Berliner Dreierlei

Das eine gibt es nicht mehr, das andere ist neu erstanden und das Dritte hat gerade mal so überdauert. Ich spreche von drei markanten Bauwerken, die mich in letzter Zeit doch recht intensiv beschäftigt haben. Und die, auf eine für mich faszinierende Weise, eine Menge gemeinsam und miteinander zu tun haben. Erstens waren und sind sie nicht zu übersehen in der Hauptstadt. Zweitens tragen alle drei einen gewaltigen Packen Geschichte mit sich herum. Drittens haben sie allesamt so ein Insignium eines Stadtlandschaft-Markers: Sie waren, beziehunsgweise sind nicht zu übersehen und haben das Zeug zum Gemüter erhitzen.

Ich muß vorausschicken, dass ich immer dankbar bin für architektonische Highligths. Deutschland ist nicht gerade gesegnet damit.

Deshalb war ich voller Neugier auf das, was man unter den Linden aus dem alten, gerade wieder auferstandenen Preußenschloß gezaubert wurde. Und ob da etwas Spannendes entstanden ist. Inzwischen war ich dreimal dort. Beim ersten Mal ziemlich verwirrt, deshalb bald ein zweiter Versuch. Danach völlig ratlos. Und deshalb bald ein dritter Versuch. Da kam ich dann langsam dahinter, woran ich scheitere. Es gerinnt für mich leider nicht zum Erlebnis eines genialen Wurfs. Irgendwie sah ich immer wieder die Bilder der Hamburger Elbphilharmonie vor meinem inneren Auge, die mich bis heute glücklich machen. Da ist einfach etwas umwerfend Schönes im traditionellen Umfeld der alten Speicherstadt, für hoffentlich die Ewigkeit, kreiert worden.

Ein Bonus für mich: In Berlin haben die Linden ihren alten Zauber wieder bekommen. Ein geschlossenes wunderschönes Ensemble, jetzt sogar mit U-Bahn. Fast wie in alten Zeiten der Preußenregenten, die beschlossen Berlin aus dem Provinziellen zu befreien. Das ist einst gelungen, eingeschlossen Lustgarten und Museumsinsel.

Nun durchschreite ich (geht nicht anders als schreiten) das prunkvolle Tor zum Schlüterhof, einem der Innenhöfe des Humboldtforums, mit dessen Namen sich das Neuerstandene schmücken darf. Schließlich hatte vor allem Wilhelm Humboldt ziemlichen Einfluss auf seine Herrscher und das, was sie in Berlin so taten. Vieles Gewordene haben wir seiner beeindruckenden Persönlichkeit zu verdanken.

Dann stehe ich mittendrin im ersten Innenhof, im zweiten und – erlebe kalte, mich übermannende Macht. Riesige Hallen, von unglaublicher Höhe, in denen ich mich verloren fühle. Dann suche ich immer wieder Ein- und Zugänge zu den Ausstellungen. Und finde sie irgendwo ganz oben versteckt in einem der Winkel. Das freundliche Schloßpersonal macht einiges wett. Die Ausstellungen versuchen eine moderne Repräsentation, interessant – und die Frage: Was wurde wirklich neu in Szene gesetzt oder gibt es nur Altes im schicken Gewand? Viel Multimedia, das hilft mir weiter. Davon ist bei mir komischerweise das Meiste haften geblieben.

Ansonsten: Schöne Blickachsen, Details. Als ich wieder herausirre, lande ich auf der Spreeseite. Und gerade dort hat das Gebilde eine unglaublich kahle neomoderne Fassade. Sie nimmt der Spreelandschaft ihren ganzen Charme. Ein paar Plastikschalen-Sessel machen dieses totale Nichts nicht wett. Gastronomie ist bisher dort auch eine Fehlanzeige.

Mein persönliches Fazit: Die einen wollten ihr Schloß wieder, die anderen es neuzeitlich nutzen, die dritten waren um Originalität bemüht. Daraus will kein bestechendes Ganzes werden.

Nach dem Abriss der Ruinen des alten Schlosses 1950 stand 26 Jahre später dann genau an dieser Stelle der Palast der Republik. Das DDR-Relikt musste dem Asbest und der Politik weichen. Dieser konnte sich, auch der Spree zugewandt, durchaus sehen lassen. In den 90ern war er noch recht lebendig. Keine typische Sozialismus-Architektur, einfach ein recht modernes Bauwerk, einer Großstadt gemäß. Da ich grundsätzlich Probleme mit Wegwerfen und Abreißen habe, tat es schon weh, als dieser Palast Stück um Stück verschwand. Obwohl ich keine emotionale Bindung daran hatte. Merkwürdigerweise wiederholte sich da der Vorwurf um die abgerissenen Kriegsruinen des Schlosses, in dem nun wieder gnadenlos abgerissen wurde. Mir scheint, das ist eine denkwürdige Verflechtung von DDR-Palast und prunkvoller Preußenresidenz. Der Fernsehturm schaut bis heute dem Ganzen aus unmittelbarer Nähe unverwandt zu.

Ich freue mich an den auferstandenen Linden und bleibe verwirrt. Vielleicht erlöst mich das gerade eröffnete Restaurant in der Kuppel mit seinem Weitblick ein wenig von alledem.

Dem dritten Bauwerk im Bunde bin ich jüngst das erste Mal im Inneren begegnet. Wahrscheinlich wurde es gerade noch im letzten Moment 2019 vorm Abriss gerettet. Ich spreche vom ICC neben dem Funkturm. Dem internationalen Kongreßzentrum. Aber, seit 2014 lebt es nicht mehr und dümpelt leider so vor sich hin. Die Zeiten der Roten Teppiche, bunten Fahnen und großen Spanner überm Eingang sind vorbei. Über Jahre bin ich fast täglich daran vorbei gekommen und habe irgendwie an all den Kongressen (An)teil genommen.

Noch bis Morgen gibt es mal wieder für ein paar wenige Tage einen leuchtenden Schriftsatz über dem Eingang: THE SUN MACHINE IS COMING DOWN. Ein Zeile aus einem David-Bowie-Song. Dank der Berliner Festspiele und deren renovierungsbedürftigen Festspielhaus, wird das ICC für zehn Tage bespielt. Und ich war endlich mal drinnen, und überrascht von den gigantischen Gängen und Sälen. Kein Verlorenheitsgefühl, nur Faszination trotz der langen Wege und vielen Treppen. Diese futuristische architektonische Kreation fühlt sich gelungen an. Möge sie für immer lebendig auferstehen, trotz veralteter Technik und immenser Kosten…und auch hier dem Asbest.

Verquickungen: Ich las in einem Kommentar, dass das Westberliner ICC 1979 so etwas wie die Antwort auf den 1976 eingweihten Ostberliner Palast war. Noch eine Sicht dazu.

Ein Glück, dass die xte Shopping-Mall im ICC vom Tisch ist. Nur, eine neue tragfähige Idee hat sich auch noch nicht gezeigt. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich Elon Musk einladen. Möge er doch hier im Gegenzug zu Grünheide, kreativ zu werden. Das Bauwerk passt irgendwie zu ihm. Ich befürchte nur, dafür ist die Weltstadt Berlin zu verschlafen.

Oder andersherum: Das im Krieg verlorene hochpräsentabele Schloß, der mit mit seiner Sozialismus-Vision gänzlich verlorene Ost-Palast und der hochherrschaftliche Nachfolger Humboldt-Forum und das schön futuristische ICC passen absolut zusammen. Wie sie eigentlich überhaupt nicht zusammen passen. Und doch nahezu eine Achse bilden zwischen Funk- und Fernsehturm. So sind sie eben ein Sinnbild für Berlin in seiner Zerrissenheit und Vielfalt und Verrücktheit und sind eben deshalb ein organisches Ganzes, eben Berlin. Berlin mit seinen noch ungeahnten Möglichkeiten…

Zuletzt: Bowie sang auch das im gleichen Song:

„We scanned the skies with rainbow eyes and saw machines of every shape and size…“

„Ansicht des Schlüterhofs des Berliner Schlosses“, Gemälde von Eduard Gaertner, 1830.
Die Schloßruine vor der Sprengung 1950, der erlebenswerte Neptunbrunnen hat den Krieg überlebt…bis bis heute.
Das ICC in den letzten Tagen, Mitte: Einblicke in das neue Schloß, darüber der einstig Palast der Republik,

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