Ausgehungert

Nach dem endlos langen Corona-Winter und Frühling, war ich ausgehungert. Ausgehungert nach Kultur, Kunst, Begegnungen. Dem Heißhunger habe ich dann ausgiebig nachgegeben und bin bis heute am Verdauen. Im Gegensatz dazu konnte ich den realen Speck dieser Monate bis heute nicht verbannen. Leider.

Das Wort ‚ausgehungert‘ drängte sich mir dann auch in ganz anderem Kontext auf. Die Wahlergebnisse in den Ost-Bundesländern waren so etwas wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht, für mich. Ich hoffe und glaube auch für die meisten unter uns.

Doch warum bekam diese Partei, die ich nicht beim Namen nennen mag, so unglaublich viele Stimmen?

Ich versuche mal meine eigenen Erfahrungen zu bündeln. Ich beginne in der allerjüngsten Vergangenheit. Im neuen Schloß, genauer im Humboldt-Forum, gibt es eine Berlin-Ausstellung. Es ist viel zu erfahren über Berlin und in Filmdokumenten nach zu erleben. Man bekommt eine Ahnung, was diese, ach so schräge, Stadt ausmacht, was sie geformt hat. Doch am Ende erlebe ich eine innere Leere. Der Osten, der so lange geteilten Stadt, bekommt seinen Platz fast ausschließlich mit den 1953er-Aufständen, dem Mauerbau und dem ’89er Aufbruch, der Stasi. Das ist der Moment, wo ich mal wieder wütend werde, weil’s genauso immer wieder mit dem Osten Deutschlands passiert. Was waren die Lebensträume der Ostdeutschen? Woran haben sie geglaubt? Wie war ihr Alltag? Freuden, Erlebnisse aller Art. Hat ihr Leben nur die Sehnsucht nach den unerreichbaren Verwandten im anderen Teil des Landes bestimmt? Nach den Freuden voller Läden, nach den bunten Leuchtreklamen am Ku-Damm?

Da ist gelebt worden, wie im Westen, manchmal genauso, manchmal (ziemlich) anders. Menschen mussten sich selbst finden, bewähren, wachsen, auch über sich hinaus – ihre ureigenste Biografie gestalten.

Der Ost-Versuch eine andere Gesellschaft zu gestalten ist gescheitert. Der Osten ist Verlierer. Die westliche Demokratie der Sieger. Okay. Was macht man mit Verlierern? Auf eine Insel verbannen. Wie man es einst mit Napoleon tat, zum Beispiel. Pardon, ich entferne mich von meinem Thema. Oder nicht? Die Wahlergebnisse sprechen für mich auch eine Insel-Sprache.

Was ich sagen wollte: Auch im Osten wurde mit großem Einsatz gearbeitet, wurde etwas aufgebaut, gab es Ideale und vor allem wohl eine große Sehnsucht nach einer besseren Welt. Wie das gehen soll, war genau genommen unklar, es war ein Versuch. Ein Versuch, der an Machtschäden, an Unmenschlichkeit, und ja, an ganz normaler Dummheit gescheitert ist. Mittendrin zu sein mit den eigenen Hoffnungen und Wünschen und all das zu durchschauen war nicht einfach. Ich hatte viele Fragen und viele Zweifel, doch die waren einst nicht erwünscht. Da war eine Partei, die alles für mich wusste. Trotzdem, meine Frage war nicht, wie schnell wir „Westen“ werden können, sondern wie es vielleicht besser geht.

Am Ende blieb ein profanes „Denkste“.

Inzwischen in einer Demokratie lebend, habe ich wieder Zweifel und Fragen. Und ich frage mich immer häufiger, ob diese Form der Demokratie nicht überlebt ist. Und ob wir nicht etwas gänzlich Neues erfinden müssen, um zu überleben. Etwas wo Weisheit und Klugheit regiert, etwas, wo alle erhört werden, etwas, wo Kompetenz aus all dem etwas für alle gut Lebbares macht. Idealismus pur ? Oder Möglichkeit statt immer wieder nur pragmatisch einer massiven Markt- und Finanzwirtschaft nachzugeben und zu versuchen im Sinne der Menschen, Menschheit ein wenig zu regulieren? Dass das zu gewaltigen Umweltschäden geführt hat und weiter führt, brauchen wir inzwischen nicht mehr grundsätzlich zu diskutieren. Jetzt geht es wirklich ums Weiterleben auf dem Planeten.

Doch im Moment wird wieder mal endlos um Machtpositionen gestritten, ich vermisse gründlich Ansätze, wie da etwas verändert werden kann. Und nicht nur was. Was ich erlebe ist Parteien-Wirrwarr, das ich nicht mit meinem demokratischen Verständnis verbinden kann.

Die Hoffnung Gesellschaft noch einmal neu zu versuchen, die gab es 1989. Da war eine kleine Chance, die aber offensichtlich keiner wollte oder besser nur wenige, zu wenige. Wahrscheinlich war’s eine Illusion. Die Konsum-Gesellschaft siegte mit ihrer diabolischen Kraft. Da wusste erst mal jeder, dass das so ziemlich gut geht. Um welchen Preis, das war in dem Moment uninteressant.

Heute erschrecken so viele, weil eine gewisse Partei im Osten derartig Wähler sammeln konnte. Ich glaube schon, dass es die sind, denen inzwischen seit 30 Jahren vermittelt wird, irgendwie Menschen zweiter Klasse zu sein: Der Dummheit gefolgt zu sein, Albernheiten gelebt zu haben, Rechtsstaatlichkeit nicht erlebt zu haben und jetzt ohne große Rücklagen und Immobilien dazu stehen… Ihr Reichtum an Erfahrungen und dem Mut neu zu beginnen, ist nicht wirklich gefragt. Er könnte, so glaube ich, heute endlich zur Fundgrube werden. Auch so gesehen bin ich ausgehungert, ausgehungert gehört zu werden…

Übrigens: Ich bin alles andere als ein(e) Konsum-Verweigerer/In, im Gegenteil. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass es auch ziemlich gut mit viel weniger geht.

Das war heute mal mein Wort zum Sonntag. Mit einem ganz schönen Schuß Hilflosigkeit.

HERBSTSTIMMUNG – ENDE UND MÖGLICHERWEISE VERHEIßUNGSVOLLER NEUANFANG – IRGENDWANN…

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