Irren ist menschlich

Oder? Ich finde schon. Jeder Mensch kann sich irren, hat sich schon öfter mal in seinem Leben geirrt. In größerem Format bestimmt auch.

Ich finde es nicht schlimm, das Irren. Wie gesagt, es ist menschlich, sehr menschlich. Die Alltagsfloskel ist uns sehr geläufig.

Aber: Warum fällt es den meisten von uns so schwer zu sagen „Ja, verdammt noch mal, ich habe mich geirrt, sorry. Muss mal weiter nachdenken.“ Und das wird dann auch allseits akzeptiert.

Auch Politiker sind Menschen.

Ach ne? Ja klar, sie eiern seit Wochen coronamässig herum. Sie lassen sich in alle möglichen Ecken drängen. Wäre nicht öfter mal der Satz ehrlich: Wir haben da was unterschätzt, müssen uns korrigieren. Tut uns leid. Oder, muss ich an der Ehrlichkeit zweifeln? Tu‘ ich eigentlich nicht. Nicht grundsätzlich, ohne Grundvertrauen kann ich nicht…

Ich bin überzeugt, das Problem sind nicht die Irrtümer. Es geht um die Unfähigkeit, sich selbst zu korrigieren. Ohne das Gesicht verlieren zu müssen. Warum auch: Irren ist menschlich, das verbindet doch. Und sollte nicht spalten.

Wir und die Schatten

Zuviel Moral

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat – irgendein Philosoph oder Wissenschaftler jüngst im Radio. Aber die Aussage ist hängen geblieben: Die Gesellschaft sei ihm zu moralisch. Seit dem kreisen meine Gedanken um die Aussage.

Kann es ein Zuviel an Moral geben? Eigentlich nicht, finde ich. Wir sollten doch nie genug davon haben. Das macht das Miteinander besser und bestimmt auch ehrlicher. Soweit so gut.

Aber irgendwo ist an der Aussage ein Zipfelchen, zu dem etwas in mir JA sagt.

Was ist Moral? Ein Glaubenssatz? Die zehn Gebote der Religion? Verhaltensregeln? Normen?

Das Wörterbuch sagt: „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden, ‚die öffentliche Moral‘…

Okay, das brauchen wir, um klar zu kommen im alltäglichen Zusammenleben. Aber wo fängt das Regulativ an, wo hört es auf, muss es möglicherweise aufhören? Dieses eventuelle Zuviel…

Über Verkehrsregeln muß niemand grundsätzlich diskutieren. Wir wollen schließlich im Geschwindigkeitsrausch überleben.

Für mich geht es an erster Stelle um den Blick in den Spiegel, um meinem ICH in die Augen zu schauen. Nein, ich meine nicht den Spiegel, der mir Falten und andere Unebenheiten zeigt. Sondern den, der mir meine inneren Unebenheiten sichtbar macht. Eine “kosmetische” Korrektur in diesem Bereich macht mich auch glücklicher. Dort geht’s meist ums Moralische – im Spiegel der Selbsterkenntnis. Kann es dort eigentlich ein Zuviel geben? Ich glaube da nicht.

Doch für diese Art Moralität taugen Regulative überhaupt nicht. Nicht mehr.

Aber es braucht Mut, Wachheit, den unbedingten Willen zur Bewusstheit. Und es kann durchaus auch schmerzhaft werden, wenn ich mir selbst tief in die Augen schaue und weit dahinter. ICH muss etwas tun, ganz allein aus mir heraus. Die eigenen Gespenster haben es in sich…Ich brauche ganz gewiss jede Menge Moral, um sie zu besiegen.

Michaelische Kraefte –
etwas davon, bevor es ans Wiegen, an die Bilanz geht, wäre schon ganz schön, um den inneren Drachen zu besiegen

Caspar

Allein vom Vornamen – Caspar – geht für mich eine geheimnisvolle Faszination aus. Wenig rational, dafür schon beinah religiös. Es entstehen sofort Bilder vor meinem inneren Auge. Abendstimmungen, sprechende Dunkelheit. Bilder, in denen ich mich verliere, Unendlichkeit, Zeit- und Raumlosigkeit. Alles Eins und ich mittendrin. Ein Sog…

Vor vielen Jahren gab es für mich ein Schlüsselerlebnis in Hamburg. Die große einmalige einzigartige Mark-Rothko-Ausstellung. Ein kleinerer Saal mit Rothkos großflächigen Farbmeditationen und mittendrin der Mönch am Meer. Magie pur, für mich ein Kathedralen-Erlebnis. Absolut überraschend für mich diese Komposition, damals.

Heute fand ich mich vor allem unter vielen Menschen wieder. Ein bißchen das Gefühl von Bilderstürmerei in der Alten Nationalgalerie, was so gar nicht zu meiner Stimmungslage passte. Doch das ist nun mal so, wenn große Ausstellungen die Stadt beglücken. Bei diesen Bildern allerdings träumte ich mir egoistischer Weise eine Nacht allein im Museum herbei.

Trotzdem war´s schön, die Originale in der Zusammenschau zu erleben. Wieder zu begegnen, neu zu begegnen. Caspar David Friedrich wurde vor 250 Jahren geboren. Die Bilder sind 200 Jahre alt und älter und so unglaublich zeitlos für mich.

Große Landschaften und verhältnismäßig kleine, oft schon winzige Menschen, wenn überhaupt. Sprechende Landschaften und schweigende Menschen. Andacht in den großartigen Kathedralen der Natur. Sie ist der Gestalter, nicht der Mensch. Trotzdem erlebe ich nicht das Gefühl von Ausgeliefertsein. Sondern Geborgenheit, geborgen in Schönheit und Größe. Ich gehöre dazu. Eben dieses unglaubliche Einssein in einer Stille, die nur Bildern zu eigen ist. Weit entfernt vom menschlichen Wahn des Beherrschens und des Alles-ist-machbar, dieser Alltäglichkeit unserer Bilderwelt. Die Geschwätzigkeit unserer Tage ins Niemandsland verbannt.

Als Jugendliche war ich dem Pantheismus sehr zugeneigt. Die Natur und wir in ihr, das ist das Göttliche. Die Schöpfung und kein Schöpferwesen. Wahrscheinlich lebt da so ein Grundgefühl in mir bis heute. Im Alter begegne ich meinen Wurzeln wieder.

Ich muß an die großen uralten Bäume denken, bei denen sich die riesigen Wurzeln ans Tageslicht gearbeitet haben…

Platon und Goethe wandelten auf ihre Weise auf eben diesen Spuren. Zwei, die mich mein Leben lang begleitet haben. Spannend wie ein Ausstellungserlebnis mich in biografische Reiche führt.

Caspar David Friedrich, Eichbaum im Schnee

Ein Bild, mit dem ich im stillen Gespräch bin, das mich nicht los lässt…

Randbemerkungen (17)

Ein lauer Sommerabend im Frühling. Wir sitzen draußen vor der Tür und verdauen Kafkas letzte große Liebe, die wir gerade im Kino miterleben durften. Sabin Tambrea war ein hinreißender Kafka. Leidenschaftlich tief lieben sich die Beiden, obwohl sich schon der Tod eingeschlichen hat.

Wir stoßen an auf den schönen Abend und schauen auf den Kirchturm vor uns. Seine Spitze in der Dämmerung erlebe ich als wollte sie sich unendlich ausdehnen in Sehnsucht nach dem Himmlischen, dem Göttlichen.

Wenig später ergänzt ein prächtiger Hubschrauber die Szenerie. Auch hier hat der Mensch sich dem Himmel genähert. Der uralte Traum vom Fliegen ist längst Wirklichkeit.

Kirchen bauen wir nur noch selten und eher keine hohen Türme. Dafür um so mehr Raketen und Raumschiffe, um weit im All fremde ferne Planeten zu betreten.

Ich frage mich, ob sich die Sehnsucht der Menschen verändert hat. Ist die Marsmission der Gegenwart irgendwie vergleichbar mit den gotischen Kathedralen der Vergangenheit?

Vielleicht suchen wir immer das Unsichtbare, Geheimnisvolle. Eroberungswille und Gottessehnsucht begegnen sich. Der Kirchturm und der Hubschrauber am Abendhimmel.

Mensch sein

Was könnte der Mensch sein, wenn er es werden wollen würde? Ein vollkommenerer und vielleicht sogar ein vollkommener?

Das klingt erst mal etwas verstiegen.

Ich glaube langsam, dass der Mensch an sich gar nicht weiß, dass das möglich ist.

Vielleicht brauchen wir unsere Schulen, um genau das zu lernen. Der Rest lässt sich beiläufig und später erledigen.

Schliesslich könnte die Welt besser werden, wenn menschliche Macht- und Kampfgelueste und Aggressionen aller Art allmählich Geschichte würden.

Wie das gehen könnte? Ich glaube zutiefst an die zwölf Tugenden. Sie beginnen in der mittelalterlichen Sprache mit “Starkmut durch Zucht”, womit ein geführter Mut gemeint ist – ein bedachter Mut. Nicht Übermut und auch nicht Tollkühnheit.

Die Reihe der Tugenden endet mit Liebe, mit der selbstlosen Liebe, die nichts für sich will, sondern ganz selbstverständlich gibt – Agape.

Die Tugenden lernen und üben – weltweit. Dann könnte sich die Welt allmählich ändern. Dann gäbe es eine Übermacht, die eine friedliche Welt will.

Dann könnten wir uns den wirklichen Problemen mit aller Kraft zuwenden: Dem Klimawandel, dem Hunger, der Armut, der sinnlosen Überproduktion….

Was braucht es, um etwas zu ändern, um all das Zerstörerische endlich der Geschichte einzuverlaiben?

Die Schönheit des Menschen und seine Kraft, mit der er soviel Gutes tun kann

Zu viel Gefühl…

…ich bin schon wieder bei einem Zuviel. Nach der Moral das Gefühl. Ich wage jetzt mal die These, dass zu viel Gefühl oft verheerend ist.

Die einen ertrinken buchstäblich in ihren Glücksgefühlen, in einer großen Liebe. Der Schritt zum Aussersichsein und damit auch einem Ausgeliefertsein ist oft nur noch ein kleiner. Meine Gefühle, und wenn sie noch so großartig und wunderbar sind, beherrschen mich dann und nicht ich sie. Grausam wird es, wenn sie nicht annähernd äquivalent erwidert werden. Das Glücksgefühl verwandelt sich in abgrundtiefen Schmerz. Auch darin verliere ich mich selbst.

Anderes Szenario. Kaum ein Mensch DENKT „Jetzt bringe ich mal ein paar Tausend Menschen um“. Aber er hasst den Anderen, weil er etwas hat, was er nicht hat , aber auch gern hätte. Weil die Ideen der anderen nicht in sein Weltbild passen. Die Gefühle übernehmen die Führung und er zettelt einen Krieg an, bei dem viele, viele Menschen sterben müssen. Tausende.

Dieser Mensch ist auch seinen Gefühlen gefolgt, diese „Nebenerscheinungen“ in Kauf nehmend.

Ich glaube immer mehr, je älter ich werde, dass Gefühle etwas Tückisches in sich haben. Dass sie Zügel, Steuerung, eine ordnende „Hand“ brauchen. Diese Aufgabe kann nur, nein, muss unser Kopf übernehmen. Ich bin dann kein sogenannter Kopfmensch, sondern ICHbestimmt.

Denken und Fühlen sollten, bin ich überzeugt, als unzertrennliches Paar erlebt und gelebt werden. Nur so können beide ihre großen Fähigkeiten entfalten. Außerdem braucht auch moralisches Handeln am Ende diese Symbiose.

Auch große Kunst entsteht aus großen Gefühlen oder…? Und Lebenskunst.

Wie bei Edvard Munch’s „Loslösung“ : Der Trennungsschmerz gerinnt für immer zum zeitlosen Kunstwerk

Ostwestlich (17) – heute wird‘s länger

Ich bin wieder bei mir, bei meinen Gedanken angekommen. Im Radio geht‘s um die Oskar-Nominierungen. Ein Gespräch mit dem Regisseur vom nominierten „Lehrerzimmer“. Er ist glücklich und gleichzeitig verstört. Während Wim Wenders und Sandra Hüller überall benannt werden – sehr zurecht wie er sich verehrend bekennt – taucht sein Name nirgendwo auf. Er erlebt Rassismus im weitesten Sinne. Als Enkel türkischer Migranten, Analphabeten die Großeltern, ist er sehr stolz, es soweit gebracht zu haben. Doch wer kennt den Namen des Regisseurs Ilker Catak? Ich nicht, ich muß erst googeln. Wahrscheinlich die meisten von uns. Ich finde auf der Tastur nicht mal das Häkchen, das unters C von Catak gehört. Soweit und nicht gut.

Und schon bin ich wieder im eigenen Gedanken-Karussell. Jetzt, wo das Wort Rassismus so häufig in aller Munde ist, habe ich immer öfter den Gedanken, dass das, was ich stets und ständig erlebe, auch Rassismus ist. Deutsch-deutscher Rassismus. Ich erlebe die ständige Ignoranz der anderen Geschichte, die oft sehr einseitig auf politisch/gesellschaftlicher Ebene als grobe Verfehlung und als kriminell dargestellt wird. Auch in dieser Hinsicht leben in mir mehr Fragen als Antworten.

Doch es gibt ja auch noch eine soziale und persönliche Ebene. Genau dort kommt das Wort Rassismus bei mir ins Spiel. Das andere Leben, dass allzu oft mit einem mitleidigen Lächeln abgetan wird.

Beispiele? Zwei aus den letzten Tagen. Eine sympathische RBB-Reporterin ist in Berlin-Marzahn unterwegs. Flapsig-munter erzählt sie ständig von Plattenbauten und der Platte in unterschiedlichsten Kontexten. Schließlich finden wir uns mit ihr in einer solchen Wohnung wieder. Die ebenfalls sympathische Frau hat mit ihrem Mann genau in dieser Wohnung vier Kinder erfolgreich auf den Weg in die große weite Welt gebracht. Mir geht das Herz auf, als sie sich plötzlich beim Stichwort „Platte“ freundlich bestimmt gegen das üblich Abwertende in diesem gebräuchlichen Begriff verwahrt. Sie seien glücklich gewesen, als sie endlich in eine großzügige Wohnung, fernbeheizt, mit Balkon einziehen konnten. Sie lebe bis heute gern in Marzahn.

Mal abgesehen davon, dass das damalige soziale Marzahn mit dem heutigen nur bedingt vergleichbar ist. Es könnte sein, wenn es nicht schon so ist, dass die Wohnungen in der „Platte“ wieder sehr begehrt sein werden. Denn Wohnen in Berlin ist nicht mehr bezahlbar.

Das andere Beispiel ist meine eigene Geschichte. Eine schöne bezahlbare Wohnung, eher etwas zu groß als zu klein, das ist ein Thema, das mich seit meinem 18. Lebenjahr mit hartnäckiger Penetranz verfolgt. Es hat immer unglaublich Kraft und Durchhaltevermögen gekostet bis die Probleme gelöst waren. Ich dachte schon, dass es jetzt ausgestanden ist. Nun hat es mich nach 20 Jahren wohliger Ruhe wieder eingeholt. Vernichtend eingeholt.

Erstens sind Wohnungen schlechthin wieder Luxusgut geworden. Klein, eng, und trotzdem noch unbezahlbar. 1500 Euro warm für zwei Zimmer von insgesamt 55 Quadratmetern. Was an Wohnungen in dieser Größe unter 1000 Euro warm veranschlagt wird, das ist rar und heiß begehrt. Besichtigungen mit größeren Personengruppen. Am Ende höfliche Absagen. Klar bei einer Wohnung und zwanzig bis 100 Bewerbern.

Aber, ich war beim deutsch-deutschen Rassismus, ich muß wahrscheinlich sagen verstecktem Rassismus. Eine Dame in edles Leder gehüllt von einem Unternehmen in Bochum erklärt mir, dass mein Einkommen um 1000 Euro höher sein müsste, um diese nette kleine Wohnung im abgelegenen Neubaugebiet (nicht Marzahn) in einer ostdeutschen Großstadt zu bekommen. Die nächste Vermieterin in ähnlicher Konstellation erklärt mir, dass es halt noch genug Menschen gäbe, die diese Miete bezahlen könnten und würden. Ich habe nicht die schlechteste Rente. Aber eine, die überwiegend im Osten mit anderem Einkommen, sprich deutlich niedrigerem als im Westen, erarbeitet wurde.

Ich glaube schon, dass ich rechnen und mit Geld umgehen kann. Doch das nützt mir gar nichts, weil der Staat oder was weiß ich festgelegt hat, dass die Miete nicht höher als 40 Prozent des Nettoeinkommens sein darf. Meine persönliche Gewißheit, dass ich die Miete bis zu einer bestimmten Höhe zahlen kann, interessiert niemanden. Auch nicht, dass meine Bedürfnisse im Alter andere sind als bei Jüngeren. Und dass der geschützte Raum einer Wohnung existentieller ist als in jüngeren Jahren. Nichts dergleichen zählt. Auch nicht die drei Kinder und jahrzehntelange Berufstätigkeit. Freilich ist das nicht nur ein Ostproblem. Nur wer einen größeren Teil seines Lebens im Osten Deutschlands verbracht hat, ist von dieser gesamtdeutschen Misere viel häufiger betroffen. Außerdem fehlen diesem Teil der Gesellschaft meist Rücklagen und Erbschaften aller Art, mit denen sich noch manches ausgleichen lässt.

Fazit: Das Diskriminierende, Rassistische hat viele Nuancen und ist oft sehr versteckt. Meine Gefühle dürften, wenn auch anderer Herkunft, nicht so unähnlich denen von Ilker Catak sein.

Wohn(Alp)Träume

Unbehaust

Bei allen Brüchen, Verunsicherungen, Herausforderungen – ich habe mich in mehr als sieben Jahrzehnten nie so unbehaust gefühlt wie in diesen Monaten. Es wackelt und crashed. In der großen, kleinen Welt da draußen und in meinem Leben. Spiegelbilder?

Das Einzige, dessen ich mir gewiss bin, ist, dass ich innere Arbeit leisten muss und auch will. Wenn Instabilität sich Drumherum stabilisiert, gerät das zu einer gewaltigen Anstrengung. Die innere Sicherheit und Stabilität will hart errungen werden. Mein Pech, dass mein irdisches Sein überschaubar geworden ist. Ich habe keinen riesengroßen Rucksack Zeit mehr, um an dieser Herausforderung zu arbeiten. Mein Glück: Die vielen gelebten Jahre machen es wahrscheinlich überhaupt erst möglich, diesen einsamen Weg in aller Konsequenz zu gehen.

Was auf diesem Pfad noch geschieht, ich werde sehen. Noch bin ich nicht sonderlich neugierig darauf. Wie gesagt, es crashed und wackelt rundum. Unbehaust sein, das bleibt mehr als ein Gefühl.

Brüchiges Eis – und schön alt der Baum, der Weg dahin lässt sich ahnen

Einfach nur (Winter)Stille

Der Bahnstreik hat genervt. Aber nicht nur. Er hat mehrfach meine Kreativität herausgefordert. Und das wiederum hat Spaß gemacht.

Zum Beispiel die Rätselaufgabe: Wie komme ich ohne Auto, S-Bahn oder Regionalbahn von Berlin nach Potsdam?

Ab und zu fuhr eine Regionalbahn, war mir zu unsicher. Schließlich wartete der Erstklässler in der Schule.

Eine etwas aufwändige Busverbindung war mir vertraut. Aber mit einem Haken. Eine Umsteige-Verbindung bei der der zweite Bus nur einmal in der Stunde fährt. Das ging dann auch von Anfang an schief. Weil der Erste gleich zweimal ausfiel.

Während des Wartens und Grübelns kommt mein Lieblingsbus, die Havellinie. Kurz entschlossen steige ich ein. Die Hoffnung war, am Wannsee eine Potsdamverbindung zu finden. Während ich im Bus noch mit dem Fahrer diskutiere und google, da klingelt das Telefon. Ich könne mir Zeit lassen weil das Kind erst noch sein Mittagessen genießen soll. Okay!

In dem Moment werde ich übermütig und beschließe durchzufahren. Endstelle Pfaueninsel.

Draußen feiner Nieselregen. Kein Problem dank der Wolljacke. Und ich bekomme, nun sei der streikenden Bahn Dank, viereinhalb Kilometer Winterwald und Havel ganz für mich allein geschenkt. Wirklich ganz allein. Himmlische Ruhe und bezaubernde winterliche Durch- und Ausblicke. Dunst und Nebel können so schön sein! Ein Bussard ( oder Sperber) gesellt sich zu mir und fliegt in 100-Meter-Abschnitten voraus bis zur Glienicker Brücke.

Dort wartet schon die Straßenbahn. Ich habe viel Zeit zum Ausruhen von Endstelle zu Endstelle. Und zur Vorfreude auf den wilden Knaben. Ritterburg-Spiel und Fussballtraining beschließen den Tag.

Fazit: Der Streik hat mir einen spielerisch schönen Tag beschert, durchgängig.

Impressionen