Ostwestlich (5)

Ich mach‘ mal weiter.

Ich habe mich nie über Besitztümer und Geld definiert. Ich kann mich an schönen Dingen freuen, noch besser, wenn ich sie mir auch manchmal leisten kann. Schön muss nicht unbedingt teuer sein. Denoch ist es oft lohnend etwas mehr auszugeben. Weil Qualität der Seele gut tut und die Zeiten überdauert. Was entsteht , das ist dann so etwas wie eine Symbiose. Das ’Ding’ fängt an zu leben – mit mir. Und lebt nicht als Statussymbol bei mir.

Soweit so gut.


Geld ist einfach unbestritten beruhigend und macht vieles möglich. Schön, wenn es sich nicht zu rar macht. Ich habe kein Problem, es auszugeben.
Und auch kein Problem, darüber zu reden, wenn es eng wird. Ganz genau so wie ich auch kein Problem habe, zu sagen, dass ich Hunger habe oder dass ich müde bin. Oder dass heute nicht gerade ein guter Tag ist.

Soweit so gut.

Dennoch habe ich ziemlich lange gebraucht, um zu begreifen, dass ich seit gut 30 Jahren in einer Gesellschaft lebe, in der man nicht über Geld redet. Man hat es einfach. Es gehört sich nicht, über daraus resultierende Probleme zu reden.

Es ist offenbar schon passiert, dass ich dadurch ungewollt als Bettler verstanden wurde.

Ich kann – wirklich Glück gehabt – eine gute Adresse angeben. Damit ist der Schein gewahrt. Der schöne Schein. Auch das musste ich erst mal begreifen.

Allerdings habe ich tatsächlich ein Problem beim Anhäufen der Silberlinge. Es ist mir nicht gegeben, derartig Abstraktes zu sammeln. Sinnlicheres schon.

Oder habe ich es einfach nicht gelernt? Ein Ost-West Thema? Glaube ich eher nicht. Mentalitätssache schon eher.

Für das, was mir wirklich wichtig war, hat es irgendwie immer gereicht. Im Osten.

Das Häuschen hätte ich der fünfköpfigen Familie einst gern gegönnt. Es wäre finanziell nicht einfach geworden, aber… das Problem lag woanders. Der sozialistische Mensch sollte nicht der Spiessigkeit im Einfamilienhaus frönen, sondern Urstände in Hochhauswohngemeinschaften feiern. Hatte auch etwas für sich. Nur, dass eine Entweder-Oder-Entscheidung nicht möglich war. Das Oder wurde schlichtweg nicht gefördert.

Dass Geld Grenzen zieht bei der Teilhabe an kulturellen Highlights (Konzert- und Operkarten sind Luxusgut angesichts der Preise), war auch eine neue Erfahrung. Oder dass Gruppenunternehmungen für mich am Geld scheitern… Oder dass die Vorgängerin natürlich Brokatvorhänge (die ich nie hätte haben wollen) besass, statt der weissen Baumwollvorhänge, die mein Fenster unauffällig verhüllten. Das wird dann so in Nebensätzen mitgeteilt.

Es sind im Alltag eher die kleinen Dinge, in denen Geld den eigenen Status hervorhebt, präsentiert.

Doch dazu brauche ICH es nicht, das Geld. Aber genau da bin ich eben auch nicht so recht im gesamtdeutschen Alltag angekommen, wo das Erben so selbstverständlich geworden ist. Der Osten dürfte in dieser Hinsicht um einiges schlechter wegkommen. Mangels einst kaum vorhandener Möglichkeiten Besagtes zu häufen.

Schönes Deutschland

Freilich, auch das ist nur ein Teil der gesamtdeutschen Wahrheit, derer es wieder mal so viele gibt…

Ostwestlich (1)

Es ist oft spannend, welche Wege Gedanken gehen, wie sie sich plötzlich unerwartet kreuzen und wieder im Nichts verlieren. Dennoch der Moment des Kreuzens bleibt dann doch erhalten.

So etwa ging es mir heute Morgen. Etwas erholt von Ichweißnichtwas drängelten Corona und Impfen in meinem Kopf herum. Dann tauchte der Satz auf: Minderheiten scheinen Recht zu haben. Ich dachte an das Ende der DDR, und dass tatsächlich Minderheiten den Stein ins Rollen gebracht haben. Die Andersdenker, die Querdenker von damals.

Aber, das Aber muss ja kommen: Wollten die meisten von ihnen wirklich eine Vereinigte Bundesrepublik? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall nicht alle. Es gibt keine Statistiken. Unabhängig davon: Also hatten diese Minderheiten Recht mit ihrem deutlichen Aufbegehren? Heute bin ich mir sicher, es kam – mangels einer wirklichen Alternative – wie es kommen musste.

Waren die Mehrheiten, die mehr oder weniger still gehalten haben oder auch nur anders gedacht haben, damit im Unrecht? Waren so viele einfach nur dumm und angepasst, Mitläufer?

Nein, das glaube ich nicht. Die Welt ist und die Wahrheiten sind vielfältiger, differenzierter. Damit wäre ich bei den Corona-Impf- und Politik-Diskussionen aller Art. Wird wieder eine Minderheit, die der Impfgegner und Coronaleugner Recht behalten? Sind die Mehrheiten, also die Geimpften wieder nur verängstigte Mitläufer, die sich einschüchtern lassen? Auch das glaube ich wieder mal nicht.

Die Logik wäre doch dann: Corona ist nicht (allzu) ernst zu nehmen. Politik und Virologen haben uns nun fest am Gängelband. Wenn ich mich nicht impfen lasse, gehöre ich später zu den Helden, die es gewusst haben.

Auch daran glaube ich nicht. Ich bekenne, ich bin zweimal geimpft und ich habe den dritten Termin seit Gestern. Nicht aus Angst. Aber weil ich mir ziemlich sicher bin, dass das die entscheidende Chance ist, dem Virus zu begegnen und nicht in weitere Lockdowns zu schlittern.

Übrigens, wenn es um das erfreulicherweise vereinte Deutschland geht, haben wahrscheinlich doch Mehrheiten gesiegt, nämlich die , die die D-Mark, also richtiges Geld wollten und all die Delikatessen und Vorzüge des Westens, nebst dem nebulös dehnbaren Begriff der Freiheit. Ich glaube nicht, dass es DIE Freiheit gibt. Genauso wenig wie DIE Wahrheit.

Der Schluss daraus wieder mal, die einfachen Antworten gibt es nicht. Ich muss die meine finden und verantworten.

Aber, habe ich wirklich nur Verantwortung für mich allein?

Nein? Nein!

Ja, und was dann?

Pandemien haben von jeher ihre eigene Kraft und Dynamik, denen die Menschen nur schwer gewachsen sind. Möglicherweise können wir ihnen heute etwas mehr entgegen stellen als zu Zeiten von Pest und Colera, von Pocken und TBC. Ich glaube, dass wir das, was wir können auch tun sollten…und daran als Menschheit wachsen.

Vielleicht geht es vor allem auch um ein Gleichgewicht. Die Natur hat ihre eigenen Mittel es wieder herzustellen und fragt nicht nach menschlichen Egoismen. Wir haben die Chance nicht gegen, sondern mit der Natur zu agieren. Und unsere Möglichkeiten auszuschöpfen. Ich würde sogar von Pflicht sprechen. Das wäre dann aus meiner Sicht aktuell ein absolutes Ja zum Impfen.

Fazit: An Gedanken-Weg-Kreuzungen ist Innehalten geboten. Mit- und nicht gegeneinander. Innere und äußere Beweglichkeit sind möglicherweise die eigentlichen Herausforderungen.

Geschützter Raum? Mutig ausbrechen, aufbrechen? Doch in welche Richtung? Oder sich in Sicherheit wohlfühlen? Was auch immer…

Hundeleben (4)

Hunde sind auf meinen täglichen Wegen allgegenwärtig. Ich wohne in einer äußerst hundereichen Gegend. Nur leider, ich verstehe sie nicht. Irgendetwas wollen sie oft von mir. Warum sie mir mehr oder weniger begeistert so oft entgegen kommen, weiß ich nicht. Vielleicht gucke ich zu freundlich oder habe gerade Schinken eingekauft.

Das könnte doch eine Geschäftsidee sein: Jemand sollte einen Ratgeber für Nichthundebesitzer zu schreiben. So in dem Sinne: Was denkt der Hund, wenn ich stehen bleibe? Oder wenn ich ausweiche? Oder: Wie verhalte ich mich, wenn einer mich etwas zu stürmisch begrüßt? Wie muß ich reagieren, ohne den dazugehörigen Menschen zu brüskieren? Dazu müsste auf jeden Fall ein ausführliches Kapitel Hundepsychologie kommen. Und noch wichtiger: ein Kapitel über die Psychologie der Hundebesitzer.

Denn eines begreife ich bis heute nicht. Warum bin ich immer wieder versucht, in meinem Erschrecken mich bei Frauchen oder Herrchen zu entschuldigen.

Letztere entschuldigen sich auch öfter mal bei mir. Auch das sollte gesagt Weden. Vor ein paar Wochen fragte sogar einmal eine Dame nach meinen Beweggründen und hörte sich meine Probleme an.

Dennoch, irgendwie fühle ich mich öfter mal als Unmensch oder Un-Hunde-Mensch.

Ich bleibe hundefreundlich – bis zum nächsten Mal – wie auch immer.

Ein Brevier für Hunde-Unerfahrene – das könnte doch allen helfen.

Hundeleben (3)

An einem schönen warmen Juli-Bade-Tag in einer kleinen Bucht an der Havel. Ich lasse es mir gut gehen. Nach der dritten Schwimm-Runde treibt mich der Übermut. Ich schwimme sieben Meter weiter zur noch kleineren nächsten Bucht. Es ist noch Vormittag, kein Mensch weit und breit an diesem kleinen Strandstück. Ich verlasse vergnügt das Wasser, um zu Fuß zu meinen Sachen zurück zu gehen. Ehe ich überhaupt etwas denken und begreifen kann, baut sich wild bellend ein beeindruckend riesiges Hundewesen vor mir auf. Und ehe ich Hilfe rufend nach einem Herrchen suchen kann, liegen schon zwei riesige Pfoten auf meinen nassen Schultern. Irgendwie gelingt es mir, ihn, anbläffend, abzuschütteln. Jetzt sitzt die Angst mir wirklich in den Knochen. Ich zittere im warmen Sonnenschein. Wehrlos und hilflos.

Erst in diesem Moment erscheint der Besitzer: „Ist doch nichts passiert?“ Doch, ein ziemlicher Kratzer am Oberschenkel vom Absprung. Er zuckt die Schultern und verschwindet. Nicht mal eine Entschuldigung. Ich versuche empathisch die Gedankengänge des Herren nach zu empfinden. Vielleicht so: „Was stört sie unsere Mittagsruhe, soll sich nicht so haben… Wir waren ja nicht am Hauptstrand.“ Wo Hunden der Zutritt verboten ist. Doch vielleicht war er Herrchen eben auch erschrocken und damit sprachlos.

Seit diesem Tag bin ich noch vorsichtiger bei Begegnungen mit den so sehr geliebten Vierbeinern. *Siehe Hundeleben (1)

An diesem friedlichen Ort

Hundeleben (2)

Die erste Hundeepisode bedarf, glaube ich, einer kurzen Erklärung.

Ich habe wirklich nichts gegen Hunde. Eher im Gegenteil. Ich kann mich durchaus an einem besonders schönen Exemplar erfreuen. Allerdings möchte ich auch keinen in meiner Wohnung haben. Nach amerikanischer/englischer Kategorisierung zähle ich zu den Catpeople.

Und: Ich habe auch keine Angst vor Hunden, keine Phobien. Dennoch bin ich vorsichtig geworden. Ich glaube auch zurecht. Ein fremdes Tier bleibt für mich unberechenbar. Außerdem empfinde ich eine feuchte Hundenase an meinem Ausgeh-Outfit als nicht sehr appetitlich.

Wobei ich anmerken möchte, fremde Kinder haben auch etwas von dieser Unberechenbarkeit. Doch da habe ich Sprache und anderes „Werkzeug“ zur Verfügung. Spaß und Neugier auf das kleine Wesen dominieren in diesem Fall den offenen Umgang.

Auf Vierbeiner reagiere ich eben eher sehr verhalten.

Weil,…es folgt „Hundeleben (3)“…

Hunde haben einen festen Platz in der Playmobilidylle

Hundeleben ( 1)

Jüngst, an einem noch recht sonnigen Tag nahe der Havel. Zwei nette Vierbeiner kommen mir entgegen. Der eine angeleint, fest in der Hand seines Frauchens. Na ja exakter, geführt von einer unauffällig auffällig gut betuchten Lady. Der zweite, zugehörig, darf seine Freiheit genießen. Was ihn schnurstracks auf mein Hosenbein zuführt.

Gesagt werden muß: Es handelte sich um ein nicht allzu großes weißes „foxisches“ Wesen. Und wie gesagt: Er machte einen freundlichen Eindruck. Als er dann mein Hosenbein mit seiner Schnauze erreicht hat, bleibe ich stehen. Mir ist nur noch halbwohl in meiner Haut. Was will er von mir?

Madame entfernt das Smartphone für einen Moment von ihrem Ohr. Empört zu mir, in scharfem Ton: „Haben sie jetzt ein Problem?“ Das war dann, im Gegensatz zum Hund, wirklich aggressiv.

Ich schaue sie an und sage freundlich und deutlich: „Ja.“

„Wenn sie stehen bleiben, denkt der Hund, sie wollen etwas von ihm!“

Aha, denke ich und gehe weiter.

Leider wusste ich nicht, was Hund von mir will. Fragen konnte ich ihn auch nicht. Mangels täglicher Erfahrungen mit der Hundesprache.

(Für alles weitere zu diesem Thema, muss ich vorerst aus meiner erlebnisreichen Vergangenheit schöpfen.)

Anleihe bei Playmobil

Randbemerkung 00

Bei zwei Themen gerate ich in Romannähe: Hunde und Ost-West. Weil ich keine Romane schreiben will und wahrscheinlich auch nicht kann, habe ich beschlossen, zwei neue Serien zu beginnen. „Ich und die Hunde“ und „Ostwestlich“.

Ich werde also weiter versuchen, (relativ) kurz und prägnant zu schreiben. In Episoden. Mir macht die Kürze Spaß. Auch der Versuch, meine Gedanken auf den Punkt zu bringen. Ich hoffe, meinen Lesern ein bißchen davon weiterzugeben. Oder sage ich richtiger Followern.

Späte Beichte

Ich habe eine arme kleine achtjährige weibliche Seele zum Fußball verführt. Ganz ehrlich, das hatte ich nicht vor und ich war erschüttert – wie das geschah und was da geschah..

Es muß so Ende Juni gewesen sein. Die Fußball-EM war im vollen Gange und es bestand noch ein wenig Hoffnung für Deutschland. Mich faszinierte der Gedanke an ein Spiel England gegen Deutschland im Londoner Wembley-Stadion. Bei mir brach in diesem Moment eine eigentlich nicht vorhandene Leidenschaft durch. Das Spiel wollte ich sehen. Ich mußte dieses Spiel sehen. Nur, das achtjährige Enkelkind an meiner Seite spielte hingebungsvoll in ihrer Playmobil-Welt. Fernsehen ist für sie prinzipiell tabu. Ich im Gewissenskonflikt. Wie gesagt, ich musste es sehen. Also beschloss ich der Wahrheit die Ehre zu geben und habe ihr erzählt was ich vorhabe und warum.

Das Kind blieb cool und beruhigte mich: „Wenn’s langweilig ist, kann ich ja weiter spielen.“ Ich hoffte auf langweilig und war beruhigt.

Als nächstes war Sofa-Kuscheln mit Plüschtier-Panda angesagt. Und das Spiel ging los und die Fragen auch – bis zum leider traurigen deutschen Ende.

„Welche sind Unsere? Wo ist unser Tor?“ Das war ja noch einfach.

„War das eine Ecke?“ Woher kannte sie das Wort nur?

„Wer ist das da?“ „Der Trainer“. „Der gefällt mir, wie heißt er?“ Und wie heißt der jetzt? Der Torwart gefällt mir auch!“

Unser Gespräch ging weiter: „Die spielen ja nur vor unserem Tor!“ “ Ja, leider!“

Das Kind geriet immer mehr in Begeisterung und fieberte mit.

Wir fieberten mit. Die Spielregelfragen überforderten mich allmählich. Von Langeweile war keine Rede mehr.

Am Ende war das Spiel gnadenlos verloren. Doch wir beide hatten ein ziemlich intensives Erlebnis.

Dabei kam heraus, dass mehrere ihrer engen Freunde Fußball spielen und sie auch schon im Tor stehen durfte. Einige Spielernamen waren ihr durchaus geläufig. Später zeigte sie mir Sticker mit den Fotos.

Doch die Geschichte erfuhr eine Fortsetzung, sozusagen ihre Krönung.

Am nächsten Tag koche ich für uns Mittagessen. Das Kind sitzt dabei am Tisch und malt – dachte ich. „Ich habe Jogi Löw einen Brief geschrieben!“ Aha, Oho – Schrift und Bild alles sehr sorgfältig gestaltet. So etwas wie eine Liebeserklärung. Aber ihre anderen Favoriten werden auch benannt. „Wo kann ich den hinschicken?“ „Ich kenne keine Adresse und weiß nur, dass er auch eine Wohnung in Berlin hat.“ Verzweifeltes Schweigen. „Man könnte ja Jogi Löw und Berlin drauf schreiben, die Post ist manchmal ganz schön findig“, sage ich. „Hast du einen Umschlag und eine Briefmarke?“ Hatte ich.

Allen Risiken zum Trotz, war die Hoffnung, nein ist die Hoffnung bis heute groß, vielleicht doch noch eine Antwort zu bekommen.

Und ich bin bis heute verblüfft, was aus dem Untergrund meines leidenschaftlichen verspielten Playmobil-Enkelkindes so ganz plötzlich auftauchte. Es brauchte offenbar nur einen winzigen Stups, um zu Tage befördert zu werden.

Sie geht auf die Neun zu. Übergänge. Rubikon. Da bleibt bald nichts mehr wie es ist. Auch Udo Jürgens hat sich inzwischen einen Spitzenplatz erobert. „Ich war noch niemals in New York“ wurde zur Melodie unserer Sommertage.

Und ich habe gebeichtet. Erst jetzt.

Ich musste es tun. Ich meine: Das alles aufschreiben.

Ein Brief wird geschrieben…Schönschrift natürlich, Liveact

Wer ein Schiff bauen will…

…muss Sehnsucht nach dem Meer haben. Worte, die immer wieder in meinem Kopf herumgeistern.* Gerade jetzt, wo Politiker mit der Wahl mal wieder das Thema Schule entdeckt haben.

Es geht in den Diskussionen stets um ein Einheitsabitur, um Zensuren, Prüfungen und – na ja auch um herunter gekommene Schulhäuser. Doch woher kommen Sehnsüchte, die zum Schiffe bauen verführen? Sollten Schulen nicht all die Sehnsüchte bei unserem Nachwuchs wecken? Damit er Lust bekommt, Dinge zu erfinden, die das Leben einfacher und schöner machen, Sehnsüchte nach mehr (Mit)Menschlichkeit und Miteinander… Sehnsüchte, die von einer großen Neugier inspiriert sind…und von Leidenschaft.

Ich glaube, daß es nicht sinnvoll ist, die Köpfe mit immer mehr Wissen voll zu stopfen. Wissen, das oft genug schnell wieder vergessen ist, wenn die Prüfungen vorbei sind. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass die heutige Art zu lernen, eher Hirne und Herzen blockiert. Mit wieviel wirklichkeitsnahen und auch -fernen Träumen und Sehnsüchten verlassen unsere Kinder die Schule? Und wer fragt sie überhaupt danach und ermutigt, in dieser Richtung zu suchen?

Wer baut die wirklich neuen Fahrzeuge, Raketen, Schiffe der Zukunft? Wer will im Beruf soziale Sehnsüchte verwirklichen und definiert das als sein Lebensziel? Nicht gegen das Bestehende, sondern für das Kommende, unsere Zukunft.

Wir – die Gesellschaft, die Wirtschaft – haben inzwischen mehr als ausreichend Ressourcen, um Sehnsüchten folgen zu können.

Wer in einem der ärmsten Länder Afrikas anfängt, eine Opernbühne aufzubauen, der tut genau das und reißt andere mit. Wer hilft, immer preiswertere Raketenantriebe zu entwickeln, will unsere Welt größer werden lassen und folgt seinem Kindheits-Traum vom friedlichen Leben im Weltall. Wer immer perfektere Computer entwickelt, die für jeden leicht händelbar sind und dabei auch noch besessen darauf besteht, dass sie schön und elegant sind, der lebt eine Sehnsucht, die er mit vielen teilen kann. Und der Alltag gibt diesen Menschen einfach Recht. Ich denke an Christoph Schlingensief, Elon Musk, Steve Jobs. Nur einer von ihnen lebt noch unter uns, Musk. Aber sie haben etwas gemeinsam: ihre herrliche Verrücktheit, ihre äußerst produktive Verrücktheit, die sie auf ihrem Weg gehalten hat und hält. Genau damit haben sie ihre „Schiffe“ gebaut und sie aufs „Meer“ gebracht.

Fasziniert hat mich jüngst in der RBB-Abendschau eine streikende Krankenschwester, die erklärte das es ihr um eine gerechte Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen gehe. Aber, sie liebe ihren Beruf und wolle auch nichts anderes tun. Sie strahlte aus, was sie sagte!

Ein gutes Allgemeinwissen ist wichtig, doch das reicht bei weitem nicht, um Visionen leben zu lernen.

Worüber also sollte nachgedacht werden, wenn es um Schulen und damit um die junge Generation geht? Um verschärfte Prüfungen oder um den Boden auf dem Sehnsüchte gedeihen? So, dass es spannend wird, unser Zukunftsschiff zu besteigen.

*(Tut mir leid, die Quelle der mich faszinierenden Worte kenne ich nicht.)

Ein Vierjähriger malt sein Zukunftsauto: „Sehr viel Platz auf dem Dach fürs Urlaubsgepäck und nicht nur Räder, sondern auch noch Ketten, um überall fahren zu können.“ Das farbenfrohe Gefährt lässt gute Laune aufkommen. So etwa könnte alles anfangen, wenn nicht Zensuren und Prüfungen vorher alle Keime von Begeisterung ersticken.

Randbemerkungen 15

Ich plädiere nicht für Querdenken. Ich plädiere fürs Selberdenken. Ein Selberdenken, das Querdenken nicht ausschließt. Querdenken aktuell gerät mir zu oft zum Aufgreifen des von Anderen Vorgedachten.

Aus Querdenken ist Ideologie geworden. Wehe, ich folge nicht den Querdenkern. Denn sie wissen ES. So etwa.

Ich glaube nicht, ES zu wissen. Doch ich habe meine Erfahrungen, mein Wissen und auch meine Intuition. Und ich versuche, das alles immer wieder neu zusammen zu bringen. Daraus entstehen nicht unbedingt ganz neue Gedanken. Aber, es sind meine Gedanken aus denen meine Entscheidungen resultieren. Zu denen ich erst mal stehen kann. Wie lange, das bedarf immer wieder einer erneuten Überprüfung.

Ich bin immer offen für einen Diskurs, der neue Gedanken ermöglicht. Der anregt. Doch ich möchte mich nicht auf mir fremde Gedanken festlegen lassen.

Althergebrachtes gegen den Strich zu bürsten, finde ich, ist eine tolle Methode für Erkenntnisgewinn. Schade, dass das schöne Wort vom Querdenken in den letzten zwei Jahren verkommen ist. Von Ideologien habe ich genug. Deutlicher gesagt, es reicht mir. Von guten Gesprächen, auch mal heftigen Debatten, da habe ich überhaupt nicht genug. Wunderbar, wenn neue Denkansätze entstehen.

Alles auflösen – die Teile neu zusammensetzen – der eigenen Phantasie Raum geben: Irgendwie so wäre meine Definition von Querdenken. Ein Paul Klee aus der Sammlung Berggruen