Verwunschenes

Verwünscht. Ich, Du, Er, Sie, Es werden verwünscht. Buh, Hexerei, pass gut auf Dich auf!

Kann ja auch was Schönes raus kommen bei dem Verwünschen.

Dann wenn es mich – mehr oder weniger freiwillig – an verwunschene Orte verschlägt. Orte, die mich verzaubern und an denen es mir gut geht.

Ist mir passiert, letzte Woche.

Zum Ersten war es Charlotte von Mahlsdorf, der ich schon längst mal begegnen wollte. Spätestens seit ich in den Neunzigern ihr Buch „Ich bin meine eigene Frau“ gelesen habe. Ihre Sammelleidenschaft in Gründerzeit-Gefilden und ihr konsequentes Frauenleben, mit dem sie den Mann hinter sich ließ, waren und sind etwas ganz Besonderes. Sie lebt, 2002 gestorben, weiter. Leider konnte sie nicht mehr erleben, was aus ihrer verfallenen Gutshausreliquie geworden ist. Nämlich: Ein verwunschener Ort, an dem sie weiterwandelt. Dank ihrer Freunde, denen der Schlüssel blieb und ein unglaublicher Enthusiasmus über viele, viele Jahre. Die Sammlung, die Charlotte als 12jähriger begann, musste zusammengeführt und die Räume musssten in den Gründerzeit-Zauber getaucht werden…

Jetzt stehe ich vor ihrem Bett, ihren Kleidern, der Waschschüssel, vor ihrem Schlafzimmer – und bin entrückt, in meine verwunschene Kindheit. Wie oft war ich bei meiner Großmutter. Da steht die kupferne Wärmflasche, die ich oft an kalten Tagen, eingewickelt in ein dickes Handtuch, an die Füsse gelegt bekam. Mein Blick fiel von dort auf einen Kleiderschrank mit Schnitzereien und die Träume konnten kommen. Am nächsten Morgen schaute ich meiner Großmutter zu, wie sie die Brennschere am Herd erhitzte, um ihrer Haarpracht auf die Beine zu helfen. Großvaters schwerer großer Schreibtisch mit den Löwenköpfen lockte immer wieder.

Ich, älter geworden, der Großvater war schon längst in der anderen Welt, fing an, in unbeobachteten Stunden seine Geheimnisse zu erkunden. Alte Zeugnisse und Briefe kamen zum Vorschein, alte deutsche Schriftzeichen, vergilbte Dokumente – die verwunschene Welt meiner Vorfahren.

Bei Charlotte von Mahlsdorf tauche ich ein in meine fast vergessene Welt, in einen Alltag, der so anders war, als ihn meine Enkelkinder heute leben. Meine erinnerungsträchtige Großmutterwelt entstand so in den 20erJahren des letzten Jahrhunderts. Kennengelernt habe ich meine Oma 30 Jahre später, da war sie schon 60. Graues Haar und streng geknoteter Zopf am Hinterkopf. Zu Hause meist mit einer selbstgenähten, frisch gestärkten Schürze unterwegs, draußen immer elegant…

Ihre Kompottschalen (ohne die eingeweckten Kirschen und Erdbeeren) stehen bis heute in meinem Regal. Eingekochtes gibt es kaum noch, aber der Kindheitsduft dieser Köstlichkeiten aus den 50ern berührt mich bis heute ab und zu.

Wie schön ist diese wiedererweckte verwunschene Welt. Eine leichte Sehnsucht kommt auf nach den Kirschbaum-Gärten meiner Kindheit.

Dieses chaotische Berlin besitzt so viele verwunschene Orte. Nummer Zwei begegnete mir letzte Woche. Eingezwängt in zwei Hauptverkehrsachsen und Bahnstränge fliegen Libellen über Tümpel, aus denen lebende und tote Bäume ragen – ich war zum ersten Mal im Ruhlebener Fließ. Ein Zipfelchen uralte erhaltene Landschaft, die in der großen chaotischen Stadt weiterlebt. Eine Stunde auf einer Bank mitten drin verging mir wie im Flug. Ich habe mal wieder so ganz unmittelbar die Kraft der Natur gespürt und mein Vertrauen in sie erlebt. Ich glaube schon, dass sie stärker und wahrscheinlich auch vernünftiger ist als wir, die wir uns so gern als Vernunftwesen bezeichnen. Wir werden sie nicht beherrschen, aber im Zwiegespräch gemeinsam weitergehen.

Was brauchst Du und was brauche ich, das wären doch Schlüsselfragen für unser aller gemeinsames Leben. Gedanken aus einer verwunschenen Welt? Gar Hexerei?

Aber, es gibt doch auch die guten Hexen…

Mein Phantasiegeschöpf: Der unpolitische König

Vor einiger Zeit habe ich mal von meinem Traum von einem weisen König erzählt. Das hat einige Missverständnisse hervorgerufen.

Ich bin so müde vom Gerangel in der Welt und direkt vor meiner Haustür. Gerade komme ich aus einer Lächeln machenden Ausstellung mitten in der Stadt. Kartenvorverkauf, Test – alles hat geklappt, – Maske auszuhalten. Endlich gehts wieder. Ich fühle mich wohl.

Und dann: Ein riesiges Polizeiaufgebot. Überall mitten in der Stadt. Das Regierungsviertel komplett abgesperrt. Spaziergänger bewegen sich von allen Seiten Richtung Brandenburger Tor. Die Dialekte deutsch querbeet. Eine seltsame Atmosphäre. Kein quirliger Touri-Auflauf. Es könnten Familien sein, die sich in Feiertagslaune zu einem Pfingstspaziergang in Berlins Mitte aufgemacht haben. Könnten… Die Stimmung ist eine andere. Schwer zu beschreiben. Vielleicht unterschwellig aufgekratzt oder so ähnlich. Ich fühle mich nicht mehr wohl. Und bin froh als mein Bus kommt.

Wie könnte ein so kompliziertes Gebilde, wie es ein Staat ist, nur regiert werden? So, dass alle Interessen ihren Raum haben, so dass alle ihren inneren Frieden finden können, so dass produktive Kreativität daraus wachsen kann? So dass Widerspruch nicht nur erlaubt ist, sondern er auch von allen Seiten gewollt ist und produktiv für alle wird.

Möglich, dass ich von einer Illusion rede. Sehr wahrscheinlich sogar.

Jetzt kommt mein weiser König der Neuzeit ins Spiel. Ich meine keinen absolutistischen Herrscher im regenbogenfarbenen Gewand. Was mir vorschwebt, das ist ein Gremium von klugen, lebenserfahrenen Menschen. Sie sollten aus allen Gebieten kommen, die für ein gemeinsame Miteinander-Leben wesentlich sind. Also, Personen, bei denen Expertenwissen und Lebenserfahrung und – na ja, auch eine gewisse Selbstlosigkeit zusammen kommen. Mein König wäre dann sozusagen der Moderator, der im Notfall auch mal das letzte Wort haben darf. Diese Menschen könnten dann vorleben, vormachen wie Gemeinschaft geht, gehen könnte.

Wählen würde ich dann einzelne Personen und den „König“. Ich dürfte ergänzende Vorschläge machen… Das Parteien-Gerangel wäre dann endlich vorbei.

Nur die Könige durften durch das mittlere Tor gen Stadtschloss oder gen Sansscouc – heute gehen wir alle durch die Mitte…

Randbemerkungen 7

Jüngst nach einer Abenteuerwanderung mit dem Vierjährigen. Fährfahrt über den Wannsee inclusive. Das nächste Abenteuer kam – für mich. Wir kaufen noch schnell an der Ecke im Minimarkt ein Baquette. An der Kasse liegen bunte Eier. Das Kind ist begeistert: „Ostereier!“ Die freundliche Kassiererin erklärt: „Ostern ist doch vorbei. Das sind einfach bunte Eier.“ Das Knäblein: „Nein, Ostern geht bis Pfingsten. Da ist Christus in den Himmel gefahren.“

Die nette Frau guckt verdutzt und ich verblüfft.

Aber jetzt: Tschüß ihr Hasen und Eier – die Natur ist endlich auferstanden

Randbemerkungen 6

Ich verspreche, egal was passiert, das ist die letzte Eichhörnchenstory.

Nach meinem Kuschelabenteuer mit dem Eichhörnchen-Nachwuchs ging ich, Balkontür vorsichtshalber weit aufgerissen, ins Nebenzimmer. Ich schloß vorsorglich die Zimmertür hinter mir. Ein Hörnchen konnte ich weder entdecken, noch hören – aber so ganz sicher war ich mir nicht.

Es dauerte nicht lange, und es fing an, an meiner Tür zu kratzen. Unglaublich! Das konnte doch nicht sein, aber wahrscheinlich war es wieder das Eichhörnchen. Es war…hartnäckig kratzend.

Was tun??? Hilfe!!! Hätte ich die Tür geöffnet wäre es wahrscheinlich in Windeseile unterm Bett untergetaucht. Schneller als mir eine Reaktion mit menschlichen Fähigkeiten je gelungen wäre. Also, ich war eingesperrt in meiner Wohnung.

In Corona-Zeiten ist zwar unerwartete Gesellschaft ganz nett. Trotzdem schaue ich mir diese Fellbabys lieber mit gewisser Distanz an. Eine Telefonkonsultation bestätigt mir die einzige brauchbare Idee: Die liebe Nachbarin anrufen, trotz Feiertag, trotz fortgeschrittener Abendstunde.

Mit Handtuch, Eimer, Handschuhen und Nüssen bewaffnet wird sie dann beim Aufschließen der Wohnungstür von dem vergnügten Kleinkind-Tier begrüßt, das dann doch wieder vorsichtshalber ins Nebenzimmer flüchtet.

Dann beginnt eine sageundschreibe einstündige Aktion, um es wieder hervor zu locken. Irgendwann siegt der Hunger. Das Foto, auf dem es auf meiner Sofalehne entspannt Walnuß knappert, das konnte ich nicht machen. Da jede Bewegung unsererseits gefährlich war. Dann wurde ihm die neugewonnene Zutraulichkeit zum Verhängnis. Mutig griff Frau Nachbarin mit dem Handtuch zu. Es entsprang – auf den Balkon. Dieses Mal waren wir schneller und konnten rechtzeitig die Tür schließen.

Zwei Tage später lag ein totes Eichhörnchenkind im Vorgarten.

Noch einmal zwei Tage später gelang mir untenstehendes Foto auf dem Balkon. War das jetzt meins oder ein Geschwisterkind?

Wenigstens das: Die Sippe überlebt.

Allerdings: Ich kann gern auf diese Art Abenteuer verzichten.

Ihm geh’ts gut

Das war leichtsinnig

Keine Randbemerkung. Ich sollte den Bärenfänger nicht beschwören, indem ich ohne Notwendigkeit seine Mission würdige – wie gestern geschehen.

Ich bin gerade noch in der Erholungsphase. Der Schreck sitzt mir im ganzen Körper.

Die Situation: Ein halbes Stündchen Mittagspause auf dem Sofa mit Buch und Telefon. Ich höre ein Geräusch, nein, wie Maus klingt es eigentlich nicht. Ich lausche: War es mein Bauch? Kann sein. Ich lese weiter…

Pause beendet. Ich bringe die Kissen wieder in eine ansehenswerte Form und schaue, einer Eingebung folgend, noch mal kurz dahinter. Was da liegt ist ein kleines braunes Fellbündel. Es springt erst auf, als ich großstadtkindgemäß kreische. Ich habe auf einem Eichhörnchen gelegen. Die ganze Zeit. Meine Ohren und meine mäusegeplagte Phantasie haben mich nicht betrogen.

Zumindest weiß ich jetzt sicher, dass meine Ohren noch nicht die Schlechtesten sind und das Hörgerät noch warten darf.

Ich habe die Balkontür aufgerissen. Und da es nicht flüchtete, bin ich mit hinter mir verschlossen Türen in die Nebengemächer geflüchtet. Ich hoffe, mein Schrei hat es so erschreckt, dass es doch wieder ins vertraute Nest geklettert ist.

Aber sicher bin ich mir nicht. Draußen regnet’s, stürmt’s und donnert’s. Dieses kleine Eichhörnchen hat sich offenbar sehr wohlgefühlt und meine mütterliche Wärme genossen. Mein Gefühl ist, dass ich kurz am Herzinfarkt vorbei bin. Was tut man nicht alles für Eichhörnchenkinder.

Ein Balkongast im Winter

Randbemerkungen 5

Ein verwirrend schöner Sommertag mitten im Frühling bei 30 Grad. Ich bin mit der Enkeltochter an der Havel. In unserer Lieblings-Badebucht. Wir haben sie wieder und sie gehört doch tatsächlich uns allein für einen ganzen Tag. Es wurde noch verwirrender: Ich schaue irritiert aufs Wasser: Schwimmt da – so anderthalb Meter entfernt – ein großes Stück Holz (was immer mal vorkommt)? Aber, irgendetwas ist anders. Ich mache die Achtjährige darauf aufmerksam. Ihre spontane Reaktion: „Das ist ein Otter!“ Wirklich ein Otter? Im nächsten Moment macht das Stück Holz eine s-förmige Tauchbewegung.

Ich kann es dem Kind nicht glauben. Könnte es nicht auch ein Biber gewesen sein, denn die gibt es in dieser Gegend inzwischen doch ziemlich häufig? Ich werde aus voller Überzeugung belehrt: „Nein, die schwimmen anders und haben eine andere Farbe.“ Irgendwie scheint das Kind Recht zu haben. Wir einigen uns auf Googeln zu Hause. Denn erst mal haben wir Wichtigeres zu tun: Buddeln, Picknicken, Enten begrüßen, anbaden. Letzteres gelingt dem Kind ganz, mir nur zur Hälfte. Es wird ein wunderschöner Tag mit Strandgefühl, Kuckucks-Rufen, Segelbooten, riesigen Lastkähnen, Motorbooten von unterschiedlicher Schönheit. Auch ein paar Raser sind dabei. Die machen nicht nur die allergrößten ostseetauglichen Wellen, sondern auch elenden Lärm.

Eine Bus-Viertelstunde weiter und einige Stunden später sind wir wieder mitten in der Millionenstadt und zu Hause. „Wir wollten doch googeln“, die Otter-Kennerin hat das Ereignis nicht vergessen. Und siehe da: In der unteren Havel gibt es seit einiger Zeit wieder Fischotter. Da war wohl einer neugierig und wollte das Großstadt-Feeling erkunden. Denn dort, wo wir waren, ist es eher mittig. Eben der Berliner Bereich und nicht die Mecklenburgische Idylle.

Fischotter sei willkommen in Berlin! Hier sind offenbar nicht nur die Bären zu Hause, sondern auch die Fischlein.

Apropos Bären: Hatte ich schon mal geschrieben, dass mein professioneller Mäusefangassistent den faszinierenden Namen Bärenfänger trägt? Ganz in Echt. Hoffentlich brauche ich seine umwerfenden Dienste nie wieder. Ich gehe lieber Fischotter beobachten.

Randbemerkungen 4

Wenn ich suche, dann finde ich nicht. Nichts. Diese Logik stimmt fast immer. Bei mir. Also sollte ich dann wohl jedes Suchen, schnellst möglich stoppen. Leider passiert es dann doch immer wieder. Und die Erfahrung fällt mir erst wieder ein, wenn ich reichlich genervt bin – vom Suchen.

Also: Wenn etwas sein soll, dann findet es mich oder ich finde es. Im Finden liegt das Geheimnis und irgendeine tiefe Weisheit. Eine Weisheit, die ich bis heute noch nicht so ganz durchdrungen habe.

Mich findet was ich suche. Schön zu wissen.

Zu Fuß nach Syrakus

Das war ein Wachtraum in alten Zeiten als die Grenzen fest verschlossen und Ortsnamen wie Syrakus etwas ziemlich Märchenhaftes hatten. Schon, das Unternehmen mir mit Freunden auszumalen, hatte einen bittersüßen Geschmack. Der Dichter Johann Gottfried Seume war im Dezember 1801 im malerischen Umland des sächsischen Städchens Grimma aufgebrochen und ist tatsächlich auch in Syrakus auf Sizilien angekommen, am 1. Apri 1802. Im August 1802 war er wieder zu Hause. Dann schrieb er das Büchlein seiner Fußreise: „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Zitat Johann Gottfried Seume: „Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung“.

Irgendwo ist der Traum bei mir nie ganz verloschen. Doch als er dann Wirklichkeit werden konnte, gab es erst mal jede Menge Anderes zu tun. Inzwischen setzen mir Alter und physische Kondition Grenzen. Doch finde ich es eigentlich ganz gut, wenn mit dem Älterwerden die Träume nicht ganz verloren gehen. Auch wenn sie nicht realisierbar sind. So wie ich gerade beim Schreiben lächle, fange ich an, mir die Bilder einer solchen Fußreise auszumalen. Wandern durch blühende Landschaften, kleine nette Städtchen durch Wälder, über Berge (na ja, nicht gerade mein Ding) hinein ins schöne Italien…

Doch dann machen sich Bilder von Unmengen Autos, Lkw’s, Bussen, Motorrädern breit, die sich nicht einfach so abschütteln lassen. Dazu die sportlichen Radfahrer, die sich selbst auf engsten Waldwegen austoben.

Ich bin im Jahr 2021 angekommen. Und ich bin tasächlich noch immer gern zu Fuß unterwegs. Und nicht erst seit ich kein Auto mehr vor der Haustür stehen habe. Ich gehe durch die Stadt, durch Wälder, entlang der Havel. Das Beschauliche beglückt mich am Gehen ganz ohne technische Hilfsmittel (ich mag auch kein Nordic Walking). Ich habe Zeit zum Schauen, zum Wahrnehmen, auch der kleinen unscheinbaren Dinge am Weg. Ich kann innehalten, stehenbleiben, wenn mir so ist. Aber auch bei Bedarf beschleunigen.

Der Autoverkehr ist meist gut geregelt, ihm fühle ich mich in der Regel gewachsen. Aber: Leider wird das Gehen, wie ich es mag auf Fuß- und Waldwegen, zunehmend stressig. Beständig überholen mich, oft hautnah Radfahrer. Nicht selten im atemberaubendem Tempo und technisch perfekten Slalomfahrten. Ich höre sie meist nicht, zucke zusammen, erschrecke, schaue inzwischen beim leisesten Geräusch nach hinten. Entspanntes zu Fuß gehen wird zunehmend unmöglich.

Ich habe ein paar Mal spaßeshalber versucht, auf dem Fußweg auf gerader Linie zu gehen, um mich sicherer zu fühlen. Das ist über längere Zeit extrem anstrengend , stresst und eigentlich unmöglich, ich würde meinen, dass es unnatürlich ist.

Mein Spaziergang nach Syrakus findet auch heute zwangsläufig in meiner Phantasie-Welt statt. In unserer Welt, der heutigen, würde ich einen Fußgänger-Verein gründen. Was Auto- und Radfahrern recht ist, sollte dem total umweltfreundlichen Fußgeh-Menschen billig sein. Außerdem verbraucht er nicht endlos Materialressourcen. Und wenn es so weitergeht, werden Fußgänger vielleicht bald nicht mehr die langsamsten sein. Zu Fuß nach Syrakus oder anderswohin, das wäre Entschleunigung pur und ganz und gar im Strom des heutigen Zeitgeistes.

Nachsatz: Mein Routenplaner verheißt 2327 Kilometer von zu Hause bis Syrakus, 23 Stunden mit dem Auto, 5 Tage mit Fahrrad und 16 Tage zu Fuß, die Route führt über den Brenner. Seume ist über Prag, Ljubljana, Triest spaziert…

Die langen Schatten der Fußgänger

Ironie liegt mir nicht…

…wollte ich eigentlich schreiben.

Aber so ganz stimmt das auch nicht. Doch von vorn.

Ausgelöst wurde das neuerliche Nachdenken darüber durch die „Allesstillegen“-Aktion der Schauspieler. Sie haben es ganz schön krachen lassen, am meisten unter den MItmenschen. Jetzt habe ich mal angefangen, mir etwas mehr davon anzuhören. Irgendwie ist das Kunst, was da serviert wird. Auch irgendwie witzig. Meist ironisch, auch sarkastisch. Stimmen aus dem Air, dass seit einem Jahr zwangsweise lahmgelegt wurde, aus Regionen der Kultur, der Kunst, der Kleinkunst. Zu letzterer zählen, glaube ich, Kabarettisten. In dieses Metier passen die Trailer ganz gut. Ich gehe eher selten ins Kabarett. Ich kann mich an intelligentem Wortwitz, an Zuspitzungen freuen. Manchmal sind da auch Aha-Erlebnisse, also Erkenntnisse dabei. Eher ist es für mich die Chance, richtig laut und aus voller Kehle zu lachen. Das klappt bei gekonntem Klamauk, Situationskomik…und ich glaube auch bei manchen Kabarettisten. Tendenziell solchen, die das Wohlwollen mit der Welt trotz bissiger Satire trotzdem noch vermitteln.

Im Alltag passiert lauthals Lachen sehr selten. Leider.

Aber ich gehe auch längst nicht mehr häufig ins Kabaret, eher sehr selten… Weil ?

Ich suche Antworten auf das, was mir in der Welt und auf das, was mir um mich herum begegnet. Keine fertigen Antworten, sondern Anregungen zum Weiterdenken. Da sind mir persönlich Ironie und Sarkasmus selten hilfreich. Ich möchte wissen, was Sie oder Er wirklich meinen. Ich möchte in dem Moment nicht Nachdenken, ob das jetzt 1 zu 1 gemeint war oder ironisch-sarkastisch. Wahrscheinlich habe ich an dieser Stelle eine blinde Stelle, eine Unfähigkeit, die ich nach einigen Lebensjahrzehnten nicht mehr eliminieren kann. Soweit so…na ja. Gut eben nicht.

Aber: Ich ahne langsam, was mich der „Allesdichtmachen“-Aktion nicht so zugeneigt gemacht hat. Ohne ängstlich zu sein, habe ich Angst vor denen, die da ohne Masken mal volksfesthaft, aber zunehmend agressiv in Erscheinung treten. Zunehmend leider nicht mehr nur verbal. Die verdeckte kleine Chance, das alles als Gesprächsangebot zu betrachten, verschwindet für mich durch zunehmend demonstrierte physische Gewalt und Aggression. Nein, es sind prozentual zur Gesamtbevölkerung nicht viele, aber sie sind laut. Und weil es so schwer ist derzeit, das ganze vielfältige Unbehagen auszuhalten und in Worte zu fassen, sind alle diese Demonstrationen ein befreiendes Ventil für so viele. Auch die Aktion der 50 Schauspieler, die ich respektiere, wirkt so.

Doch ich glaube, es führt in die falsche Richtung, weil es leider die stärkt, die mir wirklich Angst machen. Das sind, so sehe ich es, durchaus die, die das Potential geschaffen haben, das einst ein 1933 möglich gemacht hat. Sorry, das war drastisch.

Bitte lasst uns Antworten finden, die beweisen, dass in 2021 ein neues Potential da ist, das andere Prozesse befördert und möglich macht.

Politik ist fehlbar, wie wir alle fehlbar sind. Doch bitte übt konstruktive Kritik! Immer! Die Pandemie hat viele unserer Mankos sichtbar gemacht, die großen und die kleinen. Das wäre dann der sogenannte Krankheitsgewinn.

Es könnte ja sein, dass wir in zehn, zwanzig Jahren in einer viel friedlicheren Umwelt leben, in einer Welt, die aufatmet, weil einer an den anderen denkt. Und alles Gute seinen Platz und Raum hat.

War das jetzt Sarkasmus, Ironie oder naiver Idealismus…???

Bitte selbst entscheiden!!!

Diese Karte von Visual-Statments hatte es mir vor langer Zeit angetan. Eigentlich wollte ich sie weitergeben, doch sie wandert von einem Stapel zum anderen, nur nicht in die Ablage…

Randbemerkungen 3

Der Baum. Da steht er. Stark, unabhängig, in den Himmel wachsend. Im tiefsten Innern aber sehr sensibel und verletzbar.

Dann aber umringen ihn die Kastanie, die Birke, die Esche, die Eiche, die Espe, die Weide, die Ulme, die Akazie… Allesamt weiblichen Geschlechts: DIE. Der Ahorn tanzt aus der Reihe. Aber ansonsten, auch geografisch ein wenig weiter geschaut – die Palme -, bleibt’s beim die.

Ein „der“, das die Vielfalt und Schönheit der „die“ vereint? Schützt? Über ihnen steht? Oder was bitte…?

Die Baum klingt komisch. Doch im Plural ist das DIE auch an dieser Stelle präsent: Die Bäume.

Sprachphänomene. Und nur so eine Randbemerkung zum Beginn der Woche, die etwas mehr Sonnenschein und immer noch zu viel Kälte verheißt.

Die Platane, uralt und geheimnisvoll