Es dauert keine drei Minuten, die ersten Klänge und ich bin hin und weg. Verzaubert. Wenn ich im Pierre-Boulez-Saal Musik höre, macht mich das glücklich. Mir fehlt nichts. Doch jetzt weiß ich, dass etwas gefehlt hat.
Was Sir Simon Rattle vollbringt, kann für mich kein anderer. Seine Magie verwandelt zusammen mit den Philharmonikern den Saal in ein Universum, mit dem ich verschmelze. Den Engeln ein Stück näher? Schon wieder Kitsch… Nein, mehr geht nicht. Meine Sitznachbarin schaut mich verklärt im Schlussapplaus an. Wie aus einem Mund sagen wir: „Mehr geht nicht.“
Wenig später im Bus eine völlig Fremde: „Das war ein Abend!“ Wir lächeln uns an und versuchen uns gegenseitig zu erklären, was es denn ist.
Eigentlich dachte ich, das geht gar nicht zusammen. Zu Hause schalte ich dann doch den Fernseher an und freue mich weiter: Leipzig gewinnt den DFB-Pokal.
Ich nehme ein Büchlein in die Hand und scheitere. Es ist fest eingeschweißt. Ohne Hilfsmittel nicht auf zu bekommen.
Das Buch habe ich vor geraumer Zeit im Treppenhaus eingesammelt. Eine schöne Gepflogenheit auf diese Weise Ausgelesenes weiter zu reichen. Und auch anderes noch Brauchbares. Mache ich auch regelmäßig.
Aber, dieses Büchlein ist noch nagelneu, sozusagen unberührt. Der Titel traf bei mir einen Neugiernerv: „Sind wir ein Volk?“ Ob ich anregende Gedanken drin finde?
Noch mehr beschäftigt mich: Hier, mitten im tiefen Westen, wird so ein Buch einfach ungelesen weggelegt, nicht mal reingeschaut. Es interessiert einfach nicht. Eine Erfahrung, die sich für mich hartnäckig wiederholt. Das macht mich traurig.
Wir sind ein Volk. Sind wir nicht. Spannend wäre es, so denke ich, gemeinsam den Prozess der Annäherung hinterfragend im Austausch zu begleiten. Aus zwei verschiedenen Lebenserfahrungen könnte doch eigentlich etwas spannend Neues werden. Doch, leider, die Annäherung war von Anfang an nur in eine Richtung möglich. Und ist es bis heute. Während die Generation, die zusammen nachdenken könnte, müsste, langsam aber sicher aussterben wird, gehen Schätze für immer verloren.
Manchmal habe ich keine Lust mehr, dort zu leben, wo eigene Werte nicht zählen. Wo meine ersten vier Jahrzehnte von beiden Seiten ignoriert werden. Von den einen, weil sie sowieso wissen wie es war, auch wenn sie nur die Oberfläche ein bisschen kennen. Von den anderen, weil sie sich gar nicht mehr wagen, offen mit ihrer Lebensgeschichte umzugehen und längst resigniert haben. Der „große“ Rest war im Widerstand und oft genug sein Podium. Doch Stopp, Ironie liegt mir nicht und das ist auch kein Wort zum Sonntag.
Ich freue mich an dem wunderschönen sonnigen Frühlingstag und genieße das Leben – so wie es gerade ist.
So viel Zeitgeschichte auf einem Schnappschuss: Der Berliner Dom der Hohenzollern, Zipfel vom Deutschen Historischen Museum und der ostdeutsche Fernsehturm
Die Zwischenzeit am Meer ist vorbei. Ich bin dankbar für vier Wochen Sonne, Meer und eisekalten Ostwind. Es war eine stille Zeit im riesigen Speisesaal, im Zwiegespräch mit dem Meer…und mit mir selbst.
Mit den bloßen Füßen im Sand zu laufen, das ist für mich ein unglaubliches Gefühl. Der Sand ist jetzt, am Abend, schon ein bisschen warm. Die Sonne hat den ganzen Tag geschienen und den inzwischen fast sanft gewordenen Ostwind vergessen lassen.
Der Sand schmeichelt den Füßen. Er macht mich lebendiger. So direkt mit der Erde verbunden zu sein, welch ein Vergnügen. Mal ist er weich und fast pudrig, dann erstaunlich fest, um mich im nächsten Moment in einem feuchten Loch verschwinden zu lassen. Schließlich rieselt er zwischen den Zehen.
Ich möchte losrennen, springen, mich einfach in das weiche Etwas fallen lassen.
Geht leider nicht mehr. Aber, barfuß am Meer – das geht. Wieder mal ein Geschenk des Himmels, eine Köstlichkeit.
Nachdenken: über soeben Gehörtes, Gelesenes, über eigene Wahrnehmungen und Empfindungen? Oder fremde Gedankengänge nachvollziehen, sie womöglich verinnerlichen, also nachdenken? Betonung auf ‚nach‘.
Ich finde, beim Verinnerlichen kann es gefährlich werden. Sehr gefährlich. Weil…sollten wir nicht nach unseren eigenen Gedanken, das meint aus unserer Substanz heraus leben?
Für andere Gedanken und Ideen offen zu sein, das ist sehr wichtig. Nur sollten sie über kurz oder lang verdaut werden. Verdauen heißt individualisieren. Etwas zum Nur-Mir-Eigenen machen. Nichts anderes. Jeder Organismus holt sich aus dem Verspeisten, was er und nur er zum Leben braucht. Und wie er es braucht. Er verwandelt. Mit den Gedanken sollte es nicht anders sein.
Ein pures Nachdenken und „Oh ja, das ist es!“ ausrufen und dem folgen – das muss irgendwann ins Chaos führen. Ich glaube, dass es krank macht. Der mühevolle Weg des Verarbeitens muss beginnen. Den kann nur ich in Gang bringen. Mein ICH ist gefordert, herausgefordert.
Querdenken kann dabei hilfreich sein. Aber danach hilft manchmal nur noch ein Kräuterschnaps. Um das Chaos zu klären , das unvermeidlich folgt. Unverdauliches muss ausgeschieden werden.
Überall stehen sie im Ort: freundliche graublau leuchtende Bänke nebst eingeholzten Papierkörben in der gleichen Farbe. Ich mag diese Farbe sehr mit der ich unwillkürlich das Meer assoziiere. Ich mag die einladende Freundlichkeit dieser öffentlichen Möbelstücke.
Wie oft muss ich in der Großstadt beides suchen. Bis sich schließlich der Müll in der Jackentasche verewigt und dann im besten Fall der Bus mit einem freien Sitzplatz kommt.
Ich bekomme allmählich Komplexe. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine feuchte Hundeschnauze sich aufdringlich meinen Beinen nähert. Klar, da ist auch der Gedanke: Der könnte ja zubeißen. Meist bleibe ich in diesen Momenten selbstdiszipliniert.
Das Problem packt mich an anderer Stelle. Ich grüble, teste, ob ich womöglich naja spezielle Gerüche verströme. Oder habe ich vielleicht irgend etwas Hundemagisches an mir? Was das auch sein könnte. Ich will ja nicht allzu mystisch werden. Auf jeden Fall bin ich als – derzeit passive – Katzenliebhaberin wenig mit der Welt der Hunde vertraut.
Für Anregungen zum Weitergrübeln bin ich dankbar.
Die Hundemütter und -Väter der betroffenen Hunde verstören mich auch regelmäßig. „Das macht er sonst nicht!“ Ist die ständige verbale Reaktion. Mal freundlich, entschuldigend, mal ziemlich aggressiv und alles was dazwischen liegt. Doch da bin ich schon beim nächsten Kapitel meiner Selbstzweifel und unbeantworteten Fragen
Und über mir kreist eine unglaublich weiße Möwe. Einsam und allein. Schon eine ganze Weile. Sie kreischt nicht, wie die meisten aus ihrer Sippe. Sie erzählt… Wie schade, dass es keine App zur Übersetzung der Möwensprache gibt.
Das Paradies so nah. Ich fühle mich in der Schöpfung und inmitten der Elemente geborgen. Und vergesse erst einmal, was mich ein wenig später in den Tagesnachrichten einholen wird.
Immer noch am Meer. Ich liege unterhalb der Düne. Die Aprilsonne im Gesicht. Den Wind um die Nase. Rundherum weißer Sand. Das Meer singt heute eine verhaltene Melodie. Alle Elemente sind mit mir, bei mir. Ein österliches Geschenk des Himmels.