Unsagbar?

Manchmal habe ich das Gefühl mitten in einer Schlangengrube zu stehen. Um mich herum kringelt und wimmelt es ohne Ende. Die Vorstellung ist schrecklich, mit diesen Tieren geht es mir einfach nicht gut. Ich mag sie nicht.

Jedoch: diese Schlangen um mich herum sind die Ängste, die seit diesem Jahr unüberschaubar hochwabern. Die Angst, vom Virus in Grenzbereiche von Leben und Tod katapultiert zu werden. Die dadurch bedingte Angst vor meinem Mitmenschen. Könnte er womöglich so ein Teilchen versprühen…? Die Angst vor einem frühzeitigen Ende des Erdendaseins, die Angst immer mehr allein sein zu müsssen, isoliert… Die Angst, daß meine materielle Existenz nicht mehr gesichert ist. Und auch die Angst, vom Staat meiner demokratischen Rechte beraubt zu werden, die Angst vor Bevormundung und einer unerträglichen Freiheitsberaubung durch all die Vorschriften, die gerade wieder zunehmen.

Es sind alles nicht meine Ängste. Was das Virus angeht, bin ich vorsichtig, mal mehr, mal weniger, es muss lebbar bleiben, auch wenn ich zu den extrem Gefährdeten gehöre.

Vorsicht ist überhaupt so ein Charakterzug, der im Laufe meines Lebens gewachsen ist. Finde ich gut. Vorsicht steht jenseits von Leichtsinn, Übermut und Tollkühnheit. Ich bin nicht unvorsichtig, wenn ich mich bewusst für etwas entscheide und kann dann auch die möglichen Konsquenzen tragen.

Wirklich Angst macht mir die Schlangengrube der Ängste. Was da wabert ist für mich kaum noch auszuhalten. Da lebt ein unberechenbarer Geist, da leben ungezügelte Gefühle, da tun sich Abgründe aller Art auf.

Wenn bei mir Ängste aufkommen, dann versuche ich hinzusehen, genau hinzusehen. Da ist die Kreuzotter, die ist gefährlich, bei der muss ich gut aufpassen. Die ganz Große da, sollte sich nicht um meinen Hals legen, also in Acht nehmen und auch sie im Auge behalten. Die anderen sind harmlos, ich mag sie trotzdem nicht in der Hand halten und um meine Beinen herum haben. Wenn ich die Grube verlasse und von oben drauf schaue, kann ich auch einige Schönheiten entdecken mit interessanten Mustern und besonders grazilen tänzelden Bewegungen. Meine Ängste lösen sich auf.

Hinschauen, ordnen, Gefühle sortieren und…weiterdenken. So ungefähr gehe ich mit meinen Ängsten um. Was ließe sich denn Konstruktives aus dem machen, was sich nicht vermeiden lässt?

Irgenwie bin ich diesem Virus immer wieder dankbar. Ja wirklich. Es holt lange gut Gedeckeltes gnadenlos nach oben, es fegt die Schläfrigkeit wohlsituierten Lebens davon, fordert neues (Nach)Denken heraus. Leider nehmen die Versuche zu restaurieren über Hand, statt ganz neue Konstrukte für unser Leben zu entdecken, zu finden und zu probieren. Im ganz Kleinen und im ganz Großen und zwischendrin. Wir können, wir dürfen, wir müssen kreativ werden. Da beginnt der Spaß für mich, die Lebendigkeit. Wir könnten freudig aus der großen Krise hervorgehen. Mit neuen Hoffnungen und neuem Selbstverständnis. Die Ängste und Schlangengruben werden nicht verschwinden, aber wir fangen an, sie zu beherrschen. Dazu braucht es Geduld, die Elfte der zwölf Tugenden. Geduld heißt auch: aushalten, etwas durchtragen auf lange Zeit und trotzdem immer wieder bei mir und mit mir selbst sein. Unsagbar?!?

Perspektiven? Momente aus einer geschichtsträchtigen Gegegend: Worpswede

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