Überfluss

Es wird spannend. Da ein neuer Überfluss, nämlich an Zeit. Dort ein neuer Mangel an etwas bisher absolut Selbstverständlichen: Toilettenpapier. Das sind doch Phänomene die eine nähere Betrachtung lohnen.

Lassen wir mal aktuelle physische und zu ahnende kommende materielle Existenzprobleme einen Moment draußen vor.

Das mit der Zeit verlockt zu Gedankenspielen. Plötzlich ist etwas reichlich da, was immer ziemlich knapp war. Wie viele haben sich danach gesehnt, mehr Zeit zu haben. Wozu?Was wollten wir eigentlich damit anfangen.?

Zur Ruhe kommen. Okay. Ich widerspreche: Zur Ruhe kommen, indem die nächste Reise, das nächste Event geplant wird.  So sah es doch meist aus. Wir stellen dann fest: Wir waren schon fast überall und die Feste waren selten das Gelbe vom Ei.

Aber irgendwie will die Zeit ja gefüllt und die Vorfreude bedient werden. Es sollte doch etwas geben, ein Ziel auf das ich freudig, erwartungsvoll hinschauen kann. Dabei gerät mir der Augenblick schon wieder ins Vergessen. Doch draußen scheint gerade die Sonne am Abendhimmel so wunderbar, so besonders. Im See die Spiegelungen haben jetzt eine ganz neue Qualität.

Dem Enkelkind hat das neue Lebensjahrsiebt auch ein ganz neues Lächeln auf das Gesicht gemalt. Wenn ich da hin schaue, bin ich ganz froh, wird mir warm. Genau genommen gibt es hundert solcher Momente am Tag – wenn ich Zeit habe. Wenn ich mir Zeit dafür nehme. Das klappt nicht so gut und wird schwierig, wenn ich mit den Gedanken schon bei nächsten Tag, Monat bin. Wenn ich den Zukunftsängsten, viel Raum gebe.

Jetzt aber haben viele von uns so viel Zeit, daß Platz für alles ist. Während ich mir sicher bin, dass materieller Überfluss alle Kreativität tötet, bin ich gleichzeitig überzeugt dass in einem Überfluss an Zeit ein riesiges Potential an Kreativität steckt. Zeit gibt mir Raum zum Nachdenken, zum Verknüpfen von dem, was in mir ruht. Zum Nachdenken über die Frage „Wie soll die Welt aussehen, in der ich leben möchte?“ Wenn ich das vor mein inneres Auge stelle, kommt es zwangsläufig zur nächsten Frage: Was muß geschehen, damit das möglich wird? Und dann: Was wäre der nächste notwendige Schritt dahin? Daraus: Wie wäre das aktuell machbar?

IMG_2200Das wäre vorerst der innere Weg von der Vision in der Ferne zu den Schritten im Alltag. Jetzt. Ich glaube, darüber sollten wir uns austauschen. Unbedingt.

Ausgeme/ärzt

Langsam könnte es sich ausgemärzt haben. Ich will ja den März nicht wirklich und nicht gleich ausmerzen. Nach einem bisschen weniger Stillstand und einem bisschen mehr wilden verrückten April sehne ich mich schon. Und nach himmlischer Wääärme…

Miteinander reden, so von Angesicht zu Angesicht, wäre auch ganz schön. Das wünschte ich mir schon sehr. Eigentlich schreibe ich gerade deswegen. Nicht weil ich Euch von meiner Meinung überzeugen will. Ich möchte sie anbieten. Zum Nachdenken, zum Mitdenken, zum Weiterdenken- im besten Fall zum Miteinanderdenken. Das wäre überhaupt das Allerbeste.

Wünschen darf man ja. Dass dieser spezielle Monat schwer zu fassen ist, das habe ich übrigens auch beim Malen gemerkt. Seit Januar versuche ich meine innere Stimmung des jeweiligen Monats in einem Bild mit dem äußeren Sein in Einklang zu bringen. Ich werkele immer noch und immer wieder daran herum. Trotzdem, das wäre mein März – vorerst:

Keine Kunst, der Versuch eine, meine Stimmung festzuhalten

Angst – Teil 2

Ich lasse mal für einen Schreibmoment Corona beiseite und schau ein bißchen weiter beim begonnenen Thema.

Was wären die Ausuferungen der Angst? Tollkühnheit, Wagehalsigkeit zum Beispiel in einer eher nicht wünschenswerten Weise. Auf der anderen Seite fallen mir Wagemut, ein Mut in gut überlegter Form ein. Der Mut steht an erster Stelle der zwölf Tugenden.* Im mittelalterlichen Sprachgebrauch hieß es Starkmut durch Zucht. Zucht im Sinne einer gut geführten und bewusst eingesetzten Kraft. Das gefällt mir. Ich glaube nicht, dass mir das immer gelingt. Aber das Wissen darum ist für mich ein sehr brauchbares Handwerkszeug im Alltag. Immer dann, wenn ich mich frage was ich zum Beispiel einer aufkommenden Angst entgegen halten kann. Dann gehts bei mir weiter mit Nachdenken. Mir hilft es und holt mich aus dem beginnenden Gefühlsstrudel heraus. Nur: Im Dialog fürchte ich mich inzwischen schon, solche Logik auszusprechen. Warum? Weil mir dann Rationalität bis hin zur Gefühllosigkeit vorgeworfen wird. Nicht immer, aber oft. Komisch: Wenn ich wirklich mal wütend und laut werde, also ein Gefühl äußere, ist das überhaupt nicht erwünscht. Logisch, Jähzorn zählt biblisch zu den Todsünden, ist seit Jahrhunderten Menschen eingebläut. Meine Fragen wären: Wie kommunizieren wir heute Gefühle, wenn ja welche und wie tun wir es? Und: Warum nicht alle?

Sichtbar geäußertes Leid und Tränen werden eher akzeptiert. Freude, Liebe, Glück, na klar, daran will jeder teil haben. Oder auch nicht, weil ihm gerade etwas davon fehlt, was er auch gern hätte…und er es deshalb nicht aushält.

Also, wie steht es um unsere Angst, die wir doch durchaus brauchen. Als Stoppsignal, damit wir in einem real gefährlichen Moment besonders bedacht vorgehen. Als Warnung für gefährliche Situationen, vor Gefahren, denen ich mich nicht bedingungslos ausliefern muss und sowieso nicht will. Bleiben wir im Auto am Stoppschild stehen und trauen uns vor Angst nicht weiter? Nein. Werden wir vor einem Orkan gewarnt und gehen vorsichtshalber eine Woche nicht aus dem Haus, obwohl die Sonne längst wieder scheint. Lächerlich, sicher.

Doch mit diffusen Ängsten wird doch oft genau so umgegangen. Endlos in diesem Gefühl verharren, weggucken, verdrängen. Zu sagen „Ich bin nun mal so“.

Ist es dann nur rational oder gar gefühlskalt, der Angst das Stoppschild zu zeigen und sie zu befragen?

Zum Beispiel: Wer bist du? Woher kommst du? Bist du uralt oder ganz jung? Wovon nährst du dich? Dann bin ich doch mit mir Gespräch, im Kontakt. Ich kann es auch als ein Form der Meditation betrachten. Ich räume in mir auf. Und muss es auch immer wieder tun. Chaos kommt schnell wieder, überall, ob auf dem Schreibtisch, in der Wohnung  oder … Die innere Leere, eine Form der Meditation, würde nicht ins Bild passen. Auf meinem Schreibtisch muss ich sorgfältig ordnen, aussortieren, aber nicht der Einfachheit halber alles mit einer Handbewegung in den Papierkorb schieben. Freilich ist das anstrengend. Ich habe nicht immer Lust dazu und gucke  dann einfach eine Weile weg. Bis es mir zu viel wird. Und dann geht es dem Durcheinander an die Wurzeln. Ein herrliches Gefühl, wenn es mal wieder für eine Weile geschafft ist.

Mit der Angst geht es genauso. Da ist es ein Akt der Selbstbefreiung, wenn es erst mal wieder geschafft ist, die Bewegungsstarre aufhört. Einfach himmlisch.

* Es gibt einen Kranz der Zwölf Tugenden, der im Mittelalter gewunden wurde. Er ist eng mit der Parsifal-Legende verbunden, also mit dem Weg zum Gral. In diesem Kontext wird der Gral als Kelch der Liebe, der selbstlosen Liebe, die nichts für sich will, definiert. Er wird als Ziel verstanden. Doch im Vordergrund steht der Weg, auf dem wir um menschliche Tugenden, um eine menschengemäße Moralität ringen.

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Ruhe, eine natürliche Ordnung, aber auch Untiefen

Vorsicht Angst!

Sich vor der Angst vorsehen, das wäre auch ein geeigneter Titel in meinen Augen. Das Thema treibt mich schon Jahre um. Weil ich ihr immer wieder begegne – der Angst. Ich selbst bin ein vorsichtiger Mensch, aber wenig Angst belastet. Was mir meist niemand so recht glaubt.

Das, was mich wirklich nicht belastet, das sind die diffusen Alltagsängste mit denen sich so viele Menschen herum schlagen. Dieses „Was wäre wenn..“ und ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Alles das, was schlaflose Nächte verursacht und im Alltäglichen verunsichert, und belastet.

Aber wenn ich davon ausgehe, dass es die Sicherheit, das alles Vorhersehbare sowieso nicht gibt, ja dann…? Dann kann ich mich innerlich wappnen und mit der Gewissheit weitergehen, dass es eine Lösung geben wird. Also mein Schicksal akzeptieren und ihm die Hand reichen – ergeben ist nicht gemeint.

Ich freue mich, wenn Souveränität und Kreativität mir abverlangt werden. Meine Ideale werde ich dann neu kreieren müssen. Mir macht es durchaus Spass, dem Unerwarteten frohgemut zu begegnen und Hallo zu sagen. Auch in ungemütlichen bis lebensbedrohlichen Situationen, die mir durchaus vertraut sind. Vielleicht bin ich mit dieser Haltung irgendwo in der Nähe der Extremkletterer. Kann sein. Jeder braucht halt seine Entwicklungshilfe. Doch nehmen uns die Alltagsängste nicht auch die Freude am Leben? Deshalb denke ich: Extremklettern kann, muss aber nicht sein. Freude an den Herausforderungen vor die uns das Lebens stellt, die sollte schon sein.

Und nun kommt derzeit die Angst mit Brachialgewalt in Gestalt von Corona durch alle Türen und Fenster hereinspaziert. Zu uns allen. Ergeben wir uns ihrem vereinnahmenden Wesen? Oder fangen wir an nachzudenken, über Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, über Unausweichliches und über UNS. Dieser Virus schenkt uns auch Zeit und Ruhe.

Wir haben doch unseren Löwenbändiger stets verfügbar bei uns…  Aha?

Ja! Wir können nachdenken. Der Angst unsere berechtigten Fragen stellen: Wer bist du, was willst du von mir? Schon allein diese Geste lässt den brüllenden Löwen namens Angst leiser werden. Der will uns ja mit seinem Gebrüll erst mal nur einschüchtern, eben Angst machen, handlungsunfähig erreichen.

Wenn ich im Bild bleibe: Wenn ich anfange, vor dem brüllenden Löwen davon zu laufen, vielleicht noch mit geschlossenen Augen, dann hat er mich schon, weil er sowieso schneller ist. Aber ich bin womöglich klüger, entwickle blitzschnell eine Strategie. Dazu muss ich innerlich und äußerlich ganz ruhig werden und mich nicht von meinen Ängsten beherrschen lassen. Dann habe ich eine Chance. Auch Angesichts eines Löwen. Unsere Alltagsherausforderungen sind anstrengend, aber im Vergleich meist viel harmloser. Weil: Ich habe meist Zeit auf meine Lebenserfahrung, auf mein Wissen zurück zu greifen. Mit Hilfe von irgendwoher kann ich in der Regel sowieso rechnen.

Also: Wovor haben wir jetzt Angst? Vor der Ungewissheit? Die gehört zum menschlichen Leben. Angst sollte ich vielleicht eher vor mir selber haben, ich , der ich ihr nicht ins Gesicht sehe und ihr meine Fragen stelle.

Fortsetzung folgt.

Corona sei Dank wahrscheinlich bald… (Jetzt finde ich die Smileys nicht, also: Grins)

 

Aufgeklärte Königinnen

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Ich glaube nach aktuellem Ermessen wäre es eher an der Zeit für „Aufgeklärte Königinnen“ statt für Könige. Ich schränke also ein. Und bleibe beim Königsmodus. Nach dem Sturm auf die Bastille und dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist unendlich viel Zeit vergangen. Dennoch hat alles noch seine Berechtigung. Unsere Bastille wären wohl die bröckelnden Männerfesten, die längst noch nicht zusammen gebrochen sind. Der Ruf nach den gemeinschaftlichen Tugenden dto.

Ich bin keine Feministin, aber Ungerechtigkeiten halte ich schlecht aus. Ich lese gerade eine Biografie über Caroline von Humboldt. Von den herausragendsten Männern ihrer Zeit verehrt, kaum einer der fehlt und nicht von ihr begeistert ist: u.a. Schiller, Goethe und natürlich die beiden Humboldts. Auch ihrer reizvollen Schönheit und menschenfreundlichen Ausstrahlung wegen. Auch. Vor allem aber: Sie war Partnerin auf Augenhöhe der heute auf den Sockeln stehenden Geistesgrößen. Sie suchten das Gespräch mit ihr, die Anregung. Die Sockel blieben IHNEN vorbehalten. Aber das hatten wir schon…

Heute bin ich dann mit meinem Thema in der ganz aktuellen Gegenwart angekommen. Bei den Grünen gibt es derzeit ein Führungsduo. Er wird als Kanzlerkandidat gehandelt, sie steht ein gut Stück in seinem Schatten. Doch was ich so lese passt ziemlich ins gerade beschriebene Raster des 18./19. Jahrhunderts. Sie scheint ihm mindestens ebenbürtig, wenn nicht die stärkere Führungsperson zu sein wie so erzählt und geschrieben wird. Und beide, Sie und Er, haben noch einen besonderen Bonus – sie werden als attraktiv beschrieben, schön. Wenn das nichts ist. Da müssen sich Cartoonisten etwas mehr einfallen lassen als bisher. (Einfügung: Ich hege große Achtung für Frau Merkel, Mann wird sich nach ihr sehnen…)

Aber wie wäre denn das: ein weiblich-männliches Führungsduo für dieses Land, ein KanzlerInnen-Duo. Doch dafür brauchen wir sicher noch ein bißchen mehr Zeit.

Fraglos : Frauen an vorderster Stelle im gesellschaftlichen Leben sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Aaaaber: Prozentual ist es immer noch ein sehr kleiner Anteil. Das weibliche Potential ist längst nicht ausgereizt und die männliche Art zu denken und zu lenken dominiert.  Die Sockel, heute sind es vorwiegend Straßennamen u.ä., wuchern männlich weiter. Der Anschluß an die Neuzeit wurde irgendwie verpasst. Für mich wäre es eine erheiternde Vorstellung, wenn künftig kreischende Fan-Groups für Aufläufe sorgen, weil eine neue Bundeskanzlerin es versteht sie zu begeistern. Wegen ihrer frauenfreundlichen, überzeugend menschenfreundlichen Politik. Weil sie ausstrahlt, was die meisten suchen. Neue, viel bessere Qualitäten kämen ins Spiel.

So könnte womöglich schon die nähere Zukunft aussehen. Vielleicht. Das macht mich lächeln.

Eine Queen Elisabeth und eine Angela Merkel sollten nicht umsonst ausdauernd neue Wege bereitet haben. Für mich sind beide im allerbesten Sinne starke Frauen – Menschen, die sich nicht wirklich haben beirren lassen. Kompromisse braucht jede Gemeinschaft, jede Gesellschaft. So egal sind wir nicht, dass es ohne ginge. Oder vielleicht sind sie ohnehin der Weg, was ich glaube.

Das Politik-Duo wäre dann für mich, die Möchtegern-Weltverbesserin, der funkelnde Stern am fernen Horizont. Ein Hoffnungsschimmer, schon eher ein Fanal. Doch wo kämen wir hin, wenn wir nicht anfangen endlich ein paar Äonen weiterzudenken. Von dort wären die nächsten kleinen Schritte besser erkennbar.

Der aufgeklärte gute König

Ich habe mich in meinem Leben immer wieder intensiv mit Bettina von Arnim beschäftigt. Auch einmal eine größere Abschlussarbeit über sie geschrieben. Die Begegnungen mit ihr wiederholen sich bis heute, immer noch intensiv. Jüngst war sie wieder an meiner Seite. Im Deutschen Historischen Museum wird noch bis April der Gebrüder Humboldt gedacht.  Zeitgenossen von ihr waren sie und befreundet, Gesprächspartner. Die Humboldts haben zu ihrer Zeit intensiv das geistige, kulturelle, wissenschaftliche und politische Leben geprägt. Sie waren im preußischen Staatsdienst, Berater, Anreger des Königs Friedrich Wilhelm III. und haben vieles im Staat auf den Weg gebracht: u.a. die erste Berliner Universität und die Museumsinsel, die allen kostenlos zur Verfügung stand. Alexander war der global, eigentlich modern denkende Naturforscher. Für die Humboldts gibt es Denkmäler aller Art, zurecht.

Und Bettine, wie sie gerufen wurde? War eine Frau. Sie schrieb „Dies Buch gehört dem König“ und auch noch einen zweiten Band dazu. Sie war ähnlich politisch engagiert wie ihre beiden Zeitgenossen. Denn die Romantik brachte nicht nur Märchen- und Volksliedersammlungen hervor, sondern sie war vor allem eine Aufbruchzeit. Eine Zeit die nach neuen Gedanken, Umdenken, weiterdenken schrie. Und da bin ich persönlich in der Gegenwart angekommen. In der Welt hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren soviel rasant und grundlegend verändert, Nur eines nicht: Die Machtkämpfe und das Gezeter der Parteien und ihre zunehmende Ohnmacht.

Bettine hatte versucht ihrem König neue Gedanken über die Gestaltung der Gesellschaft nahe zu bringen. Sie hatte sehr klar gesehen, dass es so nicht weiter gehen konnte, entwickelte ein Bild eines aufgeklärten Königs, der sich um und für sein Volk sorgt. Und wurde (natürlich) nicht gehört. Was dann kam, waren Bismarcks sozialreformerische Bemühungen, deutsche Machtinteressen in der Welt mit Folge des ersten Weltkrieges, der Novemberrevolution, der Weimarer Republik, der Weltwirtschaftskrise mit der Folge eines Hitlers, der laut schrie und gehört wurde…

Manchmal macht es mir richtig Angst: Auch heute wird erhört, wer am lautesten schreit und der, der die Gefühle anspricht, erregt…

Visionen, die einen Weg in die Zukunft wenigstens denken lassen, sind kaum zu entdecken, geschweige denn zu hören. Wer hat sie, wo werden sie gedacht und ausgesprochen, laut, so dass alle mitdenken können. Welcher Politiker stünde dafür? Und stellt überlebte Strukturen in produktiv Frage…

Ich wünschte mir Menschen, die Kompetenz für ein Gebiet und für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft zeigen. Aufgeklärte Kompetente, frei von Machtinteressen, reich an gesellschaftlichen Interessen, menschlich kompetent, oder auch altmodisch tugendhaft. Dann wüsste ich, wen ich wählen könnte. Das wäre gar nicht so weit weg von Bettines Ideen aus dem 19. Jahrhundert, für die unsere Zeit endgültig reif ist – wenn sich der Schicksalsweg des Landes, ja Europas nicht wiederholen soll, was ich persönlich im derzeitigen Macht-Dschungel gar nicht für so abwegig halte und was mir durchaus auch Angst macht.

Welche Demokratie könnte nach dem ausgelebten Parteiensystem kommen, die einen verheißungsvollen Schritt in die Zukunft verspräche? Es muss doch irgendwo Menschen geben, die nachdenken und gehört werden wollen, laut und deutlich. Das könnte der Anfang eines langen mühevollen, aber verlockenden Weges sein.

 

 

Der Februar – herausfordernd

Ich wollte meine Februarstimmung mit dem Pinsel visualisieren. Das innere Bild war klar, doch es wollte sich nicht so richtig fügen. Den Februar erlebe ich immer als einen widerspruchsvollen Monat. Ja, hurra, es wird wieder heller, ein freundlicheres Licht, dadurch schon ein bißchen mehr Farbe überall. Draußen über den Trauerweiden liegt ein sanfter gelber Hauch. Beim nahen Hinsehen sind es endlos viele zartgrüne Knospen an den hellbraunen Zweigen. Schneeglöckchen, Krokusse sagen verhalten „Wir sind wieder da“. Ein Winterling zeigte sich mir jüngst.

Aber: Es ist ungemütlich draußen, die eigene Kraft hat sich mehr als halbiert, jeder Widerstand gegen Husten und Schnupfen usw. usf. prallt klirrend an dem Draußen ab. Durchhalten. Trotzdem…einen langen Havelspaziergang machen, lieben Menschen begegnen und noch lieber (keine Ansteckungsgefahr) am Telefon quatschen…

Und dann schaue ich auf meinen Balkon und muss lachen. Ich sehe meinen großen Pott. In ihm begegnen sich alle Jahreszeiten. Während die Christrosen unverdrießlich blühen, welkt der Weihnachtsstern vor sich hin. Aber da sind die kleinen wilden lila Malven vom  letzten Sommer, die Anfang Januar mit letzten Blüten der Jahreszeit trotzten. Der Rosmarin ist mit blauen Blüten dabei. Die „Stubentiger“ Tulpen und Narzissen aus den letzten Wochen vollenden ihr Dasein nun da draußen und leuchten noch ein bißchen. Der Salbei strotzt vor sich hin ohne jede Pause. Üppige grünweiße Nesseln füllen unverändert einen ganzen Kasten. Das ganze Jahr auf einmal. Verrückt!

Ist es aber nicht auch so mit unserem alltäglichen Leben? Da ist der Augenblick, jetzt wo ich schreibe, das entspräche etwa der blühenden Christrose. Doch dabei ist alles andere genauso anwesend: Die große Freude von Vorgestern mit dem Dreijährigen, egal wie anstrengend. Die Trauer um die Freundin die vor drei Jahren gestorben ist und heute Geburtstag hätte. Ruth hätte heute auch Geburtstag, sie verabschiedete sich vor einem knappen Jahr. Doch die Dritte im Bunde feiert heute ihren Geburtstag, wie schön. Und dann winkt ein wenig die Vorfreude auf warme Frühlingstage ohne Husten. Ein ganzer Schatz an Erinnerungen ist plötzlich da während ich schreibe. Ich bleibe offen für Überraschungen aller Art…auf das was kommen mag.

So verwoben ist das alles, so wie sich in dem großen Blumenpott die vier Jahreszeiten vergnügt „Hallo“ sagen.

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Der Februar zeigt sich verheißungsvoll und ist doch zugleich entkräftend. Muss ich erst entkräftet sein, um den Verheißungen aus voller Seele gewachsen zu sein. Müsste ich nicht, sagt mein Kopf. Oder anders herum: Brauche ich all die Verheißungen, um leben zu können. Aber vielleicht ist es einfach so: Es gibt dieses verflixte Zusammenspiel von Innen und Außen, von der Zeit, die nur scheinbar in einer geraden Linie verläuft und das Leben schön aufregend macht.

PS: Wer es wissen will, der Weg zur Glückseligkeit ist leicht zu finden. Einfach fragen. Mich.

Alterndes alternativ

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Sonnenuntergänge, das Ende eines Tages. Schön sind sie, einfach schön. immer neue Farbspiele und verzaubernde Bilder. Sie leiten ein Ende ein und verheißen ein Neues, wieder Schönes für den nächsten Morgen.

Die Kleinen zeigen stolz ihre Zahnlücken, denn die versprechen Freiheitsgewinn, größer werden, eigenständiger werden – groß, nicht alt. Die anderen, die bewusst Alternden, verstecken die Lücken geschickt, raffiniert, oft teuer.

Anfang und Ende. Ist nur der Anfang schön und verheißungsvoll? Bei den Sonnenuntergängen ist das nicht so. Da wissen wir, es kann sich jederzeit prachtvoll wiederholen. Und der Morgen kommt mit neuen Versprechungen.

Die Junge weiß, ahnt noch nicht, was alles auf sie zukommt. Wir Alternden wissen um vieles. Da gewachsene Gelassenheit – dort: Alles ist möglich. Das Ende und der Anfang können ziemlich leicht sein.

Und Mittendrin? Da geht es meist ziemlich wild und schnell zu. Alles muss, soll sein, am besten gleichzeitig, keine Zeit für Sonnenuntergänge, da wir Abends erschöpft sind und unbedingt noch dieses und jenes tun müssen. Wir leben im Zeitalter der Jäger und Sammler. Die Zähne dürfen nicht wackeln, wir müssen möglichst perfekt sein. GLAUBEN wir. Doch ist das Perfekte nicht überall und ständig da. Die Schöpfung – ein großes Wort. Und ein tägliches Geschenk, dass wir viel zu wenig würdigen. Es ist uns ein wenig zu selbstverständlich geworden.

Was aber dann, wenn wir die Sonnenuntergänge bald von der anderen Seite erleben. Womöglich von oben. Angst davor???  Neugier wäre auch eine Option.

Also fröhlichen Weges erstmal von der altersgerechten Zahnlücke („Juhu“) zum Implantat („Wir wissen uns zu helfen“) – und wer ist nun die/der Schönste im ganzen Land? Das Leben lässt sich nehmen, wenn wir wissen wie wir es zu nehmen haben…

KOM-PRO-MISS

Dieses Wortgebilde hat doch irgend etwas Spinnenhaftes…oder Sperriges…oder…

Vielleicht fallen sie deshalb oft so schwer, die Kompromisse. Ich liebe Kompromisse, eindeutig. Ich muss nicht siegen. Siegen, das hat etwas Statisches, Glorioses, Vollendetes. Klar, ich siege auch mal gern. Aber dann? Glanz und Gloria sind schnell vergessen. Wenn ich die Krone behalten will, muss ich letztlich, vielleicht gnadenlos, weiter kämpfen. Eine Statusfrage. Das ist selten lustig und macht schnell einsam. Oder auch, mit Blick auf meine Mitmenschen, „gefolgsam“.
Siegern wird sich gern angeschlossen. Weil es der Glanz ist, von dem man gern abbekommen möchte? Weil’s schön ist sich zu sonnen?
Selbst im Sport finde ich es seltsam, wenn eine hundertstel Sekunde über den Sieg entscheidet. Für mich ist einzig und allein am Wettkampf das Gute, dass er zu Leistungen herausfordert, die sonst nie versucht würden.

Mit einem Kompromiss passiert etwas anderes. Da ist Bewegung drin, nichts Statisches. Es muß gefragt und hinterfragt werden. Ich muss mich auf den vermeintlichen Gegner einstellen, mich in ihn hinein denken, auf ihn zu gehen. Wir sind Partner und wollen beide etwas in der Situation gewinnen. Doch gerade das muss erst geklärt werden, im Vorfeld. Und gelingt leider oft nicht.
Und dann muss ich mit mir zu Rate gehen. Wieviel kann ich aufgeben? Wieviel auch nachgeben, ohne dass ich mich selbst schädige. Wo entdecke ich Gemeinsamkeiten mit meinem Partner, im Notfall auch Gegner. Keiner sollte sich am Ende schlecht fühlen, beide sollten sich als Gewinner fühlen. Da steckt anstrengende Arbeit drin, nicht weniger als ich in einen Sieg investiere. Interessanterweise bin ich jetzt in der Situation, alles geben zu müssen und das für Zwei oder zwei Gruppen. Das kann spannender werden als jeder Krimi und mein Ego kommt auch nicht zu kurz – oder sollte ich besser sagen „mein Ich“. Im besten Fall wachsen daraus lebenswerte Langzeitlösungen mit vielen Gewinnern. Und alle können mitwachsen…

Eine uralte Geschichte aus der Artus-Legende fällt mir oft ein. Lancelot, einer der Besten aus der Runde der zwölf Ritter, wird im Wald plötzlich von einem Fremden zum Kampf herausgefordert. Er besiegt ihn. Nach altem Recht hätte er ihn töten können. Doch in dieser Artus-Runde lebt schon ein neuer Geist. Es wird nicht getötet. Geh zu Artus und sag, dass dich Lancelot schickt und du ab sofort für ihn kämpfen willst. In den Legenden geht das meist gut. Denn diese Ritter haben sich auf Gerechtigkeit, Mitgefühl und Liebe eingeschworen. Wer mit ihnen kämpft, will nicht Sieger sein, sondern die Welt verbessern.

Der Kompromiss als Ideal. Faule Kompromisse ausgeschlossen.
Übers Ohr hauen lasse ich mich aber auch nicht gern.

Alterndes

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Diese Blüte könnte durchaus Rätsel aufgeben. Wer war sie, wer ist sie? Alt oder vielleicht doch jung. Schön oder eher hässlich. Bei diesem Bild bleibt viel Spielraum für das persönliche Empfinden. Ich selbst erlebe, empfinde sie als faszinierend, rätselhaft und richtig schön.

Es ist eine verblühende Tulpe in der Vase an einem Januartag.

Gealtert, alt. Die Analogien zum Alter drängen sich auf.

Wenn ich in den Medien unterwegs bin, dann taucht das Wort Alter seeehr häufig im Kontext von Gebrechlichkeit, Demenz, Pflege auf. Auch in den täglichen Gesprächen. In mir bilden sich dann die Worte „Ja aber…“. Da gibt es doch noch etwas anderes. Mir fällt soviel dazu ein. Euch auch?