„Deine Freundin ist schon eine sehr eigenwillige Person.“
Bekannt klingende Sätze? In meinen Ohren schwingt da immer so etwas Negatives mit. Die Attribute eigensinnig und eigenwillig haben hierzulande eher einen – vorsichtig gesagt – rügenden Unterton. Oder irre ich mich?
Wer eigensinnig und eigenwillig ist, der wird in die Kategorie SCHWIERIG einsortiert. Was meint, das der Umgang eher etwas herausfordernd ist. Das hat der MitMensch nicht so gern.
Aber: Ist es nicht wunderbar, wenn ein Mensch einen eigenen Sinn und einen eigenen Willen hat…? Er, sie, es zeigt Persönlichkeit, Ich-Kraft. Ist nicht angepasst. Unangepasst. Hat Vorstellungen, die abweichen von der allgemeinen Norm, die nicht in unsere ziemlich vereinheitlichte Welt passen.
Und außerdem: Forscher, Entdecker, Macher haben uns alle oft mit ihrem Eigensinn und Eigenwillen weiter gebracht. Weil sie sich von althergebrachten Gedachten und Gemachten EIGENWILLIG und EIGENSINNIG entfernt haben.
Mit Rücksichtslosigkeit sollten Eigensinn und Eigenwille nicht verwechselt werden. Rücksichtslosigkeit, die überrennt und überrumpelt. Doch wo sind da die Grenzen? Niemand sollte rücksichtslos sein. Könnte aber sein, dass es manchmal nicht anders möglich ist, wenn Stillstand überwunden werden will. Individueller und im Großen Ganzen. Ich sehe fließende Grenzen.
Freuen wir uns doch einfach über eigensinnige und eigenwillige Kinder. Und nicht nur über die…
Der Nachbar läuft vom Tisch davon, und isst seinen Rhabarber-Kuchen gemütvoll im Stehen. Die Wespenschwaerme begnügen sich nun mit den krümeligen Resten auf dem Tisch.
Zwei Tische weiter hat sich ein Spatzen-Geschwader – Hundert plus – über die verlassenen Tassen und Teller hergemacht. Ein origineller Anblick.
Über mir schaukeln jede Menge große halbreife Pfirsische am Baum.
Durch die Laubbäume blinzelt die Havel.
Ein traeger Augustnachmittag an dem eigentlich nichts geschieht.
Ach so, vor mir steht noch der köstliche Rest vom Eiskaffee.
So gegen 5 Uhr Morgens sind noch Vogelstimmen zu hören. Dann erst wieder so gegen 21 Uhr. Denn um 7 Uhr setzt so langsam der Gesang der Baustellen ein. Erst von der aufgerissenen Straße, etwas später auch von der Fassade gegenüber. Allmählich scheinen sie sich übertönen zu wollen. Doch gegen 10 Uhr kommen die Kita-Kinder dazu. Die erobern voller Freude den Park. Ihre Stimmen ein Wohlklang. Sie können es mit den Baumaschinen aufnehmen. Die Hubschrauber kommen seltener, aber wenn, dann übertönen sie letztlich alle. Die Ferienkinder müssen erst mal ausschlafen. Ihre Stimmen und Rufe gesellen sich erst ab dem frühen Nachmittag dazu. Wenn Feierabend auf den Baustellen ist, kommen auch die Eltern mit ihrem Nachwuchs. Vor allem sind dann die kraftvollen Stimmen der Papas zu hören, die ihren Nachwuchs dirigieren. Das Hundebellen hätte ich fast vergessen. Seltener, dass Frauchen oder Herrchen nach ihnen rufen. Eigentlich sollten die Vierbeiner ja auch angeleint sein. Nun ja aber…
So gegen 7 Uhr wird es deutlich ruhiger. Abendbrotzeit, Schlafenszeit für die Jüngsten. Leises Rauschen der S-Bahn durch die Schallschutzwand ist jetzt wahrzunehmen. Doch dann rückt die Jugend an. Laut lachend, diskutierend, mit Picknicktaschen, nicht selten auch mit Bierkästen beladen. Wenn es dunkel wird, schallen oft Rufe über den See.
Und gar nicht so selten gibt‘s gegen 22 Uhr ein Feuerwerk.
Danach ist es oft ruhig. Nicht immer.
Der Gesang der Nachtigallen ist dem Frühling vorbehalten.
Ich frage mich gerade, wozu wir eigentlich Sozialwissenschaften und Ähnliches brauchen. Denn was sie erforschen und erkennen, müsste eigentlich Politik und Wirtschaft antreiben. Das ist nichts, das weit weg vom Alltag philosophiert wurde – das zeigt Alltag, seine Tendenzen und seine Herausforderungen. Und die Ansätze für Veränderungen, für Taktik und Strategie. Wie gesagt „müsste“ und „eigentlich“. Schade ums Geld.
Wirklichkeit ist: Die Politik läuft dem vielfältigem Geschrei auf der Straße mit dem seltsamen Blick auf die nächsten Wahlen hinterher, statt selbst klare und deutliche Worte zu sprechen. Und die Wirtschaft tut so als ließe sich bewahren was sich nicht mehr bewahren lässt. Tendenziell, Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Das einzige Verlässliche mit dem unverstellten Blick auf das Leben ist das Leben selbst.
Ich habe immer mal wieder das Thema Alter bemüht. Vor allem auch mit dem Bedauern über das, was bei 60plus an Schätzen brach liegt. Lebens- und Berufserfahrungen, Fachwissen, das nicht ausschließlich überholt ist und auch meist eine mühsam erworbene menschliche Reife, eine beruhigende Gelassenheit. Und das sollte keiner mehr brauchen? Das erschöpft sich tatsächlich überwiegend in reger Reisetätigkeit, Enkelbetreuung und Ehrenamt?
Offenbar nun doch nicht mehr. Die Rentenkassen sind leer und überfordert, der Wirtschaft fehlen die geeigneten Arbeitskräfte. Und plötzlich merkt unsere deutsche Wirtschaftswunderwelt, dass da noch die jungen Alten sind, die noch ganz gut zu gebrauchen sind. Sie wollen möglichst sofort das Rentenalter erhöhen und alle zu einer längeren Lebensarbeitszeit verdammen. Dass das so pauschal nicht funktionieren kann, darüber scheint nicht ernsthaft nachgedacht zu werden.
Denn nicht jeder hat mit 65 noch ausreichend physische und psychische Reserven, um weiter einem aufreibenden Arbeitsalltag stand zu halten. Freiwilligkeit wäre wohl eher ein sinnvoller Ausgangspunkt. Und sinnvolle Anreize zum Weitermachen. Ich könnte mir einen individuell verkürzten Arbeitstag, reichlich Urlaub vorstellen. Eine fundierte wissenschaftliche Analyse, welches Potential die ältere Generation einbringen kann und für welche Tätigkeiten an welchen Arbeitsplätzen es am besten genutzt werden kann.
Das ist nicht ganz so einfach machbar wie eine pauschale Gesetzesänderung bei der zu Recht viele erst mal aufschreien. Denn es muß überall nachgedacht, eventuell auch neu strukturiert werden und mutig angefangen werden, um dann im Gehen zu korrigieren wo nötig. Und es sollte spätestens mit der Generation 60plus darüber gesprochen werden, was sie sich vorstellen kann. Um ein zeitgenössisches Lieblingswort zu gebrauchen: In solch einem Herangehen könnte sich Nachhaltigkeit manifestieren.
Da wären dann auch Soziologen&Co nachhaltig gefragt, womit ich bei meinem Ausgangspunkt angelangt wäre.
Eine originelle Lösung für den augenblicklichen Nichtsommer wurde in Berlin gefunden: Einfach Regenschirme über den ganzen Platz aufspannen! Egal wie groß die Probleme in den Himmel wachsen: Kreativität ist immer hilfreich
Es war so ein freundliches Wortgeplänkel. Um Kleidung ging es. Ich: „Rot trage ich gern.“ Das Gegenüber: „Du bist eben Rot.“ So, oder so ähnlich der Wortwechsel. Das wars dann auch zum Thema, der allgemeine Small-Talk ging weiter querbeet. Jenen Satz habe ich erstmal abgeschüttelt – Selbstschutz wahrscheinlich. Doch er verfolgt mich seitdem.
Ja, ich habe in einem vermeintlich roten Land 40 Jahre lang gelebt. Aber war ich rot? Rot, weil ich irgendwie auch an dieses Experiment geglaubt habe?
Es passt nicht. Auf Schubkästen reagiere ich immer allergisch. Ich bin weder rot, noch grün, noch blau, noch schwarz. Rot vielleicht wenn es um Gerechtigkeit geht. Grün, weil es mir am Herzen liegt, dass dieser Planet überlebt. Blau, wenn es um eine für Mensch und Umwelt gut geführte Wirtschaft geht – ich merke, hier vermischen sich schon die Farben. Wenn Schwarz für das Christsein steht, auch dann sage ich: Ja, es gibt eine Welt außerhalb unseres Alltagsbewusstseins, die mehr ist, als unsere gebräuchlichen Sinne üblicherweise wahrnehmen. Und Lila ist auch eine wichtige Farbe für mich. Den Regenbogen mag ich sowieso, aber ich bin keiner.
Schubkästen und Stempel haben eine sehr praktische Seite. Sie schaffen Ordnung und sorgen für Übersichtlichkeit. Und für eine gewisse Bequemlichkeit. Insofern mag ich sie auch in meinem Haushalt, zumindest die Schubkästen. Aber, wenn es um Menschen, ihr Sein, ihre Lebenssichten, ihre Fähigkeiten und ihr Unvermögen geht, da sträubt sich in mir alles.
Mag sein, dass Parteien mal wichtig waren. Aber passen sie noch in unser Zeitalter, wo Annäherung und Kompromisse zum allseitigen Vorteil inzwischen zwingend gefragt sind?
Die Welt ist immer bunter geworden, auch queer. Aber ich meine BUNT. Wem nutzt es noch, wenn immer wieder Fronten aufgemacht werden. Kriegsfronten gleich gar nicht. Auch irgendwelchen Mehrheiten wird es nichts mehr bringen.
Das Spiel mit den Farben bringt Kunst hervor. Ob es auch gelingen kann, Lebenskunst gemeinsam damit zu zaubern? Fernab von Ideologien, den vermeintlichen Schubkästen, die doch nur verhärtete Fronten schaffen.
Früher Nachmittag. Ich stehe an einer Ampelkreuzung. Ringsherum an allen vier Übergängen kein Mensch. Nur ich. Doch die Straße ist überfüllt. Auf allen vier Fahrbahnen reiht sich Auto an Auto. Durchatmen verbiete ich mir. Mit schlechtem Gewissen drücke ich auf den Haltewunsch an der Ampelschaltung. Ich könnte ja Siegergefühle und einen Machtrausch entwickeln. Weil: Ich habe hunderte Autos zum Stehen gebracht. Schlagartig halten alle an. Nur wegen mir. Ich bin froh, endlich die Straße überqueren zu können. Mehr nicht. Das massenhafte Anhalten war vielleicht fussgängerfreundlich, aber umweltfreundlich?
Ich stelle mir das Szenario umgekehrt vor. Die Straßen leer, nur vereinzelt ein Auto oder ein Bus oder ein großer Transporter. Auf den Übergängen Scharen von Fußgängern, die entspannt – nicht im Sprintmodus – die Kreuzung queren. Leichtigkeit, viel Luft zum Durchatmen… Zukunftsmusik? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schön wärs schon.
Als Ex-Autofahrerin überfällt mich dann das Kapitel Nahverkehr oder Öffis, wie es in Berlin heißt…
Wie groß ist die Kluft eigentlich zwischen meinem kleinen idyllischen Rückzugsort mit dem Blick über die Dächer der Weltstadt Berlin und dem Weltenwandel in unmittelbarer Nähe und transatlantisch. Noch ist doch alles immer so wie es schon immer war. Auch wenn so etwas wie ein bedrohliches Damoklesschwert in großer Höhe über uns zu schweben scheint. Beruhigend, unberuhigend.
Heute habe ich mich meinen Haushalt gewidmet: dem ewigen Staub, der sich, zu lange nicht beachtet, zu Schmutzklumpen ballt. Und der in alle unmöglichen Ecken kriecht und zu Turnübungen herausfordert. Eigentlich habe ich es gern, wenn es rundum freundlich blitzt, aber…Die Überwindung, endlich etwas dafür zu tun, kostet reichlich Energie. Im Laufe der Jahre habe ich einige Strategien entwickelt, die helfen aus der Lähmungsposition durchzustarten. Im Laufe der Zeit waren es vor allem schöne neue Blumensträuße, die ich mir als Belohnung genehmigt habe. Das reicht schon lange nicht mehr. Ich musste erfinderischer werden.
Anschließend durfte dann ein Lieblingsessen bestellt werden oder mal um die Ecke einfach so essen gehen. Letzteres scheiterte zunehmend an augenblicklicher Appetitlosigkeit. Die allerneueste Belohnungserweiterung: Statt der alten Schlappersachen ein originelles Outfit, in dem ich mich wohlfühle. Sehr zur Nachahmung zu empfehlen! Ich merke bei mir, dass das staubverhüllte Inventar mit mir ganz anders in Kontakt tritt – oder ich mit ihm. Egal, lässig coole Klamotten steigern schließlich in jeder Situation das Selbstwertgefühl.
Das alles hat etwas mit einem Belohnungssystem zu tun. Aber: Seit einem reichlichen Jahr habe ich für mich eine viel bessere Strategie (oder besser Taktik?) entwickelt. Und damit wäre ich bei meinem Ausgangspunkt.
Jedenfalls stecke ich die beiden schwarzen Knöpfe in die Ohren und gehe auf dem Smartphone auf die Podcast-App. Meine wöchentlichen Favoriten sind Lanz und Precht. Seit ein paar Jahren folge ich gern ihren Diskussionen über das GroßeGanze. Bin völlig dabei und diskutiere, zwangsläufig unerhört, mit. Ich mag ihre Art mit den Dingen umzugehen, das eigenständige freie Denken und ihr großes Hintergrundwissen. Es sind die Themen, die mich beschäftigen. Und es hilft mir beim eigenen Nachdenken weiter.
Währenddessen tun Swiffer, Glasreiniger und Putztuch nahezu von allein, wozu sie da sind. Der Putzfrust gewinnt weder in meinem Kopf, noch in meinem Bauch an Terrain. Einfach genial. Wieder ein Stück an Resilienz dazu gewonnen.
Um Resilienz ging es unter anderem auch Heute im Gespräch der Beiden. Nicht nur wir Einzelindividuen sollten mit dem Phänomen Überempfindlichkeit zu Rate gehen. Auch die Gesellschaft als Ganzes. Noch nie ist alles so geblieben wie es war. Eigentlich ist Unsicherheit das Normale, was viele bei all der relativen Geruhsamkeit der letzten Jahrzehnte ein bisschen vergessen haben.
Dagegen zu setzen wäre trotz allem ein persönlicher Vertrauensvorschuss in die Welt, trotz allem. Oder gerade deswegen. Mit meinen Worten ein grundsätzliches Gottvertrauen oder ein Vertrauen ins Universum, an eine höhere Weisheit. Eine, die es richten wird, wenn wir machtlos sind. Oder irgendwie in der Nähe dieser Befindlichkeit.
PS: Alle Putz-Belohnungen habe ich mir deshalb nicht verboten. Den Podcast gibt es einmal in der Woche am Freitag. Für mich gehts auch, ihn zwei-, dreimal aufzusparen – je nach Bedarf. Und dem Staub kann ich mit einer reichlichen Portion Resilienz begegnen. Musik im Ohr hat bei mir nicht diese nachhaltige Wirkung.
Ich fühle mich ziemlich alterslos. Ein Satz, den mir viele meiner Generation (plusminus) schon bestätigt haben. Jungsein ist ein Lebensgefühl, an das sich alle erinnern. Ist das Alterslos-Gefühl vielleicht die Alternative fürs Älterwerden?
Das innere Chaos der Jugend hat sich so etwa in Zehn-Jahresschritten gelegt. Ist gepolstert worden mit Lebenserfahrung. Eine gewisse Leichtigkeit hat sich eingestellt. Wahrscheinlich macht das das Alterslos-Gefühl aus. Jedenfalls bei mir.
Konträr dazu erlebe ich den gesellschaftlichen Diskurs. Da geht es um Krankheiten, Demenz in Varianten, Pflegebedürftigkeit. Am anderen Pol erscheinen die 90jaehrigen, die noch locker den Jakobsweg laufen, die 80jaehrigen, die noch mal schnell ein Unternehmen gründen. Schön und gut, auch das ist möglich und durchaus bewundernswert.
Doch wo ist die Mitte zwischen beiden Polen? Sie erscheint im hochgelobten Ehrenamt, auch schön und gut.
Mir ist das einfach zu wenig. Bei allen Wehwehs und Wehwehchen, die einschränken und sich mit den Jahren einstellen, da wäre doch noch einiges mehr. Viel mehr, bin ich überzeugt, was die ältere Generation der Gesellschaft zu bieten hat.
Was geschieht mit dem riesigen Erfahrungsschatz der Älteren und Alten? Wo und wie wird er wirklich genutzt, um heutige Probleme zu lösen? Nicht als Alternative zu den Ideen nachfolgender Generationen, sondern eng verzahnt mit ihnen – und das überall im Alltag. Sowie es ein Ringen um ein Miteinander im deutschen Vielvoelkerland gibt, wünsche ich mir ein solch intensives Ringen um ein Miteinander der Generationen. Ein Bewusstsein dafür und eine Suche nach geeigneten Formen, die weit über das Vorhandene hinausgehen.
Können wir es uns denn leisten, die Ressourcen des Alters brach liegen zu lassen?
Die Leichtigkeit von der ich Anfangs sprach, hat doch auch mit etwas mehr Draufsicht und dem etwas sicheren Blick für das Wesentliche zu tun…
Für Kinder und junge Erwachsene ist es sehr wichtig, eigene Erfahrungen zu machen und sich auszuprobieren. Die Erwachsenen dürfen mit einem wachsamen Blick in der Nähe sein. Sie müssen aber auch den Mut haben loszulassen.
Gilt das Gleiche auch im Kontext der Generationen, im gesellschaftlichen Kontext?
Ich glaube nicht.
Nachsatz: Ich musste gerade laut lachen. Mein Titel „Alterslos“ wurde von der IPhone-KI in „Altersvorsorge“ verwandelt. Das ist doch genau das, worum es mir geht. Auch so ein Schlagwortklassiker, wenn es um 60plus geht. Nichts dagegen. Aber wäre es nicht genauso wichtig, über die oft unvermeidlichen Einschränkungen im Alter Bescheid zu wissen? Dass ein kleines Kind vieles noch nicht ist selbstverständlich akzeptiert. Und das im Alter vieles nicht mehr geht? Ich glaube da fehlt es an Selbstverständlichkeit. Wer fragt mal nach den Vorzügen des Alters, nach dem guten Lebensgefühl?
Der Blick aus dem hohen dritten Stockwerk auf ein leuchtend blaues Blütenmeer. Riesige Jacarandabaeume rahmen den Platz da unten ein. Ein Weltenwechsel. Vom ziemlichen Norden in den ziemlichen Süden.
Und noch mehr: Zeitenwechsel. Auf dem Platz sitzt Picasso auf einer Bank. Der bronzene P. lebt weiter in seiner Geburtsstadt. Ein paar hundert Schritte vorwaerts lädt ein römisches Amphitheater ein. Uralte Steine. Drüber, auf dem Berg , drohnt gewaltig die Festung aus dem Mittelalter.
Dann auch noch ein bisschen Heute mit Strohhutverkaeufern, einer lebendigen silbernen Skulptur, die Tennis spielt. Ein großes Kino, viele kleine Kaffeehäuser, Modelaedchen.
Nochmal wenige hundert Schritte weiter zwischen zwei stark befahrenen Straßen plötzlich ein nahezu stiller tropischer Wald, na ja eine Parkanlage. Weltenwechsel.
Und wieder ein Zeitenwechsel. Eine Glasfassade mit farbigen Quadraten. Dieser Ableger kommt aus Paris. Ein kleineres Centre Pompidou lädt aktuell mit Kandinsky ein.
Und dann ganz plötzlich das Meer. Ziemlich Blau, riesige Kreuzfahrtschiffe – sie stoßen mich genauso ab wie sie mich faszinieren. Schöne neue Welt.
Ein Stolpern zwischen Zeiten und Welten. Meine Alltagsflucht wird zum Zeitraffer. Das will verdaut werden und macht Spaß. Was soll’s mit Zeit und Raum.
Das Gewordene ist mehr geworden, aber das Werden hört nicht auf. Im Alter. Ich bin auf der Suche, mal wieder oder wie immer.
Sagen wir mal so: Das Frausein, die weiblichen Fähigkeiten haben sich in den letzten Jahren ein bisschen mehr ins allgemeine tägliche Bewusstsein gedrängt. Ich sage bewusst „ein bisschen mehr“, weil ich einen noch langen mühseligen Weg ahne. Doch der scheint mir inzwischen unumkehrbar. Hoffentlich.
Wenn ich heute Morgen nach Istanbul schaue und lauter beanzugte Menschen an den Verhandlungstischen sehe, kommen mir leichte Zweifel. Wo sind an so entscheidender Stelle die Menschen weiblichen Geschlechts? Die Stimmen, die durchdringend fordern „ Hört auf unsere Kinder abzuschlachten, zu ermorden. Auf solche tote Helden wollen wir verzichten, die brauchen wir nicht!!!“ Doch die Macht ist männlich und so unglaublich fest zementiert. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Trotz aller Fortschritte.
Mir klappte jüngst der Unterkiefer herunter, als eine junge linke ziemlich charismatische Politikerin fast schrie, dass ihre Partei den Kapitalismus abschaffen will. Kein Wort weiter. Ich hätte ja wenigstens eine Andeutung des WIE erwartet. Ansonsten ist das für mich übler linker Populismus, Lieschen-Müller-Politik oder irgend so etwas. Doch die Rednerin verfügt über Ausstrahlung und man hofiert sie durchaus.
Aber, um zum Anfang zurück zu kommen, allmählich glaube ich, dass der Weg um eine andere Ecke geht. Das bewusste, selbstbewusste Weibliche muss sich der Macht und den Mächtigen stellen. Noch viel viel konsequenter als bisher und sich nicht einschüchtern lassen von der geübten Männlichkeit. Denn die weiß vermeintlich immer noch wie MANN es macht und es schon immer gemacht hat.
Ich denke da in jüngster Zeit an Anna-Lena Bärbock und Saskia Esken. Durchaus auch Angela Merkel. Was war ihr Fehler? Für mich auffällig, dass die beiden Erstgenannten auf weibliche Weise, die Angelegenheiten betrachtet und ausgesprochen haben, dass sie nicht die besseren Männer sein wollen. Ich habe nirgendwo überzeugende Argumente für ihre vermeintliche Unfähigkeit gefunden. Bei Baerbock nur: ‚So kann man doch unmöglich Außenpolitik machen‘. Aber womöglich FRAU. Ist es vielleicht dringend notwendig, die althergebrachten Maennerspielregeln der Diplomatie aufzubrechen und zu verwandeln?
Für Esken habe ich letztendlich nur den Hauptvorwurf gefunden, dass sie keine Ausstrahlung, kein Charisma habe. Ich finde: Hat sie, nämlich eine sachliche verbindliche Glaubwürdigkeit, verbunden mit ehrlichen Mühen. Nicht das Salbungsvolle oder das „Ich weiß es“ der männlichen Welt.
Merken wir überhaupt wie sehr männliche Sicht- und Denkweisen und männliches Urteilen unsere Gesellschaft dominieren???!!!
Das Gewordene ist ein Geschenk. Wir werden reichlich damit beschenkt. Aber irgendwann können wir es nur noch in die Vitrine stellen oder mit kühnem Schwung kreativ verwandeln.
Eigentlich wollte ich über das Alter schreiben. Fortsetzung folgt.
Kritzelei vom heutigen Tag: Roter See im blauen Wald mit grüner Katze unterm grünen Mond. Erst mal Vertrautes gnadenlos aufbrechen…Wie sonst soll Neues entstehen?