Seit längerem spuken Worte eines Handwerkers in meinem Kopf herum. Die lauteten in etwa so: Der Lehrling lernt die Regeln, der Geselle beherrscht sie. Und der Meister?
Der braucht sie nicht mehr. Er hat sie vielleicht nicht vergessen, aber so verinnerlicht, dass er sie einfach hinter sich lassen kann. Dass er sie über den Haufen werfen und damit Altvertrautes neu kreieren kann. Im besten Fall wird der Meister zum Künstler, zum Schöpfer. Das hieße dann, dass der Meister, die Meisterin nicht einfach alles nur am allerbesten kann, sondern eine ganz andere Ebene erreicht. Fern von allen Regeln, fern von allem Althergebrachten. Das verlangt nicht nur eine Art von Kunstfertigkeit, sondern vor allem Mut. Ich muss mir selbst glauben.
Andersherum und ein bisschen verkürzt heißt das: Der Glaube an mich selbst macht mich fähig zur Meisterschaft.
Dann könnte ich ja zu allererst einmal Meister meines Lebens werden. Das wäre doch schon ganz schön viel.
Wie sich das äußern könnte, wäre dann allerdings ein neues Thema.
Isa Genzkens Rose wächst in Berlin vor der Neuen Nationalgalerie in lichte Höhen – Unmögliches wird möglich
Schmeichelluefte. Streichelluefte. Leicht bewegt. Mild warm. Das Gefühl von Aufgehobensein. Ein Tag wie leckerer warmer Grießbrei in Oma-Qualität oder so ähnlich. Der Fensterbogen von Wein umrankt. Zwei vorwitzige Sprosse haben sich durch das Fenster ins Zimmer gewagt. Ich vergesse für Momente die Krankenhauswelt und die Schmerzen. Was wird kommen, was bleibt…?
ZWISCHEN deinen Augenbrauen steht deine Herkunft eine Chiffre aus der Vergessenheit des Sandes.
Da hast das Meerzeichen hingebogen verrenkt im Schraubstock der Sehnsucht.
Du säst dich mit allen Sekundenkörnern in das Unerhörte.
Die Auferstehungen deiner unsichtbaren Frühlinge sind in Tränen gebadet.
Der Himmel übt an dir Zerbrechen.
Du bist in der Gnade.
So lässt sich eine ganze Biografie in so wenigen Zeilen bündeln. NELLY SACHS hat dieses unglaubliche Gedicht geschrieben. Dahinter steht ihre eigene Geschichte der Judenverfolgung im Dritten Reich. Für mich ist es auch ein Sinnbild für das irdische Menschsein überhaupt, zumindest für einen sich wiederholenden Teil davon, den so viele erleben. Zeilen, die alle Zeiten überdauern.
Sie gehören zum „Klang der Erde“. So hieß eine Performance, die ich Gestern während der Langen Nacht der Religionen in der Berliner Matthäus Kirche erlebte. Künstler aus anderen Welten ließen ein Klangwunder entstehen…
Es war auch persönlich ein besonderer Tag, an dem der jüngste Enkelsohn den dunkelblauen Ranzen stolz das erste Mal in die Schule und die Schultüte nach Hause trug.
Und in meinem Kopf geistern die Nelly-Sachs-Zeilen Der Himmel übt an dir/ Zerbrechen/ Du bist in der Gnade…
Mein neues Pad ist sicher genial. Nur ich bin es nicht. Wir fremdeln miteinander. Es bleibt gelassen. Nur ich leider nicht. Nämlich dann, wenn ich, wie gerade, verzweifelt versuche, ihm auf die Schliche zu kommen. Seine ach so raffinierten, wahrscheinlich genialen Schliche. Dafür bin ich zu altmodisch gestrickt.
Spannend ist, dass ich dabei mir selber ein bißchen mehr auf die Schliche komme. Was passiert, wenn ich Neuem begegne?
Ich bin neugierig, offen, interessiert, bejahend. Ein, zwei Schritte weiter wird es etwas schwierig, dann noch mehr. Ich bleibe, mehr oder weniger verzweifelt, aber offen. Mein Gegenüber hat sich dann oft schon abgewandt. Jetzt spreche ich von Menschen. Langsam, wahrscheinlich zu langsam, fange ich an zu verstehen.
Ein Glück, dass das Pad unendlich geduldig ist. Zumindest so lange, bis ich versuche ihm mit meiner eigenen Genialität beizukommen. Dann versteht ES nicht mehr und stürzt ab. Und meine Hilfeschreie verhallen ungehört – bis irgendwann dann doch Rettung erscheint.
Vergleichsweise ist dieses Szenario easy. Doch wenn es um Menschen geht? Da kehrt sich offenbar etwas um. Ich höre auf zu fremdeln und sie fangen damit an. Irgendwie haben sie in mir etwas gesehen, was ich nicht bin. Oder ich bin zu anstrengend. Irgendwie so…
Bei Babys hat die Fremdelphase etwas mit dem ersten noch unbewussten Erwachen an der Welt zu tun. Die Selbstverständlichkeit des Geborgenseins hört auf. Jetzt hilft nur noch der sichere Ort, die Mutter oder…
Doch erwachsen, da kann ich den Schutz nur in mir selber suchen. Was heißt kann. Ich muß es können. Und das ist jetzt gerade mit dem Pad wieder mal so eine Lernsituation.
Genauer gesagt: Ein Schrittchen auf dem Weg der lebenslangen Selbsterkenntnis. Mein Gestus bei der Begegnung mit Neuem wird sich nicht ändern. Er gehört zu meiner Wesensart. ABER: Darum wissend und um die Konsequenzen, werde ich selbst wieder etwas freier. Aus Verzweiflung entsteht ein Schritt in die Freiheit. Und das wiederum ist eine Chance für neue Kreativität in schwierigen Situationen.
Danke, liebes neues IPad, für die Anregung. Mal schauen, wie lange unser Fremdeln noch anhält.
Vor diesem Szenario das Pad, das sich vorsichtshalber versteckt hat
Heute Morgen weckt mich die Sonne. Vor mir zu Füßen ein riesiges Berlin-Panorama. Raetselspass in der Morgenstunde: Was ist was? Der vom Gewittersturm gestürzte riesige Oleanderbusch strahlt wieder aufrecht in voller Blüte. Ich freue mich auf mein Zuhause, auf den See und natürlich auf die Kinder, die leider bald für drei Wochen verschwinden werden.
Berlin zu Füßen mit all seinen Türmen, Baustellen, Hochhäusern. Das Menschengewimmel in dieser Stadtlandschaft fügt meine Phantasie dazu.
N. ist vor drei Tagen 52 geworden. Die Älteste. Sie habe ich auch zuerst verloren. Verloren als Mutter. T. wird demnächst 44. Sie ist mir Stück um Stück abhanden gekommen. Sie lebt sehr nah und ist doch weit weg. Bei P., dem Dritten ist nur die räumliche Distanz groß.
Was hat es mit mir zu tun? Mit der Zeit, in der wir leben? Mit dem Leben überhaupt?
Natürlich hat es auch mit mir zu tun. Ich bin unangepasst, werde nichts sagen, was ich nicht wirklich meine, nur um dem Anderen nicht zu nahe zu treten. Mir mangelt es an Diplomatie. Neuerdings kam mir der Gedanke, dass mir das auch als fehlende Empathie ausgelegt werden kann. Nur, das glaube ich nicht. Ich kann mir meist ganz gut vorstellen, wie es im Anderen aussieht, was ihn treibt, bewegt.
Um auf die Kinder zurück zu kommen: Ich wollte nie erZIEHEN, begleiten schon. Und das sehr gern. Gute Umgangsformen, Freundlichkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme halte ich für den Boden, auf dem alles andere gedeihen kann. In diesem Bereich habe ich sicher etwas „gezogen“. Na ja, manchmal mit ein wenig hartnäckiger Penetranz. Doch letztlich gelingt so etwas sowieso am besten durch Vorleben. Manchmal geht die Saat auch nicht auf – wie es halt so ist.
Insgesamt frage ich mich heute, ob ich nicht manchmal mehr hätte „ziehen“ sollen. Ziehen im Sinne von Richtung vorgeben, Orientierung also. Aber, sie sollten nicht mir nacheifern, sondern sich und ihren Weg finden. Ich habe lediglich freilassende Angebote gemacht. Im Großen und Ganzen stehe ich auch heute noch zu dieser, meiner inneren Haltung. Freilich, mit einigen Jahrzehnten Distanz bin ich auch erfahrener, ein bisschen wissender. Wenn sich das ins nächste Leben mitnehmen ließe…
Soweit erst mal zu dieser Seite der Medaille. Aber, es gibt eben auch noch die andere. Plötzlich kam alles aus dem Fluss. Da ging es nicht mehr um die Felsen, die das Wasser auch mal schäumen lassen, nicht um Flussschnellen, Haarnadelkurven, gelegentliche Unwetter, Geröll, das mitbewegt werden will. Das Flussbett wurde in eine andere Landschaft verlegt, eine grundlegend andere. Von Ost nach West.
Das brachte den Familienalltag mindestens ins Taumeln und Straucheln und uns und die Heranwachsenden mit. Die Richtung neu finden, uns neu finden, die andere Welt kennen und verstehen lernen. Und immer wieder gespiegelt bekommen, dass wir aus der tristesten, verseuchtesten Ödnis kommen. Unser Fluss ist die Schuld an sich. Zeit zum Verarbeiten blieb niemanden. Dieses lange Zeit nur noch an der Überforderungsschwelle leben, das hat unweigerlich zu vieler Art von Versäumnissen geführt.
Irgendwie waren die Kinder in ihrem neuen geschützten Waldorfschulnest fürs erste ganz gut aufgehoben. Kamen in den Genuss von vielem bereichernden Neuem. Diskussionen zu Hause, Zweifel, viele Fragen, Stress und eine gewisse berufsbedingte Unruhe – das war nicht neu. Neu waren die orientierungslosen Erwachsenen im fremden Dschungel, und dass sie plötzlich nicht mehr an einem Strang zogen, sondern dass das Seil aufdröselte und in verschiedene Richtungen gezogen wurde. Das Streits fundamentaler wurden. Was hat das mit unserem damals etwa Neunjährigen, der Zwölfjährigen und der Zwanzigjährigen gemacht? Alle Drei an einer biografischen Entwicklungsschwelle. Was geschah mit Ihnen mehr unbewusst als bewusst? Das bräuchte eine tiefgründige Analyse. Ehe wir Erwachsenen manches in der neuen Welt begriffen hatten – und bis heute haben – war es zu spät für so vieles, das uns entglitten ist.
Ich kann ihnen bis heute kaum erklären, dass es im alten „Flussbett“ nicht üblich war, noch endlose Jahre nach der Volljährigkeit für die Ausbildung des Nachwuchses aufzukommen. Das ging, weil das System anders eingerichtet war. Also hatten wir nicht dafür vorgesorgt, wäre auch nicht gegangen. Überhaupt hatte Geld nicht die dominierende Rolle in unserem Leben inne. Besitztümer und Konto entschieden nicht darüber, welchen Wert ein Mensch hat und welchen gesellschaftlichen Rang er einnimmt. Aber genau dort sind wir alle angekommen.
Und dann kommt noch ein Aspekt dazu: Das alles passiert in einer Zeit, wo Entwicklungen nicht nur rasant voranschreiten, sondern völlig neue Strukturen im Alltag auf allen Ebenen schaffen. Wir digitalisieren uns bis heute und immer fort.
Vor diesem vielschichtigen Hintergrund sind mir, sind uns die eigenen Kinder verloren gegangen. Ein extrem schmerzhafter Prozess. Ob er mal zum Stehen kommt oder gar umkehrbar ist?
Um es auszuhalten, nehme ich das ganze Dilemma inzwischen als Lernprozess.
Kann sein, dass ein paar Beiträge der letzten Zeit eine Dopplung erfahren haben. Im Entwurfsordner erschienen plötzlich Blogs, von denen ich sicher war, sie veröffentlicht zu haben. Wahrscheinlich: Mein Uralt-Laptop hatte sich plötzlich unwiderruflich verabschiedet. Kann sein, dass da einiges on air geholpert hat. Das wäre dann mein Beitrag zum beliebten Thema KI….(Künstliche Intelligenz – für die, die nicht ständig in den Medien unterwegs und das virale Kürzel lesen.)
Ich bin sauer: Die zweite Erdbeerschale ist zur Hälfte ungenießbar. Ich öffne den Kühlschrank und in der 2. Etage schwimmt alles in Sahne. Die umherstehenden ökologisch wertvollen Pappschalen sind…Matschepampe. Wie auch die Erdbeeren. Alles Matschepampe. Ich fange an zu grinsen – innerlich und äußerlich.
Ich liebe dieses Nichtwort. Es ist so herrlich lautmalerisch klangvoll, ausdrucksstark – anfassbar. Ich sehe, erlebe, spüre beim Aussprechen die Matschepampe. Schade, dass derartige Erdbeeren nicht schmecken. Eigentlich hätte ich sie wenigstens genüsslich in den Händen zerquetschen sollen. Kleine Kinder tun so etwas spontan. Denen ist noch nicht der Kopf im Weg. Sie begegnen der Welt mit allen Sinnen und ergreifen sie buchstäblich.
Eine Szene hat sich mir bildhaft eingeprägt. Es hat ziemlich heftig geregnet und nieselt immer noch leise vor sich hin. Der Waldboden des Kindergartens ist gründlich aufgeweicht. Vor mir auf dem Boden liegen bäuchlings zwei Knaben, intensivst hingebungsvoll mit einem Schlammloch beschäftigt. Die Beschreibung der Kinder überlasse ich der individuellen Phantasie… Mich hat der Anblick glücklich gemacht. Sie durften! Kein Gemecker, keine Verbote. Also, Matschepampe kann beglücken.
Unten auf der Wiese singt gerade jemand zur Gitarre. Mir gefällt die Begleitmusik beim Schreiben. Vielleicht denkt sich mal jemand einen Matschepampe-Song aus. Das Wort allein ist doch schon Musik.
PS: Nachgeguckt im Netz: „In unserer Datenbank wurden für das Wort Matschepampe noch keine Synonyme hinterlegt.“ Okay. Dafür erreichen mich per Googelei diverse Rezepte mit diesem ausdrucksstarken Wortgebilde betitelt.
Köstlich und nicht Matschepampe: Eine Erdbeere und der Nachtisch. Die eigene Ernte auf dem Balkon haben mir naschhafte Vögel und Eichhörnchen abgenommen.