Ostwestlich (22)

Eigentlich wollte ich mit dem Thema aufhören. Eigentlich. Selbstschutz. Aber nun doch noch ein Nachtrag zum letzten Ostwestlich. Da Jahrestag war, wuselt es noch reichlich durch die Medien. Einen Beitrag zum Thema, der Gestern (10.10.) beim RBB im Hauptprogramm gesendet wurde, möchte ich in der Mediathek empfehlen. Es ging um das Ostwest-Thema und die Rolle der Medien, um Zerrbilder und die Quellen aus denen aktuelle Befindlichkeiten gewachsen sind. Auch über den Wessi-Blick auf den Osten. Und die vermeintlich seltsamen Menschen im Osten.

Was mich selbst immer wieder beschäftigt, da nahezu täglich damit konfrontiert:

Ich habe das Gefühl – und nicht nur das -, dass ich mich mitten in einem großen Spiel befinde, aber Spielregeln nur begrenzt kenne und daher nicht beherrsche. Ein ungutes Gefühl. Und es macht so auch keinen Spass, weil ich dabei zum Fremdkörper mutiere.

Außerdem: Wir sprechen die gleiche Sprache und meinen oft doch etwas anderes. So passiert es seit Jahrzehnten, dass ich mit schöner Regelmäßigkeit in Fettnäpfchen, besser Fettnäpfe trete. Es bestimmen eben die Westnormen alle, aber auch alle, Spielregeln. Mit perfekter Anpassung lässt sich dieses Problem auf die Dauer nicht lösen.

Also: Reden wir endlich MITEINANDER und verabschieden uns von dem Glauben alles zu wissen. Und denken wir zusammen auch mal darüber nach, wie es ist, unter gleichen Bedingungen mit ungleichen Voraussetzungen zu leben.

Die Hoffnung bleibt: Schließlich ist jetzt nach 35 Jahren dieses Thema endlich ein bisschen zum Thema geworden. Mal sehen, wenn ich noch dabei bin, wie es in fünf Jahren zum 40. Jubiläum aussieht.

Lichtvolle fantastische Illusionen in diesen Tagen in Berlin, dieses Spektakel der Illusionen mag ich…

Wieder mal: Ich freue mich

Ich freue mich, dass heute Morgen die Sonne geschienen hat. Über Stunden. Dass ich einen schönen Herbst mit allen Fasern meines Seins spüren kann. Dass das Weinlaub auf dem Balkon sich allmählich in tiefes Rot verwandelt. Dass meine Fenster neue Farbe bekommen. Dass ich mich in meiner Wohnung noch immer wohl fühle. Dass ich bald meine Enkelkinder wieder sehe.

Und dass um mich herum eine friedliche Welt ist ohne Raketen, Detonationen, ohne massenhaftes Sterben…

Ich bin froh, dass ich den Rest der Welt mal für eine Weile ausblenden kann.

Ostwestlich (21)

Ich verbiete Euch den Mund, liebe Wessis! Ich mag Euch, auch in Eurem Anderssein. Und ich weiß, dass IHR genug mit Euren Problemen zu tun habt. Aber bitte hört jetzt auf, über die Ossis und den Osten zu reden und zu schreiben. Selbst die differenzierteren Beiträge zu diesem Thema haben eines gemeinsam: Sie sind die Sicht eines Wessis und der Erklärungsversuch aus westsozialisierter Sicht. Mein Gefühl: Das ist eine neue Art von Bevormundung von einem Teil der Gesellschaft, der allein weiß was gut und richtig ist. Siegermentalität.

Lasst die Ossis erzählen, ALLE und hört bitte mal zu. Nehmt ihre Lebenserfahrung ernst. Und respektiert wenigstens ein Bißchen, dass da 40 Jahre tatsächlich ein anderes Gesellschaftsmodell versucht wurde. Mit allen dabei entstandenen Widerwärtigkeiten und Schräglagen. Mal vorsichtig gefragt: Könnte es sein, dass dort, wo Macht im Spiel ist, die bösen Ausuferungen wahrscheinlich kaum vermeidbar sind? Macht scheint mir ein äußerst gefährliches Virus zu sein.

Der Osten und seine Menschen sind nicht mitgenommen worden auf eine gemeinsame Reise in eine neue Zukunft. Wenn das geschehen wäre, was wäre da möglich gewesen! Aber der Osten ist schlichtweg vereinnahmt, eingegliedert worden. Aufschreie werden mit: „Freut Euch doch, was ihr alles gewonnen habt!“ kommentiert. Klar, freue ich mich über all die neuen Möglichkeiten. Bis heute. Doch ich habe auch verloren: Meine Geschichte, meine Vergangenheit, 40 Jahre meines Lebens, die nun seit 35 Jahren verteufelt und verhöhnt werden. Trotz allem habe ich nicht 40 Jahre meines Lebens im Gefängnis gelebt. Ich habe gelebt, gelernt, geliebt, habe Neues und Altes ausprobiert, habe versucht, meinen Kindern mein Bestes mit auf den Weg zu geben. Durch alle Höhen und Tiefen eines Lebens. Da haben wir, Ost und West, bestimmt vieles gemeinsam.

Doch das, was anders war und wie es anders war, das ist auch erzählenswert. Die Sicht der anderen Seite, die nicht schon früher freiwillig die Seite gewechselt hat. Ich habe allen Respekt vor denen, die es so nicht wollten, die im Widerstand waren, die vieles gewagt haben und es auch wagten auf der anderen Seite noch einmal neu zu beginnen. Diesen Respekt möchte ich aber auch für meinen Weg einfordern, der von viel Hoffnung und Idealismus geprägt war, dass es einmal auf der Welt anders gehen könnte. Geprägt auch von reichlich unbeantworteten Fragen, Zweifeln, vom nicht mehr Einverstanden sein.

Heute stehen wir doch alle zusammen vor einem MUSS, wenn wir überleben wollen. „Die letzte Generation“ hat es in ihrem Namen festgeschrieben. Wenn ich auch nicht alles gut heißen kann, was sie treiben – ihre Intention ist nicht übertrieben.

Was hat das mit dem Ost-West-Thema zu tun?

Es hat mit dem Hinhören, dem genaueren Hinhören und dem Sich-darum-Mühen zu tun. Wenn seit 35 Jahren keiner wissen will, wie ich in der anderen Welt gelebt habe und trotzdem immer alles über den Osten weiß – tut mir leid, da stimmt was nicht. In einem Podcast wurde jüngst, wahrscheinlich Aristoteles zitiert, der gesagt hat: „Siegen macht dumm.“ Schwarz-weiß taugt nicht zum Verstehen und nicht für Empathie, die schon zum Modewort verkommen ist. Eigentlich wissen wir es. Denken wir auch beim Urteilen und verurteilen daran? Goethes Mephisto im Faust ist ein gutes Beispiel dafür, der u.a. auch als Herausforderer und Anreger daher kommt. Und Faust hat genügend unfreundliche Seiten…

Nicht alles, was ich da erzähle, aber ich bin mir sicher einiges davon, hat auch mit den aktuell frustrierenden Wahlergebnissen in den neuen Bundesländern zu tun. Solange nur eine Geschichtsdiktion West möglich ist, die die Idee des Kommunismus grundsätzlich verteufelt, muß doch diese vereinnahmte Gesellschaft Ost auf Abwege geraten. Wie schwer ist es für junge Menschen, die auf der Suche sind, die in diese diffizile Gesellschaft hineingewachsen sind? Wie schon ein andermal gesagt und geschrieben, mich wundert nicht, was zur Zeit in UNSEREM Deutschland geschieht. Nach der Wirtschaftseuphorie der ersten etwa 20 Jahre, zeigt sich möglicherweise erst jetzt langsam, dass der Osten eventuell ein Fehlkauf war…Verschenken oder in den Secondhand geht in diesem Fall nicht. Wenn kein Dauerfrustobjekt draus werden soll, ist Kreativität gefragt.

Ich schätze die gewachsene Demokratie der alten Bundesrepublik durchaus. Mit der – aggressiven – Marktwirtschaft habe ich, bei allen Vorzügen, größere Probleme. Zwei Heilige Kühe, Demokratie und Marktwirtschaft, die aber in ihrer jetzigen Form nicht mehr ganz in diese Welt zu passen scheinen. Kann man Heilige Kühe schlachten? Oder gibt es andere Wege sie zeitgemäßer zu machen? Wenn die Gentechnik schon so viel kann, dann müssten doch die schlauen Köpfe an den Universitäten und Hochschulen und Forschungseinrichtungen analog auch Ideen haben, wie Defekte in diesem Bereich repariert werden können.

Es geht nicht nur um die materielle Situation, die im Osten deutlich schlechter ist. Und dass das Nicht-Vererben-Können zwangsweise weiter vererbt wird. Noch lange. Es geht um Mut Zukunft zu denken. Etwas größer als die täglich zu lösenden Probleme zu denken. Um eine Entrümplung des Althergebrachten. Wenigstens das erst mal. Konsum allein macht nicht glücklich. Nicht nur beglückend ist, wenn ich alles überall sagen darf. Was ja so auch nicht ganz stimmt.

Vielleicht geht es darum, zu verinnerlichen, dass die alte Bundesrepublik so nicht mehr existiert. Und sich darüber klar zu werden, was die Neue geworden ist und werden will. Könnte doch sein, dass die Ossis da auch etwas zu sagen haben. Also, liebe Wessis, schweigt mal eine Weile und hört einfach mal gut zu. Wie gesagt, ich mag Euch…………

Ein herbstlicher Furor und…
…eine versöhnliche Sommerblumenwiese

Neugeboren

Das Ende ist für mich in greifbare Nähe gerückt. Und doch fühle ich mich immer wieder mal wie neugeboren. Ich glaube, dass es nicht nur mir so geht. Es dürfte ein Phänomen des Alters sein: Diese innere schöne Kraft zu spüren, die jung macht und die auch Frieden und Gelassenheit schenkt.

Es ist dieses unglaubliche Gefühl, der großen Freiheit, der inneren. Ich bin bei mir angekommen, zumindest mir selbst sehr nahe. Das Außen berührt mich durchaus sehr. Doch es kann mich nicht mehr ins Stolpern und Schwanken bringen.

Auf die Neugeborenen bin ich allerdings manchmal ganz schön neidisch. Sie haben noch für eine ganze Weile diese innere Sicherheit, mit der sie ihre Bedürfnisse kundtun und vertrauen, dass sie erhalten, was sie brauchen. Selbst wenn sie schreien ernten sie noch ein Lächeln und Trost. Meist jedenfalls.

An der Stelle bin ich schon auf der anderen Seite. Ich weiß, was mein Schreien anrichten kann. Und wenn es doch passiert, finde ich keine Zu- sondern Abwendung. Geht also nicht. Oder? Die Wut einfach rauslassen, alle verprellen und hoffen, dass sich es irgendwann wieder legt.

Aber ganz im Ernst: Gibt es nicht viele Berührungspunkte zwischen der frühen Kindheit und dem Alter?

Die Kleinen können noch nicht für sich sorgen, die Altgewordenen nicht mehr oder nicht so gut. Ist es möglich, dieses Grundvertrauen wieder zu erlangen? Eine Selbstverständlichkeit kann dieser Besitz nicht wieder werden… Aber…

Aber, schön wäre es, immer mal gefragt werden, was gebraucht wird. Und da meine ich nicht die Einkäufe im Supermarkt. Ich bräuchte schon öfter mal ein Zuhören. Denn im Gegensatz zu den Winzlingen, kann ich genau definieren, wo ich wirklich Hilfe brauche. Aber auch, was ich gut kann. Schon ein Zweijähriges stellt sich hin und ruft begeistert „Guck!“, wenn ihm etwas Neues gelungen ist – und alle freuen sich.

Ich würde gern den Jüngeren erzählen, was das Alter schön macht. Weil, meist fallen nur die zunehmenden Einschränkungen auf. Und die Angst davor ist groß, ziemlich oft.

Was beim Baby das selbstverständliche Urvertrauen ist, das verwandelt sich mit zunehmenden Alter in ein Grundvertrauen in die Welt, in das Göttliche. Im besten Fall. Wir haben es selbst in der Hand. Auch ein bisschen wächst da der Gedanke, dass geschehen muss, was geschieht. Wahrscheinlich auch das nicht Begreifbare. Das noch nicht Begreifbare. Möglicherweise hängt all das mit der erreichten Entwicklungsstufe des Menschen, der Menschheit zusammen. Haben wir alle schon ausreichend Fähigkeiten, zusammen diese Welt zu erhalten…? Oder…

Im Alter wiederholt sich auch die Freude über die großen und kleinen Schönheiten, die uns umgeben. Beim Kleinkind ist es die Freude am Käfer, an der Blume auf der Wiese. Ich begeistere mich seit Jahren für die riesigen uralten Bäumen und ihre Stämme, die von erlebten Jahren erzählen.

Was verbindet diese zwei besonderen Lebensabschnitte – den Anfang und das Ende noch?

Sie sind verhältnismäßig kurz. Schade in beiden Fällen. Eigentlich sind es geschenkte Jahre – die ersten und die letzten. Viel Freiheit, aber auch die Fähigkeit zum Genuss. Wenn zu große Ängstlichkeit im Umfeld, diese Chance nicht überschattet.

Aber Achtung, auch Bevormundung aus gut gemeinten Gründen tut in beiden Lebensphasen überhaupt nicht gut.

Teilen wir also die Freude am Neugeborenen und am Neugeborensein miteinander!

Erntezeit. Und: Was bleibt von mir?

Zu-Ende-Bring-Tag

Gestern hat es geregnet. Keine Termine. Nichts Zwingendes. Ich muss nicht vor die Tür. Erst am Ende muss ich doch. Doch dazu später.

Was also tun? Das wäre ja eigentlich so ein Tag zum Malen. Alles steht griffbereit. Doch: Keine Intuition. Auf dem Weg von einem Zimmer zum anderen stolpern meine Augen über tausenderlei Liegengebliebenes. Schon längst, wenn auch nicht zwingend, erledigt sein Sollendes.

Aha, geht es mir durch den Kopf, ist doch ein schönes Gefühl, wenn mich das alles mal nicht mehr angrinst. Und ich fange an eine befleckte Kühltasche zu reinigen. Das erste neu entdeckte Spinnengewebe entfesselt meinen Jagdeifer und lässt meine Augen über Flecken an der Wand stolpern. Oh, das Telefonat – 10. Versuch und es klappt, Problem gelöst. Zwischendurch erscheint der Fenstermaler zur Begutachtung seines bevorstehenden Arbeitspensums. Der Staubsauger freut sich als ich ihn begrüße, jedenfalls jault er sehr laut auf und ist eine halbe Stunde später verstopft – chronisch. Eine neue WhatsApp-Nachricht erinnert mich an Unterlassungssünden, also Antworten schreiben…Auf diese Weise wird es gemütlich 16 Uhr und ich entdecke eine Paketbenachrichtigung.

Inzwischen scheint die Sonne und ich mache mich mit einem schönen Gefühl der Erleichterung über all die erledigten „Leichen“ in meinem „Keller“ auf den Weg zur Poststelle. Nichts weiter als Ausweis und Geldbörse in der Jackentasche. Ausgehändigt bekomme ich eine Riesenkiste, elend schwer, sieben Kilo. Den Test konnte ich mir zu Hause nicht verkneifen konnte. Ein Glück, dass Edeka am Weg lag. Mit der schnell gekauften Tragetasche schaffe ich es mit der Last bis nach Hause.

Die Last: Sieben Jahre meines Lebens. Die Blogs dieser Zeit in zwei dicke Bücher gebannt. Ein Projekt, das seit Jahren herumgeisterte und immer wieder scheiterte. Wie schön, dass es diesen Zu-Ende-Bring-Tag zu einem Abschluss rundete.

Mal sehen, was meine Nachkommen zu diesem Erbe sagen. Für sie ist es in erster Linie gedacht.

Ach ja, und dann ist in der Nacht auch noch ein Pullover fast fertig geworden. Demnächst feiert das Projekt sein Einjähriges. Wenn es soweit ist, dann ist auch das vollbracht. Wahrscheinlich.

Ein fast ganz gewöhnlicher Tag in meinem Leben, an dem ich eigentlich auch noch diesen Blog schreiben wollte. Was nun heute geschehen ist. Und auch die Schuhe wollen noch geputzt werden…

Balkonmomente am Samstag

Ein wunderschöner Spätsommertag. Der rotweissgepunktete Kaffeebecher und um mich herum die phantasievollen Kreationen der Natur. Sie, die Natur malt unglaublich. Ich freue mich daran.

Doch dann überwältigt mich mal wieder der Frust. Ich darf nicht ins Denken kommen. Gern hätte ich gewusst, ob es anderen im Osten Aufgewachsenen und dort über ein halbes Leben sozialisierten auch so geht. Das ewige Gefühl, dass da etwas ausradiert wurde und wird. Und der Gedanke, „dass will niemand wissen“. Ich will nicht auch noch ein Buch schreiben. Mal abgesehen davon, dass die kurze Form mir eher liegt.

Diese Gefühle und diese Gedanken, von denen keiner wissen will, tun mir nicht gut.

Mal sehen, wo das noch hinführt. Meine Wegstrecke ist nur noch kurz.

Balkonmomente an einem Septembertag

Ostwestlich (20)

Zwanzigmal das für mich leidige Thema Ost-West. Das reicht. Eigentlich. Aber, das Wahlwochenende hat sich mir gnadenlos auf den Magen und überallhin gelegt. Eigentlich, könnte ich sagen, was gehts mich mit auslaufendem Haltbarkeitsdatum noch an. Die Lösungen müssen die Nachfolgenden finden. Noch mal „Aber“: Mit mir sterben nach und nach alle Zeitzeugen mit intensiv gelebter DDR-Vergangenheit aus. Viele hätten zum Thema Vieles und viel Verschiedenes zu sagen und zu erzählen.

Ich fange mal mit einem Zitat von Harald Martenstein aus dem letzten Zeitmagazin an: „Alle jammern darüber, dass der Osten abdriftet. Aber zu Wort kommt er selten. Insofern darf sich keiner darüber wundern, dass die Wut weiter wächst.“

Ergänzen möchte ich: Über den Osten befinden zu etwa 90 Prozent westsozialisierte Mitbürger in der Öffentlichkeit. Sie glauben es zu wissen und wissen alles über den Osten. Es ist aber schlichtweg ihre Perspektive, die der nicht unmittelbar Beteiligten. Im persönlichen Gespräch läuft es nahezu immer darauf hinaus: Man hatte ja Onkel und Tanten und was weiß ich im Osten und habe sie auch besucht. „Man“ hat mit sich und dem Jetzt zu tun, das reicht schon.

So ist das seit nun fast 35 Jahren unverändert, wenn ich von der beidseitigen Euphorie des Anfangs absehe. Seit dem wird aufgearbeitet, auch das überwiegend einseitig. Kaum wird aus einer Haltung argumentiert, die Schwarzweiß-Sichten ad Acta legt. Doch die Welt ist nicht schwarz und weiß. Alles, aber auch (fast) alles bewegt sich ständig zwischen den beiden Polen.

Vieles wird nicht bedacht beim Urteilen über den Osten und seine Bewohner. Nicht der Kalte Krieg und all das, was er auf beiden Seiten hervorgebracht hat. Nicht die Idee, vom Anders-und-besser-machen-wollen tradierter Markt- und Sozialwirtschaft &Co, genannt Sozialismus. Schon längst nicht mehr, dass das „Es reicht jetzt“ und der Mut dazu aus dem Osten kam. Macht birgt immer die Gefahr in sich, dass die Machthaber abheben und dazu neigen zu pervertieren. Das ist kein Phänomen der verstorbenen DDR. Ein aktueller Rundumblick weltweit genügt.

Woraus könnte also diese Wut der Wähler in Sachsen und Thüringen gespeist sein? Dazu gibt es leider bis heute keine sachlichen Analysen im analysebesessenen Land. Kann ja sein, dass diese Wahlergebnisse, die ich als Aufschrei empfinde, endlich mal in diese Richtung führen. Zum genaueren tieferen Hinschauen.

Vorsichtig angefangen: Ist es vor allem purer Naivität geschuldet zu glauben, dass Höcke & Co ein geeignetes relativ harmloses Ventil für den Frust sind? Und dass ein Drittes Reich sich schon nicht wiederholen wird… Zu ergänzen: Die führenden Köpfe dieser Bewegung sind westsozialisiert. Deren Anhängerzahl ist auch im Westen Deutschlands nicht gering.

Und: Wie ist das mit dem Populismus? Wir alle haben unter anderem erlebt, dass Amerika schon viel länger dahin abdriftet. Es sind die Unzufriedenen, die Taten sehen und nicht immer wieder (oft unerfüllbare Worte) hören wollen. Der Populismus richtet sich an die Gefühle und baut auf Show-Elemente. Gefühle sind leichter zu aktivieren als Gedanken und Nachdenken. Und wer hat schon ständig Lust dazu? Unsere Regierungen müssten es beherrschen, immer und konsequent beides anzusprechen. Sonst verlieren sie. Jede Menge Mitmenschen am Weg.

Und dann, muss ich wieder zum Anfang zurückkommen. Was Ost und West angeht, gibt es verschiedene Ebenen. Die politische, die durchgehend von einer Siegermentalität getragen und getrieben ist. Durchaus auch zurecht: Ich sehe all die Vorzüge des marktwirtschaftlichen Lebens und seiner demokratischen Möglichkeiten. Auf vieles könnte ich auch gern verzichten. Doch das ist, glaube ich, nicht die Frage. Wir alle – und wahrscheinlich der Osten noch stärker – erleben (wieder), dass ein System an seine innersten Grenzen stößt. Wie lässt sich denn heute noch gute Politik machen ohne ernsthaft marktwirtschaftliches und finanzwirtschaftliches Denken und Handeln in Frage zu stellen? Ohne wenigstens einmal zu versuchen neu zu denken und zu sortieren? Ein Tabu. Doch irgendwo dort, bin ich mir sicher, ist lebendige Zukunft denkbar. Ist es, wie manche inzwischen denken, wirklich unvermeidbar, dass erst ein neuer Krieg die Marktwirtschaft wieder revitalisieren wird?

Ein kleiner Beitrag dazu könnte sein, dass nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Erfahrungen des Modells DDR ernsthaft aufgearbeitet werden. Und mit dem Jetzt-Zustand unserer Gesellschaft abgeglichen werden. Nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Auch auf menschlicher. Es gab einiges mehr als nur Widerstand. Und selbst der hatte viele Facetten. Das wäre auch ein Beitrag dazu, dass sich die Menschen im Osten gesehen und integriert fühlen.

Leider hat die Bundes-Ampel bisher eine Chance vertan: Es ist beim Parteien-Gerangel – zumindest für die Öffentlichkeit – geblieben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass die Regierenden uns vorführen, wie Interessenausgleich und gute Kompromisse herbeigeführt werden. Und der Öffentlichkeit hätte ich die Geduld gewünscht, solch langwierige Prozesse zu begleiten. Doch da beginnt ein neues Thema, das mit den Parteien selbst zu tun hat.

Unsere schöne Welt…