Kontaktlos

Der Satz hat sich in meinem Unterbewusstsein irgendwo weit hinten eingenistet, wer weiß warum:

„Hier können Sie kontaktlos zahlen.“

Okay. Aber da war er plötzlich unvermittelt da. Nachdenkend über sich wiederholende seltsame Begegnungen verwandelte der Satz sich in zwei Worte: „Kontaktlos begegnen“…

Seltsam. Aber das passt. Und genau so geschieht es…

Momentaufnahme

Vor fünf Minuten habe ich das Kino verlassen. Vor meiner Nase bewegt sich eine Sbahn. Strahlender Sonnenschein, im nächsten Moment prasselt ein Platzregen vom Himmel, die Sonne scheint weiter. Ich suche nach Worten für das eben Erlebte.

Mein spontanes Gestammel:

Verstörend, anstrengend, brutal, seelisch und physisch erschöpfend, expressionistisch, surreal und gleichzeitig extrem realistisch, bildvergewaltigend und bildgewaltig, wortarm, mystisch und erdrückend banal….

Nach zwei von fast drei Stunden rebellierte auch noch meine Blase bei unerreichbaren WCs. Ich habe am Film gelitten und leide noch immer.

Erschöpft von den Haarwurzeln bis zum Großzeh sinke ich auf einen Stuhl des nächstbesten Strassencafé‘s. Ein Kaffee und ich fange an zu schreiben. Intuitiv nach Befreiung suchend.

Um mich herum die Ausläufer des Berlin-Marathons: sportbedresste Menschen, einer trägt schwer an Rucksack und Medaille, auf sichtlich müden Füßen…

Sämtliche Buslinien in SüdWest-Richtung sind auf die sowieso schon viel zu enge Kantstraße umgeleitet.

Und dann und wann durchdringende Blaulichtsirenen…

Eigentlich fast das vertraut alltägliche Chaos. Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden und ich weiß nicht, ob ich wieder Boden unter den Füßen habe…

…nach dem Film „In die Sonne schauen“, der mich angesichts der vielen Ausrufezeichen, mit denen er bedacht wird, ins Kino gelockt hat.

Abo für Auferstehung

Abos haben was Verlässliches. Ich muss nichts tun und bekomme regelmäßig, was ich brauche. Feine Sache.

Mit der Auferstehung ist das dann aber so eine Sache. Gefühlt hatte ich da auch so was wie ein ABO. Nur für die Ewigkeit gibt es wahrscheinlich kein einziges ABO. Wahrscheinlich hört es mit dem Auferstehungs-ABO auf, wenn ich nicht mehr zahlen kann. Wie bei jedem anderen Abonnement. Welche Zahlungsmittel braeuchte ich? Kraft, Energie, Lebenslust? Was ist die Währung für dieses ABO?

Voller Lebenskraft- und Freude

Noch zu lernen?

Was ich in diesem Leben nicht gelernt habe:

• Geld anhäufen ( Sparen ist nicht gemeint)

• Meine Gedanken und Gefühle zu verbergen ( Mit Masken mag ich nur spielen)

• Auswendiglernen ( Verlustgefuehl nur bei Gedichten)

• Mit Selber-Denken aufzuhören ( Würde für mehr Gemütlichkeit sorgen, was auch nicht zu verachten ist)

• Mich der Macht und den Maechtigen zu beugen (Was das Leben oft entspannter gemacht hätte)

• Titeln aller Art Respekt zu erweisen (Menschen schon)

Will ich’s noch lernen?

Keine Lust.

Wohl eher nicht.

Typ „Unbelehrbar“

Masken zum Spielen gern, Begegnungen hätte ich lieber ohne…

Fluss-Liebe

Flüsse ziehen mich magisch an. Wie sehr, das ist mir erst in der möglichen Mitte meines Lebens bewusst geworden.

Dort, wo ich Jahrzehnte meines Lebens verbracht habe, war der Fluss begraben worden. Weil er störte, weil er stank, verhaesslicht von Industrieablagerungen. Ich wusste nicht, dass ich ihn vermisse. Aber ich wusste um ihn. Jahre führte mein Schulweg über den zugemauerten Fluss. Ich war oft in Gedanken bei ihm. Und bei den Fischern, die ihn in ganz alten Zeiten bevölkerten. Noch bevor das Industriezeitalter seinen Tribut forderte.

Merkwürdig das alles. Dann habe ich die vom Ost-West-Clinch befreite Havel erlebt und ahnte, dass ich da leben möchte. Ein Fluss im urbanen Gebiet, kaum Mauern, oft ganz frei. Ein unglaubliches Gefühl. Ich habe ihn mir in Reichweite geholt. Wenn ich dort bin, geht es mir gut.

Heute frage ich mich: Was hat der zugemauerte, unterirdische Fluss über die Jahrzehnte mit mir gemacht?

Hat er im Unbewussten, im Seelenraum Gefühle begrenzt, Leben nicht zugelassen? Was konnte nicht fließen…Nun ja, ich mag nichts übertreiben. Aber, es bleibt eine Merkwürdigkeit in meinem Leben.

Was macht ein Fluss mit mir? Was berührt mich?

Die Weite, das eigentlich Unbezwingbare, seine zielstrebige Bewegung, seine Sanftheit und seine Wildheit, die unbezwingbare Schönheit, seine Wandelbarkeit? Alles. Am meisten ist es wohl seine Lebendigkeit, die in dem Moment zu meiner wird.

Der Fluss meiner Vergangenheit durfte inzwischen wieder ans Tageslicht, teilweise und sauber. Noch hat er nicht wieder die Präsenz in der Stadt. Sie würde beiden gut tun. Und für mich würde sich ein Kreis schließen.

Ein Moment an der Havel in Berlin

Episoedchen

Ein schon spaetsommerlicher Tag am glasklaren See. Plötzlich sind auch noch die paar Mitschwimmer verschwunden. Kein Boot, kein Stand Up – hier nicht erlaubt. Nur Wald und Seerosen. Eine unglaubliche Stille. Ich schwimme, lasse mich treiben, versinke in der umhüllenden Stimmung. Als ich mich umdrehe, ist mein Ufer zur Miniatur geworden. Erst jetzt denke ich an den Rückweg. Es bleibt schön und der See gehört mir allein. Wieder in Sichtweite muss ich meinen Einstiegsplatz suchen. Wind und Wellen haben mich ein ganzes Stück abgetrieben. Doch da sind sie, „meine“ Seerosen und ein paar Schritte weiter mein ziviles Outfit.

Der Rückweg führt an meiner Lieblingsgaertnerei vorbei. Ihrer Magie ich noch nie widerstehen können. Dort gibt es nicht nur unendlich viel Blühendes in allen Farben, sondern auch nette und gesprächige Gärtner.

Zu einem Tütchen exklusiv leckerer Tomaten, die ich sonst gar nicht esse, gesellen sich etwas Blaubluehendes und etwas zitronenblaettrig Essbares.

Ich will mit Karte bezahlen, sie funktioniert am Ort nicht. Also suche ich meine letztes Bargeld zusammen. Ich bleibe dann noch vor einer grazilen Pflanze stehen, die ewiges Leben verspricht und gerate ins Meditieren und mit der Chefin ins Gespräch.

Es muss sein. Irgendwie ein Wink von oben, von den Schicksalsmächten oder… Ich stehe also noch mal an der Kasse, dieses Mal mit der Chefin und angele nach meiner Karte…als der Gärtner vorbei kommt: „Das ging doch nicht!“ Das Bargeld reicht gerade so noch mal. Ich bin zutiefst betroffen, von wegen Ewiges Leben und sonstigen Miseren.

Jiaogulan, täglich drei Blättchen für die Unsterblichkeit meint die Gärtnerin

Gewinn-Spiel

Ich spiele gern. Früher mehr als heute mangels Gelegenheit. Ich meine vor allem Spiele am großen Tisch, Brettspiele, wo Freunde und Familie zusammenkommen. Was macht die Magie aus, was lockt mich eigentlich?

Mir macht es Spaß mit anderen zu interagieren. Mich und sie beim Spielen zu beobachten. Kreative Spielideen auszureizen und mich von ihnen anregen zu lassen. Gewinnen möchte schon. Auch das. Dadurch kommt Dynamik ins Geschehen. Ich bin herausgefordert und die anderen auch.

Nur, so ganz wichtig ist mir das Gewinnen nicht. Es ist mehr der Spaß und das Miteinander. Es gibt ja nichts zu verlieren. Außerdem ist der Glücksfaktor im Spiel meist sehr groß.

Freilich, wenn jemand in der Runde unambitioniert spielt, dann wird es schnell langweilig. In einer solchen Situation habe ich es schon erlebt, wie reichlich erwachsene Menschen ausgerastet sind. Soweit so gut oder auch nicht.

Im besten Fall habe ich beim Spielen für mich etwas dazu gelernt, Zusammenhänge begriffen, mein Gedächtnis trainiert. Und das Beste: Ich habe meine Mitspieler ein bisschen besser kennen gelernt. Wer ist clever, wer bedacht, wer vorsichtig. Wer muss gewinnen und wer kann nicht verlieren. Wer versucht es mit Kniffen und kleinen Tricksereien. Auch die Temperamente zeigen sich in vergnüglicher Weise. Es macht einfach Spaß.

Wie wäre es, wenn wir unser Leben etwas spielerischer angehen? Könnten wir nicht einen ganzen Packen an Leichtigkeit, Lebensfreude und Glücksmomenten gewinnen. Was haben wir denn zu verlieren?

Nur, was machen wir mit allen, die partout nicht verlieren können?

Nehmen wir es doch fürs erste alles etwas sportlicher. Das Spielen, das Gewinnen und das Verlieren als eine Chance. Wer weiß was ich dabei gewinne…

Einfach so.

Einfach spielerisch.

Spielsachen

Gesichter

Dejavu-Erlebnisse erwecken bei mir Faszinationen. Schon immer. Ich schaue in ein Gesicht, es erweckt Vertrautheit. Mein Gedächtnis liefert keinen Namen dazu. Und dabei bleibt es, ein wenig Verstörtheit eingeschlossen. Doch manchmal tauchen aus der Nebelschicht Bilder auf. Bilder von fremd vertrauten Orten. Sie ranken sich um mich, um das Gesicht, um aber auch schnell wieder zu verschwinden.

Gesichter haben mich auch jüngst wieder eingefangen. In der Gemäldegalerie am Kulturforum. Irgendwann begann das Spiel: Wo würde dieser bärtige Renaissance-Mensch heute hinpassen? Gastwirt im Sternerestaurant, Schauspieler in der Krimiserie. Wo könnte ich die Lady mit dem verhaltenen Lächeln heute treffen? In der aktuellen Kunstausstellung als Besucherin oder als Museumskuratorin? Als Mutter von sechs Wunschkindern? Wenn ich die historischen Outfits und Frisuren weglasse, werden mir die Gesichter ganz und gar heutig.

Haben wir Erdlinge uns über hunderte von Jahren nicht wirklich verändert? Ist, was wir ausstrahlen, eine Konstante des Menschseins? Ist die (wissenschaftlich nicht vorhandene) Seele ein Leben lang immer auf dem gleichen Entwicklungsweg? Obwohl sich das Drumherum so sehr verändert hat?

Wir entwickeln uns nicht mehr – oder kaum noch – a Verboten und Geboten. Wo aber finden wir die Herausforderungen, die nicht nur unser Wissen wachsen lassen? Sondern den Menschen über sich hinaus im besten Fall.

Dann müsste sich vielleicht nicht alles wiederholen. Was wir derzeit erleben, ist doch nichts anderes als das, was uns Geschichtsdokus permanent vor Augen führen. Immer und immer wieder Hass, Krieg, Verrat, Machtgelueste, Vernichtung…Jubelnde Sieger und Leidende.

Was für eine Spezis sind wir eigentlich? Müssen wir uns wieder und wieder gegenseitig umbringen, bevor wir den göttlichen Funken in uns gefunden haben?

In der Gemäldegalerie

Manchmal…

…kommt es mir so vor, als würde unser Leben zum Trauma mutieren. In der heute meist üblichen Lesweise, gerät inzwischen fast jede schwierige Lebenssituation in die Traumadefinition. Fluch und Segen einer psychologisierten Gesellschaft?!?

Sind wir nicht alle vom Leben gezeichnet? Und ist das nicht ganz normal? Gehören Herausforderungen jeder Art und ihre Folgen nicht zu unserem normalen Leben? Und am Wichtigsten: Sorgen nicht gerade sie für Entwicklungsschuebe in der individuellen Biografie? Narben eingeschlossen.

Ich glaube: Ja, wir brauchen sie, dringend. Und Leben hinterlässt nun mal Spuren. Es ist doch wie mit unserem Immunsystem. Es kann erst wachsen und stark werden, wenn es geübt und gelernt hat, mit den unterschiedlichsten Angreifern umzugehen. Da kommt es auch zu Tiefpunkten, Entgleisungen und Krankheiten. Danach ist es schlauer und widerstandsfähiger.

Genauso wenig ist übermäßige Hygiene hilfreich. Andersherum: Herausforderungen aus dem Weg zu gehen oder sich gegen sie zu wehren, das verhindert letztlich Entwicklung.

Freilich hat und braucht jeder Mensch seine eigene Strategie, um durch dunkle Taeler und schwindelnde Höhen zu gelangen. Sie verlangen jedem alles ab. Aber nur ich selbst kann herausfinden, wie ICH es bewältigen kann – nur ich. Das gilt für den Leib, die Seele und den Geist, die letztlich ein eingespieltes Team sind. Ein sehr individuelles.

Dabei a massive eigene Grenzen zu stoßen, kann geschehen. Aber eher als Ausnahme. Am wichtigsten scheint mir, dass jemand im Bedarfsfall zum Zuhören bereit steht. Sozusagen Alltagshilfe aus dem Familien- und Freundeskreis.

Doch das nun wieder kann durchaus schwierig werden. Noch gibt es viel zu viele innere und äußere Grenzen über Problematisches zu sprechen. Auch gesellschaftliche Tabus. Wenn wir lernen, damit bewusster umzugehen, wären wahrscheinlich die Sprechstunden der Psychologen nicht mehr überlaufen.

Denn dorthin, denke ich, sollte der Weg erst führen, wenn gar nichts mehr geht.

Eine psychologisierte Gesellschaft oder gemeinsam lernen – offen und zugewandt? Es geht doch darum, den ganz normalen Alltag (manchmal auch Wahnsinn) zu meistern.

Das Leben ist anstrengend. Vor allem aber ist es schön, sehr schön. In seinen schönen Momenten täglich Party feiern – wie wäre es damit?! Jeder Tag verfügt ueber reichlich Happy-Hour-Augenblicke. Vielleicht halten wir sie genauso fest wie die Drama- und Trauma-Episoden.

Es gilt auch für Kinder: Ueberbehütet können sie nicht gedeihen. Ein Leben ohne Risiko ist leider nicht zu haben.