige Momente zum Schauen, zum Erleben auf leeren Straßen. Die Natur hat sich Raum genommen. Die riesigen Bäume betten ein, was vor so etwa 200 Jahren plus/minus auf dem sandigen Boden verewigt wurde. Dom und Lustgarten, die Museen, die Humboldt-Universität … Zwischendurch die Spree… uralt alles und doch irgendwie lebendig. Altneu das Schloß, das mit einer kupfernen Kuppel für sich wirbt. Da war mal der Palast der Republik…

Was haben wir dem Alten an Beständigem hinzuzufügen? Das neue Berliner Regierungsviertel aus einer ganz neuen deutschen Zeit mit dem Kanzler-„Bunker“. Für mich hat es eine freundliche Leichte. Doch ist das alles? Die Menschheit heute, müsste doch auch etwas  mehr Sichtbares hinterlassen. Oder ist es das eher Unsichtbare: Zum Beispiel die sozialen Grenzen, die nie so fließend waren wie heute. Mehr oder weniger Sicherheit für die meisten. Ein fürsorglicher Staat, der nicht perfekt ist, aber vieles ermöglicht. Da ginge bestimmt noch mehr, zum Beispiel mit einem Grundeinkommen…ein Weg zu mehr Freiheit.

Aber ich würde mir in einer künftigen Stadt auch neue, inspirierende Bauten wünschen, die die Generationen überleben. Weniger klein, klein, aber dafür viele offene Innen- und Außenräume an schönen Plätzen, wo Menschen sich begegnen und gar nicht anders können als miteinander zu reden. Architekten, die ihre Ideen zur Freude aller verwirklichen dürfen, das wünschte ich mir. Noch mehr Grün und Orte drin und draußen, die zum Verweilen und zur Ruhe einladen. Es darf überall Theater gespielt werden, getanzt, gesungen werden, ganz selbstverständlich…nur das allgegenwärtige laute Kreischen darf für mich gern wegbleiben. Und die eskalierenden Touristenströme. Ja, es ist schön, wenn Menschen sich auf den Weg machen, um andere Welten zu erkunden. Doch mit dem Foto-Apparat von einem Highlight zum anderen, fast schon zu rennen, in großen Gruppen… Auch dann ist es ungemütlich in der großen Stadt. Alternativen fallen mir kaum ein. Vielleicht die Idee des Mitwohnens weiter ausleben. Da wäre Begegnung von selbst dabei und jeder Gastgeber ein persönlicher Guide. Die Autos aus den Innenstädten verbannen, auch all die E-Bikes… Der Mensch hat Füsse zum Laufen, die ein beruhigtes Zeitmaß ermöglichen zum Sehen und Wahrnehmen und wirklich erleben.

Leider hat Corona gezeigt, wie schön sich eine gewaltsam beruhigte Stadt anfühlt. So wird und so kann es nicht weitergehen. Oder doch nicht leider? Schon nicht mehr bekannte Qualitäten sind sichtbar geworden. Jetzt wünschte ich mir eine inspirierte Politik mit einem schöpferischen Gestaltungswillen, der sich nicht immer wieder im Kleinklein verliert. So dass eine wunderschöne Stadt gedeihen kann, auf die ihre Bewohner zurecht stolz sind. Es können doch nicht nur die sanierten und rekonstruierten Hinterlassenschaften der Preußen sein, auf die wir und unsere Nachkommen sich beziehen. Ach bitte, macht doch was aus diesen vielen schönen kleinen Pflänzchen, die da auf Altpreußens Boden vorsichtig sprießen. Bitte denkt an die Zukunft und bitte auch ein, zwei, drei Nummern größer! Wenn diese Gabe Corona uns bereitet hätte… Sozusagen Krankheitsgewinn.

Um das Ganze heute abzurunden: Überall in der Stadt laden Poster in die nun endlich geöffnete Hannah-Arendt-Ausstellung ein. Das Motto auf den Plakaten: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“. Doch das ist ein Thema fürs nächste Mal.

Der Weg ins Deutsche Historische Museum lohnt sich. Eine gut und eindringlich, nicht aufdringlich, erzählte Biografie, die Erleben lässt, wie Sätze wie dieser auf dem Poster zustande kommen…IMG_3574IMG_3579

Berlin, Berlin in diesen Tagen

Wirklich alte Zeiten?

Ich bin heute Silvia begegnet. Am Ende ganz real, vor allem aber einem gut Teil von ihrem Lebenswerk in ihrer Ausstellung. Es war spannend, in einem schönen großen Raum all diesen, zum größeren Teil  vertrauten, Einzelstücken konzentriert zu begegnen – und ihr auf diese Weise neu zu begegnen.

Aber ich bin auch mir begegnet. Und das hat mich etwas verstört. Vor inzwischen elf Jahren, zu ihrem runden Geburtstag, hatte sie Menschen aus ihrem Umfeld zum Webwerk eingeladen. Es müssen an die Hundert gewesen sein, die in Wort und Bild sich hineinwebten in ihr Lebens- und Künstlerthema. Ich auch. Und heute habe ich diesen alten Text wieder gelesen. Und war verstört. Was ich da an Themen und Fragen abgearbeitet habe, das würde heute nicht anders klingen. Bin ich hängenblieben, ohne mich weiter zu entwickeln? Hat sich im Menschengewebe nichts verändert in dieser Dekade? Alles beim Alten? Also, ich beschließe, es positiv zu betrachten: Ich bin mir treu geblieben. Das nun wäre der Text:

 

webfehler im web

Ich bin der Webfehler. So plötzlich wie der Gedanke kam, so hartnäckig hat er sich eingenistet. Ich merke: So ein bisschen diebische Freude an dem Sätzchen ist auch dabei. Ja typisch… für mich. Silvia kann so unglaublich tolerant sein. Ich glaube an sie. Und bin fasziniert von ihrer wahrhaftig unerschöpflichen Energie. Ein Bündel Willenskraft und Phantasie-Leben, dem die Ängste um die Zerstörbarkeit durchaus nahe sind. Sich aussetzen und einmischen – ihre Wahl als treibendes künstlerisches Motiv. Meine zunehmend als Lebensmotiv.

Wie kam ich, der Webfehler, ins große Beziehungstuch? Zuerst waren die Bücher, die vielen. Dann die Windeln. Die Stein-, Tuch,- Mullwindeln. Dazwischen das Zuhören, beidseitig. Irgendwann war ich dann einfach da. Als Webfehler: Nicht Künstlerin, nicht west-, sondern ostsozialisiert, nicht so ganz „comme il faut“. Ein bisschen zu direkt, zu wenig – unwillentlich und auch willentlich – mit den Spielregeln vertraut. Auch ich viel Wille: verstehen wollen, gnadenlos um Wahrheit ringend. Und auch noch stolz dazu. Ich gebe zu, ein brisantes Gemisch.

Ich versuche mir den Webfehler vorzustellen. Da ist das Tuch der SBK aus ihrem menschlichen Beziehungs-Lebenswerk gewebt.

Es hat kräftige Farben, strahlende, viele eigenwillige Formen, skurril, verrückt auch… Kreatives verbindet sich mit Kreativem, darunter Struktur. Das vielleicht macht die Faszination aus, Lebendigkeit, die das Auge anlockt und verwirrt. Ab und an dann auch Bodenständiges, Beruhigendes. Streifen und Würfel. Der niederrheinische Familien-Grundund-Boden. Apotheker-Tradition. Konvention und Sicherheit.

Und jetzt ich, der Webfehler: Schleicht er sich ins Bunte oder ins Bodenständige ein? Wohl eher ins Bunte oder…? Ich weiß nicht so recht. Oder doch: Genau dazwischen, wo sich ruhige Form und Aufreizendes begegnen. Die Hand streicht über ein zart flauschiges Tuch und plötzlich ist da so ein dicker Knubbel.

Im schönsten geheimnisvollen Indigo, meiner Lieblingsfarbe. Ich erlaube mir die Anmaßung. Ein Etwas, das stört. Im besten Fall aber innehalten lässt. Ein Moment der provozierten Ruhe, des Verweilens. Emotionen lassen sich in so einem Moment nicht vermeiden.

Was zeigt sich? Ich sehe die Perfektionisten unter uns zusammenzucken, in der cholerischen Variante aufschreien. Die jupiterhaft weisheitsvollen werden staunend über das Gewebe streichen und über SEINE schicksalshafte Notwendigkeit meditieren. Die In-sich-Ruhenden sehen und vergessen im gleichen Moment: „Nichts, um aus der Ruhe zu geraten.“ Die Kreativen wissen um die gestalterische Logik solch eines Web- Fehlers.
Eigentlich hat diese Erscheinung es ja an sich, dass jeder sie gern weg haben möchte. Jeder, der das Vollkommene liebt und es bewundern möchte. Solche Webfehler-Ware kommt ins Outlet zum -oft stark -reduzierten Preis für Schnäppchenjäger. Ich bin schuld, der Webfehler. Lieber kaschieren, dann reicht es doch noch für den Designer-Shop, leicht reduziert? Oder noch besser: Den Webfehler zum Kunstgriff stilisieren.

Ich merke: Koketterie. Ich flirte gerade mit dem Webfehler. Ich mag ihn, ich mag mich mit meinen Unvollkommenheiten. Ich mag Silvia, die sich auf Webfehler einlässt mit ihrer schier grenzenlosen Neugier. Gesprächsgewebe wird möglich. Miteinander ergründen wollen. All zu Menschliches… und auch Politik. Nachdenkliches Fragen, dass die Antworten nicht von vornherein weiß. Jenseits von Urteilen und Verurteilen.

Archaische Mullwindeln im Pampers-Zeitalter und eine archaische Bibliothek zu Internet-Zeiten Sie haben uns zusammengeführt.

Nicht, dass wir das Netz zur effektiven Kommunikation und Pampers am Po der Enkel nicht zu schätzen wissen. Doch ganz tief im Herzen lieben wir auch das Alte, das Sinnliche – Gewebe, das weniger vergänglich ist. Seine Sprache, die unsere Sinne direkter anspricht. Bücher und Mullwindeln sind Web-Werke, Gewebtes, das unsere Sinne berührt: sehen, tasten, riechen. Wir können uns hingeben. Auch stinkenden Mullwindeln. Das Herz öffnet sich. Silvia verwandelt das gereinigte, aus vergangenen Mutter-(Pflichten)Zeiten Übriggebliebene in Kunst: „Steinwindeln“. Auch das, nun ihrerseits eine provokante Webfehler-Logik?

Dank Internet und Co erleben wir heute schier unerschöpfliches Beziehungsgewebe. Bringt es uns dem „Wer bin ich?“ und dem „Du“ wirklich näher? Ein Spielplatz für den Kopf?

Ich möchte in Augen schauen, interessanten Gesichtern begegnen, Lebenskräfte erspüren. Ablehnung erfahren. Sympathie genießen. Erleben wann und wie sich die Geister scheiden. Lasst uns zusammen den Faden spinnen! Dann sind Visionen nicht mehr individuelles Traumwerk, sondern gemeinsames Machwerk – Fäden, aus dem das Gewebe eines Zukünftigen entstehen kann. Stoff, Material und Form begegnen sich. Und der Webfehler? Das Fremde darf sein, der willkommene Stein des Anstoßes. Er verhilft zur Beweglichkeit im Denken und Fühlen und Wollen. Die Logik von Spinnen und Weben. Die Vision erspinnen, aus diesem Faden die neue Wirklichkeit weben – jetzt…

Wir reden so oft und gern vom Fremdenhass. „Natürlich, nicht wir, wir doch nicht.“ Nein, wir haben kultiviertere Formen, uns dem Fremden zu nähern, manchmal verschlingen wir es auch mit unserer Hingabe. Doch, wie halten wir es eigentlich mit dem Fremden beim Nachbarn, beim Kollegen, beim Partner? Wie schnell sind wir mit Urteil und Ablehnung bei der Hand. Freilich, das ist kein Fremdenhass. Oder? Das Schaf hat einen grünen Punkt. Da muss etwas nicht stimmen. Leidvolle Erfahrung. Eine Freundin aus meinem Web-Werk sagte einmal tröstend nach einer traurig machenden Erfahrung: „Du bist eben das Schaf mit dem grünen Punkt.“ Das war in diesem Moment aufmunternd gemeint.

Und es war der Augenblick, in dem ich den Webfehler zu meinem Markenzeichen gemacht habe. An mir dürfen sich die Geister scheiden. Der Webfehler ist selbstbewusster geworden. Für die Künstlerin eine Herausforderung.
Silvia, was meinst Du?

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Mir wird’s nicht zu bunt

Viele bunte Fäden wirbeln in meinem Kopf herum. Ich versuche sie zu fassen und schaue, wie ein Gewebe daraus entstehen könnte. Schön, überraschend neu. Mit diesem Blick auf diese noch verrückter gewordene Welt, gehe ich entspannt in den Tag. Danke lieber Babelpapa, dass Du mich wieder mal dazu angeregt hast, mir selbst klarer zu werden. Gerade, weil wir oft nicht einer Meinung sind und völlig anders ticken.

Ich glaube, wenn das 70. naht, dann darf man ein wenig mehr bei sich und etwas weniger in den aktuellen Verstrickungen der Welt sein. Natürlich möchte ich meinen Kindern und noch mehr meinen Enkeln, die noch so sehr am Anfang stehen, etwas mitgeben. Die Morgengaben der Großmutter sozusagen. Aber eines ist für mich klar, es werden keine politischen Aktionen und Bekenntnisse im Strudel der Jetztzeit sein. Im tiefsten Inneren bin ich eher unpolitisch, das weiß weiß ich inzwischen. Obwohl mir klar ist, dass es ohne Politik nicht geht. Vielleicht noch nicht. Während sich die Welt im kaum nachlebbaren Tempo globalisiert hat, braucht es erst recht Menschen, die ordnen, lenken, ja auch (selbstlos) führen.

Doch das, was wir jetzt erleben, zeigt auch zu deutlich, dass es in diese Richtung nicht weiter gehen kann. Also wieder rückwärts in die kleinen Gemeinschaften, wo doch die große uns über den Kopf gewachsen ist? Wahrscheinlich ja, finde ich. Es müsste doch inzwischen – historisch betrachtet – gehen, aber ganz anders. Kriege müssten doch endlich der Vergangenheit angehören.  Können wir uns nicht sicher sein, dass auf diesem Planeten für alle, von allem genügend da ist, um gut zu leben? Ich glaube ja. Wenn sich Gruppen jedweder Größe, endlich unterstützen würden, statt sich durch Stärke und Machtzuwachs zu profilieren… Wenn nicht mehr um des Gewinn Willens produziert würde, was die Welt nicht, jedenfalls nicht in den vorhandenen Mengen, braucht… Wenn Menschen einander nur noch fragen, wie es ihnen geht und was sie für ihr Leben brauchen… Dann wären wir miteinander auf einer anderen Ebene. Und könnten uns irgendwann auch fragen, was wir voneinander an Nichtmateriellen brauchen.

Ich weiß, mein Idealismus ist nie ganz zu besiegen.

Abgehoben? Kann sein. Aber ich möchte alle meine bunten Fäden in meinem Kopf nur noch so verknüpfen, dass daraus ein wunderbarer Quilt entsteht. Bunt und fantastisch. Die Arbeit an so einem großen Teppich dauert lang, braucht Geduld und noch mal Geduld und unendlich viel Mühe. Die Stoffteile wären, um im Bild zu bleiben, bei meiner Arbeit die zwölf Tugenden. In denen steckt alles, was jeder Mensch braucht, um diese neue Welt mit zu gestalten. Nur leider oder Gott sei Dank, man kann sie sich nicht im Netz bestellen und kaufen. Sie wollen errungen, verinnerlicht werden, so dass sich das eigene Interieur, sprich Innere, allmählich verändert, immer harmonischer wird und gleichzeitig immer eigenständiger. Und da wäre ich wieder bei den Kindern und Enkeln. Unserem Ausgangspunkt.

Sie sollen, das wünschte ich mir, fragen lernen, auch das In-Frage-stellen und dabei denken lernen. Selber denken. Und trotzdem sich einlassen auf andere Gedanken. Aber sich nicht üben im  Nachdenken anderer Gedanken, drastischer nicht im Vorgekauten bleiben.  Dazu brauche ich Mut, der aus meiner Mitte kommt, muss mich üben im Wahrhaftigsein, mir selbst vertrauen. Und ich muss mir die Güte dabei bewahren, sie mir immer wieder erringen, was alles andere als leicht ist. Und das wären dann auch die ersten drei Tugenden von zwölf: Mut, Wahrhaftigkeit, Güte. Diese Drei sind so etwas wie die Grundsubstanz. Schon an sich schwer genug. Doch die acht, die danach kommen, das sind die Wegweiser, Stützpfeiler auf dem Weg des Lernens und Übers. Da wären zum Beispiel Ausdauer, Verbindlichkeit, Geduld. Nach der Geduld kommt nur noch die Zwölfte Tugend: Die Liebe, die selbstlose Liebe, die nichts für sich will.

Diesen inneren Weg, der sich letztendlich nur im tagtäglichen Außen beweisen kann, möchte ich den mir folgenden Generationen, vor allem meinen Enkeln hinterlassen – als Herausforderung für ihren eignen Lebensweg,

Meinetwegen dürft Ihr Jungen und Junggebliebenen auch eine originelle Demo für die Zwölf Tugenden inszenieren, sie auf den großen Plätzen des Landes tanzen, singen, bekunden. Aber bitte, tut es irgendwie, auf EURE Weise. Mit ihnen, den Tugenden, werdet ihr besser mit den Wirren des Alltäglichen zu Recht kommen, im ganz Großen und im Kleinen, wenn es denn mal wieder Streit mit Freunden gibt.

Übrigens: Mit einem Quilt kann man sich wunderbar zu decken und in fantastische Träume versinken.IMG_3200.jpeg

So ist es mir noch nicht bunt genug, im Prozess…

Mausig am 1. Mai

Komm lieber Mai und mache… Ja was bitte?

Ich fange mal mit dem 1. Juli vergangenen Jahres an. Gut erholt und gut gelaunt komme ich nach einer 9tägigen Auszeit aus dem Urlaub zurück. Meine damals sechsjährige Enkeltochter und ich wollen das Wiedersehen mit einem Kuchenschmaus feiern. Dafür sollte ein Drittel eines sorgfältig aufbewahrten Tortenbodens herhalten, mit Erdbeeren natürlich. Ich schreite zur Tat und halte eine absolut leere Hülle in der Hand. Nur ein kleines Loch im unteren Papier. Aufschrei: Maus!!! Nein Mäuse!!! – so viel schafft die verfressenste Maus nicht. Die Lebendfalle bringt dann am nächsten Morgen die Bescherung: Die Mama in der Falle und drumherum tanzen, besser hopsen fünf verzweifelte Minimäuse, denen gerade das erste Fell gewachsen ist. Das Bild werde ich nie vergessen. Und das, was dann folgte, auch nicht.

Mir war klar, das das Problem nicht von mir gelöst werden kann. Der Erlöser mit dem wunderschönen Namen Bärenfänger (nicht erfunden) erschien mit den schönen Worten „Oh, das ist ein starker Befall!“ Das Thema Lebendfallen war vergessen, die Tierschützer mögen mir gnädig sein. Nach drei Wochen nahezu täglicher Kammerjäger-Besuche, schien langsam Ruhe einzukehren. Die letzten Spuren in der Wohnung, deuteten auf eine verbliebene unerwünschte Mitbewohnerin, die einfach nicht zu überlisten war. Einer alten Schulfreundin erzählte ich von meinem Abenteuer. Die erinnerte sich dann, dass ihre auf dem Dorf lebende Großmutter einst die Unliebsamen mit Eierlikör überlistete. Besoffene Mäuse, na ja. Ich schnurstracks also zu Edeka und eine Miniflasche von dem Gesöff, das sonst bei mir niemals stattfindet, gekauft. Und siehe da: Die Letzte, die Klügste konnte von meinem Mäusefänger dann zur Belohnung JWD in die Freiheit entlassen werden. Janz weit draußen. Vor dem Haus geht nicht, die Schätzchen finden dorthin zurück, wo es ja gerade ganz gemütlich war.

Diese eine war die letzte von FÜNFZEHN, die meinen Urlaub missbraucht hatten.

Ziemlich genau zehn Monate später. Heute ist der 1. Mai 2020. Ich hoffe, es werden nicht wieder 15. Vor drei Wochen, eines Nachts, ich schlafwandelte zu meiner Wasserflasche um mich für den Rest der Schlafenszeit zu stärken, ein Deja-vu-Erlebnis. Während ich zur Flasche greife schaue ich in die Augen einer „Gemeinen grauen Hausmaus“. Die verfällt zuerst, genau wie ich, in Schockstarre. Dann flüchtet sie und ich kreische.

Alle meine Erfahrungen von vor zehn Monaten nutzen mir von da an so gut wie gar nicht. Die Lebendfalle wurde gründlich ausgeräumt, der Mechanismus umgangen, fünfmal an einem Tag. Das Tierchen flitzt mir inzwischen tagsüber fast über die Füsse. Bärenfänger hilf! Er kam, sah und siegte – zumindest partiell. Wir sind bei Nummer Vier angekommen und meine Wohnzimmerküche immer noch voller Fallen. Und ich nahezu obdachlos, na ja küchenlos. Und Angst besetzt, dass das Schlafzimmer auch noch erobert wird mit dieser Impertinenz.

Fazit:

Interessant ist, dass die diesjährige Mäusesippe offenbar nur im äußersten Notfall nach Weißbrothäppchen mit Nutella schnappt. Sie liebt Äpfel, die im letzten Sommer keine Maus interessierten. Sieben wunderschöne Bioäpfel mußten in den Müll wandern. Sie verschmäht meine Eierlikörreste vom letzten Jahr. Diese Sippe ist also nicht nur besonders intelligent (leere Fallen), sondern auch noch zeitgeistgemäß Vegetarier, Antialkoholiker und gesundheitsbewusst.

Meine Nerven haben ein zweites Mal total gelitten. Dazu muss ich erklären, dass, wenn andere Panikattacken bei Spinnen bekommen, mir das Gleiche bei Mäusen geschieht. Vernunft und Training helfen nicht, ich habe aufgegeben. Ich kann weder lebende noch tote Mäuse entsorgen. Interessanterweise hatten wir zu Familien- und Kinderzeiten auch mal, neben vielem anderen Getier, weiße Mäuse als Haustiere. Die konnte ich in die Hand nehmen und streicheln… Das Phänomen beschäftigt mich weiter. Es hat offenbar etwas mit toten Lebewesen und ungebetenen Eindringlingen zu tun.

Und ich habe, dank Google einiges Interessante über das Sozialverhalten von Mäusen gelernt. Zum Beispiel, dass Mäusemamas sich oft zusammentun, um ihren Nachwuchs groß zu bekommen. Weil die Milchtröpfchen bei oft sechs und mehr Nachkömmlingen kaum reichen. So kam es offenbar zu der FÜNFZEHN im letzten Sommer. Dank meiner Tortenböden hatten sie es erst mal zu Zweit geschafft, ihren Nachwuchs aus dem Gröbsten herauszubekommen.

Wenig tröstlich bleibt, dass ich offenbar jede Menge Leidens-Mitmenschen weltweit habe und die menschliche Intelligenz dem mausigen Instinkt oft nicht gewachsen ist.

Zur Zeit geht es mir mit dem unerwünschten und besonders in der Küche auch ekligen Besuch schlechter als im Sommer. Denn da war ich ständig auf der Flucht ins Sommerland und habe mich nach und nach mit allen fast verloren alten Freunden und Bekannten getroffen und lange geplante und nie gemachte Ausflüge stattfinden lassen. Aber, jetzt ist Corona-Zeit: Ausgehverbot aller Art. Selbst den Trost, dass es zur Not ja auch noch Hotelzimmer gibt, selbst der ist mir versagt…

Mausiges und Corona-Virus und bei beiden kein ein Ende in Sicht. Eigentlich ist schon eins davon zu viel – warum wird mir diese Prüfung auferlegt? Komm lieber Mai und mache…es geht jetzt bei mir ums Überleben…

Dieses Schätzchen lief mir im Herbst auf dem Ku’Damm über den Weg. Ich habe es sofort mitgenommen, aufgehängt und hinterhältig gedacht: Entweder lacht sich das nächste Graufell über das Ballettröckchen tot oder es erschrickt sich ob der Gehenkten zu Tode. Ja aber, denkste… Inzwischen sehe ich doppelt, wenn es um Mäuse geht. Und das ist zweimal zu viel.