Göttlich

Heute war mir der Himmel wohlgesonnen.

In der Absicht wieder mal einen meiner Lieblingsorte aufzusuchen, die Alte Nationalgalerie, verpasse ich den passenden Bus um eine Sekunde. Da es eklig kalt ist und regnet, entscheide ich für den nächsten mit etwas anderer Linienführung und etwas längerem Fußweg. Allemal besser, als wartend und frierend herumzustehen.

Nachdenklich laufe ich mit merkwürdigen Gefühlen die Jerusalemstrasse entlang und stehe dann irgendwann vor der großen Treppe über der in lichter Höhe die Aufschrift James Simon Galerie prangt. Statt weiter zu gehen, folge ich einer spontanen Einfluesterung „Wolltest du doch schon lange mal!“. Mit den Treppenstufen absolviere ich mein sportliches Tagespensum, „auch gut,, denke ich. Doch ehe ich es zu Ende gedacht habe, bin ich mitten in einer schier endlosen riesigen Menschenschlange. Erst da wird mir klar: es ist einer der letzten Tage des Pergamonmuseums für viele, viele Jahre. Überall Schilder, dass es keine Eintrittskarten mehr gibt. In dem Moment wieder so eine Einfluesterung: „Du hast doch eine Jahreskarte!“ Mutig schlage ich mich zur Kasse durch und frage. Die Antwort: Kein Problem, sie müssen sich nur anstellen! Ich befürchte, mich verhört zu haben und frage noch zweimal. „Doch, doch“, wird mir beschieden. Doch damit nicht genug. Nach zwei Minuten stehen, zeigt eine Frau ihren grünen Ausweis und darf durchgehen. Den hast du doch auch, denke ich und bin drin.

Seit Monaten wollte ich noch einmal durchs Ischtartor gehen, mir auf dem Marktplatz von Milet das alte Treiben vorstellen, aber irgendein phantasievoller Verhinderer war über Monate am Werk. Den Traum vom Abschiednehmen hatte ich inzwischen aufgegeben. Und nun bin ich gänzlich unerwartet und so plötzlich mittendrin. Ein Glücksgefühl macht sich breit. Ich danke für den himmlischen Segen und meinen Kindern, die mich zum Geburtstag mit der Jahreskarte überrascht haben.

Und tauche ganz und gar in die Welt der Alten ein, die Hunderte Jahre vor Christi diese unglaublichen Bauwerke geschaffen haben. Tauche ein in ihre Welt, die sich so ganz und gar anders anfühlt als die unsere.

Oder doch nicht? Ich bin dem jüngsten menschenfeindlichen Krieg ganz nahe.…..Geografisch…..Einst wurden in diesem Gebiet von den Siegern riesige anthrazitfarbene Säulen verschleppt und zur Mahnung im eigenen Reich verkehrtherum aufgestellt. Jetzt gerade wurden unweit davon Menschen als Geiseln verschleppt.

Es ist inzwischen Nachmittag und ich bin in Gedanken wieder in der Jerusalemstrasse von heute Morgen.

Wie denkwürdig doch heute Schicksalsfaeden verwoben wurden. Auf einer Gefuehlsskala von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Ostwestlich – zehn Thesen zur „Un“Einheit

Wir schreiben den 3. Oktober 2023. Er ist zum Feiertag erhoben. Wir leben jetzt 34 Jahre nachdem alles begann und die Mauer(n) stürzten. Es musste so kommen. Der Rest fällt in die Kategorie Wunschdenken. Wunschdenken, dass viele verschiedene Richtungen verfolgte. Die Gedanken, die ich heute aufschreiben möchte, haben auch etwas mit Wunschdenken zu tun. Aber mit Wünschen, von denen ich hoffe, dass sie doch noch einmal erhört werden und sich erfüllen.

Heute ist schon der 8. Oktober, das Thema ist substantiell und brauchte ein Atemholen meinerseits.

Gestern, am 7. Oktober, wurde einst die Gründung des anderen Gesellschaftsversuches gefeiert, der DDR hieß. Ich lebe kein bißchen in Nostalgie, fühle mich aber beständig meiner Geschichte beraubt. Als ich geboren wurde, da war dieses andere Deutschland noch kein Jahr alt. Und ich ahnte noch lange nicht, wo ich da hinein geraten war. Viel später merkte ich, dass meine Mutter nicht so sehr dafür war, aber mein Vater umso mehr. Und meine Großmutter pfiff nach zwei miterlebten Weltkriegen auf alles Politische.

Was ist das Sozialismus und was ist dann Kommunismus wollte ich immer wieder von meinem Vater wissen. Die Antworten enthielten die Worte Gerechtigkeit, dass es allen gleich gut gehen soll. Das fand ich als Kind erstrebenswert. Es dauerte etwa drei Jahrzehnte bis mir ernsthafte Zweifel kamen. Aber die Gedanken gingen dann eher in Richtung Perestroika. Und es gab so ein Wunschdenken es einfach besser, klüger zu machen als bisher. Bis dahin habe ich grundsätzlich an die Fähigkeit zum Guten im Menschen geglaubt. Ziemlich naiv aus heutiger Sicht. Das Potential mag da sein, aber…

Dann kam der Herbst 1989. Für mich schon sehr überraschend, wie für viele in beiden Deutschlands. Das Gefühl der Erlösung und gleichzeitig neue Zweifel und Fragen wurden ausgelöst. Inzwischen bin ich längst in der neuen Gesellschaft angekommen. Aber auch irgendwo im Niemandsland. Warum? Ich versuche mal ein paar Thesen…

1. Bitte, liebe Mitmenschen West, erklärt mir (uns?) nicht ständig den Osten. Auch die Geschichten eurer Tanten, Onkel, Cousins sind nur ein Teil der ostdeutschen Wirklichkeit. Wie wärs, wenn ihr öfter fragt „Wie hast du und du und du gelebt? Erzähl mal Deine Geschichte. Ich bin mir sicher, dass wir schon immer mehr von euch gewusst haben. Nicht zuletzt dadurch, dass das „Westfernsehen“ ständig im Wohnzimmer war.

2. Glaubt ihr wirklich, dass es auf der einen Seite nur Opfer, Leidende, Widerständler und auf der anderen Seite Schuldige/Täter im Namen des Systems gab? Den Medien folgend, scheint es so. Ich glaube, dass die Mehrheit der Ostdeutschen zwischen diesen Polen gelebt hat. Mit sehr verschiedenen Wünschen und Hoffnungen, bemüht um ein erfülltes menschliches Leben und nicht immer heldenhaft – wie auch ihr. Oder?

3. Die Frage nach einem besseren gesellschaftlichen System ist heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR, aktueller denn je. Ihr könntet doch mal die Ostdeutschen fragen, was möglich war und was überhaupt nicht geht. Damit sich Fehler und unbrauchbare Denkansätze nicht wiederholen. Und dass Erfahrungen genutzt werden können. Eingeschlossen die Frage: Wie hat es sich in einer Diktatur gelebt, wie bist du damit umgegangen?

4. Ich weiß den Gewinn einer Demokratie mit ihren heutigen Möglichkeiten und Grenzen sehr zu schätzen. Für mich ist es in erster Linie die gewonnene Denk- und Meinungsfreiheit. Dass ich, wenn ich nur will, lesen kann, was ich will. Mich umschauen kann, mir wirklich eine eigene Meinung bilden kann. Dass mir keiner mehr vorschreiben will, was ich zu denken und zu tun habe. Und dass der Staat keine Instanz mehr ist, die immer weiß was richtig und was falsch ist und mit Konsequenzen droht, wenn ich anders denke. Doch die Berichterstattung im heutigen Medienland Deutschland ist auch nach dieser langen Zeit weitgehend einseitig, um nicht zu sagen sehr eingeschränkt – siehe „2.“. Respekt und Achtung vor dem anders gelebten Leben vermisse ich allzu oft.

5. Ich bin mir sicher, dass die Menschen im Osten weder dümmer noch naiver als die im Westen waren und sind. Naiver vielleicht schon ein bißchen, weil viele Ideale hatten, an die sie geglaubt haben. Visionen. Das waren nicht unbedingt die heute hochgehaltenen bürgerlichen Ideale und auch nicht unbedingt der Glaube an die Macht des Materiellen und des Geldes, mit denen sie inzwischen massiv konfrontiert sind.

Doch das heißt auch nicht, dass es nicht die Sehnsüchte nach den Segnungen der Marktwirtschaft gab. Die gab es, sogar massiv. Doch die `89 auf die Straße gingen, wollten zumeist etwas mehr. Fragt noch jemand danach? Haben Verlierer zu schweigen? Jemand kleidete jüngst im Gespräch sein Gefühl in die Worte „das war doch `89/90 eine feindliche Übernahme“.

6. Mit dieser, ich nenne es mal Sieger-Mentalität im westlichen Deutschland haben wir es bis heute zu tun. Anders kann ich mir die Häme nicht erklären, mit der fast alles bedacht wird, was zur ostdeutschen Geschichte gehört. Das Abwertende ist allgegenwärtig. Und schmerzt. Und ist oft lächerlich. Da werden DDR-Möbel aus den 60ern mit mitleidiger Geste gezeigt. Dass es zu dieser Zeit in westdeutschen Wohnzimmern nicht viel anders aussah, wird nicht wahrgenommen. Und dass zum Beispiel Hellerau-Möbel aus Dresden auch im Westen gefragt waren, weiß wahrscheinlich keiner mehr. Oder: Warum fragt keiner, nach den 40 Jahren Kita-Erfahrungen im Osten? Da gäbe es tatsächlich einen Erfahrungsschatz, der heute brauchbar wäre. Inclusive der Erfahrungen berufstätiger Mütter im Osten, die schlechtere Bedingungen hatten als junge Familien heute. Natürlich gab es jede Menge politischen Wahnsinn einschließlich der Wochenkrippen. Aber eben auch alles andere und nicht nur das wirklich Negative.

7. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Menschen, deren Biografien samt ihrer Würde auf diese Weise in den Abfalleimer der Geschichte geworfen werden, leichtes Futter für die AFD-Macher aus dem Westen sind. Über Faschismus und seine Folgen ist im Osten mehr als genug gelehrt und geredet worden. Durchaus auch einseitig, aber das Grauen dieser Nazi-Diktatur war allgegenwärtig. (Auch bis zum Überdruß.)* Ich glaube nicht, dass im Unwissen um diese Vergangenheit ein Grund zu finden ist, um die AFD zu wählen. Eher: Wer ständig erniedrigt wird, flüchtet leicht dorthin, wo er sich vermeintlich ernst genommen fühlt.

8. Wenn vielleicht doch einmal von der Siegermentalität abgelassen würde, könnten dann nicht die Fragen lauten: Erzähl doch mal, wie hast du gelebt? Was war dir wichtig? Was möchtest du nicht noch mal erleben? Was war wirklich schön? Fragen ohne ideologische Schablonen. Ich glaube, irgendwie in dieser Richtung könnten wir wirklich mal ein Volk werden. So wie es jetzt ist, da werden noch die Kinder und Kindeskinder an dem Osterbe kauen.

9. Auch in finanzieller Hinsicht. Wir hatten und haben kaum zu erben und konnten kein materielles Polster aufbauen. Jedenfalls die wenigsten. Doch wir leben im gleichen Land zu ansonsten gleichen Bedingungen. Für mich ist das kein Thema. Aber so lange ein großer Teil der Gesellschaft auch das nicht mal andeutungsweise im Bewusstsein hat, ist ein Miteinander im Alltag für den kleineren Teil, mal vorsichtig gesagt, etwas schwierig. Den Rest dazu hat Dirk Oschmann in seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ sehr gut sichtbar gemacht. Ich bin ihm dankbar dafür. Es könnte, im Westen gelesen, uns alle ein Stück weiter bringen. Und der Gerechtigkeit, mein Lieblingsthema bis heute, ein wenig auf die Sprünge helfen.

10. Ich möchte, auch wenn ich Mitten im Westen lebe, meine Herkunft nicht vorsichtshalber aus Selbstschutz verstecken müssen. Und ich möchte zu meiner Biografie ohne Bedauern stehen können und sie nicht als Ballast definiert bekommen. Ein Wunsch, das weiß ich aus Gesprächen, den ich mit vielen Menschen teile. Mit mehr Selbstachtung und Selbstbewusstsein, müssten möglicherweise nur noch wenige ihre Stärke und Würde aus einer AFD u.ä. gewinnen wollen. Denn auch schlechte oder komplizierte Erfahrungen sind kostbar, möglicherweise kostbarer als andere. Es ist allzu menschlich, am intensivsten aus Erfahrungen zu lernen. Wenn die aber nicht gefragt sind oder gar versteckt werden müssen…

Und dann ist das generell sowieso so ein Ding mit dem Selberdenken. Soweit für heute meine halbsortierten Gedanken.

*

Wie fingen die Märchenerzähler einst an: „In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, da lebten… (zwei deutsche Nationen in Eintracht miteinander)….

Sightseeing an der Glienicker Brücke. Hier wurden die Agenten aus Deutschland West und Ost einst ausgetauscht.

Sommer, Sonne, S-Bahn

Eine Verabredung mit kids&co am Tempelhofer Feld. Gestern sollten die riesengroßen kunterbunten Riesendrachen steigen. Das ist so ein erwachsenes Profiding. Alles andere war aber auch erlaubt.

Doch was hatte das Leben mit uns vor?

Es begann mit einem Sbahn-Ausfall wegen eines medizinischen Notfalls, passiert öfter mal. Die nächste überfüllte Bahn kam. Bald die Botschaft, dass sie nur einen Teil der Strecke fährt. Letztlich standen wir schon viel eher endlos auf freier Strecke. Polizeinsatz! Kommt auch öfter vor. Irgendwann und einige Chats weiter dann doch angekommen wird klar, was das Chaos ausgelöst hat: Ganz Berlin und umliegende Dörfer wie Potsdam waren dem Drachenwahn erlegen.

Während im kurzen Takt inzwischen von zwei Seiten Sbahnen einfuhren und Menschenmassen ausschütteten, wurden die Eingänge gesperrt. Für die Ankommenden hieß das etwa eine Viertelstunde Weg samt Kinderwagen, Rollatoren etc. bei gesperrten Aufzug und abgrundtiefen Treppen bis zum Ausgang. Dort konnten sie sich nahtlos dem riesigen straßenverstopfenden Pulk der Drachenfesteinlassbegehrenden (welch schönes deutsches Wortmonster!) anschließen.

Jetzt war der Polizeieinsatz klar: Ein großes Aufgebot regulierte diesen irregulären Menschenstrom. Mit unglaublicher Gelassenheit und Mobilfunk. Wenn mal eine kurze Pause der Sbahnankünfte eintrat, ließen sie schnell einen Pulk von unten nach oben, um dann schnell wieder die ganze Treppenbreite für die Ankommenden frei zu geben. Zwischendurch wurde der Bahnverkehr in beiden Richtungen an den davor liegenden Stationen gestoppt. So konnte dann doch mal eine größere Gruppe nach oben kommen.

Ich konnte eineinviertel Stunde nach meiner Ankunft die genervten Kids in die Arme schließen. Oben. Allen war die Drachenlust vergangen. Ein paar einzelne kleine Objekte sahen wir dann doch noch vom Bahnsteig am sommmerblauen Himmel schweben.

Am Ende noch eine Kartoffel-Quark-Orgie auf dem Balkon und Heimkehr im September-Dunkel

Ein Meisterwerk! Nicht nur die Polizisten und Bahnmitarbeiter blieben in diesem Chaos gelassen. Auch all die Menschen in Wochenendstimmung. Erstaunlich!

Nach reichlich zwei Stunden Sbahn-Abenteuer war ich mit Enkellady dann wieder zu Hause. Das Nachhausebringen derselben mit Rückweg vereinnahmte dann noch mal zwei schöne Stunden Bahnfahrt. Ohne Hindernisse, nahtlos. Also : Ein Nachmittag und Abend mehr oder weniger im Sbahn-Sound im schönsten Spätsommerfeeling.

Zum Abschied an der Haustür sage ich zum Kind: Zu Hause werde ich heute nur noch ins Bett fallen. „Aber vorher noch Zähneputzen!“, sagt mir die Zehnjährige. So ändern sich die Zeiten…

UR-LAUBEN

Meine Laube ist blauweiß gestreift. Steht im Sand und ganz direkt am Wasser. Die kleinen Wellen summen ununterbrochen ihre Melodie. Leise, schmeichelnd, wie der sanfte Wind. Es ist angenehm warm, um die Mitte der 20 Grad. Am Horizont Segelboote und ab und zu ein größeres weißes Schiff.

Mein Zehen spielen im Sand. Es ist Mitte September. Meine Laube heißt Strandkorb. Ich hole einen verlorenen Sommer nach. Im immer noch warmen Wasser genießen andere. Ich schaue zu. Geht nicht anders. Die Wunde muss noch heilen.

Einen ganzen langen halben Tag UR-LAUBEN. Mein Urlaubsort schließt um 18 Uhr. Nachsaison im Strandbad Wannsee.

Es ist das erste Mal nach 23 Jahren Berlin, dass ich an diesem Ort bin, LM den ich bis dahin nur immer aus der Ferne, von der Fähre aus betrachtet habe. Das heute ist ein Test aus Neugier. Und ein kleiner, in jeder Hinsicht, gelungener Luxusurlaub.

Strandtag

Der Meister

Seit längerem spuken Worte eines Handwerkers in meinem Kopf herum. Die lauteten in etwa so: Der Lehrling lernt die Regeln, der Geselle beherrscht sie. Und der Meister?

Der braucht sie nicht mehr. Er hat sie vielleicht nicht vergessen, aber so verinnerlicht, dass er sie einfach hinter sich lassen kann. Dass er sie über den Haufen werfen und damit Altvertrautes neu kreieren kann. Im besten Fall wird der Meister zum Künstler, zum Schöpfer. Das hieße dann, dass der Meister, die Meisterin nicht einfach alles nur am allerbesten kann, sondern eine ganz andere Ebene erreicht. Fern von allen Regeln, fern von allem Althergebrachten. Das verlangt nicht nur eine Art von Kunstfertigkeit, sondern vor allem Mut. Ich muss mir selbst glauben.

Andersherum und ein bisschen verkürzt heißt das: Der Glaube an mich selbst macht mich fähig zur Meisterschaft.

Dann könnte ich ja zu allererst einmal Meister meines Lebens werden. Das wäre doch schon ganz schön viel.

Wie sich das äußern könnte, wäre dann allerdings ein neues Thema.

Isa Genzkens Rose wächst in Berlin vor der Neuen Nationalgalerie in lichte Höhen – Unmögliches wird möglich

Ein Spätsommertag

Schmeichelluefte. Streichelluefte. Leicht bewegt. Mild warm. Das Gefühl von Aufgehobensein. Ein Tag wie leckerer warmer Grießbrei in Oma-Qualität oder so ähnlich. Der Fensterbogen von Wein umrankt. Zwei vorwitzige Sprosse haben sich durch das Fenster ins Zimmer gewagt. Ich vergesse für Momente die Krankenhauswelt und die Schmerzen. Was wird kommen, was bleibt…?

Himmel und Erde

ZWISCHEN
deinen Augenbrauen
steht deine Herkunft
eine Chiffre
aus der Vergessenheit des Sandes.

Da hast das Meerzeichen
hingebogen
verrenkt
im Schraubstock der Sehnsucht.

Du säst dich mit allen Sekundenkörnern
in das Unerhörte.

Die Auferstehungen
deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.

Der Himmel übt an dir
Zerbrechen.

Du bist in der Gnade.

So lässt sich eine ganze Biografie in so wenigen Zeilen bündeln. NELLY SACHS hat dieses unglaubliche Gedicht geschrieben. Dahinter steht ihre eigene Geschichte der Judenverfolgung im Dritten Reich. Für mich ist es auch ein Sinnbild für das irdische Menschsein überhaupt, zumindest für einen sich wiederholenden Teil davon, den so viele erleben. Zeilen, die alle Zeiten überdauern.

Sie gehören zum „Klang der Erde“. So hieß eine Performance, die ich Gestern während der Langen Nacht der Religionen in der Berliner Matthäus Kirche erlebte. Künstler aus anderen Welten ließen ein Klangwunder entstehen…

Es war auch persönlich ein besonderer Tag, an dem der jüngste Enkelsohn den dunkelblauen Ranzen stolz das erste Mal in die Schule und die Schultüte nach Hause trug.

Und in meinem Kopf geistern die Nelly-Sachs-Zeilen Der Himmel übt an dir/ Zerbrechen/ Du bist in der Gnade…

Der Himmel über Berlin an diesem 2. September

Fremdeln

Mein neues Pad ist sicher genial. Nur ich bin es nicht. Wir fremdeln miteinander. Es bleibt gelassen. Nur ich leider nicht. Nämlich dann, wenn ich, wie gerade, verzweifelt versuche, ihm auf die Schliche zu kommen. Seine ach so raffinierten, wahrscheinlich genialen Schliche. Dafür bin ich zu altmodisch gestrickt.

Spannend ist, dass ich dabei mir selber ein bißchen mehr auf die Schliche komme. Was passiert, wenn ich Neuem begegne?

Ich bin neugierig, offen, interessiert, bejahend. Ein, zwei Schritte weiter wird es etwas schwierig, dann noch mehr. Ich bleibe, mehr oder weniger verzweifelt, aber offen. Mein Gegenüber hat sich dann oft schon abgewandt. Jetzt spreche ich von Menschen. Langsam, wahrscheinlich zu langsam, fange ich an zu verstehen.

Ein Glück, dass das Pad unendlich geduldig ist. Zumindest so lange, bis ich versuche ihm mit meiner eigenen Genialität beizukommen. Dann versteht ES nicht mehr und stürzt ab. Und meine Hilfeschreie verhallen ungehört – bis irgendwann dann doch Rettung erscheint.

Vergleichsweise ist dieses Szenario easy. Doch wenn es um Menschen geht? Da kehrt sich offenbar etwas um. Ich höre auf zu fremdeln und sie fangen damit an. Irgendwie haben sie in mir etwas gesehen, was ich nicht bin. Oder ich bin zu anstrengend. Irgendwie so…

Bei Babys hat die Fremdelphase etwas mit dem ersten noch unbewussten Erwachen an der Welt zu tun. Die Selbstverständlichkeit des Geborgenseins hört auf. Jetzt hilft nur noch der sichere Ort, die Mutter oder…

Doch erwachsen, da kann ich den Schutz nur in mir selber suchen. Was heißt kann. Ich muß es können. Und das ist jetzt gerade mit dem Pad wieder mal so eine Lernsituation.

Genauer gesagt: Ein Schrittchen auf dem Weg der lebenslangen Selbsterkenntnis. Mein Gestus bei der Begegnung mit Neuem wird sich nicht ändern. Er gehört zu meiner Wesensart. ABER: Darum wissend und um die Konsequenzen, werde ich selbst wieder etwas freier. Aus Verzweiflung entsteht ein Schritt in die Freiheit. Und das wiederum ist eine Chance für neue Kreativität in schwierigen Situationen.

Danke, liebes neues IPad, für die Anregung. Mal schauen, wie lange unser Fremdeln noch anhält.

Vor diesem Szenario das Pad, das sich vorsichtshalber versteckt hat

Freuen

Heute Morgen weckt mich die Sonne. Vor mir zu Füßen ein riesiges Berlin-Panorama. Raetselspass in der Morgenstunde: Was ist was? Der vom Gewittersturm gestürzte riesige Oleanderbusch strahlt wieder aufrecht in voller Blüte. Ich freue mich auf mein Zuhause, auf den See und natürlich auf die Kinder, die leider bald für drei Wochen verschwinden werden.

Berlin zu Füßen mit all seinen Türmen, Baustellen, Hochhäusern. Das Menschengewimmel in dieser Stadtlandschaft fügt meine Phantasie dazu.

Die verlorenen Kinder

N. ist vor drei Tagen 52 geworden. Die Älteste. Sie habe ich auch zuerst verloren. Verloren als Mutter. T. wird demnächst 44. Sie ist mir Stück um Stück abhanden gekommen. Sie lebt sehr nah und ist doch weit weg. Bei P., dem Dritten ist nur die räumliche Distanz groß.

Was hat es mit mir zu tun? Mit der Zeit, in der wir leben? Mit dem Leben überhaupt?

Natürlich hat es auch mit mir zu tun. Ich bin unangepasst, werde nichts sagen, was ich nicht wirklich meine, nur um dem Anderen nicht zu nahe zu treten. Mir mangelt es an Diplomatie. Neuerdings kam mir der Gedanke, dass mir das auch als fehlende Empathie ausgelegt werden kann. Nur, das glaube ich nicht. Ich kann mir meist ganz gut vorstellen, wie es im Anderen aussieht, was ihn treibt, bewegt.

Um auf die Kinder zurück zu kommen: Ich wollte nie erZIEHEN, begleiten schon. Und das sehr gern. Gute Umgangsformen, Freundlichkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme halte ich für den Boden, auf dem alles andere gedeihen kann. In diesem Bereich habe ich sicher etwas „gezogen“. Na ja, manchmal mit ein wenig hartnäckiger Penetranz. Doch letztlich gelingt so etwas sowieso am besten durch Vorleben. Manchmal geht die Saat auch nicht auf – wie es halt so ist.

Insgesamt frage ich mich heute, ob ich nicht manchmal mehr hätte „ziehen“ sollen. Ziehen im Sinne von Richtung vorgeben, Orientierung also. Aber, sie sollten nicht mir nacheifern, sondern sich und ihren Weg finden. Ich habe lediglich freilassende Angebote gemacht. Im Großen und Ganzen stehe ich auch heute noch zu dieser, meiner inneren Haltung. Freilich, mit einigen Jahrzehnten Distanz bin ich auch erfahrener, ein bisschen wissender. Wenn sich das ins nächste Leben mitnehmen ließe…

Soweit erst mal zu dieser Seite der Medaille. Aber, es gibt eben auch noch die andere. Plötzlich kam alles aus dem Fluss. Da ging es nicht mehr um die Felsen, die das Wasser auch mal schäumen lassen, nicht um Flussschnellen, Haarnadelkurven, gelegentliche Unwetter, Geröll, das mitbewegt werden will. Das Flussbett wurde in eine andere Landschaft verlegt, eine grundlegend andere. Von Ost nach West.

Das brachte den Familienalltag mindestens ins Taumeln und Straucheln und uns und die Heranwachsenden mit. Die Richtung neu finden, uns neu finden, die andere Welt kennen und verstehen lernen. Und immer wieder gespiegelt bekommen, dass wir aus der tristesten, verseuchtesten Ödnis kommen. Unser Fluss ist die Schuld an sich. Zeit zum Verarbeiten blieb niemanden. Dieses lange Zeit nur noch an der Überforderungsschwelle leben, das hat unweigerlich zu vieler Art von Versäumnissen geführt.

Irgendwie waren die Kinder in ihrem neuen geschützten Waldorfschulnest fürs erste ganz gut aufgehoben. Kamen in den Genuss von vielem bereichernden Neuem. Diskussionen zu Hause, Zweifel, viele Fragen, Stress und eine gewisse berufsbedingte Unruhe – das war nicht neu. Neu waren die orientierungslosen Erwachsenen im fremden Dschungel, und dass sie plötzlich nicht mehr an einem Strang zogen, sondern dass das Seil aufdröselte und in verschiedene Richtungen gezogen wurde. Das Streits fundamentaler wurden. Was hat das mit unserem damals etwa Neunjährigen, der Zwölfjährigen und der Zwanzigjährigen gemacht? Alle Drei an einer biografischen Entwicklungsschwelle. Was geschah mit Ihnen mehr unbewusst als bewusst? Das bräuchte eine tiefgründige Analyse. Ehe wir Erwachsenen manches in der neuen Welt begriffen hatten – und bis heute haben – war es zu spät für so vieles, das uns entglitten ist.

Ich kann ihnen bis heute kaum erklären, dass es im alten „Flussbett“ nicht üblich war, noch endlose Jahre nach der Volljährigkeit für die Ausbildung des Nachwuchses aufzukommen. Das ging, weil das System anders eingerichtet war. Also hatten wir nicht dafür vorgesorgt, wäre auch nicht gegangen. Überhaupt hatte Geld nicht die dominierende Rolle in unserem Leben inne. Besitztümer und Konto entschieden nicht darüber, welchen Wert ein Mensch hat und welchen gesellschaftlichen Rang er einnimmt. Aber genau dort sind wir alle angekommen.

Und dann kommt noch ein Aspekt dazu: Das alles passiert in einer Zeit, wo Entwicklungen nicht nur rasant voranschreiten, sondern völlig neue Strukturen im Alltag auf allen Ebenen schaffen. Wir digitalisieren uns bis heute und immer fort.

Vor diesem vielschichtigen Hintergrund sind mir, sind uns die eigenen Kinder verloren gegangen. Ein extrem schmerzhafter Prozess. Ob er mal zum Stehen kommt oder gar umkehrbar ist?

Um es auszuhalten, nehme ich das ganze Dilemma inzwischen als Lernprozess.

Der Lebensbaum – ein Versuch auf dem IPad