Verwunschenes

Verwünscht. Ich, Du, Er, Sie, Es werden verwünscht. Buh, Hexerei, pass gut auf Dich auf!

Kann ja auch was Schönes raus kommen bei dem Verwünschen.

Dann wenn es mich – mehr oder weniger freiwillig – an verwunschene Orte verschlägt. Orte, die mich verzaubern und an denen es mir gut geht.

Ist mir passiert, letzte Woche.

Zum Ersten war es Charlotte von Mahlsdorf, der ich schon längst mal begegnen wollte. Spätestens seit ich in den Neunzigern ihr Buch „Ich bin meine eigene Frau“ gelesen habe. Ihre Sammelleidenschaft in Gründerzeit-Gefilden und ihr konsequentes Frauenleben, mit dem sie den Mann hinter sich ließ, waren und sind etwas ganz Besonderes. Sie lebt, 2002 gestorben, weiter. Leider konnte sie nicht mehr erleben, was aus ihrer verfallenen Gutshausreliquie geworden ist. Nämlich: Ein verwunschener Ort, an dem sie weiterwandelt. Dank ihrer Freunde, denen der Schlüssel blieb und ein unglaublicher Enthusiasmus über viele, viele Jahre. Die Sammlung, die Charlotte als 12jähriger begann, musste zusammengeführt und die Räume musssten in den Gründerzeit-Zauber getaucht werden…

Jetzt stehe ich vor ihrem Bett, ihren Kleidern, der Waschschüssel, vor ihrem Schlafzimmer – und bin entrückt, in meine verwunschene Kindheit. Wie oft war ich bei meiner Großmutter. Da steht die kupferne Wärmflasche, die ich oft an kalten Tagen, eingewickelt in ein dickes Handtuch, an die Füsse gelegt bekam. Mein Blick fiel von dort auf einen Kleiderschrank mit Schnitzereien und die Träume konnten kommen. Am nächsten Morgen schaute ich meiner Großmutter zu, wie sie die Brennschere am Herd erhitzte, um ihrer Haarpracht auf die Beine zu helfen. Großvaters schwerer großer Schreibtisch mit den Löwenköpfen lockte immer wieder.

Ich, älter geworden, der Großvater war schon längst in der anderen Welt, fing an, in unbeobachteten Stunden seine Geheimnisse zu erkunden. Alte Zeugnisse und Briefe kamen zum Vorschein, alte deutsche Schriftzeichen, vergilbte Dokumente – die verwunschene Welt meiner Vorfahren.

Bei Charlotte von Mahlsdorf tauche ich ein in meine fast vergessene Welt, in einen Alltag, der so anders war, als ihn meine Enkelkinder heute leben. Meine erinnerungsträchtige Großmutterwelt entstand so in den 20erJahren des letzten Jahrhunderts. Kennengelernt habe ich meine Oma 30 Jahre später, da war sie schon 60. Graues Haar und streng geknoteter Zopf am Hinterkopf. Zu Hause meist mit einer selbstgenähten, frisch gestärkten Schürze unterwegs, draußen immer elegant…

Ihre Kompottschalen (ohne die eingeweckten Kirschen und Erdbeeren) stehen bis heute in meinem Regal. Eingekochtes gibt es kaum noch, aber der Kindheitsduft dieser Köstlichkeiten aus den 50ern berührt mich bis heute ab und zu.

Wie schön ist diese wiedererweckte verwunschene Welt. Eine leichte Sehnsucht kommt auf nach den Kirschbaum-Gärten meiner Kindheit.

Dieses chaotische Berlin besitzt so viele verwunschene Orte. Nummer Zwei begegnete mir letzte Woche. Eingezwängt in zwei Hauptverkehrsachsen und Bahnstränge fliegen Libellen über Tümpel, aus denen lebende und tote Bäume ragen – ich war zum ersten Mal im Ruhlebener Fließ. Ein Zipfelchen uralte erhaltene Landschaft, die in der großen chaotischen Stadt weiterlebt. Eine Stunde auf einer Bank mitten drin verging mir wie im Flug. Ich habe mal wieder so ganz unmittelbar die Kraft der Natur gespürt und mein Vertrauen in sie erlebt. Ich glaube schon, dass sie stärker und wahrscheinlich auch vernünftiger ist als wir, die wir uns so gern als Vernunftwesen bezeichnen. Wir werden sie nicht beherrschen, aber im Zwiegespräch gemeinsam weitergehen.

Was brauchst Du und was brauche ich, das wären doch Schlüsselfragen für unser aller gemeinsames Leben. Gedanken aus einer verwunschenen Welt? Gar Hexerei?

Aber, es gibt doch auch die guten Hexen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: