Nass statt weiß

Kurzer Anlauf, Sprung, platsch – es spritzt weitläufig ringsherum, einen langen Weg entlang. Meine Rettungsversuche gelingen nicht immer.

Ein kleiner Teich reiht sich an den anderen. Die Kinder sind glücklich, übermütig, voller Erwartung. Wir schreiben den 24.12.2023. Der Juengere gibt sich aufgeklärt. Er beschreibt sachlich den weihnachtlichen Vorgang. Während die Aeltere, ihn zurechtweisend, das Christkind bemüht.

Stunden später liegen sie beglückt, beschenkt und erschöpft in meinen Armen und lassen sich die Geschichte der “Alten Frau” erzählen. Sie lauschen, der Beschreibung wie diese Weihnachten erlebt. Es dauert nicht lange und sie rufen “Aber, das bist ja Du”. Unerwartet schlafen sie kurz danach auf der Stelle ein.

Ich lasse die Bilder des Tages noch einmal an mir vorüberziehen, während im Weihnachtszimmer das Kindlein in die Krippe gelegt wird.

Jetzt ist Weihnachten. Und ich versuche inmitten zweier raumgreifender Kinder und gefühlten 100 Kuscheltieren in den Schlaf zu finden. Die heilige Nacht 2023.

Warum Weihnachten weiß sein muss

Die Wetterpropheten mühen sich seit Wochen ab. Feinfühlig umschreiben sie die Wetterlage. Pflegen alle Hoffnungen, die nicht zerstört werden sollen. Und versuchen trotzdem ein vorsichtiges Maß an Realismus. Schließlich träumt ganz Deutschland von Weißen Weihnachten.

Ach wie lyrisch! Das Volk der Dichter und D…

Ach was, der Traumsatz überfliegt Europa bis ins fernnahe Amerika. Wie auf Abruf dudelt nun auch bei mir das „White-Chrismas-Dreaming“ vom heimatlichen Rundfunksender im Hintergrund.

Wir sind verliebt in die Bilder der weißverkleideten (Stadt)Landschaft. Eine himmlische Ruhe zieht mit dem Schnee ein, eine Ruhe, die uns oft so schwer fällt. Vielleicht ist es das, was unsere Sehnsucht nach einer weißen Weihnacht Jahr um Jahr befeuert.

Vielleicht packen wir einfach nur all unsere Träume von Harmonie, Frieden, Schönheit in die diese Handvoll Tage am Jahresende. Wenn noch das Schneeweiß dazu kommt, dann ist die Illusion perfekt.

Ich brauche meine Träume, noch mehr meine Visionen. Vor allem die, dass Menschen ihre Unterschiedlichkeiten nur noch friedlich bewältigen. Eine Illusion? Wahrscheinlich. Kann sein, dass ich, dass wir die paar weißen Weihnachtstage brauchen, um unsere Visionen nicht im Grau in Grau zu verlieren.

Ansonsten: Fangen wir doch mit dem inneren Frieden an und erlösen die Wetterpropheten vom allgemeinen Erwartungsdruck. Frohe Weihnachten Euch allen – schon mal am 3. Advent der Erwartung…

Der Vorab-Schnee Jahrgang 2023

Auf die Schliche gekommen

Ich versuche es immer wieder, mir auf die Schliche zu kommen. Nicht im Sinne von „ertappt“. Nicht mit diesem herkömmlichen negativen Touch, der in unserer Gesellschaft meist Usus ist. Mensch ertappt sich beim Naschen, (Not)Lügen, beim Undiszipliniertsein, bei irgendetwas nicht ganz so Edlem…Oh weh! Doch im nächsten Moment – gut und schön – alles auch wieder vergessen. Sei‘s drum!

Mir gehts mehr um Nachhaltigeres. Es versteckt sich in dieser etwas nebligeren Region des tiefsten Inneren. Nämlich dort, wo ich versuche, mich selbst besser zu verstehen. Um dann authentischer zu handeln. Mit mir im Einklang.

Ein Beispiel:

Ich nehme mir immer mal wieder vor, Morgens zeitig aufzustehen. Eigentlich kein Problem, ich bin meist 6 Uhr wach. So gegen Sieben wäre eine gute Zeit für Unerledigtes, für Besorgungen, im Sommer zum entspannten Schwimmen – zum Beispiel. Dann läge der Resttag in voller Schönheit vor mir und ich hätte Muse für kreative Dinge. Hätte.

Es gelingt nicht. Ich muss ja nicht mehr. Nur ab und zu gibt es ein Muss fürs frühe Aufstehen. Da ist es auch überhaupt kein Problem. Ansonsten scheitere ich immer wieder an mir selbst, trotz guter Argumente und noch besserer Absichten. Woran liegt es? Faulheit, Trägheit, Willensschwäche…?

Nach langem Hadern mit mir selbst ist mir klar geworden, dass es mir besser geht, wenn ich ganz allmählich in den Tag hinein schlittere. Auf den Vogelgesang, der mich auf frühen Wegen begleitet, verzichte ich nicht so gern. Aber dieses Allmählich ist wichtiger für mein Wohlbefinden, meine Energie.

Darüber musste ich mir erst mal klar werden. Ein langer Prozeß. Jetzt bin ich mir endlich auf die Schliche gekommen. Das tut gut. Denn ich muss mich nicht mehr über mich ärgern. Jetzt ist es einfach gut so wie es ist und akzeptiert, ich bin mit mir einverstanden. Irgendwie authentischer. Kraftsparend ist das auch.

Geschichten wie diese passieren immer in Situationen, wo ich etwas vor habe, und dann langstreckenmäßig drumherum eiere. In Situationen, in denen ich einfach nicht zu Potte komme. Dann ist tiefere Ursachensuche angesagt. Meist kommt es zur Erkenntnis und damit auch zur Erlösung. Die kann sehr unterschiedlich ausfallen. Doch:

Jedenfalls bin ich mir mal wieder auf die Schliche gekommen.

Gehend gelingt das am besten…das Mir-Auf-Die-Schliche-Kommen

Gefühle

Dieser Text liegt seit ungefähr drei Monaten im Entwurfsfach herum. Inzwischen erschüttern die Welt und mich ganz andere Probleme. Ich habe lange gezögert, diese Gedanken öffentlich zu machen. Sei’s drum, dann eben heute…:

Ich bin wütend. Ein Glück, dass ich gerade allein bin, sonst würden andere an meiner gehobenen Stimmungslage leiden. Gefühle dürfen nicht allzu sehr sichtbar werden. Der Konsens in deutschen Landen.

Nach innen weinen, das habe ich im Laufe meines Lebens gelernt. Meine Tränen waren nie erwünscht. Keiner hat jemals versucht, sie zu trocknen. Auch nicht als ich erwachsen war. Ich kenne die Geste der Zurückweisung in diesen Momenten nur all zu gut. Hoffentlich habe ich das nicht unbewusst und ungewollt bei meinen Kindern wiederholt.

Warum ich wütend bin? Zur Zeit reichen Kleinigkeiten in den Medien. Wer aus Ostdeutschland kommt, wird als Dissident und Geflüchteter und Widerstaendler wohlwollend akzeptiert. Der Rest darf sich dumm fühlen oder gar als Verbrecher, weil er trotz allem an eine ganz gute Idee geglaubt oder sie einfach akzeptiert hat. Ich fühle mich mehr denn je ausgegrenzt, weil ich im falschen Deutschland, in der falschen Familie geboren bin.

Respekt vor der anderen Biografie? Kaum. Massives Desinteresse lässt mich immer wieder verzweifeln. Bis heute. In einem Land zu leben, in das ich nicht wirklich gehöre, ist bitter. Ich bin mittendrin und doch voll daneben. Ich glaube beinah, dass Menschen aus anderen Ländern, bei allen Schwierigkeiten, deutlicher gesehen werden. Denn, ich bin ja Deutsche und nicht anders, im besten Fall ein bisschen komisch.

Die biografielose Deutsche. Die stört, wenn sie mal aufbegehrt, die verstört, wenn sie hartnäckig versucht, darüber zu reden. Passiert bei mir anfallartig, immer wieder mal. Es ist zum Heulen.

Es ist schwer, das eigene Selbstbewusstsein stets von Neuem aus anderen Quellen zu nähren. Ich bekomme es schon hin. Als Fremde, Dumme im eigenen Land…

Irgendwie fühle ich mich doch ganz gut in meiner neuen deutschen Heimat. Seit mehr als 30 Jahren. Ich nutze gern, die vielen neuen Möglichkeiten, die dazu gekommen sind. Ich bin gern unter angenehmen Menschen.

Aber, ich bin seelisch verarmt. Materiell sowieso, weil den meisten Ostdeutschen die Erbschaften fehlen, der Grund- und sonstiger Besitz. Eigentlich sterben wir ja sowieso bald aus. Nur, unsere Kinder treten leider dieses Erbe an.

Mittendrin und doch daneben. Es ist so eine Sache mit den Gefühlen……..

Die Vögel von Franz Marc

Unfassbar

Das Fernsehen zeigt Bilder von Geschossen für Panzer. Eine moderne cleane automatisierte Produktionsanlage. Im nächsten Moment ein riesiger Saal voller Anzugmänner, vor allem Männer. Sie diskutieren, verhandeln über Waffenlieferungen in ausreichender Menge. Für die Ukraine. Damit wird dann zerstört, was Menschen mühsam geschaffen haben, was sie brauchen, um in Frieden leben zu können. Menschen werden damit umgebracht, einfach umgebracht.

Mich interessiert nicht, ob es Zivilisten oder Soldaten sind. Alle sind Menschen. Geboren von Frauen, viele Jahre umsorgt von Familien. Und dann kommt so ein cleanes Geschoss und macht diesem Leben ein Ende.

Cleane Waffenproduktion, cleane Säle, cleane Menschen. Tote Menschen. Wir schreiben das zu Ende gehende Jahr 2023.

Ein machtbesessener Irrer, möglicherweise auch sehr Seniler kann nicht gestoppt werden. Nicht von all dem Cleanen, all den Gewichtigen im Saal?

Und ich darf zuschauen im Fernsehen vom bequemen Sofa aus: Soldaten, endlose Zerstörungen, schlimme Wunden in Lazaretten, Menschen, die nie wieder unter den Ihren sein werden. Ermordet.

Was ist das für ein unbesiegbares menschliches Gen, das nicht stirbt, und offenbar nicht ausrottbar ist? Sind wir denn wirklich machtlos? Zum Zuschauen und Verhandeln in cleanen Sälen verdammt? Und das sinnlose Morden geht weiter, während in meinem Umfeld neue Stolpersteine verlegt werden und alte geputzt. Erinnerungen an millionenfaches grausames Sterben bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das 21. steckt noch in den Anfängen und es geht immer weiter.

Wollen Menschen nicht im tiefsten Inneren in Liebe und Geborgenheit ihre Fähigkeiten und Kräfte erkunden und weiterentwickeln? Statt den anderen umzubringen und siegend zu triumphieren wie seit Jahrtausenden? Vielleicht wissen sie es nur noch nicht? Und deshalb haben die Diktatoren, die Wahnsinnigen weltweit leichte Beute.

Unser Planet braucht starke und mutige Männer und Frauen – zum Überleben.

Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein, so etwa schrieb Ingeborg Bachmann.

Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Ein mahnendes gigantisches Monument oder…eine Verherrlichung des Krieges und des Mordens? Mein Gefühl ist auch an dieser Stelle sehr zwiespältig.

Ostwestlich (16) Störfelder

Wir reden miteinander. Und wir reden aneinander vorbei. Im besten Fall merken wir es. Oder eben auch nicht. Das wahrscheinlich häufiger. Bei der Ost-West-Begegnung habe ich den Eindruck, dass das Aneinandervorbei sehr häufig passiert. Ich erlebe Stoerfelder, die eher im Unterbewussten ihr Unwesen treiben.

Jede(r) hat da so seine Strategie damit umzugehen. Vorausgesetzt ich bin mir dieser Problematik bewusst. Im Westen Deutschlands scheint mir das eher selten der Fall zu sein. Wenn Störungen auftreten, wird meist in die große Kiste der geläufigen Ostvorurteile gegriffen. Da gibt es, scheint mir, immer etwas Passendes. “Man” weiß ja Bescheid.

Im Osten des Landes ist es mit der Bewusstheit für das Problem des Aneinander-Vorbeiredens auch nicht viel besser. Schließlich sind wir schon mehr als 30 Jahre ein Volk. “Nun hör doch endlich auf damit!”

Nein, ich will nicht damit aufhören. Nein, weil meine Sehnsucht nach einem wirklichen Miteinanderreden – und einem verständnisvollem Verstehen zu groß ist.

Wir haben 40 Jahre in grundverschiedenen sozialen Systemen gelebt. Der Umgang im sozialen Umfeld war sehr verschieden. Das soziale Verständnis auch. Frauen hatten im Osten selbstverständlich alle Freiheiten, die sicher im Umsetzen auch nicht immer gelungen waren. Wir hatten sie Jahrzehnte früher als der Westen. Wer so aufgewachsen ist, agiert anders in der Welt. Nur so, zum Beispiel. Standesdünkel gab es auch im Osten. Aber überhaupt nicht vergleichbar mit dem in der westlichen Welt. Wir bringen alle unsere eingeübten Verhaltensweisen mit. Sie sind oft sehr verschieden.

Nur zwei Beispiele, die Aufzählung lässt sich endlos fortsetzen. Gerade beidseits in den Familien wurden andere Werte vermittelt, gelebt – weil eben auch das Umfeld ein anderes war.

Ein intensiveres ehrliches darüber Austauschen, wie wir gelebt haben, wie Alltag war, halte ich für wichtig – möglichst vorurteilsfrei. Das könnte das Miteinanderreden erst wirklich ermöglichen.

Wäre doch eine feine Sache…finde ich. Mein Wort zum Sonntag und zum Neuen Jahr. Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Wenn wenigstens ein Prozess dieser Art in Gang kommen würde…

Auf ein Neues (Miteinander) in 2024!

😌Erleuchtung

Göttlich

Heute war mir der Himmel wohlgesonnen.

In der Absicht wieder mal einen meiner Lieblingsorte aufzusuchen, die Alte Nationalgalerie, verpasse ich den passenden Bus um eine Sekunde. Da es eklig kalt ist und regnet, entscheide ich für den nächsten mit etwas anderer Linienführung und etwas längerem Fußweg. Allemal besser, als wartend und frierend herumzustehen.

Nachdenklich laufe ich mit merkwürdigen Gefühlen die Jerusalemstrasse entlang und stehe dann irgendwann vor der großen Treppe über der in lichter Höhe die Aufschrift James Simon Galerie prangt. Statt weiter zu gehen, folge ich einer spontanen Einfluesterung „Wolltest du doch schon lange mal!“. Mit den Treppenstufen absolviere ich mein sportliches Tagespensum, „auch gut,, denke ich. Doch ehe ich es zu Ende gedacht habe, bin ich mitten in einer schier endlosen riesigen Menschenschlange. Erst da wird mir klar: es ist einer der letzten Tage des Pergamonmuseums für viele, viele Jahre. Überall Schilder, dass es keine Eintrittskarten mehr gibt. In dem Moment wieder so eine Einfluesterung: „Du hast doch eine Jahreskarte!“ Mutig schlage ich mich zur Kasse durch und frage. Die Antwort: Kein Problem, sie müssen sich nur anstellen! Ich befürchte, mich verhört zu haben und frage noch zweimal. „Doch, doch“, wird mir beschieden. Doch damit nicht genug. Nach zwei Minuten stehen, zeigt eine Frau ihren grünen Ausweis und darf durchgehen. Den hast du doch auch, denke ich und bin drin.

Seit Monaten wollte ich noch einmal durchs Ischtartor gehen, mir auf dem Marktplatz von Milet das alte Treiben vorstellen, aber irgendein phantasievoller Verhinderer war über Monate am Werk. Den Traum vom Abschiednehmen hatte ich inzwischen aufgegeben. Und nun bin ich gänzlich unerwartet und so plötzlich mittendrin. Ein Glücksgefühl macht sich breit. Ich danke für den himmlischen Segen und meinen Kindern, die mich zum Geburtstag mit der Jahreskarte überrascht haben.

Und tauche ganz und gar in die Welt der Alten ein, die Hunderte Jahre vor Christi diese unglaublichen Bauwerke geschaffen haben. Tauche ein in ihre Welt, die sich so ganz und gar anders anfühlt als die unsere.

Oder doch nicht? Ich bin dem jüngsten menschenfeindlichen Krieg ganz nahe.…..Geografisch…..Einst wurden in diesem Gebiet von den Siegern riesige anthrazitfarbene Säulen verschleppt und zur Mahnung im eigenen Reich verkehrtherum aufgestellt. Jetzt gerade wurden unweit davon Menschen als Geiseln verschleppt.

Es ist inzwischen Nachmittag und ich bin in Gedanken wieder in der Jerusalemstrasse von heute Morgen.

Wie denkwürdig doch heute Schicksalsfaeden verwoben wurden. Auf einer Gefuehlsskala von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Ostwestlich – zehn Thesen zur „Un“Einheit

Wir schreiben den 3. Oktober 2023. Er ist zum Feiertag erhoben. Wir leben jetzt 34 Jahre nachdem alles begann und die Mauer(n) stürzten. Es musste so kommen. Der Rest fällt in die Kategorie Wunschdenken. Wunschdenken, dass viele verschiedene Richtungen verfolgte. Die Gedanken, die ich heute aufschreiben möchte, haben auch etwas mit Wunschdenken zu tun. Aber mit Wünschen, von denen ich hoffe, dass sie doch noch einmal erhört werden und sich erfüllen.

Heute ist schon der 8. Oktober, das Thema ist substantiell und brauchte ein Atemholen meinerseits.

Gestern, am 7. Oktober, wurde einst die Gründung des anderen Gesellschaftsversuches gefeiert, der DDR hieß. Ich lebe kein bißchen in Nostalgie, fühle mich aber beständig meiner Geschichte beraubt. Als ich geboren wurde, da war dieses andere Deutschland noch kein Jahr alt. Und ich ahnte noch lange nicht, wo ich da hinein geraten war. Viel später merkte ich, dass meine Mutter nicht so sehr dafür war, aber mein Vater umso mehr. Und meine Großmutter pfiff nach zwei miterlebten Weltkriegen auf alles Politische.

Was ist das Sozialismus und was ist dann Kommunismus wollte ich immer wieder von meinem Vater wissen. Die Antworten enthielten die Worte Gerechtigkeit, dass es allen gleich gut gehen soll. Das fand ich als Kind erstrebenswert. Es dauerte etwa drei Jahrzehnte bis mir ernsthafte Zweifel kamen. Aber die Gedanken gingen dann eher in Richtung Perestroika. Und es gab so ein Wunschdenken es einfach besser, klüger zu machen als bisher. Bis dahin habe ich grundsätzlich an die Fähigkeit zum Guten im Menschen geglaubt. Ziemlich naiv aus heutiger Sicht. Das Potential mag da sein, aber…

Dann kam der Herbst 1989. Für mich schon sehr überraschend, wie für viele in beiden Deutschlands. Das Gefühl der Erlösung und gleichzeitig neue Zweifel und Fragen wurden ausgelöst. Inzwischen bin ich längst in der neuen Gesellschaft angekommen. Aber auch irgendwo im Niemandsland. Warum? Ich versuche mal ein paar Thesen…

1. Bitte, liebe Mitmenschen West, erklärt mir (uns?) nicht ständig den Osten. Auch die Geschichten eurer Tanten, Onkel, Cousins sind nur ein Teil der ostdeutschen Wirklichkeit. Wie wärs, wenn ihr öfter fragt „Wie hast du und du und du gelebt? Erzähl mal Deine Geschichte. Ich bin mir sicher, dass wir schon immer mehr von euch gewusst haben. Nicht zuletzt dadurch, dass das „Westfernsehen“ ständig im Wohnzimmer war.

2. Glaubt ihr wirklich, dass es auf der einen Seite nur Opfer, Leidende, Widerständler und auf der anderen Seite Schuldige/Täter im Namen des Systems gab? Den Medien folgend, scheint es so. Ich glaube, dass die Mehrheit der Ostdeutschen zwischen diesen Polen gelebt hat. Mit sehr verschiedenen Wünschen und Hoffnungen, bemüht um ein erfülltes menschliches Leben und nicht immer heldenhaft – wie auch ihr. Oder?

3. Die Frage nach einem besseren gesellschaftlichen System ist heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR, aktueller denn je. Ihr könntet doch mal die Ostdeutschen fragen, was möglich war und was überhaupt nicht geht. Damit sich Fehler und unbrauchbare Denkansätze nicht wiederholen. Und dass Erfahrungen genutzt werden können. Eingeschlossen die Frage: Wie hat es sich in einer Diktatur gelebt, wie bist du damit umgegangen?

4. Ich weiß den Gewinn einer Demokratie mit ihren heutigen Möglichkeiten und Grenzen sehr zu schätzen. Für mich ist es in erster Linie die gewonnene Denk- und Meinungsfreiheit. Dass ich, wenn ich nur will, lesen kann, was ich will. Mich umschauen kann, mir wirklich eine eigene Meinung bilden kann. Dass mir keiner mehr vorschreiben will, was ich zu denken und zu tun habe. Und dass der Staat keine Instanz mehr ist, die immer weiß was richtig und was falsch ist und mit Konsequenzen droht, wenn ich anders denke. Doch die Berichterstattung im heutigen Medienland Deutschland ist auch nach dieser langen Zeit weitgehend einseitig, um nicht zu sagen sehr eingeschränkt – siehe „2.“. Respekt und Achtung vor dem anders gelebten Leben vermisse ich allzu oft.

5. Ich bin mir sicher, dass die Menschen im Osten weder dümmer noch naiver als die im Westen waren und sind. Naiver vielleicht schon ein bißchen, weil viele Ideale hatten, an die sie geglaubt haben. Visionen. Das waren nicht unbedingt die heute hochgehaltenen bürgerlichen Ideale und auch nicht unbedingt der Glaube an die Macht des Materiellen und des Geldes, mit denen sie inzwischen massiv konfrontiert sind.

Doch das heißt auch nicht, dass es nicht die Sehnsüchte nach den Segnungen der Marktwirtschaft gab. Die gab es, sogar massiv. Doch die `89 auf die Straße gingen, wollten zumeist etwas mehr. Fragt noch jemand danach? Haben Verlierer zu schweigen? Jemand kleidete jüngst im Gespräch sein Gefühl in die Worte „das war doch `89/90 eine feindliche Übernahme“.

6. Mit dieser, ich nenne es mal Sieger-Mentalität im westlichen Deutschland haben wir es bis heute zu tun. Anders kann ich mir die Häme nicht erklären, mit der fast alles bedacht wird, was zur ostdeutschen Geschichte gehört. Das Abwertende ist allgegenwärtig. Und schmerzt. Und ist oft lächerlich. Da werden DDR-Möbel aus den 60ern mit mitleidiger Geste gezeigt. Dass es zu dieser Zeit in westdeutschen Wohnzimmern nicht viel anders aussah, wird nicht wahrgenommen. Und dass zum Beispiel Hellerau-Möbel aus Dresden auch im Westen gefragt waren, weiß wahrscheinlich keiner mehr. Oder: Warum fragt keiner, nach den 40 Jahren Kita-Erfahrungen im Osten? Da gäbe es tatsächlich einen Erfahrungsschatz, der heute brauchbar wäre. Inclusive der Erfahrungen berufstätiger Mütter im Osten, die schlechtere Bedingungen hatten als junge Familien heute. Natürlich gab es jede Menge politischen Wahnsinn einschließlich der Wochenkrippen. Aber eben auch alles andere und nicht nur das wirklich Negative.

7. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Menschen, deren Biografien samt ihrer Würde auf diese Weise in den Abfalleimer der Geschichte geworfen werden, leichtes Futter für die AFD-Macher aus dem Westen sind. Über Faschismus und seine Folgen ist im Osten mehr als genug gelehrt und geredet worden. Durchaus auch einseitig, aber das Grauen dieser Nazi-Diktatur war allgegenwärtig. (Auch bis zum Überdruß.)* Ich glaube nicht, dass im Unwissen um diese Vergangenheit ein Grund zu finden ist, um die AFD zu wählen. Eher: Wer ständig erniedrigt wird, flüchtet leicht dorthin, wo er sich vermeintlich ernst genommen fühlt.

8. Wenn vielleicht doch einmal von der Siegermentalität abgelassen würde, könnten dann nicht die Fragen lauten: Erzähl doch mal, wie hast du gelebt? Was war dir wichtig? Was möchtest du nicht noch mal erleben? Was war wirklich schön? Fragen ohne ideologische Schablonen. Ich glaube, irgendwie in dieser Richtung könnten wir wirklich mal ein Volk werden. So wie es jetzt ist, da werden noch die Kinder und Kindeskinder an dem Osterbe kauen.

9. Auch in finanzieller Hinsicht. Wir hatten und haben kaum zu erben und konnten kein materielles Polster aufbauen. Jedenfalls die wenigsten. Doch wir leben im gleichen Land zu ansonsten gleichen Bedingungen. Für mich ist das kein Thema. Aber so lange ein großer Teil der Gesellschaft auch das nicht mal andeutungsweise im Bewusstsein hat, ist ein Miteinander im Alltag für den kleineren Teil, mal vorsichtig gesagt, etwas schwierig. Den Rest dazu hat Dirk Oschmann in seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ sehr gut sichtbar gemacht. Ich bin ihm dankbar dafür. Es könnte, im Westen gelesen, uns alle ein Stück weiter bringen. Und der Gerechtigkeit, mein Lieblingsthema bis heute, ein wenig auf die Sprünge helfen.

10. Ich möchte, auch wenn ich Mitten im Westen lebe, meine Herkunft nicht vorsichtshalber aus Selbstschutz verstecken müssen. Und ich möchte zu meiner Biografie ohne Bedauern stehen können und sie nicht als Ballast definiert bekommen. Ein Wunsch, das weiß ich aus Gesprächen, den ich mit vielen Menschen teile. Mit mehr Selbstachtung und Selbstbewusstsein, müssten möglicherweise nur noch wenige ihre Stärke und Würde aus einer AFD u.ä. gewinnen wollen. Denn auch schlechte oder komplizierte Erfahrungen sind kostbar, möglicherweise kostbarer als andere. Es ist allzu menschlich, am intensivsten aus Erfahrungen zu lernen. Wenn die aber nicht gefragt sind oder gar versteckt werden müssen…

Und dann ist das generell sowieso so ein Ding mit dem Selberdenken. Soweit für heute meine halbsortierten Gedanken.

*

Wie fingen die Märchenerzähler einst an: „In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, da lebten… (zwei deutsche Nationen in Eintracht miteinander)….

Sightseeing an der Glienicker Brücke. Hier wurden die Agenten aus Deutschland West und Ost einst ausgetauscht.

Sommer, Sonne, S-Bahn

Eine Verabredung mit kids&co am Tempelhofer Feld. Gestern sollten die riesengroßen kunterbunten Riesendrachen steigen. Das ist so ein erwachsenes Profiding. Alles andere war aber auch erlaubt.

Doch was hatte das Leben mit uns vor?

Es begann mit einem Sbahn-Ausfall wegen eines medizinischen Notfalls, passiert öfter mal. Die nächste überfüllte Bahn kam. Bald die Botschaft, dass sie nur einen Teil der Strecke fährt. Letztlich standen wir schon viel eher endlos auf freier Strecke. Polizeinsatz! Kommt auch öfter vor. Irgendwann und einige Chats weiter dann doch angekommen wird klar, was das Chaos ausgelöst hat: Ganz Berlin und umliegende Dörfer wie Potsdam waren dem Drachenwahn erlegen.

Während im kurzen Takt inzwischen von zwei Seiten Sbahnen einfuhren und Menschenmassen ausschütteten, wurden die Eingänge gesperrt. Für die Ankommenden hieß das etwa eine Viertelstunde Weg samt Kinderwagen, Rollatoren etc. bei gesperrten Aufzug und abgrundtiefen Treppen bis zum Ausgang. Dort konnten sie sich nahtlos dem riesigen straßenverstopfenden Pulk der Drachenfesteinlassbegehrenden (welch schönes deutsches Wortmonster!) anschließen.

Jetzt war der Polizeieinsatz klar: Ein großes Aufgebot regulierte diesen irregulären Menschenstrom. Mit unglaublicher Gelassenheit und Mobilfunk. Wenn mal eine kurze Pause der Sbahnankünfte eintrat, ließen sie schnell einen Pulk von unten nach oben, um dann schnell wieder die ganze Treppenbreite für die Ankommenden frei zu geben. Zwischendurch wurde der Bahnverkehr in beiden Richtungen an den davor liegenden Stationen gestoppt. So konnte dann doch mal eine größere Gruppe nach oben kommen.

Ich konnte eineinviertel Stunde nach meiner Ankunft die genervten Kids in die Arme schließen. Oben. Allen war die Drachenlust vergangen. Ein paar einzelne kleine Objekte sahen wir dann doch noch vom Bahnsteig am sommmerblauen Himmel schweben.

Am Ende noch eine Kartoffel-Quark-Orgie auf dem Balkon und Heimkehr im September-Dunkel

Ein Meisterwerk! Nicht nur die Polizisten und Bahnmitarbeiter blieben in diesem Chaos gelassen. Auch all die Menschen in Wochenendstimmung. Erstaunlich!

Nach reichlich zwei Stunden Sbahn-Abenteuer war ich mit Enkellady dann wieder zu Hause. Das Nachhausebringen derselben mit Rückweg vereinnahmte dann noch mal zwei schöne Stunden Bahnfahrt. Ohne Hindernisse, nahtlos. Also : Ein Nachmittag und Abend mehr oder weniger im Sbahn-Sound im schönsten Spätsommerfeeling.

Zum Abschied an der Haustür sage ich zum Kind: Zu Hause werde ich heute nur noch ins Bett fallen. „Aber vorher noch Zähneputzen!“, sagt mir die Zehnjährige. So ändern sich die Zeiten…