Mütterlich regieren?!?

Berlin werde jetzt von einer „mütterlichen Frau regiert“. Die Nebenbei-Formulierung in einer Wochenschrift hat sich mit Widerhaken bei mir eingenistet. Als ich sie lese, macht sich zuerst innerlich ein Lächeln breit. Im nächsten Moment gesellt sich etwas Süßsäuerliches dazu. Ich merke, wie Wut sich meiner bemächtigen will. Stopp sage ich mir. Und sehe all die Gesichter der väterlichen – oder eher nicht väterlichen – Männer vor mir, die uns en masse regieren. Von jeher. Warum bloß beschreibt nie jemand väterliche Männer-Politiker, die ja – möglicherweise, eventuell, mit Mühe – auch zu finden sind.

Das Dumme ist nur, dass ich den Beigeschmack des Süffisanten und Abwertenden bei der „mütterlichen Frau, die regiert“ nicht los werde. Ist das jetzt mein Problem?

Ich bin keine Feministin. Aber, wenn Frauen herabgewürdigt, lächerlich gemacht, diskreditiert und diskriminiert werden…bin ich längst dünnhäutig und überempfindlich geworden. Kein Mann muss in der Öffentlichkeit Schmäh aushalten wegen seiner Kleidung, seines Gesichts… usw. und so fort. Und er muss schon sehr viel Mist verzapfen – verbal und in Amt und Würden – ehe er wirklich angegriffen wird. Das Attribut väterlich, wäre sicher Schmäh für ihn. Ihn, der doch Großes leistet.

Macht ja auch keiner.

Ich fände mütterliche und väterliche Regierende in großer Zahl gut. Am besten immer Beides in einer Person. Weil eigentlich beide Qualitäten alles einschließen, was gute Eltern ausmacht: Verstand, Humor, Klugheit, Weitsicht, natürlich auch Fürsorge. Letzteres würde ich lieber in Menschenliebe übersetzen, wenn es ums Regieren geht.

Überhaupt: Mit diesem Wortpaar „mütterliche Frau“ wird die weibliche Machtübernahme ins Infantile gerückt.

Das vermeintlich Mütterliche gehört doch in eine andere Ecke, all ihr väterlichen Männer, die ihr da immer noch in allzu großer Stückzahl für uns sorgt. Und den Umgang mit der Macht ganz gut genießt. Eher weniger väterlich und mütterlich, wage ich zu sagen.

Natürlich geht es mir gerade mal wieder um weiblich und männlich. Um Frauen und Männer und wie sie heutzutage in der Welt stehen. Um den Menschen als Ganzheit. Das Mütterlich-Väterliche ist schließlich nur ein Aspekt der ganzen Chose.

Wie blöd, ich wollte nur kurz meinen jüngsten Stolperstein beschreiben. Geht offenbar nicht bei diesem Thema. Aus meinem Steinchen ist nun ein ziemlich großer Stein geworden. Hingelegt hat den Stein freilich ein Mann, der Autor besagten Artikels.

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Zwei Bronzen von Dietrich Klinge. Passend zum Thema. Ich kann bei beiden Weibliches und Männliches entdecken.

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