Die himmlischen Mächte zaubern. Phantastische Gebirgsformationen, die sich von Minute zu Minute verändern. Darunter ein zartrosa Vorhang, Silhouetten dahinter, eine Ahnung davon. Was kommt als Nächstes?
Die Natur überflügelt meine Phantasie. Die Natur? Oder der Göttliche? Will er mir vor Augen führen, dass seine Kräfte einfach alles vermögen? Auch ein riesiges Himmelsspektakel – Schönheit pur.
Und die Kriege um mich herum? Sind nur wir Menschen, bin ich dafür verantwortlich? Natürliche Schönheit kontra grausame Schlachtfeldszenen, die ein elektronisches Medium mir ständig liefert.
Ich bin ratlos und gerade dabei in den Himmels-Bildern zu ertrinken…
Mir waren sie bisher in W. noch nie ins Bewusstsein gelangt. Doch dieses Mal stolpere ich ständig über die gruenen Wegweiser, die mich zum Munch Haus führen wollen. Aha!
Die Bilder von Edvard Munch in den beiden großen Ausstellungen in Berlin und Potsdam haben sich inzwischen in meiner Vorstellungswelt etabliert. Natürlich drängen sich in diesem Moment die großen Strandbilder mit den nackten Männern nach vorn. Und auch die biografischen Puzzleteile, die sich angesammelt haben. Schließlich gab es auch noch einen richtig guten Film über den Maler Edvard Munch. Mit Munch verbindet sich für mich inzwischen einiges mehr als der berühmte “Schrei”.
Jetzt kann ich also für mich ein neues Puzzleteil hinzufügen. Einen Ort erspüren, an dem er für einige Monate gelebt, sich erholt und eben auch gemalt hat.
Doch daraus entsteht erstmal ein Verwirrspiel. Dem ich mich mit Vergnügen hingebe. Das passt! Denn für längere Strandaufenthalte ist es zu kalt, zu nass, zu stürmisch.
Also: Den grünen Wegweiser hatte ich schon an vier sehr verschiedenen Plaetzen und Ecken entdeckt. War einige Achten und längere Wege und Bögen erfolglos gelaufen. Hatte Einheimische gefragt, Munch Haus? Schulter Zucken.
Schließlich blieb doch nur das Internet, das ich absichtlich bis dahin – mal probehalber – verschmäht hatte. Damit ging’s ratzbatz und ich hatte Straße und Hausnummer.
Ergebnis: Ich war schon so etwa zehnmal dran vorbei gelaufen. Es ist eines in einer Reihe herausgeputzter alter Fischerhaeuser am Alten Strom. Unauffällig die erklärende Tafel. Kein Museum, sondern ein Arbeitsort für Künstler. Stipendiaten, jeweils ein Norweger und ein Deutscher. Nur manchmal bei Veranstaltungen und Ausstellungen wird geöffnet.
Mein Fazit:
1. Die berühmte Kindergeburtstags-Schatzsuche hatte mich eingeholt und Spaß gemacht.
2. Ich habe mir dadurch langsam und intensiv einen Ort neu erobert.
3. Binsenweisheit: Schlechtes Wetter führt auf neue Pfade, also Schlechtwettertage gibt es …nicht
Ich schaue aus dem Fenster: Dicke Regenfaeden, alles grau, dicht belaubte Lindenaeste, die sich sanft bewegen. Von der Toilette fällt mein Blick auf ein riesiges norwegisches Kreuzfahrtschiff. Bilde ich mir den Lichtblick ganz hinten am Ende der Straße, im Westen, nur ein? Aber ich weiß: So etwa tausend Meter weiter in die andere Richtung, da ist das Meer, das Unendliche.
Es begann Gestern schon beim Endspurt in der S-Bahn. Irgendwann beginne ich schon das Meer zu riechen, wie immer. Begrüßung mit der Nase. Doch dann wurde es zuenftig. Schon im Zug hatte ich das Bild und den Geschmack eines frischen Brathering-Brötchens vor Augen und auf der Zunge. Kein Problem, denn der Bahnhof liegt direkt am Wasser und damit neben den Ständen mit den verlockenden Delikatessen. Nach vier Stunden Unterwegssein und eingespartem Frühstück war ich außerdem wirklich hungrig.
Ich beiße in das Brötchen, genieße, genauso hatte ich es mir vorgestellt…mmmh…Das wars dann auch schon: Überfall von hinten! Angerempelt von einer Riesenmoewe – vorher nicht sichtbar- bin ich meine Leckerei los. Vor mir kreischen so etwa zehn der Tierchen und vergnügen sich mit der Beute. Kein Krümel bleibt übrig.
Willkommen am Meer. Ich bleibe hungrig. Mir ist der Appetit vergangen. Vier Euro Tribut ans Meer. Ich bin glücklich mit Luft, Sand und dem vielen rauschenden Wasser.
PS: Die Tierchen waren wirklich an die 50 Zentimeter groß. Und ich war gewarnt von der Verkäuferin. Doch ich hatte keine Chance. Seitdem grüble ich, wo ich bei frischer Luft und Meeresrauschen entspannt ein Fischbroetchen verspeisen kann. Unterwegs springen mich die Schlagzeilen der Europawahlen an…
In der Ringbahn. Einen ganzen langen Wagen entlang nur eine Frau mittleren Alters, die nicht aufs Smartphone schaut. Auch die Stehenden beweisen, starren Blicks aufs Display, selbst in den schärfsten Kurven Standfestigkeit.
Doch da ist noch die knuffige Kleine, geschätzte zwei Jahre, mit schwarzer Hautfarbe, die etwas rüde ihre super schlanke weiße Puppe vom Typ Barbie durch die Gegend schlenkert.
Bevor ich aussteige geht ein älterer Mann mit Pappbecher höflich bittend durch den Gang. Mein Gegenüber, der eine Red-Bull-Dose in der Hand hält, wird von ihm freundlich gefragt ob die leer sei. Die Antwort: “Nee, kannste aber haben!” Begeistert dankend nimmt der Beschenkte einen Schluck und geht weiter auf der S-Bahn-Bühne.
Schade, dass ich aussteigen muss. Wenn die notorischen Autofahrer wüssten, was ihnen tagtäglich entgeht. Auf jeden Fall ist’s spannender als im Stau zu stehen…
Oder? Ich finde schon. Jeder Mensch kann sich irren, hat sich schon öfter mal in seinem Leben geirrt. In größerem Format bestimmt auch.
Ich finde es nicht schlimm, das Irren. Wie gesagt, es ist menschlich, sehr menschlich. Die Alltagsfloskel ist uns sehr geläufig.
Aber: Warum fällt es den meisten von uns so schwer zu sagen „Ja, verdammt noch mal, ich habe mich geirrt, sorry. Muss mal weiter nachdenken.“ Und das wird dann auch allseits akzeptiert.
Auch Politiker sind Menschen.
Ach ne? Ja klar, sie eiern seit Wochen coronamässig herum. Sie lassen sich in alle möglichen Ecken drängen. Wäre nicht öfter mal der Satz ehrlich: Wir haben da was unterschätzt, müssen uns korrigieren. Tut uns leid. Oder, muss ich an der Ehrlichkeit zweifeln? Tu‘ ich eigentlich nicht. Nicht grundsätzlich, ohne Grundvertrauen kann ich nicht…
Ich bin überzeugt, das Problem sind nicht die Irrtümer. Es geht um die Unfähigkeit, sich selbst zu korrigieren. Ohne das Gesicht verlieren zu müssen. Warum auch: Irren ist menschlich, das verbindet doch. Und sollte nicht spalten.
Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat – irgendein Philosoph oder Wissenschaftler jüngst im Radio. Aber die Aussage ist hängen geblieben: Die Gesellschaft sei ihm zu moralisch. Seit dem kreisen meine Gedanken um die Aussage.
Kann es ein Zuviel an Moral geben? Eigentlich nicht, finde ich. Wir sollten doch nie genug davon haben. Das macht das Miteinander besser und bestimmt auch ehrlicher. Soweit so gut.
Aber irgendwo ist an der Aussage ein Zipfelchen, zu dem etwas in mir JA sagt.
Was ist Moral? Ein Glaubenssatz? Die zehn Gebote der Religion? Verhaltensregeln? Normen?
Das Wörterbuch sagt: „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden, ‚die öffentliche Moral‘…
Okay, das brauchen wir, um klar zu kommen im alltäglichen Zusammenleben. Aber wo fängt das Regulativ an, wo hört es auf, muss es möglicherweise aufhören? Dieses eventuelle Zuviel…
Über Verkehrsregeln muß niemand grundsätzlich diskutieren. Wir wollen schließlich im Geschwindigkeitsrausch überleben.
Für mich geht es an erster Stelle um den Blick in den Spiegel, um meinem ICH in die Augen zu schauen. Nein, ich meine nicht den Spiegel, der mir Falten und andere Unebenheiten zeigt. Sondern den, der mir meine inneren Unebenheiten sichtbar macht. Eine “kosmetische” Korrektur in diesem Bereich macht mich auch glücklicher. Dort geht’s meist ums Moralische – im Spiegel der Selbsterkenntnis. Kann es dort eigentlich ein Zuviel geben? Ich glaube da nicht.
Doch für diese Art Moralität taugen Regulative überhaupt nicht. Nicht mehr.
Aber es braucht Mut, Wachheit, den unbedingten Willen zur Bewusstheit. Und es kann durchaus auch schmerzhaft werden, wenn ich mir selbst tief in die Augen schaue und weit dahinter. ICH muss etwas tun, ganz allein aus mir heraus. Die eigenen Gespenster haben es in sich…Ich brauche ganz gewiss jede Menge Moral, um sie zu besiegen.
Michaelische Kraefte – etwas davon, bevor es ans Wiegen, an die Bilanz geht, wäre schon ganz schön, um den inneren Drachen zu besiegen
Allein vom Vornamen – Caspar – geht für mich eine geheimnisvolle Faszination aus. Wenig rational, dafür schon beinah religiös. Es entstehen sofort Bilder vor meinem inneren Auge. Abendstimmungen, sprechende Dunkelheit. Bilder, in denen ich mich verliere, Unendlichkeit, Zeit- und Raumlosigkeit. Alles Eins und ich mittendrin. Ein Sog…
Vor vielen Jahren gab es für mich ein Schlüsselerlebnis in Hamburg. Die große einmalige einzigartige Mark-Rothko-Ausstellung. Ein kleinerer Saal mit Rothkos großflächigen Farbmeditationen und mittendrin der Mönch am Meer. Magie pur, für mich ein Kathedralen-Erlebnis. Absolut überraschend für mich diese Komposition, damals.
Heute fand ich mich vor allem unter vielen Menschen wieder. Ein bißchen das Gefühl von Bilderstürmerei in der Alten Nationalgalerie, was so gar nicht zu meiner Stimmungslage passte. Doch das ist nun mal so, wenn große Ausstellungen die Stadt beglücken. Bei diesen Bildern allerdings träumte ich mir egoistischer Weise eine Nacht allein im Museum herbei.
Trotzdem war´s schön, die Originale in der Zusammenschau zu erleben. Wieder zu begegnen, neu zu begegnen. Caspar David Friedrich wurde vor 250 Jahren geboren. Die Bilder sind 200 Jahre alt und älter und so unglaublich zeitlos für mich.
Große Landschaften und verhältnismäßig kleine, oft schon winzige Menschen, wenn überhaupt. Sprechende Landschaften und schweigende Menschen. Andacht in den großartigen Kathedralen der Natur. Sie ist der Gestalter, nicht der Mensch. Trotzdem erlebe ich nicht das Gefühl von Ausgeliefertsein. Sondern Geborgenheit, geborgen in Schönheit und Größe. Ich gehöre dazu. Eben dieses unglaubliche Einssein in einer Stille, die nur Bildern zu eigen ist. Weit entfernt vom menschlichen Wahn des Beherrschens und des Alles-ist-machbar, dieser Alltäglichkeit unserer Bilderwelt. Die Geschwätzigkeit unserer Tage ins Niemandsland verbannt.
Als Jugendliche war ich dem Pantheismus sehr zugeneigt. Die Natur und wir in ihr, das ist das Göttliche. Die Schöpfung und kein Schöpferwesen. Wahrscheinlich lebt da so ein Grundgefühl in mir bis heute. Im Alter begegne ich meinen Wurzeln wieder.
Ich muß an die großen uralten Bäume denken, bei denen sich die riesigen Wurzeln ans Tageslicht gearbeitet haben…
Platon und Goethe wandelten auf ihre Weise auf eben diesen Spuren. Zwei, die mich mein Leben lang begleitet haben. Spannend wie ein Ausstellungserlebnis mich in biografische Reiche führt.
Caspar David Friedrich, Eichbaum im Schnee
Ein Bild, mit dem ich im stillen Gespräch bin, das mich nicht los lässt…
Ein lauer Sommerabend im Frühling. Wir sitzen draußen vor der Tür und verdauen Kafkas letzte große Liebe, die wir gerade im Kino miterleben durften. Sabin Tambrea war ein hinreißender Kafka. Leidenschaftlich tief lieben sich die Beiden, obwohl sich schon der Tod eingeschlichen hat.
Wir stoßen an auf den schönen Abend und schauen auf den Kirchturm vor uns. Seine Spitze in der Dämmerung erlebe ich als wollte sie sich unendlich ausdehnen in Sehnsucht nach dem Himmlischen, dem Göttlichen.
Wenig später ergänzt ein prächtiger Hubschrauber die Szenerie. Auch hier hat der Mensch sich dem Himmel genähert. Der uralte Traum vom Fliegen ist längst Wirklichkeit.
Kirchen bauen wir nur noch selten und eher keine hohen Türme. Dafür um so mehr Raketen und Raumschiffe, um weit im All fremde ferne Planeten zu betreten.
Ich frage mich, ob sich die Sehnsucht der Menschen verändert hat. Ist die Marsmission der Gegenwart irgendwie vergleichbar mit den gotischen Kathedralen der Vergangenheit?
Vielleicht suchen wir immer das Unsichtbare, Geheimnisvolle. Eroberungswille und Gottessehnsucht begegnen sich. Der Kirchturm und der Hubschrauber am Abendhimmel.
Was könnte der Mensch sein, wenn er es werden wollen würde? Ein vollkommenerer und vielleicht sogar ein vollkommener?
Das klingt erst mal etwas verstiegen.
Ich glaube langsam, dass der Mensch an sich gar nicht weiß, dass das möglich ist.
Vielleicht brauchen wir unsere Schulen, um genau das zu lernen. Der Rest lässt sich beiläufig und später erledigen.
Schliesslich könnte die Welt besser werden, wenn menschliche Macht- und Kampfgelueste und Aggressionen aller Art allmählich Geschichte würden.
Wie das gehen könnte? Ich glaube zutiefst an die zwölf Tugenden. Sie beginnen in der mittelalterlichen Sprache mit “Starkmut durch Zucht”, womit ein geführter Mut gemeint ist – ein bedachter Mut. Nicht Übermut und auch nicht Tollkühnheit.
Die Reihe der Tugenden endet mit Liebe, mit der selbstlosen Liebe, die nichts für sich will, sondern ganz selbstverständlich gibt – Agape.
Die Tugenden lernen und üben – weltweit. Dann könnte sich die Welt allmählich ändern. Dann gäbe es eine Übermacht, die eine friedliche Welt will.
Dann könnten wir uns den wirklichen Problemen mit aller Kraft zuwenden: Dem Klimawandel, dem Hunger, der Armut, der sinnlosen Überproduktion….
Was braucht es, um etwas zu ändern, um all das Zerstörerische endlich der Geschichte einzuverlaiben?
Die Schönheit des Menschen und seine Kraft, mit der er soviel Gutes tun kann