Der aufgeklärte gute König

Ich habe mich in meinem Leben immer wieder intensiv mit Bettina von Arnim beschäftigt. Auch einmal eine größere Abschlussarbeit über sie geschrieben. Die Begegnungen mit ihr wiederholen sich bis heute, immer noch intensiv. Jüngst war sie wieder an meiner Seite. Im Deutschen Historischen Museum wird noch bis April der Gebrüder Humboldt gedacht.  Zeitgenossen von ihr waren sie und befreundet, Gesprächspartner. Die Humboldts haben zu ihrer Zeit intensiv das geistige, kulturelle, wissenschaftliche und politische Leben geprägt. Sie waren im preußischen Staatsdienst, Berater, Anreger des Königs Friedrich Wilhelm III. und haben vieles im Staat auf den Weg gebracht: u.a. die erste Berliner Universität und die Museumsinsel, die allen kostenlos zur Verfügung stand. Alexander war der global, eigentlich modern denkende Naturforscher. Für die Humboldts gibt es Denkmäler aller Art, zurecht.

Und Bettine, wie sie gerufen wurde? War eine Frau. Sie schrieb „Dies Buch gehört dem König“ und auch noch einen zweiten Band dazu. Sie war ähnlich politisch engagiert wie ihre beiden Zeitgenossen. Denn die Romantik brachte nicht nur Märchen- und Volksliedersammlungen hervor, sondern sie war vor allem eine Aufbruchzeit. Eine Zeit die nach neuen Gedanken, Umdenken, weiterdenken schrie. Und da bin ich persönlich in der Gegenwart angekommen. In der Welt hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren soviel rasant und grundlegend verändert, Nur eines nicht: Die Machtkämpfe und das Gezeter der Parteien und ihre zunehmende Ohnmacht.

Bettine hatte versucht ihrem König neue Gedanken über die Gestaltung der Gesellschaft nahe zu bringen. Sie hatte sehr klar gesehen, dass es so nicht weiter gehen konnte, entwickelte ein Bild eines aufgeklärten Königs, der sich um und für sein Volk sorgt. Und wurde (natürlich) nicht gehört. Was dann kam, waren Bismarcks sozialreformerische Bemühungen, deutsche Machtinteressen in der Welt mit Folge des ersten Weltkrieges, der Novemberrevolution, der Weimarer Republik, der Weltwirtschaftskrise mit der Folge eines Hitlers, der laut schrie und gehört wurde…

Manchmal macht es mir richtig Angst: Auch heute wird erhört, wer am lautesten schreit und der, der die Gefühle anspricht, erregt…

Visionen, die einen Weg in die Zukunft wenigstens denken lassen, sind kaum zu entdecken, geschweige denn zu hören. Wer hat sie, wo werden sie gedacht und ausgesprochen, laut, so dass alle mitdenken können. Welcher Politiker stünde dafür? Und stellt überlebte Strukturen in produktiv Frage…

Ich wünschte mir Menschen, die Kompetenz für ein Gebiet und für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft zeigen. Aufgeklärte Kompetente, frei von Machtinteressen, reich an gesellschaftlichen Interessen, menschlich kompetent, oder auch altmodisch tugendhaft. Dann wüsste ich, wen ich wählen könnte. Das wäre gar nicht so weit weg von Bettines Ideen aus dem 19. Jahrhundert, für die unsere Zeit endgültig reif ist – wenn sich der Schicksalsweg des Landes, ja Europas nicht wiederholen soll, was ich persönlich im derzeitigen Macht-Dschungel gar nicht für so abwegig halte und was mir durchaus auch Angst macht.

Welche Demokratie könnte nach dem ausgelebten Parteiensystem kommen, die einen verheißungsvollen Schritt in die Zukunft verspräche? Es muss doch irgendwo Menschen geben, die nachdenken und gehört werden wollen, laut und deutlich. Das könnte der Anfang eines langen mühevollen, aber verlockenden Weges sein.

 

 

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